Problemzone

VfL-Abwehr so schlecht wie seit 25 Jahren nicht mehr

Die Zahlen sind erschreckend: Kein Spiel ohne Gegentor – nicht einmal beim Pokalspiel in Baunatal. Mehr als zwei Gegentore im Schnitt – nur Wiesbaden ist anfälliger. Die Abwehrarbeit des VfL Bochum bereitet Kummer und Sorgen. Sie ist ein gewichtiger Grund dafür, weshalb der Revierklub immer noch auf den ersten Saisonsieg in der Liga wartet. Denn 13 eigene Treffer sind im Ligavergleich gar nicht so schlecht. Tabellenführer Stuttgart hat nur einmal mehr getroffen.

Doch so häufig, wie es hinten derzeit klingelt, können die Stürmer vorne gar nicht erfolgreich sein. Schon 17 Mal musste Keeper Manuel Riemann in den ersten acht Ligaspielen hinter sich greifen – so schlecht war der Wert zuletzt vor 25 Jahren. Doch damals hießen die Gegner noch Bayern München oder Werder Bremen und nicht Wehen Wiesbaden oder Darmstadt 98. Denn selbst gegen eher unterdurchschnittliche Gegner tat sich der VfL zuletzt schwer in seiner Abwehrarbeit.

Noch viel Arbeit für Thomas Reis

Die Kritik zielt nicht nur, aber im Kern auf die Viererkette ab. Stellungsfehler, schlechtes Zweikampfverhalten, mangelnde Körperlichkeit oder individuelle Patzer kosten Woche für Woche Punkte. Entweder gerät der VfL deutlich in Rückstand und muss anschließend mit einem Kraftakt um ein Unentschieden kämpfen. Oder es läuft umgekehrt. Die Bochumer führen zwar, lassen sich dann aber in die eigene Hälfte drängen und betteln regelrecht um den Ausgleich. Die Kompaktheit, von der Trainer Thomas Reis seit seinem Amtsantritt immer wieder spricht, ist noch längst nicht hergestellt. Auch unter seiner Leitung gab es in drei Spielen fünf Gegentreffer.

Das lässt nach dem ersten Saisonviertel durchaus Zweifel an der grundsätzlichen Qualität aufkommen. Denn dass vor allem fehlende Erfahrung die Ursache ist, wie es Präsidiumschef Hans-Peter Villis zuletzt durchklingen ließ, ist eher nicht der Fall. Im Schnitt war die Abwehrreihe zuletzt über 26 Jahre alt. Richtig ist allerdings, dass in der Hintermannschaft tatsächlich ein Umbruch vollzogen wurde, bei dem entweder der Faktor Zeit oder Stärken und Schwächen falsch engeschätzt wurden. Mit Tim Hoogland und Jan Gyamerah sind zwei Stammspieler der Vorsaison weggebrochen. Patrick Fabian und Stefano Celozzi spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Einzig Danilo Soares ist – im wahrsten Sinne des Wortes – als Konstante geblieben.

Suche nach der perfekten Besetzung

Doch fehlt der Brasilianer, wie zuletzt in der zweiten Halbzeit gegen Darmstadt, klafft auf der linken Seite eine große Lücke. Einen positionsgetreuen Ersatz gibt es nicht. Mit Vitaly Janelt musste ein Mittelfeldspieler aushelfen. Die U19-Talente Moritz Römling und Stelios Kokovas spielen bei den Profis derzeit keine Rolle. Nach den Abgängen von Jannik Bandowski im Sommer und Timo Perthel im Winter wurde kein Back-Up verpflichtet.

Eine diskussionswürdige Kaderplanung gibt es auch auf der rechten Seite. Der zuletzt vereinslose Cristian Gamboa kam erst Ende August nach Bochum und ist mangels Alternativen schnell zum Stammspieler gereift, aber noch nicht in allen Lagen stabil. Der zweifache WM-Teilnehmer punktet mit seiner Geschwindigkeit und seiner Leidenschaft, bisweilen fehlt ihm aber noch Timing und die Abstimmung. Jordi Osei-Tutu benötigt hingegen Zeit für seine Entwicklung, die der VfL bei einem einjährigen Leihgeschäft logischerweise gar nicht hat.

Youngster kämpfen um ihren Platz

Bliebe noch die Innenverteidigung als Teil des Bochumer Abwehrproblems. Dort hat Simon Lorenz bislang keine Zweitligaminute verpasst. Der Rückkehrer von 1860 München hat sich dem Niveau der Spielklasse aber nicht vollständig angepasst. Bei Zweikämpfen und Kopfbällen überzeugt er, das Spiel mit dem Ball am Fuß ist dagegen sein größtes Problem. Für den 22-Jährigen reicht es auch deshalb, weil seine internen Kontrahenten noch nicht besser sind. Denn Armel Bella Kotchap besitzt zwar großes Potenzial, neigt mit seinen 17 Lebensjahren aber noch zu Flüchtigkeitsfehlern. Und bis Maxim Leitsch, der sein bislang letztes Pflichtspiel vor einem Jahr absolviert hat, wieder in Form ist, werden wohl noch einige Wochen vergehen.

Unangefochtener Stammspieler ist somit nur Saulo Decarli. Der neue Abwehrchef erfüllt die Erwartungen noch nicht in Gänze, ist mit seiner Cleverness und Routine aber eindeutig der stärkste Neuzugang in der Bochumer Viererkette. Die nächste Chance, ein Spiel ohne Gegentreffer zu beenden, gibt es bereits am kommenden Sonntag. Dann gastiert der VfL beim 1. FC Heidenheim.

(Foto: Pressefoto Eibner)