Ganz frei von Abstiegssorgen ist der VfL Bochum noch nicht. Dass er aber als Tabellenzehnter der 2. Bundesliga ins letzte Saisondrittel geht, ist vor allem ein Verdienst von Trainer Uwe Rösler. Mit ihm hat der Revierklub nur eines von nunmehr 15 Ligaspielen verloren. Anlass genug, ausführlich mit dem Fußballlehrer zu sprechen. Im ersten Teil des großen Interviews vor dem Duell bei seinem Ex-Klub Fortuna Düsseldorf spricht der 57-Jährige unter anderem über seine Zeit beim kommenden Gegner, über einen Kneipenbesuch nach dem Derbysieg gegen Schalke und wieso Skandinavier so gut zum VfL passen.
Uwe, die Olympischen Winterspiele liegen gerade hinter uns. Hattest du die Gelegenheit, die Wettkämpfe zu verfolgen?
Ich mag Wintersport und hätte gerne noch mehr mitbekommen, hatte aber kaum Zeit, weil ich den Großteil des Tages beim VfL verbringe. Abends habe ich mir meist die Zusammenfassungen angesehen.
Hast du neben Fußball früher auch andere Sportarten betrieben? Oder jetzt noch?
Ich spiele Golf und mache hin und wieder Langlauf. Abfahrt hat mir früher auch viel Spaß gemacht, ist mir heute aber zu riskant. Als Zuschauer habe ich zu Zeiten von Lance Armstrong und Jan Ullrich sehr intensiv die Tour de France verfolgt, bis die Doping-Skandale kamen. Und ganz früher bin ich selber gerne Schlittschuh gefahren. In meiner Heimat haben die Ausläufer des Thüringer Waldes damals die besten Bedingungen dafür geboten.
Heute dominiert der Fußball deinen Alltag. Ist das Spiel am Freitag bei Fortuna Düsseldorf ein besonderes für dich?
Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich seinerzeit gerne dortgeblieben wäre. Ich habe gerne für die Fortuna gearbeitet und auch gerne in der Stadt gelebt. Leider wurde mein Vertrag nicht verlängert, weil wir den Wiederaufstieg knapp verpasst haben. Trotzdem war und bin ich der Meinung, dass es genügend Argumente für eine Verlängerung gab.
Kannst du das konkretisieren?
Wir haben uns in vielen Bereichen verbessert und ich hatte immer eine gute Bindung zur Mannschaft. Wir sind nur knapp gescheitert, auch deshalb, weil der Verein wegen Corona erschwerte Bedingungen hatte. Dadurch konnten wir die Kaderplanung erst spät beenden und sind schwer in die Saison gekommen.
Du hast vor einigen Wochen in einer Pressekonferenz mal beiläufig betont, dass du in Bochum ganz anders empfangen wurdest als in Düsseldorf. Wie meintest du das?
In Düsseldorf war ich der Nachfolger von Friedhelm Funkel. Er war sehr beliebt. Für mich war das kein Problem, für andere schon. Das habe ich von Beginn an gemerkt und hat sich teilweise bis zum Ende durchgezogen. Hier in Bochum war das anders. Ich wurde ausnahmslos von allen – im Verein, von den Fans und auch medial – mit offenen Armen empfangen und habe von allen eine faire Chance bekommen.
Du hast in Düsseldorf vorwiegend vor leeren Rängen spielen müssen. War das schwierig?
Ich bin damals aus Malmö nach Düsseldorf gegangen, weil ich mich unbedingt in Deutschland beweisen wollte. Das war mit einem Risiko verbunden, weil Düsseldorf Letzter in der Bundesliga war. Ich habe dabei auch auf mehr als 40.000 Zuschauer pro Heimspiel vertraut. Die brauchst du im Abstiegskampf, so wie hier. Nach zwei Spielen durften sie wegen Corona nicht mehr kommen. Hätten wir ein Spiel mehr gewonnen, wären wir in der Relegation gelandet. Die Chance dazu war da, wir hatten einige unglückliche Momente. Es war mein bislang einziger Abstieg. Das vergisst man nicht und tut immer noch weh.
Genießt du die vollen Stadien jetzt umso mehr?
Mein erstes Spiel hier in Bochum gegen Hertha werde ich nie vergessen. Alle im Stadion haben gebibbert, alle Fans haben mitgefightet um den Sieg. So eine Atmosphäre brauchen wir so oft wie möglich. Gegen Schalke war es ähnlich. Natürlich genieße ich das. Es ist kein Zufall, dass wir auch dieses Spiel gewonnen haben.
Anschließend bist du in die Ritterburg gegangen und hast mit den Fans gefeiert. War das geplant oder eine spontane Idee?
Ich wollte nach dem Spiel ein Bier mit unserem Zeugwart Andreas Pahl trinken. Ich habe ihn aber nicht mehr bei uns in den Katakomben gesehen. Wir haben dann telefoniert und er meinte, er sei nur gut 100 Meter entfernt – in der Ritterburg. Ich bin dann dort hingegangen, wusste aber nicht, dass da so viel los ist. Trotzdem oder gerade deswegen hat es großen Spaß gemacht.
Es ist ja heutzutage höchst selten, dass sich Fans und Trainer oder Spieler in einem solchen Rahmen begegnen.
So sollte es aber eigentlich sein und war früher der Standard. Heute findet ein Austausch kaum noch statt. Das ist etwas, was mir am modernen Fußball nicht gefällt, besonders in England. Die Spieler und die Fans sind in verschiedenen Welten unterwegs. Das ist sehr schade. Zu meiner Zeit als Spieler war das noch anders. Ich bin einmal im Monat zu einem Fanclubtreffen gegangen. Ich habe das immer gerne gemacht, nicht nur, weil es dort immer Essen und Trinken gab (lacht).
Wie nimmst du das Miteinander hier in Bochum wahr?
Hier ist es anders als in England und erinnert mich noch mehr an früher. Auch in Malmö war es noch sehr familiär. Beim VfL ist es ähnlich, und so wünsche ich mir das. Daraus schöpfe ich Kraft, deshalb mag ich den Job. Ich weiß nicht, ob das noch so wäre, wenn die Distanz zu den Zuschauern viel größer wäre.
Vieles verlagert sich heutzutage in die sozialen Netzwerke. Auch du bist bei Instagram aktiv. Für einen Trainer ist das eher ungewöhnlich. Zumal du den Kanal offensichtlich selber betreibst…
Ich bin ja ein moderner Coach (lacht). Aber im Ernst: Wer soll es denn machen? Eine Agentur? Dann brauche ich kein Instagram-Konto. Es soll authentisch sein. Meine Frau hat mir das vorgeschlagen, als ich eine Zeit lang ohne Klub war und vor allem als TV-Experte gearbeitet habe. Ich wollte nicht in Vergessenheit geraten. Es kamen dann sogar zwei, drei Offerten von Vereinen direkt über Instagram. Ich nutze die Plattform weiter, aber fast nur für sportliche Themen, weniger für Privates.
Wenn wir über Kommunikation reden, sind wir auch beim Thema Sprache. Du hast an anderer Stelle mal gesagt, dass es dir immer ein Anliegen, die jeweilige Landessprache zu lernen.
Ich finde es wichtig, dass man die Sprache eines Landes lernt, in dem man lebt und seine Zukunft sieht. Das war bei mir vor allem in England der Fall. Ich konnte vorher kein Englisch, habe es dort aber sofort gelernt, weil ich mir vorstellen konnte, lange zu bleiben. Für Norwegisch zum Beispiel habe ich länger gebraucht, was auch daran lag, dass dort alle mit mir Englisch sprechen wollten. Mittlerweile verstehe ich alles, was auch an meiner Frau liegt, die Norwegerin ist.
Erwartest du das auch von deinen Spielern, für die der VfL womöglich nur eine Durchgangsstation ist, beispielsweise von Oliver Olsen oder Mikkel Rakneberg?
Die beiden werden die deutsche Sprache lernen, da bin ich mir sicher. Einfach deshalb, weil es ihrem Naturell entspricht und sie sehr ehrgeizig sind. Für mich war immer klar: Die Sprache ist nicht nur in der Kabine wichtig, auch darüber hinaus. Man hat die Möglichkeit, eine neue Stadt, eine andere Kultur kennenzulernen.
Dass ihr im Winter zwei Spieler aus Skandinavien verpflichtet, war sicher kein Zufall, oder?
Wir können nicht auf allen Märkten unterwegs sein. Ich kenne mich dort sehr gut aus, Markus Brunnschneider auch. Skandinavier waren in der Geschichte des VfL meist sehr erfolgreich, sind fußballerisch gut ausgebildet, oft unkomplizierte Typen und sehr anpassungsfähig. Sie passen zur Kultur des Klubs und zu unserer Spielweise.
Du hast zu Beginn deiner Amtszeit in Bochum die fehlende Kommunikation auf dem Platz beklagt. Ist das mittlerweile besser geworden?
Ich sehe klare Fortschritte. Maximilian Wittek möchte ich da hervorheben, er kommuniziert sehr gut und dirigiert seine Teamkollegen. Das fällt ihm mit seiner Erfahrung natürlich auch leichter als den jüngeren, die sich noch auf ihr eigenes Spiel konzentrieren müssen. Sich gegenseitig auf dem Platz zu unterstützen, bleibt aus meiner Sicht sehr wichtig. So kenne ich es und so möchte ich es auch weitergeben.
Dies war der erste Teil des großen Rösler-Interviews auf Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Der zweite Teil über Röslers Spielstil, die Bochumer Transferstrategie und einiges mehr folgt im Laufe dieser Woche. Übrigens: Ich freue mich sehr darüber, wenn ihr meine Arbeit und damit auch aufwendige Interviews wie dieses unterstützen würdet.
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(Foto: Marc Niemeyer)
