Hinter den Kulissen

Irgendwie surreal: So war es beim ersten Geisterspiel

Wie es wohl sein muss, 30 Jahre lang kein einziges Pflichtspiel zu verpassen – und plötzlich bleiben die Tore einfach zu. Kein Einlass, keine Chance. Bis nach Burghausen, Schweinfurt oder Meppen zu fahren, aber nicht ins eigene Stadion zu dürfen, ins Bochumer Ruhrstadion. Es muss schmerzen, in der Seele verdammt weh tun. Für die Fans, die ihrem Verein immer hinterherreisen, ist der Re-Start in der Bundesliga die Höchststrafe. Zwei von denen, die seit Jahrzehnten immer dabei sind, entdecke ich an diesem Samstag um kurz vor Zwölf an der Tankstelle am Stadion.

Wir kennen uns gut, grüßen uns auf Abstand, wechseln ein paar Worte. Zur Erinnerung mache ich ein Foto von den beiden. Im Hintergrund das Stadion, komplett umzäunt, menschenleer, ein paar Arbeiter reparieren die Oberleitung der Straßenbahn. Wo sonst tausende Fans ein- und aussteigen, mit Trikot, Schal und einem Bier, ist heute nichts los. Als wir uns verabschieden, habe ich ein schlechtes Gewissen. Sie wissen, dass ich gleich ins Stadion darf – und sie müssen draußen bleiben. Es ist ein Privileg, live dabei zu sein, das weiß ich, fühle mich als Zeitzeuge.

Millionen von Menschen im ganzen Land vermissen das, was ich heute erlebe. Ich überlege, wie ich mich verhalten soll. Sind Fotos auf Facebook oder WhatsApp angemessen? Ich glaube schon. Viele sind neugierig, auch für sie ist diese Reportage gedacht. Im Laufe des Tages erhalte ich so viele Nachrichten wie zuletzt an meinem Geburtstag. Wie ist die Atmosphäre, wollen die meisten wissen. Vermutlich eine rhetorische Frage. Vielleicht ist sie aber auch ernst gemeint. Woher sollen sie das auch wissen. Sie sitzen auf der Couch und fiebern mit, vermissen ihren Verein und ihre Freunde.

Irgendwie surreal

Immerhin: 10 Journalisten dürfen pro Spiel dabei sein, ligaweit, dazu drei Fotografen. Ich bekomme eine Karte, weil ich auch für den SID, eine bekannte Nachrichtenagentur, und für die Ruhr Nachrichten arbeite. Im Vorfeld gab es Verhaltensregeln und einen Fragebogen. Keine Anzeichen einer Erkrankung, bestätige ich mit meiner Unterschrift, auch kein Fieber, sagt der Ordner am Einlass, der mir ein Messgerät ans Ohr hält. Ich bekomme meine Arbeitskarte und bin drin, stehe auf dem fast menschenleeren Gelände hinter der Osttribüne und halte kurz inne.

Auch ich habe seit fast zehn Jahren kein Heimspiel verpasst, bin seit 2012 als Reporter akkreditiert. Dieser Tag wird in Erinnerung bleiben, irgendwie. Ich laufe weiter und grüße jeden, der mir begegnet. Viele sind es nicht. Maximal 200 Personen dürfen sich hier aufhalten. Ich bin früh da, einer der ersten. Ich kenne das Stadion auch menschenleer, etwa von Testspielen. Auch die fanden manchmal ohne Zuschauer statt. Daran fühle ich mich erinnert. Nur: Heute geht es um Punkte. Dieses Spiel zählt wie alle anderen, wie in der Zeit vor Corona. Noch immer geht es um den Klassenerhalt.

Eigentlich wäre an diesem Wochenende schon der letzte Spieltag, vielleicht das große Zittern auswärts in Hannover, doch jetzt geht die Saison erst wieder los – und niemand weiß, wie lange es funktionieren wird. Bevor es auf die Tribüne geht, desinfiziere ich meine Hände, zupfe noch einmal kurz an meinem Mundschutz. Ich stehe unter Beobachtung, Kameras sind überall. Ich bin kein Freund der Geisterspiele, sehe vieles kritisch in diesen Wochen. Doch neugierig bin ich natürlich schon. Ziemlich surreal das Ganze, sage ich zu einem Kollegen – natürlich mit reichlich Abstand.

Laufwege für Journalisten

Ilja Kaenzig, der Geschäftsführer des Klubs, stimmt mir zu. Mit einer Maske im VfL-Design läuft er gerade an mir vorbei. Er und sein Team haben alles dafür getan, dieses Spiel über die Bühne zu bringen. Und das gelingt ihnen. Not macht erfinderisch. Alles ist bestens organisiert, an jedes Detail gedacht. Überall gibt es Markierungen und Absperrungen, ein fester Platz ist mir zugewiesen, es gibt Namensschilder wie früher in der Schule. Unsere Laufwege sind mindestens so ausgefeilt wie die von Thomas Reis für seine Mannschaft. Bizarr, aber es funktioniert.

Im Stadion ist es weiter gespenstisch still. Wir führen nur die nötigsten Gespräche, die Stimmung war schon besser, auch auf der Pressetribüne. Hinter mir sitzt Günther Pohl. Er darf das Spiel live fürs Lokalradio kommentieren. Die Übertragung stand lange Zeit auf der Kippe, auch er hat seit 30 Jahren kein Spiel verpasst, doch so einen Tag hat er auch noch nicht erlebt. Der VfL verzichtet auf einen Stadionsprecher, Musik gibt es nicht. Vor dem Anpfiff läuft wenigstens die Hymne von Grönemeyer, aber nur kurz. Ein Hauch von Normalität, schnell wieder verflogen.

Währenddessen nehmen die Ersatzspieler auf der Tribüne Platz, auf der Bank wäre es zu eng. Auch sie tragen einen Mundschutz. Bilder, die sich einbrennen auf der inneren Festplatte. Das Konzept der DFL ist an einigen Stellen widersprüchlich und nicht zu Ende gedacht, doch das Grundprinzip verstehe ich so langsam: Wo es nur geht, Kontakte vermeiden. Die Kapitäne lachen derweil bei der Seitenwahl. Anthony Losilla blickt auf die leeren Ränge, überlegt kurz, in welche Richtung er zuerst stürmen möchte – am Ende zuckt er mit den Schultern. Ich bin froh, dass es losgeht.

Trainer, ich höre Sie

Der Fußball ist zurück, nach der Pause ist es das allererste Pflichtspiel. Nie war dieser Begriff passender als jetzt. Der VfL ist schnell auf Betriebstemperatur, schon früh fällt das 1:0. Die Spieler klatschen sich nur kurz ab, sie verhalten sich vorbildlich. Ein paar Vereinsmitarbeiter jubeln auf der Tribüne mit, das Präsidium ist auch da. Die übrigen Angestellten sitzen wenige Meter weiter in ihren Büros, dürfen das Stadion nicht betreten. Sie verpassen ein historisches Ereignis – und ein ansehnliches Fußballspiel. Denn Bochum zeigt die vielleicht beste Saisonleistung.

Zwischendurch lausche ich den Anweisungen der Trainer und Spieler. Thomas Reis ist eher still, er ist zufrieden. Endlich können ihn die Spieler verstehen, in einem vollen Stadion hätte er keine Chance. Die Profis kommunizieren auch, aber weniger als erwartet, nur Manuel Riemann ist ein echter Lautsprecher. Viel zu meckern hat er nicht. Die Partie ist flott, der VfL unerwartet souverän. Doch ein Vergleich fällt irgendwie schwer. Wie wäre das Spiel unter normalen Bedingungen verlaufen? Wir wissen es nicht, und vielleicht ist das auch gut so.

Kurz vor dem Abpfiff ruft die Agentur an, der Kollege braucht noch ein paar Infos. Die Zuschauerzahl wurde noch nicht angezeigt, scherze ich. Er lacht am anderen Ende der Leitung mit. Den Humor nicht zu verlieren, das ist wichtig in diesen Tagen. Das Spiel ist fast vorbei, das Ergebnis deutlich, der VfL gewinnt mit 3:0. Und tatsächlich: Es hat sich angefühlt wie ein echtes Fußballspiel, aber eher wie eines in der Verbandsliga, in einem viel zu großem Stadion, ganz frei von Emotionen. Es war sogar ziemlich entspannt, womöglich auch dem Spielverlauf geschuldet.

Fußball kostet Nerven

Nach dem Abpfiff verschwinde ich schnell. Normalerweise stünden jetzt noch Interviews an, später auch die Pressekonferenz. Der Medienraum wurde gar nicht erst geöffnet. Wir schicken Sprachnachrichten in eine WhatsApp-Gruppe, die Trainer hören rein und antworten. Das klappt wunderbar. Ein Hoch auf die moderne Technik, und die Mitarbeiter, die all das organisieren. Die Premiere war gut, abseits des Rasens wäre der VfL ein klarer Aufstiegskandidat. Als ich das Gelände verlasse, schnappe ich nach frischer Luft, der Mundschutz verschwindet.

Klar ist: Die Regeln im Stadion waren strenger als in der Öffentlichkeit. In der Stadt sehe ich später kleinere Gruppen, eng beieinander, ohne Masken. Doch zuvor entdecke ich noch einen der beiden Fans, die ich vor dem Spiel getroffen habe. Er sitzt auf seinem Fahrrad und macht ein paar Fotos. Sein Handy habe er während des Spiels ausgeschaltet und ein Buch gelesen, hoch oben auf dem Bochumer Tippelsberg, wenigstens mit einem Blick auf die Flutlichtmasten des Stadions. Kein Radio, kein Liveticker.

Das Ergebnis kennt er noch nicht, ich frage ihn, ob er es wissen möchte. Er nickt, ich berichte ihm. Freude zeigt er kaum, sein Schmerz sitzt immer noch tief. Ich lasse ihn allein, fahre nach Hause und arbeite weiter. Später am Abend, als ich meine Karte als Andenken in einer Kiste verstaue, bin ich mir wieder sicher: Es ist gut, dem Fußball als Fan entflohen zu sein, eine gesunde Distanz gefunden zu haben – und vorrangig Reporter zu sein. Deshalb auch zum Geisterspiel ins Stadion zu dürfen, ist schön, richtig fühlt es sich nicht an.

(Foto 1: Firo Pool / Eibner Pressefoto, Foto 2: Rentsch)