Uwe Rösler hat sich Zeit genommen. Zeit für ein ausführliches Gespräch. Insgesamt 30 Fragen und 30 Antworten über den VfL und die Fußballwelt zeichnen ein noch genaueres Bild des 57-Jährigen. Im zweiten Teil des großen Interviews spricht Rösler über die Zusammenarbeit im Trainerteam, über seinen Spielstil und seine Rückkehr nach Deutschland.
Uwe, du hast zu Beginn deiner Zeit in Bochum gesagt, dass sich die heutige Spielergeneration auf dem Platz anders verhält und nicht mehr so viel selber in die Hand nimmt, weil sie im Nachwuchs sehr detailreich gecoacht wird. Kannst du das näher ausführen?
Das ist nicht böse gemeint, aber wir erleben einen Wandel bei den Trainern, die zunehmend zum Fußballlehrer ausgebildet werden, ohne eine große Fußballerkarriere vorweisen zu können. In meiner Generation haben die meisten Trainer selber lange auf dem Platz gestanden. Wir haben uns schon während der Karriere oder direkt danach weitergebildet, um anschließend als Trainer arbeiten zu können. Das machen viele Spieler heutzutage nicht mehr. Sie verdienen so gut, dass sie das nicht mehr tun müssen. Das wiederum ist die Chance für diejenigen, die ohne langjährige Profi-Erfahrung Trainer werden, die den Fußball dadurch aber anders lehren als wir.
Aber ist es nicht auch eine Chance für alle, wenn Ex-Fußballer und Akademiker in einem Team zusammenarbeiten?
Absolut. Das sehe ich auch hier beim VfL. Die Mischung im Trainerteam ist wichtig. Jeder bringt seine Fähigkeiten ein. Wir haben junge Co-Trainer, die selber auf hohem Niveau gespielt, aber auch eine gute Trainerausbildung absolviert haben und moderne Ansätze mitbringen. Dank ihnen kann auch ich mich weiterentwickeln. Entscheidend ist, Fachkompetenz zuzulassen und auch zu nutzen. Meine Aufgabe als Cheftrainer ist es, alles zu managen. Das kann ich mittlerweile besser als früher. Da wollte ich vieles lieber alleine lösen. Heute baue auf die Kompetenz aller Mitarbeiter.
Wie würdest du dich als Führungskraft beschreiben?
Im Trainerteam diskutieren wir auf Augenhöhe. Wenn es um Vorgaben an die Spieler geht, kann es aber keine flache Hierarchie geben, auch wenn die Spieler schlussendlich die entscheidenden Protagonisten sind, nicht wir Trainer.
Fokussiert sich im Fußball zu viel auf die Trainer?
Ich habe mal mit jemandem zusammengearbeitet, der meinte, die Taktik sei das entscheidende. Ich sehe das anders. Ich sage: Das entscheidende sind die Spieler. Wir Trainer dürfen uns nicht zu wichtig nehmen und sollten nicht meinen, die Spieler seien nur Schachfiguren. Sie treffen auf dem Spielfeld situativ ihre Entscheidungen. Du kannst nicht alles planen. Wir haben das jüngst gegen Münster gesehen. Unsere Vorbereitung war extrem akribisch, so intensiv wie noch nie zuvor. Dann hat Münster aber ganz anders gespielt: weniger flach, mehr lange Bälle. Da nützt dann der beste Matchplan nichts mehr.
Was hältst du davon, dass der VfL bei Transfers und Neuzugängen verstärkt auf Daten setzt?
Auch hier ist die Mischung entscheidend: Was sagen die Daten, aber auch unsere Erfahrungen und das Bauchgefühl? Bei unseren Neuzugängen im Winter habe ich mir persönliche Referenzen beispielsweise zu Callum Marshall eingeholt. Alle waren positiv. Abschließend haben wir ein persönliches Gespräch geführt. Damit gibt es immer noch keine Garantie, dass der Plan aufgeht, aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Bislang ist es noch nicht vorgekommen, dass zwar die Daten gepasst haben, aber nach dem persönlichen Gespräch so große Bedenken da waren, dass ich als Trainer gegen eine Verpflichtung war. Im Gegensatz zu den Daten ist das Bauchgefühl nicht messbar.
Seid ihr mit den Wintertransfers näher an deine Wunschvorstellungen hinsichtlich der Kaderzusammenstellung herangerückt?
Wir haben uns von Spielern getrennt, die sich mehr Spielzeit erhofft haben, und neue dazugeholt, die viel Energie mitbringen und besser zu unserer Spielweise passen. Das hilft allen Beteiligten. Wir dürfen aber nicht die vergessen, die schon da waren. Wir haben gemeinsam viele Punkte geholt, mehr als ich im Oktober gedacht hätte. Ich fordere viel, aber die Mannschaft zieht auch hervorragend mit, ist aufmerksam und lernwillig.
Was auffällt: Du veränderst deine Startelf nur selten oder allenfalls punktuell.
Ich bin ein Freund von Kontinuität und eingespielten Beziehungen, gerade in der Mitte des Spielfeldes, etwa zwischen Torwart und Innenverteidigung oder zwischen Zehner und Stürmer. Eine stabile Achse ist wichtig. Demzufolge nehme ich dort eher selten Wechsel vor. Veränderungen gibt es dann eher, auch aus taktischen Gründen, auf den Außenpositionen.
Aber wie gelingt es dir dann, alle bei Laune zu halten, speziell diejenigen, die nicht spielen?
Ich kann nicht alle gleichzeitig glücklich machen. Der gemeinsame Erfolg genießt Priorität. Ich muss manchmal auch Entscheidungen treffen, die mir schwerfallen, aber ich werde sie nicht daran ausrichten, wer gerade unzufrieden ist. Bislang haben alle Spieler eine faire Chance bei mir bekommen.
Wie nah ist dein jetziges Team schon an deiner Idealvorstellung?
Das Spiel in Münster war schon sehr gut. Wir haben hoch Mann gegen Mann gepresst. Das geht natürlich nicht immer und ist abhängig vom Gegner. Gegen Paderborn ist es uns auch gelungen, da waren wir hoch überlegen. Das Manko: Diese guten Spiele konnten wir nicht in Siege verwandeln, auch wenn sie Punkte brachten. Generell ist es mein Wunsch, aggressiv nach vorne zu verteidigen, um hohe Ballgewinne zu erzielen. Dadurch kommt es zu vielen Abschlüssen, was wiederum mehr Standardsituationen provoziert. Ballbesitz ist dort nicht das Entscheidende.
Deshalb hat der VfL also in den meisten Spielen weniger Ballbesitz als der Gegner?
Mit diesem Ansatz kommt man nur bis zu einem gewissen Punkt. Langfristig wollen wir Spiele noch stärker über Ballbesitz kontrollieren. Optimal ist ein Mix aus aggressivem Umschaltspiel und kontrolliertem Ballbesitz. Genau diese Balance zu finden, ist die Kunst. Dafür braucht es Zeit.
Befürchtest du nicht, im Sommer – wenn es sehr wahrscheinlich Abgänge geben wird – wieder zurückgeworfen zu werden?
Abgänge wird es immer geben, das hat mich in meiner Trainerkarriere immer begleitet. Wir haben Spieler entwickelt und anschließend verkauft. Als Trainer wünscht man sich natürlich Kontinuität, ich verstehe aber auch die finanzielle Tragweite von Transfers. Ich weiß, dass man keine komplette Mannschaft über drei oder vier Jahre hinweg aufbauen kann, sondern Jahr für Jahr neuen Willen und neue Energie aufbringen und auch Rückschritte verkraften muss. Das gilt für den gesamten Verein und das Umfeld.
Spürst du gerade etwas Genugtuung, dass du endlich auch in Deutschland als Trainer richtig angekommen bist?
Ich denke, dass ich mir eine zweite Chance in Deutschland verdient habe. Es gab zwischen dem Engagement in Düsseldorf und Bochum bereits andere Offerten aus der 2. Bundesliga, aber ich hatte einen Vertrag in Aarhus. Ich habe dort mit offenen Karten gespielt, von den Angeboten berichtet und gefragt: Wollt ihr mich behalten? Das wollten sie. Also habe ich die Angebote abgelehnt.
Weil du wusstest, was du dort hattest?
Ich wünsche mir umgekehrt auch Loyalität, von meinen Spielern wie von meinem Arbeitgeber. Dann muss und möchte ich das auch zurückgeben.
Hast du eine Erklärung dafür, warum dich erst deine neunte und nun auch deine elfte Trainerstation zurück in dein Heimatland geführt hat?
Ich bin zwar Deutscher, wurde aber lange Zeit nicht als deutscher Trainer wahrgenommen. Ich habe in Norwegen als Trainer begonnen, weil dort der Einstieg leichter war. Dann in England zu arbeiten, wo es mir schon als Spieler gefallen hat, war immer mein Traum. Der Wunsch, nach Deutschland zurückzukommen, kam erst später.
Wo fühlst du dich denn am ehesten zu Hause? In Deutschland oder woanders? Geboren bist du ja in der DDR.
Ich bin kein Ossi, ich bin kein Wessi, ich bin Europäer. So gesehen habe ich keine richtige Heimat. Am ehesten ist es Manchester. Ich mag das Land, die Stadt, die Kultur. Mit Manchester City, als es noch ein Arbeiterverein war, habe ich mich immer voll identifiziert. Jetzt genieße ich es aber, wieder in Deutschland zu sein und jedes Wochenende in volle Stadien zu fahren. Das wird am Freitag auch in Düsseldorf ein besonderes Erlebnis – zumal ja sehr viele Bochumer dabei sein werden, die alle gute Erinnerungen an den letzten Besuch dort haben.
Dies war der zweiten Teil des großen Rösler-Interviews auf Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Den ersten Teil könnt ihr hier nachlesen:
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(Foto: Marc Niemeyer)
