Der Wettergott hätte etwas gnädiger sein können. Bei Außentemperaturen weit jenseits der 30 Grad trafen sich die Profis des VfL Bochum am Mittwochmorgen zur obligatorischen Leistungsdiagnostik samt Medizincheck. Einen Tag später bittet Trainer Uwe Rösler zur ersten Trainingseinheit auf dem Stadionrasen. Insgesamt sechseinhalb Wochen wird sich der VfL auf die neue Saison vorbereiten, mindestens sieben Testspiele sind in dieser Zeit geplant, unter anderem gegen Ajax Amsterdam, Werder Bremen und Sheffield United. Rösler will seine Spieler fördern und fordern, vor allem aber muss er eine neue Mannschaft formen. Zahlreiche Stammkräfte haben den Klub verlassen, zwölf Abgänge sind es in Summe, Noah Loosli bereits eingerechnet. Der Schweizer, dem die Bochuner bereits vor geraumer Zeit ein Vertragsangebot vorgelegt haben, hat sich die Tür mit seinem langen Zögern nun wohl selbst zugeschlagen.
Sieben Neuzugängen schon da
Denn mit Michael Steinwender haben die Verantwortlichen bereits einen Ersatz präsentiert. Der Österreicher hat zuletzt für den schottischen Vizemeister gespielt und ist einer von drei Innenverteidigern im neuen Bochumer Kader. Nach den Abgängen von Kevin Vogt, Erhan Masovic und eben Loosli war der Handlungsbedarf groß. Einzig Philipp Strompf bleibt dem VfL erhalten. Er tritt unter anderem mit Yigit Karademir in den internen Konkurrenzkampf. Der Neuzugang vom VfL Osnabrück ist mit 22 Jahren der jüngste Bochumer Neuzugang, dicht gefolgt von Babis Drakas (23), dem neuen Flügelstürmer aus der Regionalliga-Mannschaft des BVB. Alle anderen Neuen – Steinwender (26), Jean Manuel Mbom (26), Berkan Taz (27), Enis Cokaj (27) und Daniel Hanslik (29) – befinden sich in etwa in der Mitte ihrer Laufbahn.
Weil sechs der fortgegangenen Spieler höchstens 21 Jahre alt waren, steigt der Altersschnitt der Mannschaft zunächst wieder an, wenngleich die zwischen Profis und Jugend pendelnden Talente noch nicht einberechnet sind. Mit Kacper Koscierski, Darnell Keumo, Gustav Schjott, Tom Meyer, Moritz Göttlicher, Lasse Isbruch, Alessandro Crimaldi und Luis Pick dürfen sich in der Saisonvorbereitung gleich acht Jungprofis beweisen. Die Hoffnung ist groß, dass sich der eine oder andere im Team von Uwe Rösler festspielt, aus sportlichen wie auch aus wirtschaftlichen Gründen. Angesichts dieser Dichte an Talenten wird sich für Rösler womöglich auch nicht jeder Transferwunsch erfüllen lassen; anderenfalls gerät der Kader aus den Fugen. Zählt man die Talente dazu, verfügt der VfL aktuell über 31 Spieler.
Ablösefrei und mit Spielpraxis
Eingerechnet sind dabei aber auch Ibrahim Sissoko, Mathis Clairicia, Samuel Bamba und Lirim Jashari. Sie sind nicht mehr für den Profikader eingeplant, beziehen aber weiterhin ein teils üppiges Salär. Kein Wunder also, dass von bis zu zehn möglichen Neuzugängen zum Trainingsstart erst sieben dabei sind. Wobei die Quote für Ende Juni und verglichen mit der Konkurrenz ziemlich gut ist. Was auffällt: Bis auf Steinwender hat der VfL nur ablösefreie Akteure verpflichtet. Leihspieler sind keine dabei, zudem sind fast alle Neuen der deutschen Sprache mächtig. Dass die Kaderplaner für Steinwender eine Ablöse von rund einer halben Million Euro gezahlt haben, spricht für ihre Überzeugung – woran sie natürlich auch gemessen werden. Fehlgriffe kann sich der Klub weder sportlich noch wirtschaftlich leisten.
Die Frage, welche Neuzugänge auch Verstärkungen sind, lässt sich noch nicht seriös beantworten. Auf Anhieb ist jedenfalls niemand dabei, bei dem die Wahrscheinlichkeit an Sicherheit grenzt. Zwar bringen quasi alle Neuen reichlich Spielpraxis und Selbstvertrauen aus der Vorsaison mit, bis auf Hanslik und mit Abstrichen Mbom verfügen sie aber über keine nennenswerte Zweitliga-Erfahrung. Aus den bisherigen Verpflichtungen ergeben sich durchaus einige Fragen: Wieso hat es Taz trotz seiner fußballerischen Genialität bislang nie über die 3. Liga hinaus geschafft? Wie schnell gewöhnt sich Schlüsselspieler Cokaj an die höhere Intensität und das Tempo in Deutschland? Ist Steinwender schneller und spielstärker als Loosli? Und ist Drakas, der schon in der 3. Liga Probleme hatte, wirklich gut genug?
Kader ist noch nicht komplett
Klar ist: Die Neuen müssen mindestens genauso gut sein wie die Abgänge, nach einer durchwachsenen Saison eigentlich noch besser. Auch deshalb haben sich die Verantwortlichen anspruchsvolle Testspielgegner ausgesucht, um mögliche Schwachstellen rechtzeitig zu identizieren oder eigenen Talenten das Vertrauen zu schenken. So oder so sollen aber noch zwei bis drei Neue dazukommen. Für die Abwehrzentrale benötigt der VfL einen weiteren potenziellen Stammspieler. Auch die offensiven Außenbahnen sind noch nicht ideal besetzt. Der Bedarf auf der Achter-Position ist hingegen zu überprüfen: Zum einen, weil Mats Pannewig schneller wieder fit wird als gedacht; zum anderen, weil mit Isbruch, Meyer sowie Göttlicher drei Talente genau dort zu Hause sind. Auch Mbom kann auf der Acht spielen.
Namen zu möglichen Neuzugängen, speziell für die Abwehr, kursieren derzeit zwar viele, in den meisten Fällen ein Transfer aber unrealistisch. Der Preis für das bosnische Top-Talent Ahmed Hadzimujovic ist in den vergangenen Monaten und Wochen sprunghaft gestiegen und liegt mittlerweile jenseits der Bochumer Möglichkeiten; hier waren die Verantwortlichen zu spät dran. Auch eine feste Verpflichtung von Sean Dulic, Innenverteidiger von 1860 München, war bereits zu dem Zeitpunkt, als er medial erstmals mit dem VfL in Verbindung gebracht wurde, nicht mehr realistisch. Er geht nun zur TSG Hoffenheim. Generell sind von den öffentlich gehandelten Kandidaten bislang nur wenige auch wirklich nach Bochum gewechselt. Bei vielen Neuverpflichtungen ist bis kurz vor der Unterschrift nichts durchgesickert.
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(Foto: VfL Bochum 1848)
