Als passionierter Teetrinker greift Uwe Rösler vor und nach den Spielen im Bochumer Ruhrstadion meist zum einfachen Pappbecher. Gläser gibt es im Presseraum nicht, nur im übertragenen Sinne. In der Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen 1. FC Kaiserslautern hatte Uwe Rösler auf Nachfrage eines Journalisten noch minutenlang darüber philosophiert, wie voll das Glas nach einem Sieg, sieben Unentschieden und der Niederlage in Düsseldorf nun sei. Die Quintessenz: Der Trend sei unerfreulich, aber noch nicht besorgniserregend – die Partie gegen die Pfälzer also wegweisend. Entsprechend groß war die Erleichterung am späten Samstagabend, als sich der VfL als verdienter Sieger in die Nacht verabschiedete. „Das kann man als Befreiungsschlag bezeichnen“, sagte Mats Pannewig nach der Partie.
Der Jubel an der Castroper Straße bei Abpfiff war so laut wie lange nicht mehr. Auch während des Spiels war die Unterstützung besser als zuletzt. „Die Zuschauer haben abgewartet, wie wir auf das Spiel in Düsseldorf reagieren. Wir haben es geschafft, sie schnell auf unsere Seite zu ziehen.“ Auch beim zwischenzeitlichen Rückstand wurde es nicht wesentlich leiser. „Weil sie gesehen haben, wie wir spielen“, stellte Rösler mit Stolz fest. „Ohne sie hätten wir das Spiel nicht gedreht.“ In einer unterhaltsamen Partie mit einer frühen Bochumer Führung sowie einer druckvollen und dominanten war der Heimsieg zeitweise nicht absehbar. Denn die Gäste nutzten ihre wenigen Gelegenheiten, um die Partie zeitweise auf den Kopf zu stellen. Ein Doppelschlag durch Callum Marshall und Pannewig brachte die Wende.
Dabei war der Einsatz von Joker Marshall lange fraglich. Rund eine Stunde vor dem Spiel testeten die Bochumer seine Einsatzfähigkeit, schickten den Nordiren bereits vor dem Aufwärmen auf den Platz. Marshall signalisierte, im Bedarfsfall spielen zu können, und erzielte nach einer feinen Vorarbeit des starken Koji Miyoshi den Ausgleich. Ein erneutes Remis hätte dem VfL aber nicht wirklich weitergeholfen. „Das hatten wir oft genug. Es tut gut, mal wieder zu gewinnen, gerade vor heimischer Kulisse. Wir haben uns ein bisschen freigeschwommen“, sagte Torwart Timo Horn, der seinen Kollegen nach dem Spiel in Düsseldorf noch eine „grottenschlechte Leistung“ attestiert hatte. Mit einer verbesserten Zweikampfführung und auch einer fußballerischen Steigerung gewann der VfL dieses Schlüsselspiel.
Einziges Manko mal wieder: die Schwächen im Spielaufbau, insbesondere durch Philipp Strompf, der sich mehrfach haarsträubende Abspielfehler leistete und auch beim 1:1 unaufmerksam war. Die Abwehrzentrale blieb im Gegensatz zu anderen Mannschaftsteilen unverändert. Insgesamt fünf Wechsel nahm Rösler im Vergleich zur Düsseldorf-Pleite vor, wobei die Rückkehr von Maximilian Wittek und Francis Onyeka nur allzu logisch war. Oliver Olsen feierte sein Startelf-Debüt, Kapitän Matus Bero sein Comeback. Zum ersten Mal unter Rösler blieben Leandro Morgalla und Cajetan Lenz zunächst nur auf der Bank. „Sie brauchten eine Pause“, erklärte der Fußballlehrer am späten Abend, als er mal wieder einen Pappbecher in der Hand hielt: prallgefühlt, allerdings mit einem Kaltgetränk, das den Spielverlauf würdigte.
Einen Wermutstropfen gab es am Ende aber dennoch: Pannewig sah seine fünfte Gelbe Karte und wird am kommenden Samstagabend beim Duell gegen die Hertha in Berlin fehlen, zu dem sich mal wieder mehrere tausend Bochumer auf den Weg machen werden. Der VfL könnte den Monat März nutzen, um den Klassenerhalt bereits weitestgehend einzutüten. Aktuell sind es sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Ein wachsender Abstand würde die Planungen erleichtern. Schließlich hat fast die Hälfte der gegen Kaiserslautern eingesetzten Spieler, nämlich sieben von 16, für die kommende Saison keinen Vertrag mehr mit dem VfL. Insbesondere Marshall und Onyeka würden fehlen. Letzterer wird wahrscheinlich nach Leverkusen zurückkehren. Die Werkself ließ ihn beim 3:2-Sieg erneut beobachten.
(Foto: Imago / Revierfoto)
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