Zehn Winterwechsel: VfL mit neuer Transferstrategie

Sammler sind im Vorteil. Wenn der dänische Neuzugang Oliver Olsen vom Randers FC das erste Mal im VfL-Trikot aufläuft, sind sie bestens ausgestattet. Vor etwas mehr als 20 Jahren haben die Bochumer für Sören Colding, Peter Madsen und Tommy Bechmann einen Schal mit Vereinslogo und dänischer Flagge unter dem Motto „Danish Dynamite“ verkauft. An diese Tradition soll der fünfte Winterneuzugang nach Möglichkeit anknüpfen. Dass ihm die Verantwortlichen einiges zutrauen, unterstreicht die Vertragslaufzeit bis 2030. Für die Verpflichtung des rechten Außenverteidigers haben sie eine niedrige sechsstellige Summe locker gemacht, die allerdings ausgeglichen wird durch den Verkauf von Felix Passlack zu Hibernain Edinburgh nach Schottland. Olsen nimmt zwar dessen Kaderplatz ein, soll perspektivisch aber eine andere Rolle spielen als sein Vorgänger in den vergangenen Monaten. Ohnehin ist der 25-Jährige ein anderer Spielertyp. Er ist deutlich größer und damit kopfballstärker als Passlack, zudem ist Olsen ein gelernter Defensivspieler. Parallelen zu Leandro Morgalla sind durchaus vorhanden, was nur allzu logisch ist.

Blick nach Skandinavien

Olsen soll dem deutschen U21-Nationalspieler zunächst Druck machen und spätestens im Sommer dessen Stammplatz übernehmen, weil ein Verbleib von Morgalla nahezu ausgeschlossen ist. Die Verpflichtung von Olsen ist somit ein Vorgriff auf den Sommer. Generell steht die Personalie exemplarisch für die Neuausrichtung der Kaderplanung. Die neue Geschäftsleitung Sport, der unter anderem Markus Brunnschneider, Simon Zoller und Jonas Schlevogt angehören, legt mehr Wert auf Langfristigkeit und hat dafür neue Märkte ins Auge gefasst. Olsen ist der erste dänische Neuzugang seit Ken Ilsö im Jahr 2013, Mikkel Rakneberg der erste Transfer aus Norwegen überhaupt. Dass der VfL in den skandinavischen Ligen fündig geworden ist, überrascht allerdings kaum. Zum einen enden dort einige Spielerverträge nicht erst im Sommer, sondern mit dem Kalenderjahr. Zum anderen hat Trainer Uwe Rösler mehr als zehn Jahre dort gearbeitet, kennt die Ligen also bestens. Gleiches gilt für Kaderplaner Brunnschneider, der vor seinem Wechsel zum VfL für Holstein Kiel tätig war und allein aus geografischen Gründen verstärkt im Norden Neuzugänge gesucht hat.

Fünf Spieler sind gegangen

Viel wichtiger aber: Das übergeordnete Ziel von Trainer Rösler, personell stärker aus der Transferperiode herauskommen als man hineingegangen ist, dürfte erfüllt sein. Insgesamt zehn Transferbewegungen stehen in der Bilanz, was für einen Winter ungewöhnlich viel ist. Von einem größeren Kaderumbruch kann dennoch keine Rede sein, denn der Substanzverlust war gering. Einzig Ibrahima Sissoko zählte zum Kreis der Stammspieler. Die übrigen Abgänge waren ganz im Sinne des Klubs. Passlack war zuletzt lediglich Einwechselspieler; Mathis Clairicia, Colin Kleine-Bekel und Michael Obafemi nicht einmal das. Ibrahim Sissoko und Romario Rösch sind mangels Interessenten in Bochum geblieben. Ein Personalwechsel in der Innenverteidigung war zwischenzeitlich ebenfalls denkbar, Erhan Masovic hat allerdings keinen passenden Verein gefunden. Umgekehrt hat der VfL die offensichtlichen Kaderlücken links in der Abwehr und zentral im Angriff zügig geschlossen. Auch ein Ersatz für Ibrahima Sissoko war schnell verpflichtet, wenngleich der zuvor vereinslose Marcel Sobottka als günstige und unkomplizierte Übergangslösung zu sehen ist.

VfL setzt weiter auf Talente

Perspektivisch planen die Bochumer dort vor allem mit jungen Talenten. Aus dem eigenen Nachwuchs sind Tom Meyer und Lasse Isbruch längerfristig an den Klub gebunden, nun kommt auch noch Moritz Göttlicher hinzu. Den erst 17-Jährigen haben die Bochumer aus der Jugend des FC Bayern verpflichtet und mit einem Vertrag über fünfeinhalb Jahre ausgestattet. Der zentrale Mittelfeldspieler, der vorrangig als sogenannter Achter, aber auch als Sechser oder Zehner spielen kann, soll in den kommenden Monaten behutsam an den Zweitligakader herangeführt werden. Aktuell ist Göttlicher verletzt, anschließend soll er für die U19 oder U21 spielen und bei Rösler mittrainieren. Die Zielsetzung ist klar: Eines Tages soll er für die Profis spielen – und bestenfalls auch Einnahmen durch einen Verkauf generieren. Leihgeschäfte ohne Option wie bei Morgalla, Francis Onyeka, Kjell Wätjen oder Farid Alfa-Ruprecht sollen in Zukunft die Ausnahme bilden, wenngleich sie aktuell einen positiven Effekt über die Saison hinaus haben. Denn junge Talente sehen, dass es beim VfL Bochum sehr realistisch ist, auch in jungen Jahren schon auf Einsatzzeiten zu kommen.

Charakterliche Eignung

So haben die Verantwortlichen nicht nur Göttlicher, sondern auch Callum Marshall von einem Wechsel an die Castroper Straße überzeugen können. Der Nordire ist ebenfalls nur ausgeliehen. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren war es das Ziel, den Kaderplatz lieber frühzeitig zum Rückrundenstart zu besetzen als auf vermeintlich bessere Optionen zu warten, die sich im Transferendspurt eventuell doch nicht mehr ergeben. Die bisherigen Eindrücke geben der Klubführung recht: Marshall ist eine Soforthilfe und weiß mit seiner unkonventionellen, einsatzfreudigen Spielweise zu gefallen. Auch die charakterliche Eignung der Spieler war Thema bei der Kaderplanung. In der jüngeren Vergangenheit hatte es insbesondere bei Spielern aus dem französisch-afrikanischen Raum Integrations- und Einstellungsprobleme gegeben. Derartige Schwierigkeiten sind bei Rakneberg oder Olsen nicht zu erwarten. Generell haben die Bochumer mit Skandinaviern in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht, auf dem Fußballplatz genauso wie daneben. Nicht anders ist es zu erklären, dass sich ein VfL-Schal mit Dänemark-Flagge im Besitz vieler Bochumer Fans befindet.


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(Foto: VfL Bochum 1848)