0:3-Niederlage in Leipzig

Ein Gegentor kommt selten allein: Riemanns Schelte

Vielleicht wäre es ratsam, wenn Manuel Riemann nach den Spielen erst einmal tief durchatmet, bevor er wütend an die Mikrofone tritt – auch wenn wir Journalisten uns über so viel Offenheit in der Regel freuen. Nach der 0:3-Niederlage in Leipzig kritisierte Bochums Schlussmann seine Mitspieler für ihr Abwehrverhalten. Mit seinem Teamkollegen Elvis Rexhbecaj schimpfte Riemann schon nach dem zweiten Gegentreffer – der genaue Grund war zunächst unklar. Später erklärte Riemann, dass er Rexhbecaj eine Anweisung gegeben habe, die dieser ignoriert habe. „Wenn es da eine Meinungsverschiedenheit gab, dann werden wir das intern klären“, sagte Trainer Thomas Reis dazu. Doch daran hat sich Riemann nicht gehalten, er sprach über die Szene vor laufenden TV-Kameras. Dem Teamgeist und der Außendarstellung sind solche Konflikte, ausgetragen in aller Öffentlichkeit, eher nicht zuträglich.

Drei Gegentore binnen weniger Minuten

Riemann hatte aber noch mehr zu sagen. Ihm missfiel, dass seine Mitspieler beim 0:1 in der 70. Minute durch Andre Silva kaum Gegenwehr zeigten, und sich die Mannschaft danach aufgab. „Bei einer Ecke weiß ich, dass ich das eigene Tor verteidigen muss – aber offenbar wissen das nicht alle. Das war dumm“, kritisierte Riemann, ohne seine eigene Strafraumbeherrschung zu reflektieren. Silva, gerade frisch eingewechselt, stand völlig frei und konnte ungehindert einköpfen. Was danach geschah, brachte den Keeper fast noch mehr auf die Palme. „Bei mindestens acht Spielern ging der Kopf nach unten“, bemängelte er die Einstellung. Leipzig hatte nun leichtes Spiel, Christopher Nkunku traf doppelt binnen weniger Minuten. Riemann legte damit den Finger in die Wunde, denn genau das passierte dem VfL in ähnlicher Form schon in Köln, gegen Hertha und in München. Fällt das erste Gegentor, folgt das zweite sogleich.

Masovic stärker als Bella Kotchap

Insgesamt zeigte der VfL beim Vizemeister aber keine so schlechte Leistung, abgesehen von den ersten und den letzten 20 Minuten. Schon zu Beginn hatte Leipzig zu viele Räume, doch RB scheiterte am Video-Assistenten, der einen Elfmeter zurücknahm, am Aluminium oder am starken Manuel Riemann. Bochums Pressing war zu inkonsequent, einige Spieler – insbesondere Armel Bella Kotchap – verteidigten zu hoch. Hinzu kamen unnötige Ballverluste, Robert Tesche war mehrfach beteiligt. Reis beorderte den Routinier für Eduard Löwen ins Team, versprach sich von dieser Maßnahme mehr Präsenz in Luftduellen. Allerdings hatte Tesche erhebliche Probleme mit dem Spieltempo. Ein halbes Dutzend Leipziger Großchancen waren die Folge. Nach der Anfangsphase stabilisierte sich das gesamte Team, „bis zum 0:1 hatte Leipzig keine weitere Torchance“, stellte Riemann später fest.

Ganvoula aus dem Kader gestrichen

Weiter vorne rieb sich der kleine Takuma Asano gegen wuchtige Leipziger vergebens auf. Der Japaner spielte für Sebastian Polter. Im dritten Spiel in Folge blieb der VfL ohne Tor, weil kaum ein Angriff ordentlich ausgespielt wurde. Theoretisch wäre für die Mittelstürmer-Position auch Silvere Ganvoula eine Option, weil er Schnelligkeit und Körperkraft vereint. Nur hat er im Training offenbar wieder enttäuscht. Thomas Reis ließ ihn daheim, besetzte nur 18 von 20 Kaderplätzen, wobei Konstantinos Stafylidis kurzfristig ausfiel. Was genau Bochums Chefcoach zu bemängeln hatte, wollte er auf Nachfrage nicht verraten. „Ich habe mich für den bestmöglichen Kader entschieden“, sagte er nur, und war seinem Torhüter damit ein gutes Vorbild. Statt Ganvoula öffentlich zu kritisieren, schwieg er. Für die interne Problemlösung bleibt nun etwas Zeit. Es folgt die Länderspielpause, danach das eminent wichtige Spiel in Fürth. 

(Foto: Picture Point LE)

Fan-Boykott

Jedes VfL-Spiel ein Fest – nur in Leipzig nicht

Beim Auswärtsspiel in Wolfsburg waren Gästefans eigentlich gar nicht zugelassen. Doch die wenigen Bochumer, die mit Glück an Karten gekommen waren, haben zeitweise mehr Lärm gemacht als die 8.000 Fans der Heimmannschaft. Auch in Köln und München waren die VfL-Fans in der Unterzahl. Nur fünf Prozent der Tickets gehen aktuell an den Gastverein. Die Bochumer waren aber so laut, dass danach jeder wusste: Der VfL ist zurück in der Bundesliga.

Nur 500 Bochumer in Leipzig

Jedes Spiel ist für die Anhänger derzeit ein Fest, im eigenen Stadion sowieso. Am Wochenende, beim sogenannten Topspiel in Leipzig, wird das allerdings etwas anders aussehen: Von den knapp 1.100 angebotenen Tickets hat der VfL nur rund 500 verkaufen können – dabei hatten alle Fans und nicht nur Vereinsmitglieder und Dauerkarteninhaber Zugriff auf die Karten. Die Tickets für die Spiele in Köln und München waren dagegen binnen weniger Minuten vergriffen. Der Grund für die Zurückhaltung: Teile der Fanszene boykottieren das Spiel, ähnlich wie vor einigen Jahren, als der VfL noch in der 2. Liga zu Gast im früheren Zentralstadion war.

Die Geschichte dahinter ist bekannt: Nicht nur Bochumer bezeichnen den Klub RB Leipzig als Marketinginstrument des RedBull-Konzerns und lehnen ihn deshalb ab. Mit dem Kauf von Eintrittskarten wollen sie den Vizemeister der Bundesliga nicht zusätzlich unterstützen. In der Vergangenheit gab es stattdessen Aktionen am Ruhrstadion, etwa zur Verabschiedung oder Begrüßung der Mannschaft.

Die Verantwortlichen halten sich aus dem Thema weitgehend heraus, wie die Pressekonferenz vor dem Spiel gezeigt hat. „Das muss jeder für sich selber entscheiden, ob er uns nach Leipzig begleitet oder nicht“, sagte Trainer Thomas Reis auf Nachfrage. „Es geht ja in erster Linie darum uns zu unterstützen.“ Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz wich der Frage aus, ob der Boykott für ihn nachvollziehbar sei, und sagte nur: „Die, die vor Ort sein werden, werden uns sicher lautstark anfeuern – so, wie es immer der Fall ist.“ Schindzielorz lobte noch einmal die Stimmung bei den bisherigen Heim- und Auswärtsspielen: „Das war großartig. Diese Energie von den Rängen hat uns zusätzlich geholfen.“

Mehr Fans im Ruhrstadion

Nicht nur der Manager darf darauf hoffen, dass die Atmosphäre im Bochumer Ruhrstadion bald noch besser wird. Denn die neue Corona-Schutzverordnung des Landes NRW, die für den gesamten Oktober gilt, sieht weitere Lockerungen unter der 3G-Regel vor. Demnach darf der VfL – wie alle anderen Vereine auch – künftig jeden Sitzplatz sowie 5.000 Stehplätze belegen. Theoretisch dürften also mehr als 20.000 Fans ins Stadion kommen. Wie das in der Praxis aussehen wird, ist aber noch offen. Zuletzt waren 15.500 Fans beim Heimspiel gegen den VfB Stuttgart zugelassen, darunter 4.000 Zuschauer auf der Osttribüne.

Noch hat der VfL aber Zeit, die neue Verordnung konkret umsetzen. Die nächsten beiden Heimspiele finden erst Ende Oktober statt: Erst am Sonntagabend (24.10.) gegen Eintracht Frankfurt in der Liga, dann 71 Stunden später gegen den FC Augsburg im DFB-Pokal (27.10.). Fest steht nur: Fans, die bis dahin noch nicht vollständig geimpft sind, müssen ihre Schnelltests selbst bezahlen. Der Bund übernimmt die Kosten nur noch bis zum 11. Oktober.

(Foto: Firo Sportphoto)

Exklusive Einblicke

Gewinnspiel: Talk mit Reis im Fußballmuseum

+++ Update: Die beiden Gewinner, Thorsten S. aus Neuss und Julian M. aus Schwerte, sind ermittelt und wurden bereits benachrichtigt. Viel Spaß im Fußballmuseum und danke an alle für die rege Teilnahme am Gewinnspiel! +++

In seinem neuen Buch berichtet Erfolgsautor Ronald Reng von den Höhen und Tiefen in der Ausbildung dreier Nachwuchsfußballer. An diesem Donnerstag (7.10., 19 Uhr) stellt er sein neues Werk im Deutschen Fußballmuseum vor und trifft zur Diskussion auf VfL-Trainer Thomas Reis. Der Fußballlehrer wird ausführlich über seine Zeit als Jugendtrainer in Bochum und Wolfsburg berichten, Einblicke in die Arbeit mit Talenten gewähren und seine Philosophie näher vorstellen. Auch U17-Nationaltrainer Christian Wück wird mit dabei sein. Reng wird außerdem interessante Passagen aus seinem Buch vorlesen. Sein Werk vermittelt exklusive und bislang ungekannte Blicke hinter die Kulissen der großen Bundesliga-Vereine. 

Mehr Informationen zur Veranstaltung und Tickets gibt es HIER.

In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußballmuseum verlost ‚Tief im Westen – Das VfL-Magazin‘ 2 x 2 Tickets für die Veranstaltung. Was Ihr dafür tun müsst? Einfach eine kurze Mail mit dem Betreff „Fußballmuseum“ an gewinnspiel@vfl-magazin.de schicken, bitte mit euren Kontaktdaten! Das Gewinnspiel endet am Mittwoch (6.10.) um 10 Uhr. Anschließend werden die Gewinner per Zufallsprinzip ermittelt und benachrichtigt. Wichtig: Im Museum gilt die 3G-Regel. Ein entsprechender Nachweis ist inklusive Personalausweis mitzuführen.

Torgefahr

Flanken, Ecken und mehr: Was Reis verbessern will

Irgendwas ist immer. Vor dem Heimspiel gegen Stuttgart musste Thomas Reis viele Fragen zur Defensivleistung beantworten. Sieben Gegentore gab es in München, drei gegen Hertha und zwei in Köln. Reis reagierte, auch personell, und wurde belohnt: Gegen Stuttgart spielte der VfL zu Null. Ein eigenes Tor erzielte sein Team allerdings auch nicht. Vor dem schweren Auswärtsspiel in Leipzig gerät also die Offensive in den Fokus. Bochums Trainer versteht das und sieht es ähnlich: „Hinten gut zu stehen, ist die Basis. Gegen Stuttgart haben wir die Ordnung gehalten. Jetzt gilt es, den nächsten Baustein zu setzen.“

Zu überhastet

Flanken, Ecken, Freistöße, natürlich auch Abschlüsse – all das, was zu Toren führen kann, gilt es zu verbessern. „Wir waren ja nicht schlecht nach vorne, aber im letzten Moment nicht zielstrebig genug oder haben die falschen Entscheidungen getroffen“, analysiert Reis, der weiß: „In der Bundesliga ist alles schwerer.“ Weil die Gegner aufmerksamer sind, früher stören und die Räume enger werden. Weniger klare Torchancen sind die Folge. In dieser Statistik steht der VfL nach sechs Spielen auf Platz 16. „Gegen Stuttgart war auch das schon besser“, sagt der Trainer, der jedoch sah, dass in Strafraumnähe oft die Ruhe fehlte: „Manche Aktionen wirkten überhastet.“

Reis setzt in dieser Saison noch mehr auf schnelle Außenspieler, gegen Stuttgart waren es Christopher Antwi-Adjei und Gerrit Holtmann, unterstützt von Herbert Bockhorn und Danilo Soares. „Sie setzen sich gut durch, aber die Hereingaben müssen besser werden“, bemängelt Reis. Auch in der Mitte, wo der oder die Abnehmer lauern, gibt es Steigerungsbedarf. Angreifer Sebastian Polter agierte gegen Stuttgart eher unglücklich, war am Ende auch platt. Doch von Polters Form, der mangels Alternativen quasi gesetzt ist, hängt viel ab. Silvere Ganvoula ist für Reis offenbar keine ernsthafte Option, gegen Stuttgart blieb er 90 Minuten auf der Bank.

Zu ungenau

Als spielentscheidendes Element hat Bochums Trainer auch Standardsituationen wie Ecken und Freistöße identifiziert. Die waren bisher eher mangelhaft. Als Schützen hat der VfL nun Neuzugang Eduard Löwen ausgewählt, doch die Präzision fehlt noch. „Im Training kommen sie auf den Punkt“, versichert Reis. Doch warum nicht im Spiel? „Mehr Druck, weniger Ruhe, vielleicht ein bisschen Nervosität“, mutmaßt der Fußballlehrer, der aber betont, dass Standardsituationen weiter auf dem Trainingsplan stehen. Je nach Aufstellung wäre auch Danny Blum ein Kandidat für Freistöße oder Ecken. Der Linksfuß ist ebenso wieder fit wie Takuma Asano.

Beide sind vorerst nur Joker, drängen aber ins Team und wären Alternativen zu Antwi-Adjei und Holtmann, die in punkto Torgefahr ebenfalls noch zulegen müssen. Sie alle sollen und müssen auch den Ausfall von Simon Zoller kompensieren, der bislang an allen vier Saisontreffern beteiligt war. Der Angreifer wurde am Montag erfolgreich am linken Knie operiert. In Kürze wird er seine Reha beginnen, doch in dieser Saison wird der Publikumsliebling wohl eher keine Rolle mehr spielen. Über einen weiteren Transfer haben die Verantwortlichen kurz nach seiner Verletzung sogar nachgedacht, diese Idee aber schnell wieder verworfen.

Zu kompliziert

„Wir könnten momentan ja nur auf vertragslose Spieler zurückgreifen. Und die haben seit Mai kein Spiel mehr bestritten“, sagt Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz. „Es bräuchte also Wochen, bis der neue Mann spielfit wäre.“ Frühestens im Januar, wenn die zweite Transferperiode beginnt, könnte es sein, dass der VfL nachbessert, auch in der Offensive. Bis dahin setzt der Manager auf das Kollektiv: „Als kleinerer Verein in der Bundesliga können wir nicht jeden Stammspieler, der fehlt, gleichwertig ersetzen.“ Die Tore in Leipzig und in den Spielen danach müssen also die schießen, die schon da sind.

(Foto: Imago / Eibner)

Kommentar

Bochums 0:0 – zu wenig, wenn man ehrgeizig ist

Anthony Losilla brachte es nach dem 0:0 gegen den VfB Stuttgart auf den Punkt. Bei einem Blick auf die Tabelle sagte der Kapaitän: „Vier Punkte sind noch nicht so viel.“ Aber: „Ich bin davon überzeugt, dass wir noch einige Punkte holen werden, wenn wir immer dieses Gesicht zeigen.“ Damit meint der Routinier vor allem die Darbietungen im eigenen Stadion. Auch wenn der VfL zu Hause bislang eher leichtere Gegner erwischt hat: Es fällt auf, dass die Bochumer im Ruhrstadion deutlich besser sind als in der Fremde; mental stabiler, auch leidenschaftlicher.

Nach vorne zu harmlos

Im Grunde ist eine Punkteteilung gegen Stuttgart respektabel und erst einmal völlig in Ordnung. Trotzdem ist die bisherige Ausbeute angesichts vorzeigbarer, teilweise auch guter Leistungen im Ruhrstadion eher unbefriedigend. Gegen Mainz gab es den bislang einzigen Saisonsieg, gegen Hertha eine Niederlage und nun das Unentschieden gegen Stuttgart. Wenn man anspruchsvoll und ehrgeizig ist, hätte der VfL aus diesen Spielen mindestens sieben Punkte holen können, vielleicht sogar müssen. Hertha und Stuttgart waren an diesen Tagen definitiv schlagbar.

Bochum überzeugte an diesem Sonntag mit klugem Pressing und einem guten Zweikampfverhalten, ließ nur wenige Chancen zu und machte keine großen Fehler. Auch war es richtig, beide Flügelpositionen mit echten Flügelspielern zu besetzen, somit für mehr Tempo zu sorgen. Richtige Chancen blieben trotzdem Mangelware. Zwingend wurde der VfL nur selten. Zu ungenau und zu überhastet waren die wenigen Abschlüsse. In der Vorwärtsbewegung erinnerte vieles an das Heimspiel gegen Hertha: Gefällig und bemüht, aber nicht mehr.

Riemann schonungslos ehrlich

Die entscheidende Frage ist nun: Spielt der VfL schon am Limit oder ist in den kommenden Wochen noch eine weitere Leistungssteigerung möglich, auch auswärts oder zu Hause gegen stärkere Teams? Denn: Viel schwächere Gegner als eine angeschlagene und ängstliche Hertha oder der ersatzgeschwächte und kriselnde VfB werden in dieser Saison nicht mehr ins Ruhrstadion kommen. Oder um es mit den Worten von Torhüter Manuel Riemann zu sagen: „Bei aller Liebe: Wenn wir diese Spiele nicht gewinnen, wo sollen wir dann die Punkte holen?“

(Foto: Imago / Eibner)

Bochums Zentrum

Drei aus vier im Mittelfeld – oder eine Überraschung

Als blinden Aktionismus will Thomas Reis seine Planänderung nicht verstanden wissen. Der 47-Jährige hat nun aber auf das 0:7-Debakel beim FC Bayern und die beiden Niederlagen gegen Hertha und Köln reagiert. In dieser Woche gibt es zusätzliche Trainingseinheiten. Reis möchte an den offensichtlichen Defiziten arbeiten.

Sowohl in der Defensive als auch in der Offensive sind die Mängel beim Aufsteiger unübersehbar. Hinten wie vorne fehlt dem VfL die Konsequenz. Hauptansatzpunkt ist insbesondere die Verteidigung, die dringend verbessert werden muss, wollen die Bochumer wieder punkten. Reis spricht von teils „naivem Zweikampfverhalten“, Manager Sebastian Schindzielorz sieht „zu viele Chancen, die wir zulassen.“ Zu oft haben die Bochumer in den ersten fünf Partien dieser Saison nur zugeschaut statt beherzt einzugreifen. „Wir müssen eklig sein“, betont Thomas Reis immer wieder, wohlwissend, dass dies noch zu selten der Fall ist. Gegen den VfB Stuttgart am Sonntag will er vor heimischen Publikum deutliche Verbesserungen sehen.

Losilla und Rexhbecaj

Als Teil der Defensive, aber auch als Bindeglied zur Offensive, kommt dem Dreier-Mittelfeld dabei eine zentrale Bedeutung zu. Reis setzt in dieser Saison in der Regel auf einen Sechser und zwei Achter, wahlweise auch auf zwei Sechser und einen Zehner. Für diese drei Positionen gibt es mindestens vier Kandidaten: Kapitän Anthony Losilla, Routinier Robert Tesche, sowie die beiden Neuzugänge Elvis Rexhbecaj und Eduard Löwen. Gegen Mainz und Köln hat auch Milos Pantovic im zentralen Mittelfeld gespielt, aber nicht wirklich überzeugen können. Eine feste Formation hat Reis noch nicht gefunden, auch deshalb, weil Tesche nach seinem Platzverweis in Wolfsburg gesperrt und Löwen noch nicht fit war. Losilla und Rexhbecaj gehörten hingegen fünfmal zur Startformation.

Und jetzt gegen Stuttgart? Losilla ist auf der Sechs und der Acht einsetzbar, bei Bedarf sogar in der zuletzt wackeligen Innenverteidigung. Er ist Kapitän, ihn wird Reis wohl kaum auf die Bank setzen, wozu es – abgesehen vom mangelnden Tempo – auch keinen wirklichen Grund gibt. Rexhbecaj hat sich ebenso festgespielt, er kann auf der Sechs, der Acht und der Zehn agieren. Gegen die Bayern patzte er aber beim ersten Gegentreffer, als er die Freistoßmauer verließ; gegen die Hertha war er beim 0:1 und 1:3 zu passiv. Sicher ist ihm sein Platz auch nicht mehr.

Tesche und Löwen

Bleibt die Frage, wie Reis mit Tesche und Löwen plant. Tesche flog in Wolfsburg früh vom Platz, verpasste dann zwei Spiele, saß gegen Hertha nur auf der Bank und enttäuschte in München – wie alle anderen auch. Tesches Vorteil ist, dass er der einzige Spieler mit Startelfpotenzial ist, den Reis als „kontrollierenden Sechser“ bezeichnet, heißt übersetzt: Der, der am besten absichert. Er ist aber auch der, der das hohe Tempo am wenigsten mitgehen kann. Löwen punktet dagegen mit seiner grundsätzlich vorhandenen Standardstärke, die er bislang aber noch nicht auf den Platz bringen konnte. Reis mag dessen Spielweise aber und will ihn unbedingt als Leistungsträger aufbauen – vielleicht beginnt er damit schon gegen Stuttgart. Löwen kann im zentralen Mittelfeld ebenfalls alle Positionen bekleiden.

Je nach Verlauf der Trainingswoche ist aber auch eine Überraschung und ein Bundesliga-Debüt möglich. Sommerneuzugang Patrick Osterhage, der aus der Reserve des BVB nach Bochum gewechselt ist, hat bislang noch nicht spielen dürfen. Doch im Training und den Testspielen hinterlässt der Linksfuß einen guten Eindruck, ist fleißig, zeigt sein Talent. Reis will ihn behutsam ans Team heranführen, doch ist das in der Bundesliga überhaupt möglich? Einen perfekten Zeitpunkt für den ersten Einsatz dürfte es in dieser Saison wohl ohnehin nicht geben.

(Foto: Firo Sportphoto)

Härtetest in München

Ausfälle in der VfL-Abwehr schmerzen besonders

Einmal hat er Robert Lewandowski schon aus dem Spiel genommen. An diesem Samstag soll es ihm erneut gelingen. Armel Bella Kotchap wird gegen den Rekordmeister wieder zur Bochumer Startformation gehören. Im Heimspiel gegen Hertha BSC hat er sich zum Glück nicht schwerer verletzt. Es war nur ein Krampf in der Wade, der den U21-Nationalspieler in der Schlussphase stoppte und zur Auswechslung zwang.

Auch wenn ihm Cheftrainer Thomas Reis bisweilen noch etwas Naivität unterstellt – was sicher richtig ist – so ist der 19-Jährige schon jetzt nicht mehr aus der VfL-Abwehr wegzudenken. Gegen Mainz und Köln gehörte Bella Kotchap jeweils zu den Besten auf Bochumer Seite. Gegen Hertha war er jedoch an zwei Gegentreffern beteiligt: Beim zweiten, als er den Ball nicht richtig traf, und zum dritten, weil er im angeschlagenen Zustand nicht mehr so recht wusste, ob er nun angreifen soll oder nicht, und auch auf ein taktisches Foul verzichtete.  

Abwehr noch nicht sattelfest

„Im Prinzip macht er ja keine schlechten Spiele“, wurde Thomas Reis zu Wochenbeginn im ‚kicker‘ zitiert, „aber in einigen Situationen ist er noch zu unerfahren. Das ist ja auch nachvollziehbar.“ Insgesamt war Reis nach dem Spiel gegen Berlin mit der Defensivleistung nicht einverstanden. Auch gegen Köln und Wolfsburg waren seine Spieler in wichtigen Abwehraktionen zu zögerlich. Diese Fehler werden in der Bundesliga jedoch schnell bestraft, was der VfL am Sonntag zu spüren bekam. Dass nun ausgerechnet die wohl schwierigste Aufgabe der Saison – das Auswärtsspiel bei den Bayern – wartet, lässt den Übungsleiter jedoch nicht unruhig werden.

Obgleich er in der Abwehr erneut schauen muss, wer überhaupt zu Verfügung steht. Maxim Leitsch, neben Bella Kotchap eigentlich gesetzt, fällt weiter aus, muskuläre Probleme verhindern seinen Einsatz. Also muss sich Thomas Reis zwischen Saulo Decarli und Vasilios Lampropoulos entscheiden. Für den Griechen spricht, dass er in dieser Saison noch kein Spiel verpasste und in allen Partien (fast) über 90 Minuten auf dem Rasen stand, mit den Abläufen also bestens vertraut ist. Gegen ihn spricht allerdings, dass er in Köln und auch gegen die Hertha an (fast) allen Gegentreffern beteiligt war. Der 31-Jährige müht sich nach Kräften, muss sich aber ordentlich strecken, um in der Bundesliga dauerhaft mithalten zu können – vor allem, wenn es gegen Top-Gegner wie den FC Bayern geht.

Lampropoulos oder Decarli?

Zu vermuten ist, dass Lampropoulos auch an diesem Samstag zur Startformation gehören wird. Vielleicht erinnert sich Reis aber auch an das Pokalspiel im Oktober 2019 zurück, als der VfL die Sensation gegen das Starensemble aus München nur knapp verpasste. Da verteidigte der damals erst 17-jährige Bella Kotchap im Zentrum zusammen mit Saulo Decarli. Der Schweizer steht zur Verfügung, allerdings fehlt ihm die Spielpraxis.

So oder so: Der VfL hat sich in der Abwehr noch nicht ganz gefunden. Grundsätzlich gibt es ja eine Wunschbesetzung, doch noch haben Bella Kotchap und Leitsch in dieser Saison nicht zusammengespielt, von der ersten Halbzeit in Wuppertal einmal abgesehen. Beide haben großes Potenzial und schon jetzt ein gutes Spielniveau, sind aber noch jung und unerfahren in der Bundesliga. Fällt einer von ihnen aus, wird die Leistungslücke dahinter offensichtlich. In der Abwehr schmerzen Ausfälle derzeit besonders und können weniger gut ausgeglichen werden als etwa auf der offensiven Außenbahn, wo gleich, vier, fünf Spieler auf einem ähnlichen Niveau miteinander konkurrieren. Für einen Aufsteiger ist das aber nicht ungewöhnlich.

Stafylidis bleibt Rechtsverteidiger

Thomas Reis musste schließlich auch schon auf den Außenpositionen improvisieren. Links ist Danilo Soares zwar vorerst gesetzt, rechts durften sich in dieser Saison aber schon drei Spieler versuchen, allerdings gezwungermaßen. Cristian Gamboa, der in Wolfsburg erhebliche Probleme offenbarte, gegen Mainz aber ein gutes Spiel machte, fällt nach einer Arm-OP noch für einige Wochen aus. Herbert Bockhorn ersetzte ihn gegen Köln, wirklich vertreten konnte er Gamboa aber nicht. Reis reagierte und setzte gegen Hertha auf Konstantinos Stafylidis, eigentlich ja Linksverteidiger. Defensiv zeigte der Leihspieler aus Hoffenheim eine ordentliche Leistung, in der Vorwärtsbewegung blieb er jedoch blass. In München wird er die Chance erhalten, es (noch) besser zu machen und sich mit den Besten der Liga zu messen.

(Foto: Imago / Sven Simon)