Zum Saisonstart

Interview: Kaenzig über Geld, Transfers und Stadionumbau

Zehn Jahre liegt der bislang letzte Auftaktsieg des VfL Bochum zurück. 2016 bejubelte der Zweitligist einen 2:1-Erfolg gegen Union Berlin. Zum Eröffnungsspiel in diesem Jahr empfängt der Revierklub wieder einen Verein aus der Hauptstadt. Hertha BSC ist zu Gast an der Castroper Straße. Was es braucht, um den Start erfolgreich zu gestalten, wie der VfL wirtschaftlich aufgestellt ist und welche Nachteile der Stadionumbau mit sich bringt, darüber spricht Geschäftsführer Ilja Kaenzig im Interview.

In den vergangenen Jahren hat der VfL stets einen Fehlstart hingelegt. Was muss in diesem Sommer anders laufen, damit sich Fußball-Bochum über einen gelungenen Auftakt freuen kann?

Erstens braucht es Resilienz gegenüber den im Bochum herrschenden Druckverhältnissen. Zweitens eine starke Mentalität in der Mannschaft. Und drittens einen Flow, der aus Teamgeist entsteht. Eine einfache und doch so schwere Formel!

Wie chancenreich und gefährlich die Liga ist, war in der vergangenen Saison nicht zu übersehen. Was kann der VfL von Paderborn und Elversberg im positiven und von Düsseldorf im negativen Sinne lernen?

 Dass der maximale Erfolg niemals allein durch Reden, Zielsetzungen oder Erhöhung des Drucks kommt. Es muss alles passen – dafür muss man präzise sein und sich auch noch das Glück erarbeiten. Beispielsweise beim Spielplan. Die Bayern sind die einzigen, die trotz permanentem Lärm, einer unverhandelbaren Erwartungshaltung und brutalstem öffentlichen Druck immer perfekt performen. Insofern sollten wir von ihnen zu lernen versuchen – von den Besten.

Die neue Saison wird für den VfL auch abseits des Rasens mächtig fordern. Das Ruhrstadion wird saniert. Ein Nachteil?

 Es werden drei harte Jahre, das steht jetzt schon fest und es soll niemand überrascht sein darüber. Aber: Das Motto des VfL heißt „Trotzdem“. Wenn die VfL-Familie nicht nur wie gewohnt zusammensteht, sondern noch einen Tick intensiver zusammenrückt, wird uns die Herausforderung der Modernisierung resilienter, stärker, innovativer machen.

Was bedeutet es – in Zahlen ausgedrückt – das Stadion drei Jahre lang nur teilweise nutzen zu können?

Rund zwei bis drei Millionen Euro weniger Einnahmen, die wir anders und anderswo reinholen müssen. Nach dem Umbau wird zudem die Stadionpacht neu berechnet. Das wissen wir heute schon und planen entsprechend.

Welche Abstriche muss der VfL machen, wo muss gespart werden? Und wo ergeben sich, auch abseits des Stadions, neue Einnahmefelder?

Der VfL muss nicht wegen der Modernisierung sparen. Er muss dies, weil er aktuell gerade wieder in der 2. Liga spielt. Es wird Einschnitte geben. Um diese nicht zu radikal ausfallen zu lassen, arbeiten wir entsprechend gleich intensiv an der Einnahmeseite. Kaderwertmanagement als Leuchtturmprojekt, inklusive des Übergangsbereich – das predigen wir permanent. Sowie ein massiv optimiertes Stadionerlebnis für „normale“ Zuschauer und im Hospitalitybereich.

Ist es ein Nachteil, dass ausgerechnet jetzt der Vertrag mit Vonovia für den Stadionnamen ausgelaufen ist? Dem VfL fehlt das Geld – und eine Baustelle ist aus Werbesicht sicher nicht allzu attraktiv, oder?

 Die Frage zeigt deutlich, welche Bedeutung Vonovia für den VfL Bochum besitzt. Wir müssen tagtäglich dankbar sein, einen solchen Partner an unserer Seite zu wissen. Dass sich ihr Vorstand Arnd Fittkau zudem – in seiner Freizeit, wohlgemerkt – im Präsidium sowie Wirtschaftsrat engagiert, ist nicht hoch genug anzurechnen. Ja, es ist viel Arbeit, einen neuen Namenspartner zu finden, doch diese geht unvermindert intensiv weiter. Dabei werden wir gerade vom neuen Wirtschaftsrat großartig begleitet. Und: Die Baustelle Ruhrstadion wird bundesweit für Interesse sorgen, ist also attraktiv. Schließlich wird hier ein ikonisches Stadion des deutschen Fußballs im laufenden Spielbetrieb modernisiert und immer wieder thematisiert werden, was für Sponsoren sogar einen deutlichen Mehrwert bieten kann.

Sinkende Einnahmen im Zusammenhang mit dem Stadion sind das eine, Verluste im TV-Ranking das andere. Können Sie beziffern, auf viele Millionen Euro der VfL im Vergleich zur vorherigen verzichten muss?

Rund sechs Millionen Euro. Wir verlieren Plätze im TV-Geld-Ranking durch die drei Absteiger, dazu werden wir wohl deutlich weniger aus der Nachwuchssäule generieren. Zweite Liga ist hartes finanzielles Brot!

Wie gelingt es Ihnen trotzdem, einen ambitionierten Etat für die anstehende Saison auf die Beine zu stellen?

Wir machen einen guten kommerziellen Job, dies bestätigen auch Vergleiche innerhalb der Liga und ähnlichen Clubs. Doch wir wissen genau, dass dies kein Selbstläufer ist. Darum wird es doppelte Anstrengungen brauchen, um das aktuelle Niveau in der Vermarktung zu steigern. Weiter wird es das Kaderwertmanagement sein. Ein Cajetan-Lenz-Transfer muss jedes Jahr zur Normalität werden. Plus weitere dazu. Weil die Konkurrenz eben sehr, sehr gut ist.

Wo bewegt sich mit der VfL mit diesem Etat im Ligavergleich?

Aktuell im obersten Drittel. Das entspricht der gespürten Erwartungshaltung beim VfL Bochum.

Wie wichtig ist die Etathöhe überhaupt im Hinblick auf die Erfolgsaussichten?

Genau darum geht es ja. Die Geldtabelle entspricht kaum der wahren Tabelle in der 2. Liga. Man kann mit wenig Lizenzetat aufsteigen. Man kann aber auch mit wenig absteigen. Vor allem kann man mit viel Lizenzetat nicht aufsteigen. Es sind andere Faktoren entscheidend. Mentalität schlägt Qualität, nicht nur in der 2. Liga, sondern wie wir sehen auch international, teilweise auch bei der WM. Und es braucht Teamgeist. Teamgeist entsteht, wenn möglichst viele Spieler in einem Kader sich am richtigen Ort zur richtigen Zeit sehen. Das wiederum ist die Kunst der Kaderplanung.

Das komplette Interview mit Ilja Kaenzig findet Ihr in der aktuellen Ausgabe von ‚100% VfL Bochum‘, das frisch im Bochumer 3satz-Verlag erschienen ist. Auf mehr als 100 Seiten bietet das Magazin zum Saisonstart mehrere Interviews, ausführliche Porträts und interessante Hintergrundgeschichten. Gedruckte Exemplare sind kostenlos an vielen Stellen im Bochumer Stadtgebiet oder direkt beim 3satz-Verlag (Alte Hattinger Str. 29) zu bekommen.