Wechselgerücht

Schindzielorz nach Italien? Kleines Störfeuer

Als der Verfasser dieser Zeilen am Dienstagnachmittag mit Sebastian Schindzielorz telefoniert hat, war es nur ein Randthema. Bereits am Montagabend kam das Gerücht auf, der VfL Bochum könnte seinen Geschäftsführer Sport verlieren. Die Quelle: Ein italienisches Online-Medium, das zur größten Sportzeitung des Landes gehört. Demnach soll Schindzielorz beim Serie-A-Klub CFC Genua auf der Wunschliste stehen. Nun denn: Wunschlisten gibt es in der Vorweihnachtszeit ja so einige. Schindzielorz wirkte am Dienstag jedenfalls relativ entspannt.

Seit Mittwochmorgen hat das Thema jedoch eine größere Dimension erreicht. Die ‚Bild‘-Zeitung hat die Meldung aufgegriffen, weitere Medien zitieren daraus. Jetzt ist das Thema auch bei den Fans des VfL Bochum angekommen. Aber wie heiß ist die Geschichte überhaupt? Anzeichen, dass Schindzielorz den Bundesliga-Aufsteiger tatsächlich verlassen wird, gibt es derzeit keine. Zwar verzichtete der 42-Jährige am Mittwochmorgen auf ein klares Dementi, sagte allerdings auch: „Ruhe ist entscheidend, um unsere Ziele zu erreichen.“ Also nur ein kleines Störfeuer?

Vertrag bis Ende 2022

Ein Wechsel ausgerechnet nach Italien zu einem Abstiegskandidaten ergibt aus mehreren Gründen wenig Sinn, in erster Linie aus sportlicher Sicht: Schindzielorz hat den VfL in die Bundesliga geführt, hat den Klassenerhalt und weitere Ziele im Blick. Sein Anteil an den bisherigen Erfolgen ist groß, die Stimmung in Bochum so gut wie lange nicht mehr, der Klub entwickelt sich. Außerdem fühlt sich Schindzielorz dem VfL und der Region eng verbunden, seine Familie lebt hier. Das schließt einen Wechsel nicht aus, macht ihn aber äußerst unwahrscheinlich.

Einziges Argument: US-Investoren haben den CFC Genua jüngst übernommen. Geld für Transfers, aber auch für das eigene Gehalt, ist also reichlich vorhanden. Doch zusammen mit der sportlichen Gemengelage birgt das auch ein hohes Risiko. Gleichwohl ist das vermeintliche oder tatsächliche Interesse anderer Klubs für Schindzielorz‘ weitere Karriere eher förderlich als ein Problem. Es stärkt seine Verhandlungsposition. Sein Arbeitspapier in Bochum endet im Dezember 2022. Gespräche über eine Verlängerung dürften bald anstehen.

(Foto: Imago / Revierfoto)

0:1-Niederlage in Leverkusen

Fan-Party und Schiri-Ärger: „Dunkelgelb gibt es nicht“

Passanten, die am Samstagabend den Grüngürtel an der BayArena streiften, konnten einen falschen Eindruck gewinnen. Die Fans der Heimmannschaft verließen das Stadion ziemlich schnell. Die Gäste dagegen feierten nach Schlusspfiff noch weiter, was auch außerhalb des Stadion gut zu hören war. Dass Bayer Leverkusen das Bundesliga-Duell gegen VfL Bochum mit 1:0 gewonnen hat, war für Unbeteiligte zunächst nicht ersichtlich.

Schon in den 90 Minuten zuvor wirkten die knapp 4.000 Bochumer fast wie Ruhestörer in der schmucken, ansonsten aber wenig stimmungsvollen Arena. Vor allem in der zweiten Halbzeit feierten sie ihr Team fast pausenlos und sorgten so für eine Heimspiel-Atmosphäre knapp 70 Kilometer von Bochum entfernt. Vielleicht eine clevere Idee, denn die Bilanz in der Fremde bleibt ausbaufähig. 10 seiner 13 Punkte holte der VfL daheim.

Frühes Gegentor

Daran änderte sich auch an diesem Wochenende nichts – obwohl die Bochumer nicht nur auf den Rängen ihr bestes Auswärtsspiel in dieser Saison machten. Schon nach in der zweiten Minute krachte der Ball nach einem Distanzschuss von Elvis Rexhbecaj an den Pfosten. Doch der einzige Treffer des Tages fiel nur 60 Sekunden später auf der anderen Seite. Nach einer Flanke von Jeremie Frimpong war Leverkusens Amine Adli mit dem Kopf zur Stelle, Bochums Keeper Riemann erwischte den Ball erst hinter der Torlinie.

In der Folge entwickelte sich ein offener, temporeicher Schlagabtausch, allerdings mit den klareren Chancen für die Gastgeber. Doch auch der VfL kam immer wieder gefährlich in Tornähe. Was fehlte: ein gelungener Abschluss. „Wir müssen unsere Umschaltmomente besser nutzen“, bemängelte Trainer Thomas Reis nach der Partie. „Das Thema ist bekannt.“ Mittelstürmer Sebastian Polter, der agile Takuma Asano und Christopher Antwi-Adjei blieben allesamt glücklos, ihre Teamkollegen ebenfalls. „Im letzten Drittel ist weiter viel Luft nach oben“, sagte auch Kapitän Anthony Losilla. Leverkusen machte es mit Ausnahme des frühen Führungstreffers aber auch nicht besser. Mehrfach verpasste der Europa-League-Teilnehmer die Vorentscheidung, nutzte beste Gelegenheiten nicht.

Kein Elfer, kein Platzverweis

Dass die Gastgeber überhaupt noch so gut im Spiel waren, lag sicher auch daran, dass sie in der ersten Halbzeit großes Glück bei zwei Schiedsrichter-Entscheidungen hatten. Frimpongs Einsteigen mit offener Sohle gegen Elvis Rexhbecaj wurde nur mit Gelb geahndet – Rot wäre aber durchaus angemessen gewesen. Außerdem übersah Daniel Schlager ein Strafraumfoul von Jonathan Tah an Christopher Antwi-Adjei. „Ich treffe seinen Fuß von hinten, das kann man schon pfeifen“, sagte der Übeltäter nach der Partie. Was den VfL auf die Palme brachte: Obwohl der Video-Assistent zumindest diese Szene überprüft hat, blieb es bei der Tatsachenentscheidung. Manager Sebastian Schindzielorz sprach hinterher von einer „sehr eigenwilligen und exklusiven Interpretation.“ Mit einem Elfmeter und in Überzahl „hätte das Spiel vielleicht noch eine andere Richtung nehmen können.“

Etwas weniger diplomatisch fasste Elvis Rexhbecaj das Erlebte zusammen. Bochums Mittelfeldspieler verließ das Stadion ebenso humpelnd wie Manuel Riemann. Riemann verletzte sich in der ersten Halbzeit am Oberschenkel, musste bandagiert werden und nahm Schmerzmittel. Rexhbecaj wurde von Frimpong am Knie getroffen, das im Laufe der Partie anschwoll. Dass es dafür keinen Platzverweis gab, ärgerte den Linksfuß: „Der Schiedsrichter sagte mir, das sei Dunkelgelb gewesen. Dunkelgelb gibt es im Fußball aber nicht.“ Rexhbecaj wurde sogar noch deutlicher: „Ich weiß nicht, was die im Keller machen. Ich weiß nicht, ob es keinen juckt, weil wir nur der VfL Bochum sind.“ Vielleicht lag es ja auch am Gästeblock. Für einen Funkkontakt zum Schiedsrichter war es schließlich viel zu laut…

(Foto: Firo Sportphoto)

Vierte Corona-Welle

VfL Bochum muss auf 2G umstellen

+++ Update: Zum kommenden Heimspiel muss der VfL Bochum von der bislang geltenden 3G-Regel auf 2G umstellen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst kündigte am Dienstag einen entsprechenden Beschluss für den gesamten Freizeitbereich an. Dann dürfen nur noch Geimpfte und Genesene ins Stadion. +++

Ursprünglicher Text vom 14. November:

Die Corona-Zahlen erreichen ein neues Rekordniveau. Rund 50.000 Neuinfektionen gab es zuletzt am Tag, Tendenz steigend. Intensivmediziner warnen bereits davor, dass die vierte Welle alles Bisherige in den Schatten stellen könnte. Deutschland steuert auf eine Triage zu, das Gesundheitssystem droht stellenweise zu kollabieren. Ist es in dieser Zeit vorstellbar, dass zehntausende Fußballfans in den Stadien weiter feiern dürfen? Wohl kaum. Deutschland steht vor schwierigen Wochen – und der Fußball ist mittendrin, ob er will oder nicht.

Wegen der Länderspielpause war es am Wochenende noch ruhig. Doch die bundesweite Kritik an den Karnevalsfeiern zum 11.11. lässt erahnen, dass der Bundesliga spätestens in ein paar Tagen eine ähnliche Debatte ins Haus stehen dürfte. Zumal das Robert-Koch-Institut wieder ausdrücklich von Großveranstaltungen abrät. Auch die Fans des VfL Bochum werden sich wohl auf neue Regeln für den Stadionbesuch einstellen müssen – spätestens zum nächsten Heimspiel gegen Freiburg Ende November, vielleicht auch schon früher.

VfL will eigentlich keine 2G-Regel

Die Frage ist nur: Welche Verschärfungen wird es geben? Aktuell finden die VfL-Heimspiele unter 3G-Bedingungen statt. Eine freiwillige 2G-Regel lehnt der Verein weiter ab, bestätigte Geschäftsführer Ilja Kaenzig auf Nachfrage. Die Begründung: Zuletzt seien nur wenige hundert Stadionbesucher nicht geimpft gewesen. Diese Fans wolle man nicht ausschließen. Wahrscheinlich wird der Klub zu diesem Schritt aber bald gezwungen. Die allermeisten Bundesländer setzen bereits auf 2G, NRW noch nicht. Ministerpräsident Hendrik Wüst hat sich aber schon dafür ausgesprochen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt sogar auf eine 2G-plus-Test-Regel. Ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt bereits vor. Das könnte bedeuten, dass nur noch Geimpfte und Genesene ins Stadion dürfen, und auch nur dann, wenn sie ein aktuelles Schnelltest-Ergebnis vorlegen. Womöglich wäre das ein Kompromiss, um Großveranstaltungen nicht komplett abzusagen, aber sicher zu gestalten. Viele Geimpfte sehen es nicht mehr ein, sich erneut einschränken zu müssen. Sie haben schließlich ihren Teil zur Pandemie-Bekämpfung beigetragen.

Geisterspiele im Nachbarland

Wie genau eine 2G-plus-Test-Regel in Bochum logistisch – von den Schnelltestkapazitäten bis zum Stadioneinlass – überhaupt umzusetzen wäre und wie viele Fans aus Bequemlichkeit oder Sorge vor einer Infektion dann doch lieber zu Hause bleiben würden, lässt sich kaum vorhersagen. Zuletzt war bei mehreren Fans die Corona-Warn-App nach dem Stadionbesuch auf Rot gesprungen; Risikobegegnungen bleiben also nicht aus. Auch eine deutliche Reduzierung der Stadionkapazität oder eine Wiedereinführung der Maskenpflicht sind deshalb nicht völlig abwegig.

In den Niederlanden finden in den kommenden drei Wochen sogar wieder Geisterspiele statt. Ganz gleich, welche Maßnahmen es hierzulande geben wird: Sie hätten natürlich auch finanzielle Folgen für die Klubs. Der VfL hat erst vor wenigen Wochen seine rund 15.500 Dauerkarten verschickt; womöglich etwas voreilig. Ursprünglich war dies erst bei garantierter Vollauslastung geplant. Sollten sie nicht genutzt werden können, werde man eine Lösung finden, sagte Ilja Kaenzig zum Start ins Wochenende. Gleiches gilt für ungeimpfte Ticketinhaber bei einer 2G-Regel.

Nicht alle Spieler geimpft

Der VfL wartet aber zunächst auf konkrete Entscheidungen der Politik. Die Verantwortlichen in Berlin oder Düsseldorf werden dann auch festlegen müssen, ob eine mögliche 2G-Regel – mit oder ohne Test – nur für die Zuschauer oder auch für die Protagonisten auf dem Rasen gilt. Die mögliche Ampel-Koalition im Bund hat sich aber generell auf eine 3G-Regel am Arbeitsplatz verständigt. Dem VfL käme ein solcher Beschluss entgegen. Denn noch immer sind einige Spieler nicht vollständig geimpft. Zuletzt gab es für sie allerdings ein weiteres Aufklärungsgespräch.

Mit deutlich steigenden Infektionszahlen im ganzen Land steigt schließlich auch das Risiko, dass es die Mannschaft des VfL Bochum trifft. Vier Corona-Fälle gab es bereits seit Beginn der Pandemie, ein Pflichtspiel musste deswegen noch nicht abgesagt werden. Das soll nach Möglichkeit so bleiben. Zwar schützt eine Impfung nicht generell vor einer Ansteckung, macht diese aber deutlich unwahrscheinlicher. Erfreulich: Rund 90 Prozent der Mannschaft sollen bereits geimpft sein – eine Quote, die sich Mediziner fürs ganze Land wünschen.

Ich wäre im Ruhrstadion für eine...

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(Foto: Imago / Beatiful Sports)

Der Mann der Stunde

Pantovic: Späße über Fan-Kommentare in der Kabine

In der Kabine wird über die Kommentare einiger Fans nur noch geschmunzelt. Immer wieder traf es Milos Pantovic, der in der Vergangenheit für weniger gute Leistungen besonders heftig kritisiert worden war. „Niederlagen wurden in den sozialen Medien immer auf mich reduziert. Nach einiger Zeit haben wir in der Kabine nur noch Witze darüber gemacht. Und das hat sich durchgesetzt“, erzählte Bochums Mittelfeldspieler in dieser Woche der ‚Bild‘. Anlass dafür war ein Kommentar von Teamkollege Danny Blum, der auf Instagram unter einem Jubelfoto schrieb: „Pantovic ist schuld!“

Das war er so gesehen tatsächlich, schließlich traf der beim FC Bayern München ausgebildete Rechtsfuß zuletzt dreimal: Zwei Tore gelangen ihm im DFB-Pokal gegen Augsburg. Mit seinem Weitschuss gegen Hoffenheim schaffte es Pantovic sogar in die Geschichtsbücher des Klubs. In der Nachspielzeit traf er aus 66 Metern – bislang ist nicht bekannt, dass ein Bochumer Spieler in der Bundesliga schon aus einer größeren Entfernung erfolgreich war. „Natürlich ist es schön, so ein Tor zu machen. Noch schöner aber, dass es mein erstes Bundesliga-Tor war“, sagte Pantovic hinterher in aller Bescheidenheit. Damit hat er auch seine Kritiker (auch den Verfasser dieser Zeilen) verstummen lassen und bewiesen, in der Bundesliga durchaus mithalten zu können.

Im Zentrum stärker als außen

Das liegt vielleicht auch daran, dass er in seinem vierten Jahr beim VfL endlich die passende Position gefunden hat. Pantovic hat lange Zeit die offensive Außenbahn beackert. Seit dieser Saison kommt er nun aber meistens als sogenannter Achter zum Einsatz. „Der Trainer und ich sehen meine Qualitäten im Zentrum. Wir haben vor der Saison besprochen, dass ich nicht unbedingt der klassische Spielertyp für die Außen bin, mit Dynamik und Explosivität. Ich bin schon schnell, aber nicht zu vergleichen mit den anderen.“

Pantovic würde sich freuen, im Zentrum zu bleiben, doch dieser Wunsch geht möglicherweise nicht ganz in Erfüllung. Denn vor dem Auswärtsspiel am Samstag bei Bayer Leverkusen gehen Trainer Thomas Reis ausgerechnet die Flügelspieler aus. Danny Blum fällt mit muskulären Problemen ebenso aus wie Gerrit Holtmann, der in der Länderspielpause an beiden Leisten operiert wurde. Der Eingriff war schon länger geplant. Immerhin ist Takuma Asano gesund aus Japan zurückgekehrt. Auch Christopher Antwi-Adjei steht für einen Einsatz bereit. Das pfeilschnelle Duo hat grundsätzlich gute Chancen, zur Startformation zu gehören. Sollte bei Asano aber noch die Länderspielreise in den Knochen stecken, müsste Thomas Reis ein wenig improvisieren. Dann wäre Milos Pantovic wieder eine Option für den Flügel. ​

Pantovic vielleicht nur Joker?

​Ein Einsatz dort könnte den Bochumer Trainer zumindest aus einem Dilemma befreien: Pantovic war gegen Hoffenheim zuletzt nur Einwechselspieler, mit einem Tor und Vorlage aber der entscheidende Mann. So müsste Reis das Zentrum nicht umbauen, wenn er Pantovic von Beginn an dabeihaben möchte. Außerdem wäre der 25-Jährige ein möglicher Elfmeterschütze. Dieses Mal will sich Reis schon vor dem Spiel festlegen.

(Foto: Imago / Eibner)

Bundesliga

„Jedes Spiel Gänsehaut“: VfL macht Bochum stolz

Als Spieler und Fans nach dem Aufstieg vor leeren Rängen angekündigt haben, die Party werde in der neuen Saison nachgeholt, war Skepsis durchaus angebracht. Schnell hätte sich die Stimmung durch unerfreuliche Ergebnisse drehen können. Doch das Gegenteil ist der Fall: Zu Saisonbeginn, als es mehr Niederlagen als Punkte gab, feierten die Anhänger trotzdem weiter. Und nun, nach vier Erfolgserlebnissen in fünf Pflichtspielen, kennt die Bochumer Fußball-Euphorie erst recht keine Grenzen mehr. Die Bochumer sind so stolz auf ihr Team wie schon lange nicht mehr, jedes Spiel wird zelebriert.

„Unsere Fans sind überragend. Es ist einfach geil, solch eine Stimmung bei jedem Spiel zu erleben“, schwärmt Kapitän Anthony Losilla, der im Spätherbst seiner Karriere noch einmal Außergewöhnliches erlebt: „Wir genießen jede Partie und sind sehr dankbar.“ Den knapp 20.000 Anhängern bei jedem Heimspiel geht es offenbar genauso. Sie honorieren den Einsatzwillen und die Leidenschaft ihrer Mannschaft, die eine Malochermentalität beweist, wie man sie im Ruhrgebiet zu schätzen weiß. Die bisherigen Auftritte machen Hoffnung, dass das Abenteuer Bundesliga im kommenden Mai nicht schon wieder vorbei ist.

Bochumer Heimstärke

Im Ruhrstadion sind die Bochumer tatsächlich nur schwer zu bezwingen. 10 seiner 13 Punkte holte der Aufsteiger zu Hause, dazu gab es einen Sieg im Pokal, teils mit besonderer Dramatik. Gegen Frankfurt fiel das entscheidende 2:0 in der Nachspielzeit. Gegen Augsburg im Pokal ging es ins Elfmeterschießen, in dem Torhüter Manuel Riemann den letzten Ball selbst verwandelte. Und gegen Hoffenheim gab es zwei späte Jokertore, eines davon aus 66 Metern. Was der frühere Trainer Gertjan Verbeek zwar ankündigte, aber nie so wirklich in die Tat umsetzen konnte, ist nun Realität geworden: „Dem Gegner muss es dünn durch die Hose laufen.“ Gleich mehrere Gästetrainer – von Bo Svensson aus Mainz bis Sebastian Hoeneß aus Hoffenheim – staunten bereits über die Stimmung. Sky-Kommentator Klaus Veltman war ebenso beeindruckt. Seine Reportage am vergangenen Wochenende beendete er mit diesem Satz: „Das Bochumer Stadion, die vielleicht letzte Kultstätte der Bundesliga.“ Kein Marketingexperte hätte es besser formulieren können.

Bei Thomas Reis werden sogar schon Erinnerungen an seine aktive Zeit beim VfL wach. „Das habe ich bisher nur im UEFA-Cup erlebt“, sagt Bochums Trainer und denkt dabei an den Herbst 1997 zurück. „Die Euphorie gibt uns unheimlich viel Kraft. Ich erlebe hier jedes Spiel mit Gänsehaut.“ Über Jahre, eigentlich sogar jahrzehntelang, war der VfL festes Mitglied der Bundesliga, für viele Fans war das selbstverständlich. Elf Jahre im Fußball-Unterhaus haben die Sichtweise offenbar verändert – plötzlich ist die Bundesliga wieder etwas Besonderes, zum Genießen, zum Feiern. Kinder und Jugendliche, selbst junge Erwachsene, sind hingegen zum ersten Mal dabei, wenn ihr Klub auf die ganz Großen trifft und sich dabei besser schlägt als gedacht.

Auswärts noch zulegen

Nur auswärts läuft es für die Bochumer bislang noch nicht nach Wunsch. Fünf Niederlagen stehen einem Sieg gegenüber, obwohl die Unterstützung auch in der Fremde erstklassig ist. In München etwa waren die mitgereisten Anhänger trotz der 0:7-Pleite lauter als die Fans der Bayern, ähnlich war es zuletzt in Mönchengladbach. Beim kommenden Auswärtsspiel in Leverkusen dürfte es genauso aussehen. Die Gästetickets waren binnen weniger Minuten vergriffen, ein Zusatzkontingent ebenfalls. Die Party in der Bundesliga soll schließlich weitergehen – sofern Corona nicht dazwischenfunkt.

(Foto: Firo Sportphoto)

Verrücktes 2:0 gegen Hoffenheim

Joker Pantovic: 66 Meter und die Party beginnt…

Beim späten und spielentscheidenden 2:0 durch Milos Pantovic wurde das Bochumer Ruhrstadion zum Tollhaus. Alle bejubelten das Traumtor aus der eigenen Hälfte, doch einer freute sich ganz besonders: Keeper Manuel Riemann. Er herzte den Torschützen ganz zum Schluss – und entschuldigte sich für das, was 20 Minuten zuvor geschehen war. Schiedsrichter Frank Willenborg hatte auf den Elfmeterpunkt gezeigt, weil Hoffenheims Florian Grillitsch nach einem Zweikampf so aufgebracht war, dass er Soma Novothny im Strafraum einfach umschubste. Folgerichtig gab es einen Elfmeter, seltsamerweise aber keinen Platzverweis. Doch darüber diskutierte in Bochum später niemand mehr. 

Verrückte Schlussphase

Stattdessen gab es andere Themen, unter anderem Riemanns Verhalten beim Strafstoß. Milos Pantovic hatte sich nach kurzer Diskussion mit Eduard Löwen den Ball geschnappt. Doch plötzlich kam Bochums Torhüter – von den Fans gefordert – angerannt und schickte Pantovic weg. Wie schon im DFB-Pokal vor anderthalb Wochen, als Riemann der gefeierte Elfmeterheld war, trat der Torhüter vom Punkt an, doch dieses Mal flog der Ball auf die Tribüne. „Ich wollte ihn erst abwimmeln“, sagte Pantovic später, doch gegen Riemann konnte er sich nicht durchsetzen. „Aber wir haben das nach dem Spiel geklärt“, ergänzte der Mittelfeldmann. Die Lehre daraus: Riemann sollte mehr Vertrauen in seine Kollegen haben. „Und ich muss das besser moderieren“, war Trainer Thomas Reis selbstkritisch.

Doch am Ende ist alles gut gegangen, und Milos Pantovic war trotzdem der Mann des Tages, sogar namentlich gefeiert vom erneut lautstarken Publikum. An beiden Toren war der Joker beteiligt. Zuerst in der 66. Minute, als der ebenfalls eingewechselte Soma Novothny nach einer präzisen Flanke zum 1:0 einköpfte. Das Schiedsrichtergespann hatte zunächst auf Abseits entschieden, doch der Videoassistent griff ein und ließ die Bochumer mit Verzögerung jubeln. Es folgten Riemanns verschossener Elfmeter, zwei Aluminiumtreffer durch Asano und Holtmann und Pantovic‘ Tor des Monats. Nach Hoffenheims letztem Eckstoß fasste er sich ein Herz, sah, dass Keeper Baumann noch vorne war und traf aus 66 Metern ins leere Tor – aus elf Metern durfte er ja nicht.

Joker stechen, Blum verletzt

Ein verrücktes Spiel, bei dem Reis mit seinen Einwechslungen ein glückliches Händchen bewies. Novothny und Pantovic waren beim 1:0 erst zwei Minuten auf dem Platz; beide feierten ihre Torpremiere in der Bundesliga. „Ich freue mich sehr für sie“, sagte Thomas Reis, der aber das gesamte Team lobte: „Sie werfen sich in jeden Schuss, jeder arbeitet mit.“ Schon zum fünften Mal in dieser Saison blieb der VfL ohne Gegentreffer, ein Wert, der als Aufsteiger bemerkenswert ist. Auch gegen Hoffenheim ließen die Bochumer kaum Torchancen zu. Allerdings hatte der VfL im eigenen Angriffsspiel zunächst ebenso Probleme, eine Stunde lang passierte wenig.

Mit 13 Punkten, zehn davon im eigenen Stadion eingefahren, geht es nun in die Länderspielpause. „Hätte mir das jemand im Sommer gesagt, hätte ich das wohl unterschrieben“, sagte Reis, nachdem er von den Fans gefeiert wurde. Die Euphorie hält an, die Zuschauer sind begeistert. „Das ist ein Hexenkessel hier“, stellte Gästecoach Sebastian Hoeneß anerkennend fest. Thomas Reis will natürlich, dass das so bleibt, und hofft deshalb auch, dass sich Danny Blum nicht schwerer verletzt hat. Der Linksaußen musste schon in der ersten Halbzeit mit muskulären Problemen ausgewechselt werden. Eine genauere Diagnose steht noch aus. 

(Foto: Imago / Team 2)

Transfereinnahmen

Die Akte Sestak: Ablöse-Streit endet mit Vergleich

Nicht nur die Bundesliga-Rückkehr des VfL Bochum hat ein wenig gedauert. Auch abseits des Rasens sorgt das Fußballjahr 2021 für eine positive Überraschung. Denn die ‚Akte Sestak‘ könnte bald endlich geschlossen sein.

Einigung inklusive Bürgschaft

Interessierte Anhänger erinnern sich an die Geschichte: Der türkische Verein MKE Ankaragücü hatte den Angreifer Stanislav Sestak im Sommer 2010 zunächst ausgeliehen und im Folgejahr fest vom VfL Bochum verpflichtet – für 2,3 Millionen Euro. Doch komplett gezahlt wurde die Ablöse nie. Schon bei der Leihgebühr gab es Probleme, sogar die FIFA wurde informiert. Eine Ratenzahlung sollte irgendwann sicherstellen, dass der VfL das Geld für den Transfer überhaupt noch bekommt. Doch auch die 20.000 Euro pro Monat wurden nur unregelmäßig überwiesen. 

Jetzt, nach mehr als zehn (!) Jahren, gibt es endlich eine Einigung, der Fall ist (fast) abgeschlossen. Nun haben sich die Bochumer mit der neuen Vereinsführung des türkischen Zweitligisten auf einen Vergleich geeinigt. 83 Prozent der ursprünglichen Transfersumme, also rund 1,9 Millionen Euro, sollen bis zum Jahresende gezahlt werden. Es gibt auch eine Bürgschaft dafür. Mehr als eine Million Euro hat der VfL auf die Jahre verteilt bereits erhalten. Nun fließt also noch ein mittlerer sechsstelliger Betrag auf das Vereinskonto. Ein Teil davon ist bereits eingegangen.

Nachschlag für Pavlidis – und für Janelt?

Keine Probleme gab es derweil bei den Transfereinnahmen aus der vergangenen und der aktuellen Saison. In diesem Sommer gab es für Robert Zulj rund 350.000 Euro, für Evangelos Pavlidis außerdem einen Nachschlag von wenigen hunderttausend Euro. Der ehemalige Bochumer Angreifer wurde von Willem II Tilburg zum AZ Alkmaar transferiert; der VfL hatte seinerzeit eine Beteiligung an der Ablöse bei einem weiteren Transfer vereinbart. 

Darauf können die Bochumer irgendwann auch bei auf Vitaly Janelt hoffen. Für rund 600.000 Euro hat er den Verein im Sommer 2020 in Richtung England verlassen. Heute ist Janelt Stammspieler beim Premier-League-Aufsteiger FC Brentford. Sein Marktwert wird auf rund 10 Millionen Euro geschätzt. Auch in seinem Fall würde der VfL an einem Weiterverkauf partizipieren – in welcher Höhe, ist allerdings (noch) nicht bekannt.

(Foto: Firo Sportphoto)