1:2 gegen Münster

Bochum ohne Torgefahr: Zwei Neue gegen die Krise

Die Marketingabteilung des VfL Bochum hatte für das Heimspiel gegen Preußen Münster einen bescheidenen Wunsch und schrieb diesen auf zahlreiche Ankündigungsplakate. „Einen Mü besser“ als die Gäste sollte der Revierklub sein, was nach dem mehr als holprigen Saisonstart ganz bestimmt jeder Fan unterschrieben hätte. Doch es folgte die dritte Niederlage im vierten Ligaspiel. Der Eindruck der vergangenen Wochen – teilweise sogar der Saisonvorbereitung – verfestigt sich weiter: Dieser VfL ist noch weit von seinen eigenen Ansprüchen entfernt und auf dem Weg in eine erste Krise, vielleicht sogar schon dort angekommen. Das 1:2 im eigenen Stadion offenbarte sehr ähnliche Defizite wie zuletzt: Die Gegentreffer waren das Resultat individueller Fehler, während es auf der anderen Seite an Kreativität, Tempo, guten Standards und Durchschlagskraft mangelte, kurz: an Torgefahr.

Es ist erschreckend und wenig überraschend zugleich, dass der VfL nach dem zweiten Gegentreffer kurz nach der Halbzeitpause keine nennenswerte Torchance mehr verbuchte. Eine Schlussoffensive brachte das Team von Trainer Dieter Hecking trotz – oder wegen – zahlreicher Ein- und Auswechslungen nicht zustande. Die logische Folge: Das lange Zeit so geduldige Publikum bedachte die Mannschaft hinterher mit Pfiffen. Kapitän Matus Bero gefiel das gar nicht. Er wollte deshalb nicht mehr zur Osttribüne gehen, lief auf Anraten von Gerrit Holtmann aber doch nicht in die Kabine, sondern an den Zaun zu den frustrierten Fans. Bero erklärte später im Interview, dass er zu emotional reagiert habe, weil er seinen Teamkollegen keinen Vorwurf machen könne. Jeder habe alles gegeben.

Zwei Gegentreffer

Das wiederum verdeutlicht das Grundproblem: Der VfL war an diesem Samstag nicht der Verlierer, weil die Einstellung oder Aufstellung nicht gepasst hat, sondern weil es individuelle Qualitätsmängel gibt. Auch wenn die eigene Grundidee nach wie vor nur zu erahnen ist, ist es Hecking immerhin gelungen, die Mannschaft auf die Herangehensweise von Münster und zuletzt auch von Schalke einzustellen. Bestes Beispiel: Das hohe Anlaufen gegen die meist flach herausspielenden Münsteraner hat zunächst gut funktioniert. Mehrfach eroberte der VfL in Strafraumnähe den Ball, schaffte es aber nicht, daraus Torgefahr zu kreieren. „Wir spielen dann viel zu unsauber, mehrfach ist uns der Ball sogar an die Hand gesprungen. Da verzweifelt man, das ist zermürbend“, sprach Torwart Timo Horn vielen Stadionbesuchern aus der Seele und gab unumwunden zu: „Ich kann die Reaktion der Fans verstehen. Die Kritik hat sich die Mannschaft nach so einem Start einfach anzuhören.“

Horn sparte generell nicht mit Kritik, betonte auch: „Der Torwart der Münsteraner musste in der zweiten Halbzeit keinen Ball halten. Das dürfen wir auch nicht schönreden. So gewinnt man keine Spiele.“ Die Defizite an insgesamt sieben Ausfällen festzumachen, wäre zu einfach, teilweise taten die Wechsel dem Bochumer Spiel sogar gut. Vor allem der 18-jährige Francis Onyeka, der 19-jährige Cajetan Lenz und der ebenfalls erst 19-jährige Kjell Wätjen haben sich für weitere Startelfeinsätze empfohlen, während arrivierte Kräfte wie die zuletzt angeschlagenen Kevin Vogt und Bero, aber vor allem Felix Passlack und Gerrit Holtmann enttäuschten. Vogt und Passlack waren maßgeblich für das erste, Holtmann und Passlack für das zweite Gegentor verantwortlich. Auch Philipp Hofmann trat einzig beim 1:1 positiv in Erscheinung.

Zwei Neuverpflichtungen

Um die Torgefahr alsbald zu erhöhen, befindet sich der VfL Bochum nach wie vor auf der Suche nach Verstärkung. Bis zum Transferschluss am Montagabend sollen im Idealfall noch zwei neue Spieler kommen. In einem Fall steht eine Vertragsunterschrift sogar schon unmittelbar bevor. Der 19-jährige Farid Alfa-Ruprecht soll für eine Saison von Bayer Leverkusen ausgeliehen werden, war am Samstag bereits im Bochumer Stadion. Er soll den Kaderplatz von Samuel Bamba einnehmen, der trotz der anhaltenden Offensivprobleme nicht zum Einsatz kam und deshalb auf eigenen Wunsch zu Willem II Tilburg in die zweite holländische Liga ausgeliehen wurde. Alfa-Ruprecht ist technisch deutlich stärker, sehr schnell und ein klassischer Flügelstürmer. Er stammt gebürtig aus Hamburg und hat bis vor einem Monat für die U21 von Manchester City gespielt. Profierfahrung bringt er noch keine mit.

Zusätzlich wollen Sportchef Dirk Dufner und Trainer Dieter Hecking noch einen Nachfolger für Moritz Broschinski präsentieren. „Wir arbeiten intensiv daran, noch einen Spieler mit Abschlussqualität zu verpflichten. Ob uns das gelingt, werden wir sehen“, sagte Dufner nach dem Spiel gegen Münster und äußerte sich dabei auch zu den Ereignissen der vergangenen Tage. Auf den letzten Metern war die Verpflichtung von Yusuf Kabadayi geplatzt, weil Teile der Vereinsführung ihr Veto eingelegt hatten. Der Spieler des FC Augsbueg war in der Vergangenheit mehrfach negativ aufgefallen, es gab sogar einen Strafbefehl gegen ihn. „Wir fanden ihn sportlich sehr interessant, haben uns aber demokratisch gegen eine Verpflichtung ausgesprochen“, erklärte Dufner, der ein Befürworter eines Transfers war, nun aber sagte: „Diese Entscheidung trägt jeder mit, da wird nichts hängen bleiben.“

Zwei Woche Pause

Das ist mit den sportlichen Resultaten gewiss anders. Mit drei Punkten muss sich der VfL in der Tabelle mindestens für den Moment eher nach unten als nach oben orientieren. Obacht: In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Bundesliga-Absteiger, die plötzlich erneut im Abstiegskampf gelandet sind – nur eine Liga tiefer. Deshalb soll und muss die nun anstehende Länderspielpause genutzt werden, um an den Defiziten zu arbeiten, angeschlagene Spieler wieder einsatzfähig zu machen und mit der Integration der Nachverpflichtungen zu beginnen. Nur mit baldigen Erfolgserlebnissen wird es gelingen, die unzufriedenen Fans wieder zu besänftigen. Das weiß nicht nur Dufner: „Es war klar, dass wir nach dem Abstieg relativ schnell etwas zurückgeben müssen und es anderenfalls unruhig werden kann.“ Schließlich ist es weniger als zweieinhalb Jahre her, als der VfL mehr als nur einen „Mü“ (eigentlich: My) besser war als die Preußen. Da lagen noch ganze drei Ligen zwischen den westfälischen Traditionsklubs.


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(Foto: Imago / Sven Simon)