3:0 gegen Heidenheim

Gespenstisch gut: VfL mit ganz viel Disziplin

Silvere Ganvoula tat so, als wären doch Zuschauer im Stadion. Nach dem 3:0-Heimerfolg gegen Heidenheim drehte er sich zur Fankurve und applaudierte. Nur zwei Ordner sahen ihm dabei zu – ein skurriler und zugleich trauriger Augenblick. Immerhin: Auch ohne die Anhänger vor Ort ist der Re-Start nach mehr als zwei Monaten Pause gelungen, der VfL hat einen ersten Schritt zum Klassenerhalt gemacht.

Gespenstisch gut war der Auftritt des VfL, dieser Kalauer sei erlaubt. Besonders erstaunlich: Die Bochumer verdienten sich die drei Punkte mit einer durchweg konzentrierten und über 90 Minuten souveränen Leistung. Das war vor der Zwangspause praktisch nie der Fall. Die bizarren Umstände, etwa die fehlenden Zuschauer, die Hygieneregeln und die kurze Vorbereitung haben die Spieler des VfL Bochum besser angenommen als der Aufstiegsaspirant aus Heidenheim.

Lob von Trainer Thomas Reis

„Sie war sehr fokussiert“, lobte Trainer Thomas Reis seine Mannschaft, „und ist so aufgetreten, wie es in einem Meisterschaftsspiel der Fall sein sollte.“ Von der Testspielatmosphäre im Stadion ließ sich beim VfL keiner irritieren. Und so entwickelte sich von Beginn an eine durchaus flotte Partie, mit einem perfekten Start für die Gastgeber: Anthony Losilla traf nach einem Freistoß von Danilo Soares per Kopf zum 1:0, elf Minuten waren gespielt.

Anschließend geriet der VfL zwar unter Druck, die Heidenheimer näherten sich in ihrer stärksten Phase dem Ausgleich. Doch Jordi Osei-Tutu beruhigte die Fanseelen zu Hause vor den Bildschirmen, als er noch vor der Pause den zweiten Treffer nachlegte. Die erstaunlich effektiven Bochumer nahmen den Schwung mit in den nächsten Durchgang. Sie brachen nicht ein, sondern spielten konsequent auf das dritte Tor, das Silvere Ganvoula nach etwas mehr als einer Stunde auch erzielte.

Der Mittelstürmer erwischte ansonsten nicht seinen besten Tag, ganz im Gegensatz zu Robert Zulj, dem Vorbereiter. Mit einem klugen Pass leitete er das 3:0 ein, zeigte insgesamt gute Ansätze. Der Winterneuzugang war für den verletzten Vitaly Janelt in die Startformation rotiert und präsentierte sich deutlich athletischer als noch im März. Gemeinsam mit Jordi Osei-Tutu, Danilo Soares und Anthony Losilla verdiente er sich die Bestnoten beim VfL.

Disziplin auf und neben dem Plan

Wobei keiner negativ auffiel, vor allem nicht Vasilios Lampropoulos. Der Innenverteidiger stabilisierte die Abwehrreihe erneut und ist mehr als nur ein guter Vertreter für Saulo Decarli. Der Schweizer klagt über Schmerzen am Fuß, er fehlte ebenso wie Danny Blum, dessen Wade derzeit Probleme bereitet. Das Spiel verfolgte der Top-Scorer des VfL von zu Hause aus, auf die Tribüne durfte er nicht. Der Zugang zum Stadion war streng geregelt, das Gelände seit Tagen abgesperrt und bewacht.

Überaus professionell setzte der VfL das Hygienekonzept der DFL in die Tat um. Die Fans blieben daheim, selbst die Mannschaft blieb so diszipliniert wie es nur ging. Auch beim Jubeln gab es keine innigen Umarmungen. VfL-Profi Simon Zoller gewährte später Einblicke in seine Gefühlswelt. „Vom Hotel mit Mundschutz zum Stadion, keine Menschen, keine Musik. Das war schon ungewohnt“, gab er offen zu und freut sich nun auf ein Ende der Team-Quarantäne: „Heute Abend wird die ein oder andere Kanüle sicher aufploppen.“

(Foto: Firo Pool / Eibner Pressefoto)

Von wegen Normalität

Lücken im System: VfL kämpft mit DFL-Vorgaben

Der VfL Bochum schottet sich vor dem Re-Start am Samstag gegen Heidenheim ab. Die Spieler befinden sich im Quarantäne-Hotel, und seit Mittwoch stehen Bauzäune auf allen vier Seiten des Stadions. Die Absperrungen sollen Ansammlungen auf dem Klubgelände verhindern. Auch dienen sie zur Errichtung einer Schutzzone, die im Konzept der DFL vorgeschrieben ist. Mehr als 40 Seiten umfasst das Papier zum „Sonderspielbetrieb“. Die Vorgaben setzt der VfL offensichtlich ganz genau um.

Nur einmal ins Hotel

Dabei sind einige Regeln durchaus lückenhaft und unlogisch. Das beste Beispiel: Die eingangs erwähnte Hotel-Quarantäne. Dort muss die Mannschaft die Woche vor dem ersten Spiel verbringen und wird zweimal auf eine Corona-Infektion getestet. Nur gesunde Spieler sollen am Wochenende auf dem Rasen stehen. Das ergibt Sinn. Nur: Es handelt sich um eine einmalige Regelung. Nach der ersten Partie kehren die Profis wieder in ihr häusliches Umfeld zurück, wo die Ansteckungsgefahr wieder steigt. Handelt es sich etwa nur um eine Alibi-Maßnahme, um zumindest den ersten Spieltag störungsfrei über die Bühne zu bringen? VfL-Manager Sebastian Schindzielorz bestätigt jedenfalls, dass eine solche Isolation nur unmittelbar vor dem Re-Start Vorschrift der DFL sei.

Und der Verband hat den Vereinen weitere Maßnahmen auferlegt, die in ihrer praktischen Umsetzung fast schon absurd erscheinen. Sollte der VfL Bochum am Spieltag etwa einen Grund zum Jubeln haben, ist Vorsicht geboten. Inniges Umarmen ist nicht erlaubt. Körperkontakt bei Zweikämpfen oder Manndeckung bei Eckstößen allerdings schon. Die Bälle müssen jedoch desinfiziert werden, außerdem muss Cheftrainer Thomas Reis einen Mundschutz tragen, den er nur für Anweisungen ablegen darf. Das sei notwendig, weil ein Restrisiko einer Infektion bleiben würde, argumentiert die DFL. Denn positive Fälle könnten den ganzen Plan gehörig ins Wanken bringen. Das zeigt die Lage bei Dynamo Dresden. Dort befindet sich die gesamte Mannschaft für zwei Wochen in Quarantäne.

Relegation ist heikles Thema

Mindestens zwei Spiele müssen also verschoben werden – ob so ein fairer Wettbewerb möglich ist, daran hat selbst der VfL Bochum leise Zweifel. Dabei sind die beiden Klubs Konkurrenten im Abstiegskampf. „Dynamo Dresden hat nun neun Wochen lang kein Mannschaftstraining gehabt, steht augenblicklich unter häuslicher Quarantäne und muss die Saison dann aller Voraussicht nach in Englischen Wochen zu Ende spielen – das wird nicht einfach“, heißt es auf Anfrage beim VfL. „Aber die DFL prüft, wie sie die ausgefallenen Spiele bestmöglich in den Spielplan integrieren kann.“ Unklar bleibt, was passiert, wenn weitere Klubs betroffen sind. „Es gibt eine Größe, da ist es nicht mehr machbar“, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert zuletzt im ZDF-Sportstudio.

Offen ist ebenso, unter welchen Voraussetzungen eine mögliche Relegation stattfinden soll. Der VfL könnte schließlich betroffen sein. Das Problem: Die beiden Entscheidungsspiele würden erst im Juli stattfinden. Einige Verträge wären dann gar nicht mehr gültig. „Diese Problematik muss man scharf beobachten. Es gibt eine verbandsrechtliche Ebene sowie eine arbeitsrechtliche“, erklärt ein Vereinssprecher auf Nachfrage. Gemeinsam mit dem Ligaverband werde nach einer Lösung gesucht. Außerdem ist unklar, wie es in der 3. Liga weitergeht, sprich: ob es überhaupt einen Gegner gibt. Die Klubs und der DFB streiten sich derzeit öffentlich, es gibt unterschiedliche Positionen über den Fortgang der Saison.

Saisonabbruch als Szenario

Ähnliches trifft übrigens auch auf die Erst- und Zweitligisten zu. In einer Videokonferenz wurde in dieser Woche über ein sensibles Thema kontrovers diskutiert. Was passiert, wenn die Saison von jetzt auf gleich beendet werden müsste, zum Beispiel, wenn die Politik plötzlich einlenkt? Der Ligaverband schlägt vor, dann die jeweils aktuelle Tabelle zu werten. Dagegen wehren sich allerdings einige Vereine, die Liga ist gespalten. Die Position des VfL Bochum dazu nicht bekannt, wohl aber die sportliche Gefahr. Für die Mannschaft von Trainer Thomas Reis würde das nämlich bedeuten, dass sie in den kommenden Wochen permanent auf einem Nicht-Abstiegsplatz bleiben müsste. Ein Sieg gegen Heidenheim am Samstag wäre deshalb ein guter Anfang.

(Foto: Imago / Revierfoto)

Vertrag bis 2021

Lukrative Klausel: Riemann bleibt – und spendet

Mit einer Personalmeldung hat sich der VfL Bochum am Freitagnachmittag ins vorerst letzte fußballfreie Wochenende verabschiedet: Stammtorhüter Manuel Riemann bleibt dem Revierklub bis zum Sommer 2021 und damit ein weiteres Jahr erhalten. Nach 25 absolvierten Pflichtspielen in dieser Saison griff eine Vertragsklausel, der Kontrakt verlängerte sich automatisch um zwölf Monate. Die Nachricht kam zum passenden Zeitpunkt: Auf den Tag genau vor fünf Jahren war sein Wechsel vom SV Sandhausen nach Bochum verkündet worden. 144 Pflichtspiele hat der Keeper seither bestritten – nun sollen weitere dazukommen. Bis zum Saisonende und darüber hinaus.

Riemann zählt zu den Führungsspielern

„Sein Vertrag hat sich bereits vor Wochen verlängert. Allerdings hielten wir den Zeitpunkt inmitten der Corona-Krise, als unsicher war, ob überhaupt weitergespielt werden kann, für nicht richtig und haben die Nachricht zunächst zurückgehalten“, verrät VfL-Manager Sebastian Schindzielorz. Die Verantwortlichen haben damit auch aus einem Fehler der Vergangenheit gelernt. In der Vorsaison wurde eine Vertragsverlängerung mit Tim Hoogland noch deutlich offensiver verkauft, bis sich später herausstellte, dass lediglich eine Klausel griff. Das war seinerzeit ein Thema, weil Hoogland nur wenige Monaten später vom Trainer und der Vereinsführung aussortiert wurde. Dieses Szenario droht Riemann jetzt allerdings nicht.

Denn sportlich ist der 31-Jährige zuletzt zum Leistungsträger gereift und erwies sich als sicherer Rückhalt. Zuvor hatte es immer wieder Phasen gegeben, in denen der Schlussmann Schwächen offenbarte. Menschlich war er durch seine impulsive Art ebenfalls umstritten – bis er intern eine Führungsrolle eingenommen hat, sich zum Sprachrohr der Mannschaft entwickelte und gelegentlich als Kritiker auftrat, der sich aber mit dem Verein identifiziert. Auch zu den Fans hat er mittlerweile einen guten Draht gefunden. Riemann wäre wohl so oder so in Bochum geblieben, doch die Vertragsklausel erweist sich für ihn als Glücksfall. Sie sichert ihm in einer Zeit, in der der VfL eigentlich sparsamer sein muss, ein Gehalt zu altbekannten Bedingungen.

Schindzielorz verhandelt weiter

Einen Teil davon spendet der gebürtige Oberbayer jedoch für den guten Zweck. Am Freitag übergab er der Bochumer Kinderklinik sieben Tablet-Computer. Riemann will damit einen Kontakt zwischen den Kindern und ihren Freunden und Verwandten ermöglichen, die wegen der Corona-Beschränkungen nicht persönlich vorbeischauen dürfen. Corona ist in dieser Stelle noch einmal das richtige Stichwort. Denn Riemann wird beim VfL Bochum vorerst der einzige Profi bleiben, der seine Vertragsverlängerung feiern kann. Sebastian Schindzielorz führt zwar zahlreiche Gespräche, Abschlüsse sind aber vorerst nicht zu erwarten. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien noch zu unsicher, berichtet der Manager.

(Foto: Imago / Nordphoto)

VfL vor erstem Geisterspiel

Reis wie Beckenbauer: „Ins Geschichtsbuch kommen“

Thomas Reis sieht es so wie Franz Beckenbauer. Der Weltmeister-Trainer von 1990 brachte vor wenigen Tagen einen neuen, bislang unbeachteten Aspekt in die Diskussion um Geisterspiele ein. Es werde Spieler geben, die vor leeren Rängen plötzlich befreit auftreten. Thomas Reis kann dem nicht widersprechen. „Manchen fehlt sicher das Drumherum, die Unterstützung unserer Fans. Aber andere werden die Situation vielleicht auch positiv für sich nutzen.“ Am Samstag wird der VfL Bochum den 1. FC Heidenheim empfangen und das erste von neun geplanten Geisterspielen absolvieren.

Trotzdem Heimvorteil

„Nicht nur die Taktik ist wichtig, sondern vor allem der Kopf. Wir müssen uns auf die besonderen Umstände einstellen“, fordert Thomas Reis von seinen Profis eine professionelle Vorbereitung und Einstellung. Wo sonst rund 20.000 Zuschauer stehen oder sitzen, werden es nur knapp 200 Unverzichtbare sein, vom TV-Team bis zum Balljungen. Reis spricht trotzdem von einem „Heimvorteil, weil wir unser Stadion kennen und dort oft trainiert haben.“ Die Vorbereitung war allerdings kurz, nur eine Woche hat die Mannschaft ohne Einschränkungen arbeiten dürfen.

Drei Profis fehlen

Die meisten Profis waren mit dabei, sodass der VfL fast in Bestbesetzung antritt. Lediglich Saulo Decarli, Vitaly Janelt und Ulrich Bapoh werden fehlen. Vermutlich vertraut Thomas Reis in etwa dem Team, das vor der Zwangspause dreimal in Folge ohne Niederlage geblieben ist. Für Janelt könnte Winterneuzugang Robert Zulj in die Startelf rücken. „Er hat die Pause gut genutzt“, erklärt Reis, der die Chance sieht, mit einem Sieg Besonderes zu schaffen: „Wir wollen mit einem Sieg in die Geschichtsbücher kommen.“ Beckenbauer hat das schon geschafft, aber nicht mit einem Geisterspiel…

(Foto: Pressefoto Eibner)

Kommentar

Fans leben im Widerspruch – auch beim VfL Bochum

Es ist nur ein neuer Name, doch das gleiche Prinzip: Seit Montagabend verkauft der VfL Bochum ein „Wohnzimmer-Ticket“. Für 18,48 Euro gibt es eine nette Danksagung und einen Fanshop-Gutschein im Wert von 8,48 Euro. Schon zu Beginn der Corona-Krise gab es „Geisterspiel-Tickets“, es folgte ein Sondertrikot, das tausendfach verkauft wurde. Keine Frage: Das ist Marktwirtschaft, die funktioniert. Überhaupt kein Vorwurf an den VfL Bochum, der noch vergleichsweise zurückhaltend agiert und erst jetzt damit beginnt, die Grenzen auszutesten.

Fans im Widerspruch

Allerdings zeigen die Verantwortlichen, dass sie kein Problem damit haben, die Treue ihrer Anhänger zu nutzen und sie vor allem als Geldgeber sehen. Ins Stadion dürfen sie nicht – und vielen von ihnen blutet das Herz – trotzdem werden sie zur Kasse gebeten. Direkt wie indirekt. Denn wer alle neun Spiele sehen will, muss für die Fernseh-Übertragung mindestens 36 Euro einplanen. Dauerkarte, Aktionstickets, Sondertrikot, Pay-TV – das summiert sich. Einige Fans lassen sich verführen, während die Spieler auf läppische 10 bis 15 Prozent ihrer Gehälter verzichten.

Bevor es jetzt wütende Reaktionen gibt: Dieser Kommentar dient nicht dazu, irgendwen zu belehren. Jeder Mensch setzt andere Prioritäten, das ist vollkommen in Ordnung. Nur leben viele Fans in einem Widerspruch, den sie vielleicht gar nicht bemerken. Liebe macht manchmal blind. Einerseits prasselt auf die Bundesliga viel Kritik ein, der Wunsch nach Veränderung ist groß. Aber andererseits tragen viele Anhänger dazu bei, dass dieses System auch in und nach der Krise exakt so erhalten bleibt. Viele Anhänger reflektieren das gar nicht.

Keiner zieht den Stecker

Doch Fakt ist: Das Geld für hohe Gehälter oder Ablösesummen fällt nicht vom Himmel. Fußball-Fans in ganz Deutschland haben es in der eigenen Hand, die Branche zum Wandel zu zwingen, wenn sie es wirklich wollen. Nur sie haben die Macht, aber kaum einer zieht den Stecker. Das ist sogar einfach zu erklären: Die Verbundenheit zum eigenen Klub ist so groß, dass sie alles dafür tun, ihn angeblich zu retten. So denken die Fans überall, nicht nur in Bochum. Damit dreht sich das Rad aber immer weiter, nichts wird sich ändern. Die Vereine freuen sich und zählen fleißig ihr Geld.

(Foto: Fabian Budde)

Re-Start am 16. Mai

Zurück im Abstiegskampf: Bochums „neue“ Sorgen

Vieles wird anders sein als gewohnt, und doch kehrt beim VfL Bochum zumindest sportlich ein Hauch von Normalität ein: Schon am 16. Mai wird die Saison trotz der anhaltenden Corona-Pandemie fortgesetzt, der VfL startet mit einem Heimspiel gegen den 1. FC Heidenheim. Die Erlaubnis liegt nun vor, der konkrete Termin ebenfalls. „Die Nachricht stimmt uns sehr froh“, sagt Hans-Peter Villis, der Vorsitzende des VfL, und spricht von einem großen „Vertrauensvorschuss.“ Die Politik hat das medizinische Konzept des Ligaverbandes als Grundlage für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs akzeptiert – trotz Schwächen in Theorie und Praxis. 

Neun Spieltage und die Relegation können somit wie erhofft stattfinden, allerdings ohne Zuschauer vor Ort. In Bochum rücken damit auch die sportlichen Probleme wieder in den Vordergrund. Der VfL steht weiter auf dem 15. Tabellenplatz, aktuell nur drei Punkte vom Relegationsrang entfernt. Die Sorgen verlagern sich also nur, der wirtschaftliche Druck weicht der Abstiegsgefahr. „Natürlich verfolgen wir weiterhin das Ziel, den Klassenerhalt zu schaffen“, sagt Villis, mit einer logischen und angemessenen Einschränkung: „Die oberste Prämisse ist natürlich, gesund zu bleiben und die Gesundheit zu schützen.“

Sehr enger Zeitplan

Damit das funktioniert, ist jetzt endgültig maximale Disziplin gefordert. Zustände wie bei Hertha BSC, die zu Wochenbeginn publik wurden, darf und soll es beim VfL nicht geben, betont auch Villis. In Bochum werde alles daran gesetzt, „um die Spiele unter Einhaltung sämtlicher geltender Hygiene- und Gesundheitsregeln bestmöglich durchzuführen.“ Dazu zählt vor der ersten Begegnung auch ein Trainingslager unter Quarantäne-Bedingungen, begleitet von regelmäßigen Corona-Tests. Der VfL zieht in ein Hotel direkt am Stadion, das zunächst exklusiv für die Mannschaft, Trainer und Betreuer öffnen wird.

Offen lässt die DFL, warum die Maßnahme nur vor der ersten Partie erforderlich ist – kehren die Spieler wieder zu ihren Familien zurück, erhöht sich das Infektionsrisiko möglicherweise wieder. Konsequent und logisch ist das nicht. Denn trotz diverser Schutzmaßnahmen haben sich allein in dieser Woche 12 von rund 1700 getesteten Personen aus der 1. und 2. Bundesliga infiziert. Wobei den Profis wohl ohnehin kaum noch Zeit für private Aktivitäten bleibt. Denn der Spielplan ist so eng getaktet wie nie zuvor. Nur 43 Tage liegen zwischen der ersten Partie gegen Heidenheim und dem Saisonfinale in Hannover am 28. Juni.

Schindzielorz freut sich

Fünfmal muss der VfL dabei auswärts antreten und somit auch reisen, vier Spiele finden im eigenen Stadion statt. Dabei sind zwei englische Wochen nötig, um die Saison bis Ende Juni über die Bühne zu bringen. Der kurzfristige Start in weniger als zehn Tagen ist für den VfL aber offensichtlich kein Problem. Andere Klubs hatten einen späteren Startzeitpunkt gefordert. Schließlich wurde seit Wochen nicht unter normalen Bedingungen trainiert. „Es ist eine besondere Situation und ich glaube nicht, dass uns eine Woche mehr Vorbereitung in eine andere Position oder eine perfekte Ausgangslage gebracht hätte“, sagt Schindzielorz.

Einige Tage zur möglichst optimalen Vorbereitung bleiben ja auch noch. Die Stadt Bochum hat am Freitag ihre Erlaubnis für ein geregeltes Mannschaftstraining erteilt. Trainer Thomas Reis ist am Vormittag direkt in die Vollen gegangen. Die Spieler des VfL hätten auch keine Berührungsängste gezeigt, und wenn, sei über mögliche Gefahren intern gesprochen worden, versichert Schindzielorz. Der Manager freut sich auf den Re-Start, obwohl der VfL in eine neue, jedoch altbekannte Gefahrenlage gerät: „Als Sportler möchte ich, dass der Auf- oder Abstieg auf dem grünen Rasen entschieden wird und nicht am Grünen Tisch.“

(Foto: Imago / Nordphoto)

Corona-Vorsorge

Neue Bedingung: VfL muss ins Quarantäne-Camp

Zum Glück hat der VfL Bochum gleich zwei Hotels in Stadionnähe. Vor dem möglichen Wiederbeginn der Saison könnte sich das als Vorteil erweisen. Denn die DFL hat ihr medizinisches Konzept in Zeiten von Corona noch einmal verschärft. „Als weitere Sicherungsmaßnahme werden mindestens die letzten 7 Tage vor Saisonbeginn als Trainingslager in Quarantäne verbracht“, heißt es darin. Das würde folglich auch für den VfL Bochum gelten. Genauere Details seien aber noch nicht geklärt, hieß es am Montag auf Nachfrage beim Verein. Zunächst sei die Lage unverändert. Erst mit einer Entscheidung der Politik, die für diesen Mittwoch erwartet wird, könnten Pläne konkreter werden.

DFL pocht auf Diskretion

Dann könnte nach wochenlangem Zaudern endlich feststehen, ob die Saison mit Geisterspielen fortgesetzt wird oder abgebrochen werden muss. Bislang waren die Signale der Politik fast durchweg positiv. Doch noch sind die Vereine und der Ligaverband verunsichert und deshalb vorsichtig, was sich in einer Art Nachrichtensperre niederschlägt. So hat der „Kicker“ am Montag eine interne E-Mail von Ansgar Schwenken, früher Vorstandsmitglied beim VfL Bochum und heute DFL-Direktor, öffentlich gemacht. Darin bittet Schwenken die Vereinsvertreter darum, die Ergebnisse der ersten Corona-Tests zunächst nicht zu veröffentlichen.

Am Nachmittag folgte dann eine Erklärung aus der DFL-Zentrale, die mehr oder minder Überraschendes zutage förderte: Von mehr als 1.700 untersuchten Spielern, Trainern und Betreuern aus der 1. und 2. Liga wurden insgesamt zehn Personen positiv auf Covid-19 getestet – zuvor waren nur drei Fälle aus Köln bekannt geworden. Welche anderen Klubs betroffen sind, geht aus der Pressemitteilung nicht hervor, lediglich Dynamo Dresden kommunizierte anschließend einen Fall in den eigenen Reihen. Beim VfL Bochum gab es jedenfalls keine Auffälligkeiten, sagte VfL-Geschäftsführer Ilja Kaenzig am Telefon. Die Testreihe werde nun fortgesetzt, auch mit dem Ziel, möglichst bald ins Mannschaftstraining zurückkehren zu können.

Spieler müssen aufpassen

Weil die Teams nach jetzigem Stand nur zeitweise und nicht für die gesamte Saison in ein Quarantäne-Camp müssen, kommt es nun auch verstärkt auf die Eigenverantwortung der Spieler an. Das hat die DFL zu Wochenbeginn noch einmal betont – aus guten Gründen. So diskutiert die Branche derzeit über ein Facebook-Video von Salomon Kalou. Der Spieler von Hertha BSC filmte sich bei einem Rundgang durch die Mannschaftskabine und ignorierte dabei sämtliche Hygiene- und Abstandsregeln. Auch seine Teamkollegen und zwei Vereinsmitarbeiter hielten sich nicht an die Vorgaben, die Grundlage für eine Fortführung der Saison sind.

Sorge vor fehlender Achtsamkeit ist auch bei einigen VfL-Profis nicht ganz unbegründet. Schon mehrfach in dieser Saison sind Spieler durch Disziplinlosigkeiten aufgefallen. Auch in Zeiten der Corona-Krise gab es schon Nachlässigkeiten. So posierte Silvere Ganvoula neulich auf Instagram für ein Selfie mit einer fremden Person – auch darauf sollen die Profis eigentlich verzichten. Ein Bochumer Friseur postete außerdem ein Foto von einem Hausbesuch bei Jordi Osei-Tutu. Diese Aufnahme soll aber, so die Auskunft des Friseurs auf Instagram, vor der Corona-Krise entstanden sein. Seit Montag können er und seine Stammkunden vom VfL aber aufatmen: Haare schneiden mit Mundschutz ist ab sofort wieder erlaubt. So sehen die Profis vor leeren Rängen immerhin gut aus.

(Foto: Pressefoto Eibner)