2:0-Sieg in Regensburg

VfL jetzt Zweiter: Zeit für Zärtlichkeiten

Noch während des Spiels blieb Zeit für Zärtlichkeiten. Als Torhüter Manuel Riemann den einzig gefährlichen Torschuss der Regensburger in der Schlussphase entschärfte, gab es von Kapitän Anthony Losilla ein Küsschen auf den Hals – als Dank für dessen Rettungstat. Weitere Zärtlichkeiten folgten nur wenige Augenblicke später, als der frisch eingewechselte Thomas Eisfeld den Ball bei einem Freistoß sehenswert in den Winkel hob und damit für den 2:0-Endstand sorgte. Die Bochumer bildeten eine Jubeltraube.

Zoller und Eisfeld treffen

Dass der VfL trotz einer ausbaufähigen Leistung – zumindest im vorderen Drittel – erneut drei Punkte holte, sagt viel über die Weiterentwicklung dieser Mannschaft aus. Selbst wenn sie nicht in Bestform ist, springt am Ende ein Sieg heraus. Das war schon gegen Darmstadt der Fall. Dass Spieler wie Danny Blum, Gerrit Holtmann oder auch Robert Zulj nach dem Jahreswechsel noch nicht ganz ihr Top-Niveau erreicht haben, lässt sogar hoffen für die nächsten Wochen. Das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft.

Und trotzdem gab es auch in Regensburg wieder Momente und Szenen zu bestaunen, die ein Ausdruck von gehobener Qualität sind. Nach 80 ereignisarmen Minuten schaltete Robert Zulj direkt vor dem gegnerischen Strafraum am schnellsten. Er führte einen Freistoß ohne zu zögern aus, legte ab auf Simon Zoller, der die völlig unsortierten und insgesamt harmlosen Gastgeber mit dem 1:0 überraschte. Dieser Geistesblitz war entscheidend, um den siebten Sieg aus den vergangenen neun Pflichtspielen einzuleiten.

Aufstiegsplatz für Bochum

Besser hätte dieses Wochenende für den VfL Bochum ohnehin nicht laufen können. Alle direkten Tabellennachbarn patzten: Fürth verlor schon am Freitag, und Kiel sowie der HSV kamen am Samstag nicht über ein Unentschieden hinaus. Die Chance auf Platz zwei zu klettern war also groß – und die Mannschaft von Trainer Thomas Reis nutzte sie. Das Zahlenwerk ist sowieso beeindruckend. 29 Punkte nach 15 Spielen hatte der VfL zuletzt in der Saison 2005/06 auf dem Konto – am Ende feierten Fans und Spieler den Aufstieg.

Dieses „böse“ Wort schon jetzt, vor dem Ende der Hinrunde in den Mund zu nehmen, gleicht in Bochum allerdings einem Tabubruch. Dabei ist es ja nicht verwerflich, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die vielleicht historische Chance zu begreifen, ohne gleich übermütig zu werden. Denn in diesem Jahr bieten sich besondere Umstände, vor allem aus zwei Gründen: Der VfL hat endlich ein gutes Team beisammen, und: In der Liga gibt es keine Übermannschaft. Eine, die so innig miteinander feiert, ohnehin nicht…

(Foto: Firo Sportphoto)

Sommertransfers

Bilanz: Holtmann bester Neuer – Bockhorn wie Tutu?

Einige VfL-Fans scherzten schon. Als der Verein am Sonntag bekannt gab, dass Eigengewächs Lars Holtkamp für ein halbes Jahr zum Wuppertaler SV wechselt, fragten sie in den sozialen Netzwerken zur Sicherheit kurz nach. Wirklich Holtkamp? Oder Holtmann? Zuletzt wurden die beiden in TV-Übertragungen immer wieder verwechselt.

Holtmann überzeugt mit seiner Dynamik

Dabei ist die Lage rein sportlich betrachtet ziemlich klar. Holtkamp soll Spielpraxis in der Regionalliga sammeln – und Holtmann bekommt sie gerade beim VfL Bochum. Der 25-Jährige, der im Sommer ablösefrei vom FSV Mainz 05 ins Ruhrgebiet gekommen ist, gehört seit Ende November zur Bochumer Startformation. Er ist damit der einzige Neuzugang, der zurzeit erste Wahl ist.

Holtmann hat sich auf der linken Außenbahn festgespielt, überzeugt vor allem mit seiner Dynamik und seinem Engagement. „Sein Einstand mit dem Platzverweis in Karlsruhe war natürlich etwas unglücklich. Aber danach hat er tolle Spiele gemacht und bewiesen, dass er uns weiterhilft“, sagt Trainer Thomas Reis und weiß, was Holtmann noch verbessern muss: „Er muss noch an seiner Abschlussqualität arbeiten, das weiß er aber auch.“ Holtmann traf bislang erst einmal: im Pokal gegen Mainz, ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub.

Chibsah muss sich noch steigern

Dabei haben ihm die fünf anderen Neuzugänge nur von der Bank oder gar vom Sofa aus zugesehen. Anders als Holtmann wurden sie aber größtenteils nicht mit dem Anspruch verpflichtet, sofort zum Stammpersonal zu gehören. Eher sollten sie den Kader in der Breite ergänzen und sich im Idealfall zu positiven, günstigen Überraschungen entwickeln.

Einzig Raman Chibsah erfüllt die Erwartungen bislang nicht so ganz. Der Ghanaer wurde geholt, um Anthony Losilla und Robert Tesche ihren Platz vor der Abwehr streitig zu machen. Doch Chibsah hat noch nicht bewiesen, dass er besser ist. Der 27-Jährige brachte eher Unruhe als Ordnung ins Bochumer Spiel. Zu früh abschreiben sollte man ihn allerdings nicht. Er wäre schließlich nicht der erste Neuzugang, der eine Anlaufzeit benötigt. Außerdem deuten knapp 100 Spiele in der italienischen Serie A darauf hin, dass in Chibsah noch Potenzial schlummern könnte.

Bockhorn gehört in Regensburg zur Startelf

Zeigen, was er kann, darf am kommenden Sonntag Herbert Bockhorn. Er wird den gesperrten Cristian Gamboa ersetzen. Zuletzt deutete der in Uganda geborene, aber in Deutschland aufgewachsene Neuzugang bereits seine Qualitäten an – jedoch in der Offensive. Gegen Darmstadt bereitete er kurz nach seiner Einwechslung sehenswert den Siegtreffer vor. In Regensburg wird Bockhorn nun als Rechtsverteidiger gefragt sein.

Diese Position ist ihm allerdings nicht fremd. In der Vergangenheit kam Bockhorn dort am häufigsten zum Einsatz. Thomas Reis vergleicht ihn deshalb sogar mit dem ehemaligen Bochumer Jordi Osei-Tutu: „Er bringt viel Dynamik mit. Wir haben ihn für hinten verpflichtet, aber er kann auch weiter vorne spielen. Das war bei Jordi ähnlich. Herbert belebt unseren Konkurrenzkampf auf beiden Positionen.“ Bockhorn war in der Saisonvorbereitung gleich zweimal verletzt, hat sich zuletzt aber immer mehr in den Fokus gespielt. Nun winkt der erste Startelfeinsatz.

Novothny und Bonga fehlen zurzeit

Wohl nicht zum Kader gehören werden am Sonntag die Neuzugänge Soma Novothny und Tarsis Bonga. Die beiden Angreifer sind zurzeit verletzt. Novothny hat sich bislang als gute Kaderergänzung erwiesen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bongas Qualitäten sind nach nur 20 Einsatzminuten in der Liga dagegen kaum zu bewerten. Talent bringt er aber ebenso mit wie Erhan Masovic, der sich im defensiven Mittelfeld am wohlsten fühlt. Für ein Urteil ist es aber auch bei ihm noch etwas zu früh.  

(Foto: Imago / RHR-Foto)

2:1-Sieg gegen Darmstadt

Bochum beweist: Dieses Jahr ist einiges möglich

Widerstandsfähigkeit hat sich der VfL Bochum schon vor vielen Jahren in sein Leitbild geschrieben. Gelebt wurde das nicht immer. Doch der 2:1-Sieg gegen Darmstadt zum Start ins neue Fußballjahr ist der beste Beweis dafür, dass die aktuelle Mannschaft so auftritt, wie es sich jeder in Bochum wünscht: Sie kämpft und probiert alles, lässt sich auch von Rückschlägen nicht beeindrucken, und gewinnt selbst nach einer eher mäßigen Leistung.

76 Sekunden reichen zum Sieg

Für die Wende benötigte das Team von Trainer Thomas Reis an diesem Samstag lediglich 76 Sekunden. Denn nach spannenden und ausgeglichenen, aber torlosen 80 Minuten ging es Schlag auf Schlag. Nachdem Darmstadts Tobias Kempe per Freistoß das 0:1 erzielte, schaltete der VfL den Turbo an und fand auch die Genauigkeit zurück, die in vielen Aktionen zuvor noch gefehlt hatte. Zunächst lenkte Kempe einen Kopfball von Anthony Losilla zum 1:1 ins eigene Tor. Und direkt danach war es eine gelungene Co-Produktion zweier Joker, die dem VfL den vierten Heimsieg in Folge bescherten. Herbert Bockhorn legte clever ab auf Milos Pantovic, der das entscheidende 2:1 erzielte.

Freimütig gab der Matchwinner hinterher zu: „Wenn ich sage, dass ich mir zu 100 Prozent sicher war, dass wir das noch drehen, würde ich lügen. Aber wir haben nicht aufgegeben und mit etwas Glück noch gewonnen.“ Thomas Reis wartete bis zum ersten Wechsel wie gewohnt recht lange, entschied sich dann aber für genau das richtige Personal. „Es hat mich gefreut, dass die Mannschaft sich von dem späten Gegentor nicht aus der Bahn werfen ließ. Da ist schon etwas zusammengewachsen“, lobt der Fußballlehrer die Widerstandsfähigkeit seiner Mannschaft zu Beginn eines wohl richtungsweisenden Monats. Fünf weitere Spiele stehen im Januar noch an.

„Wenn wir jetzt möglichst viele Spiele gewinnen, können wir uns oben festsetzen und dort lange bleiben“, sagt Reis. Dass in diesem Jahr für den VfL Bochum so einiges möglich sein könnte, ist seit einigen Wochen unverkennbar. Die Startelf steht und wird nur dann verändert, wenn es unbedingt sein muss. Aus einem Haufen Individualisten ist ein Team geworden. Und Trainer Thomas Reis lebt einen unbändigen Ehrgeiz vor. Nur das Wort Aufstieg steht bislang noch auf dem Index. Das hat natürlich Gründe. Schließlich ist die Hinrunde noch nicht vorbei, die Saison noch lang. Doch die Fans träumen längst und sprechen das auch offen aus.

Die Mannschaft will aufsteigen

Selbst in der Mannschaft weicht die Zurückhaltung der Gier nach mehr. Auch die Spieler sehen, dass es in dieser Saison kein dominantes Spitzenteam gibt – womöglich eine Chance für die seit mehr als zehn Jahren zweitklassigen Bochumer. Angreifer Simon Zoller geht deshalb in die Offensive: „Es gibt nichts Geileres als in der Bundesliga zu spielen. So ehrgeizig sollten wir alle sein, um das zu schaffen…“

(Foto: Firo Sportphoto)

Rückblick & Vorschau

Zum Jahreswechsel: Einfach mal dankbar sein

Liebe Leserinnen und Leser, liebe VfL-Fans,

seit einigen Tagen werden in Deutschland fleißig Spritzen gesetzt: Der erste Corona-Impfstoff ist da. Was mich aber irritiert: Begonnen wurde in Seniorenheimen. Nicht in den Mannschaftskabinen der Fußball-Bundesliga.

Klingt böse? Ist es auch. Doch ganz so abwegig ist das gar nicht. Der Fußball ist uns heilig. Seine Protagonisten genießen derzeit viele Privilegien – weil wir das so wollen. Wir ermöglichen ihnen Corona-Tests. Wir schauen oft weg, wenn Hygieneregeln missachtet werden. Wir schließen den Einzelhandel, die Kinos und sogar Schulen, aber in der Bundesliga geht es weiter. Das ist gar nicht vorwurfsvoll gemeint. Denn ohne Spiele wäre auf dieser Seite auch nichts los. Wir genießen die Ablenkung. Der Fußball bleibt ein Anker in schwierigen Zeiten. Vor allem jetzt, weil der VfL Bochum gerade so erfolgreich ist.

Was ich in diesem Jahr ein bisschen vermisst habe, ist die Dankbarkeit, vor allem von den Spielern. Was spräche dagegen, die sozialen Netzwerke auch mal für echte Inhalte zu nutzen? Ein nichtssagendes Foto weniger, ein paar kluge Gedanken mehr. Deshalb verbinde ich diesen Wunsch zugleich mit einem Lob an die Verantwortlichen des VfL Bochum. Denn sie haben verstanden, wie gut es ihnen eigentlich geht, trotz dieser Krise. llja Kaenzig, der Mann für die Finanzen beim VfL, hat in diesem Jahr kein einziges Mal gejammert – und wir haben häufiger telefoniert als üblich. Auch Sebastian Schindzielorz hat sich nicht beklagt. Und Trainer Thomas Reis hat nicht nur einmal betont, dass er froh ist, immer noch arbeiten zu dürfen. Viele andere können das nicht.

Was ich damit sagen möchte: Trotz Einbußen in diesem außergewöhnlichen Jahr ist immer noch genügend Geld im Umlauf, um alle, Spieler wie Mitarbeiter, ausreichend zu versorgen. Dem Fußball geht es gut. Und überhaupt: Gelitten hat allerhöchstens das Geschäft, nicht aber der Sport.

Sein Glück zu erkennen und Dankbarkeit zu zeigen, ist wirklich wichtig. Ich schreibe das nicht ohne Grund. Denn auch Tief im Westen – Das VfL-Magazin lebt von Wertschätzung. Mehr als 150 Texte sind in diesem Jahr erschienen. Dahinter stecken viele Stunden Arbeit und auch Kosten. Mich freut es ganz besonders, dass ihr das zu schätzen wisst. Denn die Bereitschaft, diese Seite, dieses Herzensprojekt von mir zu unterstützen, um die Berichterstattung über den VfL Bochum fortzusetzen, war in diesem Jahr besonders groß. Viele von euch waren bereit, freiwillig ihren Beitrag zu leisten. Das ist nach diesem Jahr, in dem viele von euch kämpfen mussten, sei es finanziell, gesundheitlich oder auf ganz andere Art, nicht selbstverständlich.

Lasst uns deshalb gemeinsam darauf hoffen, 2021 Stück für Stück zurück zur Normalität zu kommen, was auch bedeutet: Wieder im Stadion zu jubeln oder zu fluchen.

Vielen Dank, Glück Auf & bleibt gesund!

Wer „Tief im Westen – Das VfL-Magazin“ ebenfalls unterstützen möchte, hat selbstverständlich die Möglichkeit dazu. Meldet euch gerne unter rentsch@vfl-magazin.de. Auch eine PayPal-Überweisung an diese Mailadresse ist möglich.

(Foto: Firo Sportphoto)

Entwicklung

VfL Bochum: Diese Truppe ist ein Team geworden

Ein Like ist die Währung in den sozialen Netzwerken. Nach dem Pokalsieg in Mainz haben die VfL-Fans sogar einen Rekord geknackt. Rund 12.500 Anhänger markierten ein Jubelfoto aus der Mannschaftskabine mit einem Herzchen auf Instagram – so viele waren es in diesem Jahr noch nie. Pünktlich zum Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel hat die Euphorie in Bochum also ihren vorläufigen Höchststand erreicht. Bei der Ankunft der Mannschaft in der Nacht gab es am Stadion sogar einen Empfang. Die Ultras zündeten ein kleines Feuerwerk. Auch in dieser außergewöhnlichen Zeit wollen sie zeigen, dass es sie noch gibt.

Startelf und Spielstil gefunden

Mit so viel Freude und Überschwang war Anfang November noch nicht zu rechnen. Nach der Niederlage gegen Fürth war die Enttäuschung riesengroß. Von Spielkultur war die Mannschaft weit entfernt, beim VfL passte an diesem Tag wenig zusammen. „Da wurden wir noch als Abstiegskandidat tituliert“, erinnert sich Trainer Thomas Reis zurück. Trotz eines ordentlichen Saisonstarts, gemessen an den Punkten, schien die Anhängerschaft mit der Entwicklung nicht zufrieden. Doch aus der Kritik, auch an der Arbeit des Trainers, ist mittlerweile ein großes Lob geworden.

Seit dem Auswärtssieg in Hamburg ist der VfL Bochum kaum noch wiederzuerkennen. In dieser Zeit gab es fünf Siege aus sieben Partien, und vor allem: Endlich überzeugende Auftritte. Mit einer runderneuerten Startelf und einem veränderten Spielstil hat sich der Revierklub im oberen Tabellendrittel festgesetzt, begeistert mit einer enormen Laufbereitschaft, feinen Spielzügen und vielen Toren. Den Trainer freut das zwar, doch er relativiert auch gerne. „Mir geht das in der Beurteilung und Erwartung alles zu schnell“, bekennt Reis, der „froh“ ist über die „gute Entwicklung“, aber öffentlich keine allzu hohen Saisonziele verkünden möchte.

Mannschaft verkraftet auch Rückschläge

Doch die Fans spüren, dass in dieser Saison mehr möglich sein könnte, aus zwei Gründen. Zum einen: Die Liga ist so ausgeglichen, dass es kein Spitzenteam gibt, also keinen klaren Aufstiegsanwärter. Und zum anderen: Speziell in den letzten Wochen haben viele bemerkt, dass aus dieser Truppe endlich ein Team geworden ist, das füreinander kämpft, das sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lässt. Das Spiel in Mainz lieferte den besten Beweis dafür: Auch nach einem 0:2-Rückstand, der Roten Karte gegen Torhüter Riemann und etlichen Wadenkrämpfen gab niemand auf. Die Spieler motivierten sich gegenseitig.

Teamgeist ist beim VfL Bochum mittlerweile ein Erfolgsfaktor, und das ist deshalb so erwähnenswert, weil es vor einem Jahr noch ganz anders war. „Das war damals keine Mannschaft“, erinnert sich Thomas Reis an seine Amtsübernahme. Sein Vorgänger Robin Dutt erreichte mit seiner Art vor allem die sensibleren Zeitgenossen, etwa Tom Weilandt und Silvere Ganvoula; hatte aber zunehmend das Problem, auch die komplizierteren Typen zu bändigen. „Wir hatten sehr viele unterschiedliche Charaktere dabei. Das war nicht einfach“, gibt Reis offen zu.

Gute Stimmung in der Kabine

So schnell ließ sich das Chaos hinter der Kabinentür auch nicht lösen, es brauchte seine Zeit. Die allermeisten Spieler sind immer noch da, doch sie ziehen mittlerweile an einem Strang und in dieselbe Richtung. Reis schmunzelt, wenn er darüber spricht, sagt: „Ich war in meiner aktiven Zeit auch nicht immer einfach.“ Der Fußballlehrer mag personell wie taktisch nicht immer richtig gelegen haben, doch das Positive überwiegt – wozu auch sein Führungsstil gehört. Reis grätscht mitunter ordentlich dazwischen, mischt sich aber auch nicht in jede Kleinigkeit ein.

Neulich nannte er in einer Pressekonferenz ein Beispiel. So kam der junge Armel Bella Kotchap in der Vorsaison ständig zu spät zum Training. „Das ging der Mannschaft fürchterlich auf den Keks.“ Aber: Reis hielt sich heraus, schließlich sei er „nicht der Erziehungsberechtigte.“ Die Spieler regelten das also unter sich. Offenbar mit Erfolg. Interessant auch: Nach dem Sieg in Mainz, möglicherweise ein Schlüsselmoment für den weiteren Saisonverlauf, hat nicht nur der VfL, sondern auch jeder Spieler das Jubelfoto aus der Kabine gepostet. Selbst bei der Bildbeschreibung gab es große Übereinstimmung. „Team“ stand in dicken Lettern dabei, und dahinter mehrere Ausrufezeichen.

(Foto: Imago / Eibner)

Pokalfight in Mainz

Frohes Fest! Bochums krönender Abschluss

Manuel Riemann muss schreien, damit er glücklich ist. Nach dem gewonnenen Elfmeterschießen gab es kein Halten mehr. Alle Bochumer rannten auf Patrick Drewes los. Um den Ersatzkeeper bildete sich eine Jubeltraube, denn er hatte für das kürzeste Elfmeterschießen der Vereinsgeschichte gesorgt. Pantovic, Masovic und Ganvoula trafen für Bochum, die Mainzer dagegen kein einziges Mal. Zweimal ging der Ball ans Aluminium, und zum krönenden Abschluss hatte Drewes seine Finger im Spiel. Und Manuel Riemann? Er drehte sich um und jubelte auf seine Art.

Riemann sieht die Rote Karte

Der Adressat seiner Brüllattacke war vermutlich Schiedsrichter Martin Petersen. Denn der hatte den Torhüter in der fünften Minute der Verlängerung mit Rot vom Platz gestellt. Riemann war bei einem Mainzer Angriff aus seinem Tor und sogar aus dem Strafraum gestürmt, traf dabei den Mainzer Ji am Fuß und wurde des Feldes verwiesen – eine harte Entscheidung, weil Ji noch nicht in aussichtsreicher Position war. Petersen gab auch ansonsten keine glückliche Figur ab. Ihm fehlte eine klare Linie und er übersah zwei kritische Handaktionen im Mainzer Strafraum.

Der VfL kämpfte anschließend in Unterzahl weiter, und das auf eine Art und Weise, die höchste Anerkennung verdient. Mehrere Spieler waren von Krämpfen geplagt, Wechsel nicht mehr möglich. Doch alle machten weiter, sie retteten sich ins Elfmeterschießen. Dort wurde die Dramatik der Partie zum Glück nicht mehr übertroffen. Denn die 120 Minuten zuvor reichten schon, um die Bochumer Volksseele so kurz vor dem Weihnachtsfest noch einmal emotional zu packen, am Ende aber für ein frohes Fest zu sorgen. Dabei hatte das Spiel denkbar ungünstig begonnen.

Holtmann und Tesche treffen

Die Bochumer Erfolgself der vergangenen Wochen kassierte schon nach sieben Minuten den ersten Gegentreffer. Mainz lauerte im eigenen Stadion auf Konter und nutzte immer wieder Lücken im Bochumer Abwehrverbund aus, speziell auf der linken Seite. Auch Tempodefizite im Mittelfeld waren phasenweise nicht zu übersehen. Am Ball waren die Gäste aber mindestens ebenbürtig. Nur die Torchancen blieben lange Zeit aus. Und nach dem 0:2 durch den Ex-Bochumer Danny Latza in der 54. Minute schien die Partie fast schon entschieden.

Doch es ist eine positive Charaktereigenschaft der Bochumer Mannschaft, niemals aufzugeben. Aus dieser Truppe ist mittlerweile ein Team geworden. Der Anschlusstreffer durch Gerrit Holtmann brachte zusätzlichen Auftrieb. Der VfL zeigte, dass er mit einem Bundesligisten mithalten kann. Vielleicht nicht in allen Belangen, aber so, dass tatsächlich noch der Ausgleich fiel. Und das in der allerletzten Minute: Eine Hereingabe von Robert Zulj war so präzise, dass Robert Tesche nur noch den Kopf hinhalten musste und damit die Verlängerung erzwang.

Am 2. Januar geht es weiter

Die Mainzer waren nun mental am Ende, doch mit dem Platzverweis gegen Riemann hätte die Partie wieder kippen können – so weit kam es aber nicht. Die Bochumer nahmen die Abwehrschlacht an, wobei Mainz kaum noch etwas einfiel. So kämpfte sich der VfL ins erste Elfmeterschießen seit mehr als neun Jahren, das er schließlich souverän und ohne Nervenkitzel gewann. „Ein großes Kompliment an die Mannschaft, wie sie gefightet hat. Wir können einfach nur stolz sein und fahren überglücklich nach Bochum zurück“, sagt Trainer Thomas Reis.

Der Fußballlehrer kann sich sicher sein, dass dieser Erfolg neue Motivation freisetzt für den zweiten, weitaus längeren Saisonabschnitt. Mindestens 22 Pflichtspiele stehen noch auf dem Programm. In dieser Besetzung und in dieser Form könnte in dieser Saison tatsächlich einiges möglich sein – nicht nur im Achtelfinale, das Anfang Februar gespielt wird, sondern auch in der Liga, die schon am 2. Januar weitergeht. Bis dahin dürften auch alle Krämpfe überwunden und der Ärger bei Manuel Riemann verflogen sein…

(Foto: Imago / Jan Huebner)

Jahresabschluss in Mainz

VfL braucht das Pokalgeld – Bastians kein Thema

Ein sportlich gutes Jahr krönen – das ist das Ziel des VfL Bochum am Mittwoch im DFB-Pokal gegen den FSV Mainz 05. „Wenn man sieht, wie wir seit dem Re-Start im Mai gepunktet haben, sowohl in der vergangenen als auch in dieser Saison, können wir auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken“, sagt Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz, der sich wünscht, dass die Mannschaft so kurz vor dem Weihnachtsfest noch ein „Ausrufezeichen“ setzt. Der VfL fährt auf jeden Fall mit Selbstbewusstsein in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt.

„Natürlich wollen wir eine Runde weiterkommen. Wir haben eine gute Phase und wissen, dass im Pokal alles möglich ist“, gibt Top-Scorer Simon Zoller die Marschroute vor. Vermutlich wird Trainer Thomas Reis die Erfolgself der vergangenen Wochen nicht verändern. Im Vergleich zum Sieg gegen Heidenheim wird lediglich Robert Tesche für Erhan Masovic ins Team zurückkehren. In dieser Besetzung will der VfL auch seine Bundesligatauglichkeit prüfen.

Viel Unruhe in Mainz

Während die Bochumer als Tabellenvierter der 2. Liga in die kurze Weihnachtspause gehen, ist Mainz Vorletzter in der obersten Spielklasse. Das spricht dafür, dass beide Mannschaften sportlich gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Trainer Thomas Reis scheut im Vorfeld allerdings einen Vergleich: „Die Bundesliga ist eine Qualitätsliga. Wir spielen eher in einer Mentalitätsliga. Nur weil Mainz in der Tabelle weit unten steht, dürfen wir sie nicht unterschätzen. Wir müssen höllisch aufpassen.“ Entgegenkommen dürfte den Gästen aus dem Ruhrgebiet allerdings die Tatsache, dass bei den 05ern derzeit viel Unruhe herrscht. Trainer und Manager stehen angeblich vor dem Aus. Das träfe auch einen Ex-Bochumer, nämlich Rouven Schröder, der für die sportlichen Belange in Mainz verantwortlich ist.

Sieg wäre viel wert

Apropos Ehemaliger: Ein Bericht des Kicker-Sportmagazins führt seit Sonntag zu intensiven Diskussionen unter den VfL-Anhängern. Felix Bastians möchte nach seinem dreijährigen China-Abenteuer wieder in Deutschland oder der näheren Umgebung spielen. Gern würde er an die Castroper Straße zurückkehren. Der Abwehrspieler wäre sogar ablösefrei zu haben. Die Meinungen der Fans gehen auseinander, innerhalb der Vereinsführung herrscht aber Einigkeit.

Heißt: Wie schon im vergangenen Jahr ist Bastians kein Thema für einen Wintertransfer. Das hat verschiedene Gründe, auch finanzielle. Die Corona-Pandemie führt nach wie vor zu erheblichen Verlusten. Allein bis Juni 2021 plant der Klub mit einem Fehlbetrag von mehr als 9 Millionen Euro. Helfen könnten deshalb ungeplante Einnahmen im DFB-Pokal. Ein Sieg in Mainz würde dem VfL mehr als eine halbe Million Euro in die Kasse spülen. „Damit würden wir eher Löcher stopfen als neue Investitionen tätigen“, betont Schindzielorz.

(Foto: Firo Sportphoto)