Klassenerhalt

VfL bleibt erstklassig! Platzsturm und Bochumer Partynacht

An den Schallschutz hat beim Bau des Bochumer Ruhrstadions zum Glück noch keiner gedacht. Thomas Letsch saß gerade in der Pressekonferenz, als er den Lärm von draußen hörte. Hunderte VfL-Fans versammelten sich unter dem Fenster des Medienzentrums und riefen den Namen des Trainers. Und es dauerte nicht lange, bis Letsch mit seinem Stuhl vorrollte und das Fenster öffnete. Er beruhigte zunächst die Masse, um dann selbst das erste Fanlied anzustimmen. „Es gibt nur eine Sache…“, rief er in die Menge, und die Fans übernahmen den Rest. So ausgelassen und freudestrahlend haben die Bochumer ihren Coach noch nie erlebt.

Es war der Höhepunkt der letzten Pressekonferenz der Saison, in der sich Letsch ansonsten zurückhielt: „Eine Analyse interessiert doch keinen. Wir haben es geschafft, in der Liga zu bleiben. Wir freuen uns, und die Fans da draußen freuen sich auch, diese Verrückten.“ Was er ausschließlich positiv meinte. Die wenigen Nachfragen zielten darauf ab, wie die Feierlichkeiten am Abend aussehen könnten. Letsch wusste es nicht genau, verließ den Presseraum und erkundigte sich bei Marc Lettau. Der nannte eine Uhrzeit und den Treffpunkt: Das Bermuda-Dreieck. Wie schon im vergangenen Jahr nach dem Derbysieg und Klassenerhalt in Dortmund hatte der VfL das Three-Sixty für Spieler, Angehörige, Mitarbeiter und einige mehr reserviert. 

Es wurde eine rauschende Partynacht, in der Spieler und Trainer sangen und tanzten, teilweise sogar auf den Tischen, mit etlichen Fans direkt daneben. Als der Verfasser dieser Zeilen die Feier gegen 2 Uhr nachts verließ, war ein Ende noch nicht in Sicht. Dass sich der Verein für seine Klassenerhaltsfete keinen noblen Club ausgesucht hatte, sondern ein Lokal mitten in der Stadt, mitten im Bermuda-Dreieck, gibt es im Jahr 2023 wohl nur noch beim VfL Bochum. Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Manuel Riemann, war die gesamte Mannschaft vor Ort. Riemann schien den Tag und die Geschehnisse noch verarbeiten zu müssen, feierte zwar mit den Fans auf dem Rasen, später aber in Ruhe mit der Familie.

Schon kurz vor dem Abpfiff brach der Keeper in Tränen aus, so sehr hatte er in den vergangenen Wochen unter der Tabellensituation gelitten. Nicht nur von ihm fiel eine riesengroße Last ab. Auch von seinen Teamkollegen, den Verantwortlichen, den Mitarbeitern – und natürlich von den Fans. Sie alle haben äußerlich oder innerlich mitgezittert, die Nervosität vor dem Spiel war greifbar. Doch der Tag, der mit einem beeindruckenden Fanmarsch von mehr als 5.000 Bochumern aus der Innenstadt zum Stadion begann, lief wie gemalt, auch sportlich. Leverkusen kassierte früh einen Platzverweis, der VfL ging in Überzahl mit 1:0 in Führung und legte das zweite Tor noch vor der Pause nach. Philipp Förster und Takuma Asano waren die gefeierten Fußballhelden.

Die Zwischenergebnisse von den anderen Plätzen machten plötzlich sogar eine Rettung ohne Relegation möglich. Gladbach führte gegen dezimierte Augsburger, Schalke lag früh gegen Leipzig in Rückstand – viel veränderte sich nicht mehr. Im Grunde hätte sich der VfL an diesem Tag, an dem mit Stuttgart sogar der dritte Konkurrent im Tabellenkeller patzte, nur noch selbst schlagen können. Das passierte aber nicht. Stattdessen legte Kevin Stöger kurz vor dem Abpfiff das dritte Tor nach. Der Rest war Jubel, es gab kein Halten mehr. Die Fans stürmten auf den Platz, zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren. Nicht nur im Bermuda-Dreieck, auch an anderen Orten in der Stadt ging die Party bis tief in die Nacht weiter. Bochumer Fußballherz, was willst du mehr…  

Mit Tief im Westen – Das VfL-Magazin ins dritte Bundesliga-Jahr…


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