Keine Verbesserung

Gegentorflut schon historisch: VfL-Defensive weiter zu instabil

Die Gefühlswelten könnten kaum unterschiedlicher sein. Am 22. Spieltag der vergangenen Saison befand sich Fußball-Bochum im siebten Himmel. Der VfL hatte gerade den großen FC Bayern mit 4:2 aus dem eigenen Stadion geschossen. Die Fans waren sich einig: Wer den Rekordmeister besiegt, der steigt auch nicht ab – und sie behielten Recht. Nun, knapp ein Jahr später, schaut die Welt nach 22 Spielen ganz anders aus. Pessimismus prägt die Kommentarspalten im Netz, die 0:3-Pleite und der blutleere Auftritt in Bremen haben Eindruck hinterlassen, obwohl den VfL nur das schlechtere Torverhältnis von einem Nicht-Abstiegsplatz trennt.

Womit wir auch schon beim großen Problem wären: Der VfL kassiert weiter zu viele Gegentreffer. 54 sind es seit Saisonbeginn, 35 seit dem Amtsantritt von Thomas Letsch, 18 allein in diesem Kalenderjahr. Wie man das Blatt auch wendet: Die Bilanz ist verheerend – und historisch schlecht. In 34 Bundesliga-Jahren hatte der VfL nach 22 Partien noch nie so viele Gegentreffer auf dem Konto. In genau der Hälfte aller Spielzeiten waren es am Saisonende sogar weniger als zum jetzigen Zeitpunkt. „Über das Torverhältnis werden wir den Klassenerhalt eher nicht schaffen“, hatte Thomas Letsch schon vor Wochen gesagt und wird damit ganz sicher Recht behalten.

Ordets und Soares sind die Eckpfeiler

Ohne eine verbesserte Defensivarbeit wird es aber auch schwer, die benötigten Punkte einzufahren. Die Hoffnungen ruhen derzeit vor allem auf zwei Akteuren, die gegen Bremen krankheitsbedingt aussetzen mussten, im Derby gegen Schalke aber sehr wahrscheinlich wieder dabei sind: Ivan Ordets im Abwehrzentrum und Danilo Soares auf der linken Seite. Soares ist am Dienstag ins Training zurückgekehrt, Ordets soll im Laufe der Woche folgen. Doch während sie nun ein Teil der Lösung sein sollen, waren sie in der Vergangenheit ein Teil des Problems. Beide haben bislang nur wenige Begegnungen verpasst. Auch sie haben folglich zum mit Abstand schlechtesten Torverhältnis der Liga beigetragen.

Dennoch zählen gerade Ordets und Soares zu den wenigen Säulen in der Hintermannschaft. „Ivan ist mehr und mehr unser Boss da hinten“, erklärte Letsch jüngst mit Blick auf die Bedeutung des großgewachsenen Verteidigers für das Bochumer Spiel. Und Soares? „Auch er zählt zu unseren Eckpfeilern. Ihn zeichnet seine Konstanz aus.“ Die Ergebnisse stützen die Einschätzung des Trainers. Immer dann, wenn einer der beiden fehlte oder nicht zur Startelf gehörte, hat der VfL verloren. Umgekehrt standen Ordets und Soares bei allen sechs Saisonsiegen von Beginn an auf dem Platz.

Neben den beiden fehlt es jedoch auch an der personellen Konstanz. In der Innenverteidigung durften sich im Saisonverlauf mit Erhan Masovic, Vasilios Lampropoulos, Dominique Heintz, Keven Schlotterbeck und Tim Oermann bereits fünf Akteure versuchen – zu oft ohne Erfolg. Vor allem Lampropoulos und Heintz fehlt mittlerweile das Tempo und die Klasse für die Bundesliga. Aber auch Winterneuzugang Keven Schlotterbeck hat nach seinem gelungenen Einstand kein wirklich gutes Spiel mehr gemacht und war schon an mehreren Gegentreffern entscheidend beteiligt. Erhan Masovic läuft seiner guten Form aus der vergangenen Saison ebenfalls noch hinterher.

Bochum hat hinten ein Qualitätsproblem

Ließen sich die Abwehrprobleme zu Saisonbeginn zum Teil noch auf die schwierige Vorbereitung mit späten Transfers schieben, ist es längst ein Qualitätsproblem, das auch im Winter nicht behoben werden konnte. Die Liste mit den Ursachen für die zahlreichen Gegentreffer ist dementsprechend lang: Häufig waren es schwere individuelle Fehler, manchmal eine Mischung aus Naivität und fehlender Konsequenz, gelegentlich auch taktische Mängel oder sogar Torwartfehler. Hinzu kommt die ebenfalls rekordverdächtige Zahl an verschuldeten Elfmetern. Versuche, diese Probleme womöglich mit einer Systemumstellung in den Griff zu bekommen, scheiterten bereits mehrfach.

Die Gegentorflut allein auf die Abwehr oder gar auf die Innenverteidigung zu schieben, würde jedoch zu kurz greifen. Etliche Einschläge nahmen ihren Ursprung im Mittelfeld oder auf den Außenbahnen. Die Hoffnung, dass sich der VfL im letzten Saisondrittel plötzlich stabilisiert, ist realistischerweise nicht allzu groß, aber durchaus vorhanden. Ausgerechnet der kommende Gegner hat es vorgemacht. Nachdem Schalke in der Hinrunde sogar noch mehr Gegentreffer als Bochum kassiert hat, hat der Revier- und Tabellennachbar in der Rückrunde in vier von fünf Partien zu Null gespielt. Der VfL hat das in der gesamten Saison bislang erst zweimal geschafft.

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(Foto: Imago / Team 2)