Geschäftsführer

Interview: Kaenzig über den Etat, Rösler und Vonovia

Seit fast acht Jahren verantwortet Ilja Kaenzig die Geschäfte des VfL Bochum. Im exklusiven Interview spricht er über die laufende Saison, die wirtschaftliche Situation des Klubs und wichtige Einnahmequellen.

Herr Kaenzig, das Jahr 2025 war geprägt von Krisen. Erst ist der VfL Bochum aus der Bundesliga abgestiegen, dann im Abstiegskampf der 2. Liga gelandet. Gab es dennoch Positives, was Sie aus den vergangenen zwölf Monaten mitnehmen?

Zum einen, dass der VfL dank kontinuierlicher Aufbauarbeit ein anderer Klub ist als beim letzten Abstieg. Gewachsen, mit einem stabilen strukturellen Fundament und zuletzt fast 100 Millionen Umsatz. 100 Millionen! Und es ist nicht das Ende der Fahnenstange in der Bundesliga. Zum anderen, dass wir die Lehren gezogen haben und im Sport die entsprechenden Veränderungen sowie neuen Projekte – Stichworte Struktur, Kaderwertmanagement und Übergangsbereich – konsequent fortsetzen.

Im Sommer war die Hoffnung innerhalb und außerhalb des Vereins groß, dass der Wiederaufstieg gelingen könnte. Das wird nach der Hinrundenbilanz wohl kaum gelingen. Was ist zu Saisonbeginn schiefgelaufen?

Die Jungen haben Zeit gebraucht, genauso wie die Neuen. Und jene, die schon da waren, hatten das Siegen verlernt. Es fehlte auch das Schlachtenglück, wie beim Spiel auf Schalke. So kam in einer schwierigen und extrem ausgeglichenen Liga zu viel zusammen. Hätte man es verhindern können? Mit Maßnahmen konträr zur einheitlichen Meinung vor dem Saisonstart? Dieter Hecking hat es zuletzt richtig gesagt: Uwe Rösler passt perfekt zum VfL – und vorher kann trotzdem nicht alles schlecht gewesen sein.

Sie sind für diesen Kader sogar ins finanzielle Risiko gegangen. Ein Fehler? Oder wird es sich noch verspätet auszahlen?

Ins finanzielle Risiko gehen ist bei allen ambitionierten Klubs in der 2. Liga ein Dauerzustand. Diese neue Herausforderung nehmen wir an. Der VfL muss und wird erfolgreich sein wollen. Dies bedingt eines progressiven Finanzmanagements. Darüber haben wir mit unserem Gremium gesprochen und sind uns einig – wir wollen mutig, aber nicht naiv sein.

Ist Uwe Rösler ein Glücksfall für den VfL?

Grundsätzlich: Timing ist im Fußball alles. Der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Dann ist es ein Glücksfall. Das ist leider nicht jedem vergönnt. Uwes Profil bestätigt sich jedoch immer mehr. Er ist furchtlos und gibt uns tagtäglich enorme Energie. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Der Mann hat in seinem Leben schon ganz andere Herausforderungen bewältigt.

Was unterscheidet ihn von seinen Vorgängern, was macht er anders?

Ich sehe Parallelen zu Dieter Hecking. Erfahrung, Menschenführung, Kommunikation. Uwe lernt uns wieder das Siegen, auch, weil er in die Köpfe der Spieler gelangt ist.

Auch die Sportliche Leitung ist neu. Es gibt keinen klaren Sportchef mehr, sondern ein Kompetenzteam mit fünf Fachexperten. Wie ist diese Idee entstanden?

Außerhalb Deutschlands gibt es den Trend weg von Namen hin zu Aufgaben und Kompetenzen schon länger. Das Präsidium fordert uns im absolut positiven Sinn heraus, die Dinge anders zu denken. So ist dieses Modell gemeinschaftlich entstanden.

Welche Rolle nehmen Sie aktuell und künftig ein, speziell im sportlichen Bereich? Sie sind ja nun wieder alleiniger Geschäftsführer.

Es geht beim VfL immer nur gemeinschaftlich, das ist keine neue Erkenntnis. So sind der Vorstand und Jupp Tenhagen im Sport ständig involviert und zusammen mit unserer Geschäftsleitung Sport helfen mehrere Blickwinkel, die Wahrscheinlichkeit von Fehlern zu verringern. Ich bringe meine Erfahrung ein und sorge dafür, dass der Motor läuft.

Der kaufmännische Bereich bleibt ebenfalls von großer Bedeutung. Der VfL plant für die laufende Saison mit einem Minus in Höhe von rund 4,5 Millionen Euro. Wie wollen Sie es schaffen, dass die Bilanz wieder ausgeglichen ist, obwohl ein Rückfall im TV-Ranking droht?

Das Kaderwertmanagement spielt bei der Fortsetzung des Wachstums des VfL eine große Rolle. Deshalb haben wir es schon 2024 zum Leuchtturmprojekt gemacht. Wir standen in der Bundesliga im kommerziellen Bereich vor unseren Konkurrenten, hatten aber bei den Transfererlösen einen riesigen Rückstand. Die Konkurrenz hat verkauft und war sportlich erfolgreich. Man sieht: Mittel generieren, Spieler länger halten können und den Ligaerhalt schaffen, oder sich sogar für Europa qualifizieren – das geht.

Können Sie den jetzigen Etat mittelfristig aufrechterhalten?

Wir sind uns intern einig, dass dies der Fall sein muss. Auch durch innovative Finanzierungsmodelle, welche uns unabhängig von Transfererlösen machen. Dann werden wir auch beim Lizenzetat sogar noch weiterwachsen können.

Wie wichtig ist dabei die Unterstützung von Haupt- und Stadionsponsor Vonovia? Zuletzt hat es teils sehr persönliche und anonym geäußerte Kritik an Vonovia-Vorstandsmitglied Arnd Fittkau gegeben, der beim VfL im Wirtschaftsrat sitzt. Fürchten Sie einen Rückzug?

Absolut. Der VfL ist froh und stolz, dass wir diese Unterstützung durch ein in Bochum ansässiges DAX-Unternehmen bekommen. Darum beneiden uns andere Klubs! Arnd Fittkau ist ein VfLer durch und durch. Und dazu ein Botschafter. Das Statement gegen Hetze und unberechtigte Kritik war klar und eindeutig. Wir arbeiten miteinander, nicht gegeneinander in der VfL-Familie!

Wo sehen Sie trotz Zweitklassigkeit Wachstumspotenziale?

Die Potenziale sind vorhanden und identifiziert. Die Vision 100 wäre nach Wiederaufstieg eher eine Vision 120. Und in der 2. Liga ist es die Vision 70. Es gilt die kommerziellen Bereiche weiter zu optimieren. Mehr Sponsoring, mehr Merchandising, mehr Mitglieder, besserer Service. Man darf nicht vergessen, dass wir einen Rückstand von elf Jahren zweite Liga haben gegenüber vielen Konkurrenten. Nach Abschluss der Arbeiten wird der Stadionumbau uns zudem neue Möglichkeiten eröffnen.

Sie haben im Rahmen der Mitgliederversammlung über alternative Finanzierungsmethoden gesprochen, die einen klassischen Investor möglicherweise ersetzen könnten. Was ist hierbei konkret angedacht – und was nicht?

Darüber werden wir zu gegebener Zeit berichten, die Ideen werden im Hintergrund diskutiert. Es geht darum, dem VfL Wachstumskapital bereitzustellen, um die Entwicklung auf und neben dem Platz zu beschleunigen. Dieses Kapital würde einen Investor ersetzen und keine Mitsprache haben wie ein solcher.

In welchen Bereichen wird der VfL sparen müssen?

Nicht beim Sport, das steht fest. Wobei wir im Rahmen eines Benchmarkings bereits erkennen: Wir bewegen uns außerhalb des Platzes im Rahmen vergleichbarer Klubs. Es gibt bei uns keinen Bundesliga-Luxus. Auch in der 2. Liga hat der VfL Dimensionen, die – bis auf das TV-Geld – der 1. Bundesliga entsprechen. Es bedarf also einer gewissen Organisationsgröße. 100 Millionen Umsatz erzielen mit einem Personalbestand, wie damals mit 30 Millionen, das ist schwer. Zwar haben wir von Anfang immer auf Effizienz geachtet und diese Grundeinstellung wird weiter gepflegt – doch die Organisation muss mitwachsen dürfen.

Ein Hebel sind Transfererlöse. Lassen sich diese zuverlässig planen? Oder sind es Sondereffekte?

Im heutigen Fußball gehören diese zum Geschäftsmodell – ob in Leverkusen, Frankfurt oder bei Chelsea. Teilweise sind die Erlöse in diesem Bereich sogar deutlich höher als aus dem TV-Geld. Und als Ausbildungsklub, was der VfL sein muss, können sie nicht bloß Sondereffekte sein. Das Monster Fußball ist leider sehr gefräßig, auch wenn das Spiel bei halbierten Gehältern nicht schlechter wäre.

Schon jetzt wird medial und im Umfeld viel über einen möglichen Verkauf von Cajetan Lenz diskutiert. Muss er womöglich schon in diesem Sommer verkauft werden, weil sonst Transfererlöse fehlen könnten?

Transfers sind Salz und Pfeffer der öffentlichen Diskussionen im Fußball. Aber daran beteiligen sich die direkten Akteure nicht. Wir sind, was Zu- und Abgänge angeht, intern immer abgestimmt. Das ist, was zählt.

Als Fußballromantiker: Ist es nicht eine bedenkliche Entwicklung, dass selbst Fans nach ein paar guten Spielen von Eigengewächsen schon an einen Verkauf denken?

Erstmal: Es gehören immer vier zu einem Transfer. Abgebender Klub, aufnehmender Klub, Spieler und Berater. Manchmal sind die Planungen identisch, manchmal nicht. Aber Namen wie Caspar Jander, Finn Jeltsch, Can Uzun oder Ibrahim Maza zeigen, dass der Markt ein unfassbares Tempo hat und gerade die großen Vereine heiß auf immer jüngere Talente sind. Das ist der Lamine-Yamal-Effekt. Immer jüngere Spieler sind gefragt, also wechseln sie auch immer früher.

Abschließend eine Frage abseits des Sports: Im Jahr 2026 sollen die ersten Maßnahmen im Zuge der Stadion-Sanierung beginnen. Worauf müssen sich die Fans in der ersten Jahreshälfte einstellen?

Wir planen mit einer umfassenden Kommunikation im Frühjahr, sobald der Ausschreibungsprozess sowie die danach folgende Planung abgeschlossen sind. Baumaßnahmen wird es in der laufenden Saison keine geben.

Dieses Interview wurde bereits im Dezember geführt und ist zuerst in der aktuellen Ausgabe von „100 Prozent VfL Bochum“ des 3satz-Verlags erschienen. Auf mehr als 80 Seiten bietet das Magazin weitere Interviews, ausführliche Portraits und interessante Hintergrundgeschichten. Gedruckte Exemplare der aktuellen Ausgabe sind kostenlos an knapp 300 Stellen im Bochumer Stadtgebiet oder direkt beim 3satz-Verlag (Alte Hattinger Str. 29) zu bekommen. Nachfolgend gibt es auch eine Download-Option.

(Foto: Marc Niemeyer)