Einsicht sieht anders aus. Mit einem zynischen Banner reagierten die Ultras von Eintracht Frankfurt am vergangenen Wochenende auf die Vorkommnisse beim Auswärtsspiel in Bochum. Dort hatten ihre Zaunfahnen mehrere Fluchttore versperrt. Das Spiel begann mit 50 Minuten Verzögerung, weil sich die Gäste lange weigerten, ihre Fahnen umzuhängen und im Sinne aller Zuschauer nachzugeben. Wirklich verstanden, dass gesetzlich vorgeschriebene Fluchtwege freizuhalten sind und die Haftung für den Katastrophenfall beim Veranstalter liegt, haben die Frankfurter offensichtlich immer noch nicht. „Wir gedenken der Verletzten und Toten von Bochum“ stand auf einem Banner vor der Fankurve im Waldstadion beim Heimspiel gegen Stuttgart. Auch die Ultras des VfL protestierten am Wochenende, allerdings gegen Materialbestimmungen beim Auswärtsspiel in Leverkusen. Diese hat Bayer 04 erlassen, weil die Bochumer Ultras beim letzten Gastspiel Pyrotechnik eingesetzt haben. Die Mitgereisten widersetzten sich der Auflage und warfen während der ersten Halbzeit aufblasbare Bälle aus dem Gästeblock.
Nächster Gast: Ausgerechnet Stuttgart
Beide Fälle zeigen: Ultras generell leisten spürbaren Widerstand, wenn ihnen Regeln nicht gefallen oder sie Willkür vermuten. Allein wegen der Zaunfahnen-Problematik im Gästeblock des Ruhrstadion gab in den vergangenen anderthalb Jahren drei erhebliche Spielverzögerungen zu Lasten der Spieler und der übrigen Zuschauer. Ihr Verständnis für die Thematik nimmt spürbar ab. Das belegen zahlreiche Zuschriften und Kommentare, die Tief im Westen – Das VfL-Magazin erreicht haben. Im Fokus der Kritik stehen Gästefans wie die aus Frankfurt, aber auch die Bochumer Ultras, die sich mit den Anhängern der Eintracht verbündeten und ihren organisierten Support einstellten. Immerhin: Die bekannteste Bochumer Ultra-Gruppe UB99 hat sich inzwischen zu den Vorkommnissen vor gut zwei Wochen geäußert. Tenor: „Wir haben Verständnis dafür, dass das Fordern von bedingungslosem Support für die meisten Fans in der Ostkurve im Widerspruch zu dem steht, was am Sonntag passiert ist.“
Sogar Trainer Dieter Hecking brachte zuletzt sein Missfallen zum Ausdruck: „Das Verhalten der Ultra-Szene gegen Frankfurt hat mir nicht gefallen.“ Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Szene seien ihm zwar bekannt, „aber wir als Verein brauchen auch Zusammenhalt auf allen Ebenen.“ Den Ultras sind ihre Prinzipien aber mindestens genauso wichtig, gleiches gilt für nachvollziehbare Regeln. Sie sprechen von „undurchsichtigen Repressionen der Sicherheitsbehörden“ und bemängeln, dass diese einen Dialog verweigern würden. Die Verantwortlichen des VfL werden indes für ihre transparente Kommunikation gelobt. Vor einiger Zeit gab es sogar eigens eine gemeinsame Stadionbegehung, um Unklarheiten auszuräumen. „Uns ist klar, dass Fluchttore elementar für die Sicherheit im Stadion sind, auch wenn sich eine Zaunfahne sicherlich in kurzer Zeit entfernen lässt“, schreiben die UItras. Das sehen die Verantwortlichen in Bochum jedoch anders, weil im Notfall jede Sekunde zählt.
Erst im Zuge des Stadionumbaus ab 2026 könnte sich die Situation insofern ändern, als dass es Pläne gibt, die Fluchtwege zu verändern, wodurch Zaunfahnen ungehindert Platz hätten. Doch bis dahin wird noch Zeit vergehen. Viele VfL-Fans beschäftigen sich deshalb mit der Frage, ob sich die Bochumer Ultras bei einem erneuten Streit um Zaunfahnen wieder mit dem Gästeanhang solidarisieren würden. Die Frage ist naheliegend, denn: Am kommenden Samstag gastiert der VfB Stuttgart in Bochum. Dessen Anhänger haben bereits im Januar 2024 für Ärger gesorgt, als sie mit einem falsch platzierten Transparent den Beginn der zweiten Halbzeit erheblich verzögerten. Die Bochumer Ultras kündigten bereits an, Kontakt zu den Stuttgartern aufzunehmen, um sie für die Lage in Bochum zu sensibilisieren. Ein altes und traditionsreiches Stadion würde eben auch Kompromissbereitschaft verlangen – zumal die Gesamtfläche für Zaunfahnen im Ruhrstadion ligaweit eine der größten ist.
VfL sagt: Regeln sind nicht verhandelbar
Auch der VfL hat den VfB noch einmal eindringlich auf die Gegebenheiten hingewiesen. „Durch die erneuten bundesweiten Schlagzeilen wird nun endgültig niemand mehr auf der Gästeseite behaupten können, man wisse nicht um die besondere Entfluchtungssituation im Vonovia Ruhrstadion“, teilte der VfL auf Anfrage mit. „Die Gästefans werden weit im Vorfeld bereits darauf hingewiesen, wo und wie sie Fahnen und Banner anbringen können. Das mutwillige Blockieren von Flucht- und Rettungswegen ist nicht verhandelbar. Die Konsequenzen sind dem Gastverein im Vorfeld übermittelt worden und von ihm zu tragen.“ Der VfL verzichtet auf ein generelles Zaunfahnen-Verbot und bleibt nach einer internen Lage-Analyse bei seiner bisherigen Herangehensweise: „Es wird wie schon mehrfach beschrieben aus Deeskalationsgründen von Seiten des Veranstalters keine Hand an Fahnen oder Banner gelegt. Sobald Fans gegen die Regeln verstoßen, werden sie unter anderem vom Ordnungsdienst oder durch unsere Fanbetreuer darauf hingewiesen.“ Damit setzt der VfL weiterhin auf Vernunft – und endlich auf Einsicht.
Anmerkung: Die Protestaktion der Bochumer Ultras in Leverkusen galt ausschließlich den dort geltenden Auflagen. Diese Textpassage wurde nach der Veröffentlichung präzisiert.
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(Foto: Imago / RHR-Foto)