Kommentar

Mensch, die Bochumer sind doch bekloppt! Oder?

Wenn es allein um die sportlichen Erfolge geht, dann gehört das Konterfei von Thomas Reis irgendwann auf eine Legendensäule am Stadioncenter. Denn viel mehr als er kann man mit dem VfL Bochum kaum erreichen. Thomas Reis ist mit dem Klub in die Bundesliga zurückgekehrt, hat mit bescheidenen Mitteln furios und souverän den Klassenerhalt geschafft, Momente für die Ewigkeit beschert.

Mit seiner Art, die Mannschaft zu führen und zu motivieren, ist er lange Zeit auch bei den Spielern gut angekommen. Reis hat es ebenso geschafft, die Fans mitzunehmen. Sie mochten, nein: Sie liebten ihn. Es ist kaum möglich, die Stimmungslage exakt zu ermitteln, doch dass die überwiegende Mehrheit eine weitere Zusammenarbeit mit Thomas Reis begrüßt hätte, ist keine gewagte These.

Nicht verwerflich, aber auch nicht ehrlich

Logisch also, dass der allgemeine Tenor am Montag lautete: Mensch, die Bochumer sind doch bekloppt! Aber so einfach ist die Fußballwelt nicht. Die vermeintliche Traumehe zwischen Reis und dem VfL ist nicht allein deswegen geplatzt, weil der VfL die ersten sechs Spiele und die Nerven verloren hat. Ja, der Negativlauf war letzten Endes der ausschlaggebende Punkt. Aber es gab auch andere Gründe.

Und die hätten die Verantwortlichen durchaus erwähnen können. Bereits im Mai hat Reis öffentlich kundgetan, er werde sich Angebote anderer Klubs anhören. Dann hat er mit Schalke verhandelt und Wochen später suggeriert, der VfL wolle nicht mit ihm verlängern, obwohl es Angebote zur Verlängerung gab, die er abgelehnt hat. Alles nicht verwerflich. Aber auch nicht clever und ehrlich.

In der Öffentlichkeit und gegenüber den Fans hat sich Reis stets in der Rolle des treuen Bochumers gefallen, der gerne länger bleiben würde, eine echte Ära prägen könnte, dem man dabei aber Steine in den Weg legt. Nur welche? Am Geld lag es ja angeblich nicht, dass die Vertragsverhandlungen gescheitert sind, sagte Reis neulich. Doch woran dann? Was soll man ihm überhaupt glauben?

Reis ohne klares Bekenntnis zum VfL

Eben: Das Vertrauensverhältnis war nachhaltig zerrüttet; wer einmal lügt, dem glaubt man nicht mehr. Reis hat sich zuletzt ständig widersprochen. Noch ein Beispiel: Nach dem Derby auf Schalke hat er sich „weitere Jahre“ beim VfL gewünscht und die Verantwortlichen daran erinnert, dass sie mit ihm auch durch schwierige Zeiten gehen wollten. Aber: Wollte Thomas Reis das umgekehrt auch?

Nein, eher nicht. Sonst hätte er sich im Sommer nicht ins Schaufenster gestellt, mit dem Reviernachbarn geflirtet und die Vertragsangebote „seines“ VfL abgelehnt, weil eine Ausstiegsklausel fehlte. Hans-Peter Villis und Co. kann man einiges vorwerfen – unter anderem, dass sie Patrick Fabian am Montag komplett allein gelassen haben – aber nicht, dass sie in der Causa Reis keine klare Linie gefahren sind.

Zumal die Entscheidung, ihn jetzt zu beurlauben, extrem unpopulär ist und sie das Potenzial hat, für noch mehr Unruhe zu sorgen. Im Grunde eine völlig untypische Entscheidung für Villis, der in diesem Jahr auf seine Wiederwahl hofft. Und auch für Fabian schwierig, der sofort in der Schusslinie steht. Letzten Endes aber eine weitsichtige Entscheidung, weil die „Ehe“ mit Reis ohnehin zerrüttet war.

Kleine Abschlussbemerkung des Autors: All das ändert natürlich nichts an den sportlichen Verdiensten des Trainers. Die vergangenen zwei Jahren waren außerordentlich erfolgreich, und Reis neben Schindzielorz der Architekt des Erfolgs. Die Säule am Stadion hat er sich trotzdem verdient. Ebenso wie sich die Mannschaft nun eine uneingeschränkte Unterstützung ohne Nebengeräusche verdient hat.

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(Foto: Imago / RHR-Foto)