Die erste persönliche Begegnung zwischen Ilja Kaenzig und Dirk Dufner liegt genau ein Vierteljahrhundert zurück. Beim Bundesliga-Spiel zwischen 1860 München und Bayer Leverkusen am 1. April 2000 trat Dufner gerade seinen Dienst als Sportdirektor bei den Löwen an. „Er kam nach dem Spiel in den VIP-Raum und beklagte sich, dass wir ihm sein Debüt versaut haben“, erinnert sich Kaenzig, der zu diesem Zeitpunkt bei der Werkself beschäftigt war. 25 Jahre später führen sie nun gemeinsam und gleichberechtigt die Geschäfte des VfL Bochum. Dufner als Verantwortlicher für den Sport, Kaenzig für alles andere. Das neue Führungstrio will allerdings deutlich enger zusammenarbeiten als es beim VfL in der Vergangenheit der Fall war. „Die Verzahnung zwischen dem wirtschaftlichen und dem sportlichen Bereich wird immer wichtiger. Wir müssen Hand in Hand arbeiten“, betonte Kaenzig bei der Vorstellung von Dufner am Donnerstag. Seinen neuen Compagnon bezeichnete er als „Urgestein der Bundesliga, bestens vernetzt und empathisch.“ Der Findungsprozess war auf Harmonie ausgelegt, nicht auf Revolution.
Klare Vorgaben
Zudem war Erfahrung explizit ein Suchkriterium. „Wir haben einen Geschäftsführer gesucht, der eine Malocher-Mentalität mitbringt, aber auch eine Anschlussfähigkeit zum Klub und zu Ilja“, berichtete Uwe Tigges, der Vorsitzende des Präsidiums. Das erklärt auch die Tatsache, dass das erste Sondierungstreffen Mitte März nicht zwischen Tigges und Dufner, sondern zwischen Kaenzig und Dufner stattfand. Dufner durfte in den weiteren Gesprächen zunächst seine eigenen Ideen erläutern, anschließend wurden sie mit den Vorstellungen der übrigen Verantwortlichen abgeglichen. Beispiel: „Wir haben mit allen Kandidaten für diesen Posten erörtert, dass wir mit Dieter Hecking als Trainer weitermachen wollen“, erklärte Kaenzig bereits in der vergangenen Woche. In der Endauswahl befanden sich neben Dufner Peter Knäbel sowie Jörg Schmadtke, der allerdings ein eigenes und teils abweichendes Ideenpaket samt Personal mit nach Bochum gebracht hätte. Dufner wiederum akzeptierte die Bedingungen in Gänze. Er soll bereits angestoßene Projekte fortführen, aber logischerweise auch eigene Akzente setzen.
Mangel an Zeit
Bei seiner Antrittsvorstellung betonte Dufner mehrfach, dass es sein „Hauptziel“ sei, eigene Talente zu fördern: „Wir können uns keine Top-Spieler leisten, aber wir können sie selber entwickeln.“ Dass es ohne externe Verpflichtungen nicht funktionieren wird, ist dem 57-Jährigen natürlich bewusst. „Wir müssen zweigleisig die neue Saison planen. Wenn ich sehe, wann ein mögliches Relegationsspiel (22. und 26.5.) und unser Trainingslager (12. bis 20.7.) angesetzt sind, kann man erahnen, dass wir Vollgas geben müssen.“ Zunächst wird Dufner daran mit dem vorhandenen Mitarbeiterstab arbeiten. Möglich aber, dass irgendwann noch ein Kaderplaner dazukommt. Klar ist zudem, dass sich Dufner mit Hecking abstimmen wird. Der Trainer komplettiert das erfahrene Führungstrio und wird im Falle des Klassenerhalts beim VfL bleiben. Bereits einige Tage vor der Verpflichtung von Dufner legte sich Hecking fest. „Ich mache Entscheidungen nicht von anderen Personen abhängig“, bekräftigte der Coach, der sich zwar über eine erneute Zusammenarbeit mit Schmadtke gefreut hätte, Dufner aber ebenso zugewandt ist.
Viel Erfahrung
Hecking, Dufner und Kaenzig eint zufällig eine Vergangenheit bei Hannover 96, wenn auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Inhaltlich liegt das Trio dennoch nah beieinander. Sie vertrauen eigenen Erfahrungen und Einschätzungen mehr als objektiv messbaren Werten. Mit einem markanten Spruch – „Ich habe DI, Dieters Intelligenz“ – hat Hecking zuletzt treffend beschrieben, wie er arbeitet. Kaenzig wie Dufner denken sehr ähnlich. „Die Persönlichkeit der Spieler ist von zentraler Bedeutung. Ein Spieler, dessen Daten interessant sind, der aber menschlich nicht zu uns passt, ist nicht die richtige Wahl für uns“, sagte Kaenzig schon Anfang des Jahres im Gespräch mit Tief im Westen – das VfL-Magazin. Dufner stimmt ihm zu: „Ich bin kein Vertreter des rein datenorientierten Scoutings und eher ‚old school‘ unterwegs. Im Idealfall sollte ein Spieler von mehreren Personen mehrfach live vor Ort gesichtet werden.“ Auch die Teamfähigkeit und der Integrationswille seien elementar. Dufner weiß, wovon er spricht. Der VfL ist sein fünfter Verein in der Bundesliga, und er hofft, dass sein Einstand besser verläuft als vor 25 Jahren.
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(Foto: Imago / Sven Simon)