Bisweilen herrscht in der Branche und auch bei den eigenen Anhängern noch etwas Verwirrung. Wer ist beim VfL Bochum eigentlich für die Transfers zuständig? So ganz einfach ist diese Frage nicht zu beantworten, denn einen klassischen Sportchef gibt es nicht mehr. Stattdessen teilen sich Simon Zoller, Jonas Schlevogt und Markus Brunnschneider den Job, den üblicherweise ein Sportdirektor übernimmt. Ex-Profi Zoller ist nah dran an der Mannschaft, zuständig fürs Trainer- und Betreuerteam und der Kommunikator nach außen. Schlevogt ist als Jurist verantwortlich für die Verhandlungen und Vertragsgestaltung. Brunnschneider wiederum ist der Kaderplaner im eigentlichen Sinne. Er übernimmt das Scouting, trifft eine Vorauswahl und führt die ersten Gespräche.
Die bisherigen Transfers von Enis Cokaj, Berkan Taz, Daniel Hanslik und Jean Manuel Mbom gehen also auch auf sein Konto, wobei alle Entscheidungen im Team getroffen werden – inklusive Trainer. Das soll Fehleinschätzungen minimieren. Schließlich ist die Wunschliste in diesem Sommer ziemlich lang. Der Fokus liegt vor allem auf Verstärkungen für die Innenverteidigung und das zentrale Mittelfeld, aber auch für die Offensive. Neuzugänge sollen im Optimalfall mehr als nur eine Position abdecken, so wie beispielsweise Mbom. Der 26-Jährige hat zuletzt für den dänischen Erstligisten Viborg FF gespielt. Dort war der Deutsch-Kameruner, der bei Werder Bremen ausgebildet wurde und zum Profi reifte, Stammkraft als rechter Außenverteidiger. In Bochum soll er aber vor allem im Mittelfeld als Sechser oder Achter spielen.
Loosli zögert weiter
Polyvalenz, also Vielseitigkeit, ist das Zauberwort in diesem Transfersommer, wobei es mit Taz als Zehner und Cokaj als Sechser auch Spezialisten gibt. Als Allrounder für die Offensive hatten die Bochumer zeitweise auch Noah Weißhaupt im Blick, der zuletzt für Hannover 96 gespielt hat, aber noch dem SC Freiburg gehört. Finanziell wäre ein Transfer zwar sehr herausfordernd, aber wohl zu stemmen gewesen. Das Bochumer Transferkomitee hat nach zahlreichen Recherchen jedoch Abstand von einer Verpflichtung genommen – nicht aus sportlichen Gründen, sondern weil die Überzeugung fehlte, dass sich Weißhaupt mit dem Klub und der Aufgabe voll identifiziert. Zoller und seine Mitstreiter legen in diesem Sommer einen großen Wert auf die charakterliche Eignung potenzieller Neuzugänge.
Das belegt auch der Transfer von Daniel Hanslik vom 1. FC Kaiserslautern. Der flexibel einsetzbare Angreifer bringt nicht nur die Erfahrung aus 108 Zweitligaspielen mit, sondern war in der Pfalz auch Vize-Kapitän und Publikumsliebling mit einem engen Draht zu den Fans. Konkrete Auskünfte zu Hanslik konnte unter anderem VfL-Vorstandschef Andreas Luthe geben, der mit Hanslik noch selbst zusammengespielt hat. Das gilt übrigens auch für Noah Loosli, dessen Zukunft weiterhin ungeklärt ist, weil er das Vertragsangebot des VfL weder angenommen noch abgelehnt hat. Die Innenverteidigung ist aktuell die größte Baustelle im Bochumer Kader. Mit Philipp Strompf steht derzeit lediglich ein zentraler Abwehrspieler unter Vertrag. Drei weitere Planstellen sind noch zu besetzen. Trainingsauftakt ist am 25. Juni.
Fünf Abgangskandidaten
Wobei schon jetzt anzunehmen ist, dass der Kader bis dahin noch nicht komplett zusammengestellt ist; was in einem WM-Jahr und einer bis Anfang September laufenden Transferperiode mittlerweile branchenüblich ist. Zumal der VfL Bochum nach wie vor nicht mit exorbitanten Zweitliga-Gehälter locken kann. Auch Ablösesummen sollen die Ausnahne bleiben. Klubs wie Hertha BSC oder Hannover 96 sind mit mehr Zuschauern, Sponsoren und Gönnern im Hintergrund finanziell erneut stärker aufgestellt; der VfL Wolfsburg erst recht. Bei der Finanzierung von Transfers sollen deshalb auch noch weitere Abgänge helfen. Zwölf Spieler haben den Verein bereits verlassen, fünf weitere sollen folgen. Ibrahim Sissoko wird von Rösler nicht mehr berücksichtigt, ist überdies ein großer Kostenfaktor. Auch die vier Leihrückkehrer spielen weiter keine Rolle.
Das gilt für Mathis Clairicia, Samuel Bamba, Lirim Jashari und mit Einschränkungen auch für Colin Kleine-Bekel. Der Innenverteidiger könnte erneut zum FC St. Gallen verliehen werden und dort im besten Fall internationale Erfahrung sammeln. Anschließend könnte er zum VfL zurückkehren oder gewinnbringend verkauft werden. Dass die Bochumer Transfererlöse erzielen müssen, um im Branchenvergleich mithalten zu können, ist längst bekannt. Logische Verkaufskandidaten für den kommenden Sommer, die den Klub an die Zielmarke von acht bis zehn Millionen Euro bringen, zeichnen sich bis auf Mats Pannewig derzeit noch nicht ab. Die bisherigen Neuzugänge sind zwischen 26 und 29 Jahre alt und werden selbst bei optimaler Entwicklung keine außergewöhnlichen Ablösesummen generieren.
Vielversprechende Talente
Es braucht in den kommenden Wochen also auch noch jüngere Neuzugänge. Zusätzlich hoffen die Führungskräfte beim VfL darauf, dass es Trainer Uwe Rösler gelingt, eigene Talente zu fördern und einzubauen. Mit den beiden Verteidigern Kacper Koscierski, Gustav Schjott, Darnell Keumo, mit Lasse Isbruch, Tom Meyer und Moritz Göttlicher für das zentrale Mittelfeld sowie Alessandro Crimaldi und Luis Pick für die Offensive stehen zahlreiche Kandidaten bereit. Sie alle haben bereits einen Profivertrag unterschrieben, Koscierski und Keumo sogar schon erste Zweitliga-Einsätze auf dem Konto. Wer den Sprung zu den Profis nicht auf Anhieb schafft, soll im Regionalliga-Team Spielpraxis sammeln. Ob der VfL an der neu geschaffenen, zusätzlichen U21-Liga teilnimmt, hat der Klub immer noch nicht kommuniziert.
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(Foto: VfL Bochum 1848)
