Göttlichen Beistand hätte der VfL Bochum in der ersten Saisonhälfte oft gut gebrauchen können. Doch ist es gerechtfertigt, für ein Fußballergebnis den lieben Gott um Unterstützung zu bitten? Besuche in einem Fußballstadion und in der Kirche könnten auf den ersten Blick gegensätzlicher nicht sein. Wer Stille und Inspiration sucht, findet sie vielleicht in einem der Gotteshäuser, nicht aber auf den Tribünen zwischen zigtausenden Menschen. Dort wird gegrölt, gefeiert oder geflucht. Jedoch: Fußballvereine wie Kirchengemeinden bieten gleichermaßen einen Raum für Gemeinschaft und Hingabe. Stadien verwandeln sich bisweilen in Tempel, in denen Rituale zelebriert werden. Der Fußball ist für viele Fans eine Ersatzreligion – und deshalb wird im Stadion mitunter sogar gebetet.
Das sieht Henri Krohn ganz ähnlich. „Was Menschen in der Kirche und einer Gemeinde finden, ist Akzeptanz und Wertschätzung. Das finden sie beim VfL auch“, sagt der Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in Bochum und zieht weitere Vergleiche: „Im Fußball gehören viele biblische Begriffe zum üblichen Sprachgebrauch: Glaube, Liebe, Treue, Heimat. Auch die Abläufe im Stadion haben Ähnlichkeit zu einem Gottesdienst: Es gibt einen Vorbeter, und die Gemeinde antwortet. Der große Unterschied ist nur: Was sich im Stadion abspielt, ist Religion, was sich in der Kirche und im Gottesdienst abspielt, ist Glaube.“ Krohn trägt das mit einer Überzeugung vor, die annehmen lässt, als würde er seinen Talar jedes Wochenende gegen ein Trikot eintauschen – von wegen. „Ich hatte mit Fußball bis zum vergangenen Sommer wenig am Hut. Das hat sich durch unser Projekt aber geändert und ich sehe, wie karitativ der Verein und seine Fans tätig sind. Das ist beeindruckend.“
Krohn ist einer der Initiatoren hinter dem Bochumer Fan-Dom, der seit August 2024 in der Lutherkirche am Stadtpark und damit in unmittelbarer Stadionnähe beheimatet ist. Das Projekt soll Fußballfans an den Spieltagen und im Idealfall auch darüber hinaus in die Kirche locken. Vor jedem Heimspiel öffnet der Fan-Dom für zwei kurze ökumenische Andachten, die von Pfarrer Krohn und seinem katholischen Kollegen Michael Diek gestaltet werden. „Willkommen ist selbstverständlich jeder, Fans aus Bochum genauso wie Auswärtige“, wirbt Krohn für einen Besuch in der Kirche. Passend zum jeweiligen Gegner sucht er vor den Heimspielen nach passenden biblischen Referenzstellen. „Gegen Leverkusen haben wir uns zum Beispiel auf David und Goliath bezogen.“ Musikalische Gruppen oder Fanclubs unterstützen die beiden Pfarrer dabei.
Abgerundet wird das Programm des Fan-Doms durch Sonderveranstaltungen wie einem Gedenkgottesdienst für verstorbene Fans. „Der Fan-Dom entstand in einem Kreativ-Workshop. Unterschiedliche Menschen aus der Leitungsebene der Gemeinde schwitzten einen Tag gemeinsam und brüteten dieses innovative Angebot aus. Die Idee des Fan-Doms konnte sofort alle begeistern“, erklärt Maike Siebold von der Kommunikationsagentur Beckdesign, die den Workshop geleitet hat und selbst von der Idee angetan ist: „Nur wenige Schritte von der Lutherkirche an der Klinikstraße entfernt liegt das Stadion. Tausende Fans strömen an jedem Spieltag an dem altehrwürdigen Gebäude vorbei. Nun öffnet es seine Türen für alle, die Schatten oder Wärme suchen.“
Krohn und einige Ehrenamtliche kümmerten sich in den Sommermonaten um die konkrete Umsetzung. Vor der Kirche blühen Pflanzen in den Vereinsfarben. Den Kirchturm ziert ein großes Banner, auf dem der Fan-Dom beworben wird. Im Inneren der Kirche sind blau-weiße Fußbälle, ein VfL-Trikot und sogar eine Flagge des Bundesligisten zu entdecken. „Wir verfolgen mit dem Fan-Dom zwei Ziele“, erklärt Krohn. „Zum einen wollen wir einen unserer Kirchtürmer wieder mehr in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stellen. Zum anderen wollen wir die Leidenschaft für Glaube und Hoffnung, also für den lieben Gott, mit der Leidenschaft für den Fußball verbinden.“ Krohn berichtet ohne Umschweife und Nachfrage von der sinkenden Akzeptanz und Relevanz der Kirche innerhalb der Stadtgesellschaft. „Wir werden nicht mehr, sondern immer weniger. Deshalb ist der Fan-Dom auch eine Art Zukunftsprojekt, um Menschen zurück in die Kirche zu bringen.“
Krohn weiß, wovon er spricht. „Ich hatte als Konfirmand eine völlig misslungene Begegnung mit einem Kirchenvertreter und bin erst später wieder in die Kirche zurückgekehrt“, berichtet der engagierte Pfarrer, der sich demnächst in den Ruhestand verabschieden wird, den Fan-Dom bis dahin aber noch bekannter machen möchte. Dabei kann er zum Glück auch auf die Hilfe des VfL setzen. Der Verein, insbesondere der langjährige Fanbeauftragte Dirk ‚Moppel‘ Michalowski, unterstützt das Projekt tatkräftig. „Wir haben dort offene Türen eingerannt“, berichtet Krohn, der mit dem bisherigen Zuspruch der Fans an Spieltagen zufrieden ist, aber zugleich noch Potenzial nach oben sieht: „Der Traum wären natürlich Kölner Verhältnisse.“ Dort marschieren am ersten Spieltag jeder Saison tausende Fans in und an den Dom. In Bochum ist das Projekt zunächst bis zum Saisonende befristet. „Anschließend schauen wir, wie es sich entwickelt hat“, sagt Krohn. Und bis dahin? „Wir beten weiter für den VfL.“ Göttlichen Beistand kann der Klub im weiteren Saisonverlauf sicher gut gebrauchen.
Vor dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt an diesem Sonntag (16.3.) wird es um 13 und 14 Uhr jeweils eine kurze Andacht unter dem Motto „Äbbelwoi im Bembel trifft Fiege mit Bügel“ geben.
__________________
Der Text ist zuerst im VfL-Heft des Bochumer 3Satz-Verlags erschienen und wurde durch aktuelle Informationen ergänzt. Auf 100 Seiten bietet das Magazin viele Interviews, ausführliche Portraits und interessante Hintergrundgeschichten. Gedruckte Exemplare der aktuellen Ausgabe sind kostenlos an vielen Stellen im Bochumer Stadtgebiet oder direkt beim 3Satz-Verlag (Alte Hattinger Str. 29) zu bekommen. Nachfolgend gibt es auch eine Download-Option.
Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.
(Foto: Evangelischer Kirchenkreis Bochum)