Rexhbecaj, Löwen & Stafylidis

Bochums Leihtrio überzeugt – Verbleib aber fraglich

Edu, der VfL Bochum und die Nachspielzeit – das ist gewiss keine Erfolgsgeschichte. Doch 18 Jahre nach dem wohl tragischsten Moment der jüngeren Vereinsgeschichte sind die Erinnerungen ein wenig verblasst und der Spitzname „Edu“ wurde neu vergeben. Auf den hört beim VfL mittlerweile Eduard Löwen. Eben jener sorgte am vergangenen Wochenende in Stuttgart für den Ausgleichstreffer in der 94. Minute. Für Löwen war es das erste Bundesliga-Tor im VfL-Trikot, nachdem er gegen Mainz schon im Pokal getroffen hatte.

Qualität und Erfahrung auf Leihbasis

Eigentlich gehört die Hertha-Leihgabe zum Kreis der Stammspieler. Doch Trainer Thomas Reis setzte Löwen nach zwei Corona-Infektionen binnen weniger Wochen in Stuttgart nur als Joker ein. Zum ersten Mal in dieser Saison stand somit keiner der drei Leihspieler in der Anfangsformation. Das lag auch daran, dass Elvis Rexhbecaj, der ansonsten gesetzt ist, wegen einer Gelbsperre pausieren musste. Konstantinos Stafylidis, der Dritte im Bunde, wurde gemeinsam mit Löwen eingewechselt. Der griechische Außenverteidiger pendelt ähnlich wie sein Teamkollege zwischen Startelf und Reservebank, verpasste bislang aber nur fünf Bundesliga-Spiele.

Die Einsatzzeiten zeigen, dass der Plan von Manager und Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz aufgegangen ist. Mit Löwen, Rexhbecaj und Stafylidis hat er im Sommer drei bundesligaerfahrene Spieler verpflichtet, die für den VfL Bochum nur auf Leihbasis erschwinglich waren. Der Aufsteiger lockte das Trio mit Spielpraxis, die für Löwen in Berlin, für Rexhbecaj in Wolfsburg und für Stafylidis in Hoffenheim nicht in Sicht war. Weil die Ligakonkurrenten zu Kompromissen bereit waren, konnte der VfL die Qualität im Kader kurzerhand erhöhen. Eine Strategie, die zum Beispiel auch Vorjahres-Aufsteiger Arminia Bielefeld zum Klassenerhalt verholfen hat.

Fester Bestandteil der Mannschaft

In Bochum überzeugt vor allem Elvis Rexhbecaj in seiner Rolle als laufstarker und aggressiver Balleroberer. Trainer Thomas Reis bezeichnet ihn gerne als „Mentalitätsspieler“, der als Mittelfeldmotor fester Bestandteil der Mannschaft ist. Mehr Ruhe am Ball fehlt dem 24-Jährigen allerdings noch, genauso wie ein Tor. Da hat ihm Eduard Löwen seit wenigen Tagen also etwas voraus. Wobei der Standardspezialist trotz der gleichen Position ein anderer Spielertyp ist. Er ist weniger agil als Rexhbecaj, gehört dafür an guten Tagen zu den spielstärksten Bochumern. „Edu versucht leider noch zu oft, etwas Besonderes zu zeigen. Das muss er aber gar nicht“, sagte Thomas Reis neulich.

Löwen hat sein Potenzial also angedeutet, allerdings noch Luft nach oben. Was sicher auch daran liegt, dass ihn im Sommer zunächst die Olympia-Teilnahme etwas aus der Spur gebracht hat, und zuletzt zwei Corona-Infektionen. Ähnlich erging es auch Konstantinos Stafylidis, der zum Jahresbeginn infiziert war, sich aber schnell erholt hat. Der Defensivspezialist ist die Bochumer Allzweckwaffe. Mal wird er als Linksverteidiger gebraucht, also auf seiner Stammposition, hin und wieder im defensiven Mittelfeld, häufiger auch als Rechtsverteidiger. Mit seiner resoluten Zweikampfführung, seiner Leidenschaft und Erfahrung braucht er keine große Anlaufzeit.

Keine Kaufoptionen vereinbart

Klingt also alles wunderbar. Einen Haken gibt es allerdings: Dass das Trio über den Sommer hinaus gemeinsam in Bochum spielen wird, ist eher unwahrscheinlich. Den Klassenerhalt vorausgesetzt, werden die Bochumer in allen drei Fällen natürlich die Möglichkeiten einer Weiterverpflichtung ausloten. Dann geht es aber nicht nur darum, was der VfL und was die Spieler wollen, sondern auch, wie Wolfsburg, Hertha und Hoffenheim planen. Rexhbecaj ist noch bis 2023 an Wolfsburg gebunden, ebenso wie Stafylidis an Hoffenheim. Bei Eduard Löwen läuft der Vertrag sogar bis 2024. Bei ihm wäre theoretisch sogar eine Verlängerung der Leihe denkbar, konkrete Pläne gibt es aber noch nicht.

Frühestens im Mai, wenn klar ist, wer in welcher Liga spielt und wer wo Trainer ist, sind Entscheidungen zu erwarten. Kaufoptionen hat der VfL in allen drei Fällen nicht vereinbart. Das hätte wirtschaftlich auch gar nicht funktioniert. Selbst als Bundesligist wird der VfL im kommenden Sommer nur kleinere Investitionen tätigen können. Nur ein Entgegenkommen der abgebenen Vereine könnte einen Verbleib der Leihspieler möglich machen. Stand jetzt ist das bei Löwen oder Stafylidis eher denkbar als bei Rexhbecaj. Denn für ihn hat Wolfsburg in der Vergangenheit schon bis zu sieben Millionen Euro verlangt.

Wenn das Leben ein Wunschkonzert wäre: Welche Spieler sollen über den Sommer hinaus beim VfL bleiben? (Mehrfachnennungen möglich)

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(Foto: Firo Sportphoto)

1:1 in Stuttgart

Bochumer Stärke: Diese Mannschaft gibt nie auf

​Eduard Löwen hat Nerven wie Drahtseile. In der letzten Minute der Nachspielzeit schnappt sich der eingewechselte Mittelfeldspieler den Ball und tritt an den Elfmeterpunkt. Trifft er, holt der VfL einen Punkt, vergibt er, dann gewinnt der VfB Stuttgart.

Löwen erfüllte seinen Auftrag – und knapp 1.000 Bochumer, die sich trotz des Sturmtiefs bis nach Stuttgart durchgekämpft haben, feierten das späte Unentschieden. Der Punkt war glücklich, aber trotzdem nicht unverdient. Denn wie so oft hat der VfL nicht aufgegeben und bis zum Schluss an seine Chance geglaubt – längst eine Stärke dieser Mannschaft, die in den letzten vier Partien nach einem Rückstand noch gepunktet hat. „Ich bin sehr froh darüber, dass wir das 1:1 mit der letzten Aktion mitgenommen haben“, sagte Trainer Thomas Reis kurz nach dem Abpfiff, und gab freimütig zu: „Hurra-Fußball war das nicht.“

Treffend zusammengefasst, denn wenig erinnerte an den furiosen 4:2-Sieg gegen Bayern München in der Vorwoche. Mit einer konzentrierten Abwehrleistung und einem engagierten Gesamtauftritt hinterließ der VfL in der ersten Halbzeit zwar einen ordentlichen Eindruck. Doch gefährliche Torchancen blieben Mangelware – wie so oft in der Fremde. Hüben wie drüben hatten die Torleute wenig zu tun.

Eigentor durch Bella Kotchap

Das änderte sich nach der Pause, aber zunächst nur auf einer Seite. „Wir haben ein wenig den Faden verloren“, analysierte Thomas Reis und bedankte sich bei Manuel Riemann, der mehrfach glänzend parierte, einmal sogar mit dem Kopf. Bochums Stammkeeper war nach überstandener Corona-Infektion ins Team zurückgekehrt und hat seine gute Form nicht verloren. Aus mehreren Eins-gegen-Eins-Situationen ging er als Sieger hervor. Nur beim Gegentreffer war Riemann machtlos: Nach einer Ecke lenkte Armel Bella Kotchap den Ball unglücklich und etwas ungeschickt ins eigene Tor.

Vor dem 1:1 profitierten die Bochumer allerdings ebenfalls von einem Fehler in der Stuttgarter Hintermannschaft. Konstantinos Mavropanos ging ohne Not in einen Bodenzweikampf und grätschte Bochums Sebastian Polter einfach um – ein klares Foul und somit ein Elfmeter, den Löwen sicher verwandelte. „Es war eine heikle Situation, da ich VfB-Keeper Florian Müller aus der Jugend kenne. Ich wusste selbst beim Anlaufen noch nicht, in welche Ecke ich schießen soll“, erklärte der umjubelte Torschütze. „Aber im Endeffekt ist es ja gut ausgegangen.“

Stimmt. Der VfL hat einen weiteren Punkt auf dem Konto, und gefühlt sogar den nächsten Sieg gefeiert. Klingt zunächst unlogisch, ist mit einem Blick auf die Tabelle aber nachvollziehbar: Denn mit dem späten Ausgleich bleibt der Vorsprung auf den VfB Stuttgart und somit auf den ersten direkten Abstiegsplatz komfortabel. Anderenfalls wären die Schwaben herangerückt. „Es ist ganz wichtig, dass wir weiter zehn Punkte vor Stuttgart liegen“, weiß Kapitän Anthony Losilla.

Drei Heimspiele in Serie

Die nächsten (großen) Schritte auf dem Weg zum Klassenerhalt können die heimstarken Bochumer nun im eigenen Stadion gehen. Gleich dreimal innerhalb einer Woche tritt der VfL im Ruhrstadion an: Am nächsten Sonntag kommt Leipzig an die Castroper Straße, sechs Tage später Mitaufsteiger Fürth. Dazwischen gibt es das Viertelfinale gegen Freiburg im DFB-Pokal. Spieler mit guten Nerven, die immer an sich glauben, werden auch dann wieder gebraucht…

(Foto: Firo Sportphoto)

Bochums Zukunft

Shootingstar Osterhage: Auf Grönemeyers Spuren

Ob Patrick Osterhage privat gerne Lieder von Herbert Grönemeyer hört, ist nicht überliefert. Die berühmte Bochum-Hymne dürfte er knapp acht Monate nach seiner Vertragsunterschrift beim VfL aber nun kennen – und damit auch die wichtigste Passage. „Machst mit dem Doppelpass, jeden Gegner nass“, singt Grönemeyer über seinen VfL. Und Patrick Osterhage machte beim 4:2-Sieg gegen die Bayern genau das. Mit einem Doppelpass – sogar per Hacke – leitete er das Tor von Cristian Gamboa maßgeblich ein. Auch ansonsten zeigte der 22-Jährige eine starke Leistung, seine beste im VfL-Trikot. Zumindest bis jetzt. Weitere Auftritte dieser Art sollen folgen.

Vorgeschichte war Bochums Chance

Denn Osterhage gilt als Versprechen für die Zukunft, ist fleißig, bodenständig und hochtalentiert. Schon jetzt ist er einer der Shootingstars beim VfL. „Er ist der junge Losilla“, sagt Cheftrainer Thomas Reis und ist sich sicher: „Patrick wird uns noch viel Freude bereiten.“ Sechs Bundesliga-Partien hat er schon absolviert, das Spiel gegen die Bayern war das erste über 90 Minuten. Osterhage präsentierte sich lauffreudig, trat als Balleroberer und Ballverteiler in Erscheinung. Auch das Tor von Gerrit Holtmann bereitete der Ex-Dortmunder vor. Thomas Reis sieht ihn als „Box-to-Box-Spieler“, im aktuellen System auf der Doppel-Acht, ansonsten auch als offensiven Part einer Doppel-Sechs.

Gelernt hat Osterhage all das in der Jugendakademie von Werder Bremen, die er mit 17 Jahren verließ. Der BVB lockte ihn ins Ruhrgebiet. Dort wurde er in der A-Jugend Deutscher Meister, sogar als Kapitän. In der U23 angekommen, geriet seine Entwicklung allerdings ins Stocken. Verletzungen warfen ihn aus der Bahn. Osterhage machte in zwei Jahren nur acht Spiele, keines über die komplette Distanz. Sebastian Schindzielorz schreckte das nicht ab. Schon vor dem Aufstieg klopfte der Geschäftsführer des VfL bei Osterhage an und legte ihm einen Dreijahresvertrag vor. Der Spieler hatte Alternativen, auch die Dortmunder wollten ihn halten – doch Osterhage unterschrieb bei den Nachbarn.

Gelohnt hat sich das für beide Seiten. Der VfL gab ihm die Zeit, in Ruhe fit zu werden. Im Oktober feierte Osterhage sein Bundesliga-Debüt, im Dezember folgte der erste Startelf-Einsatz. „Es lief so, wie wir es uns erhofft haben. Er war im ersten halben Jahr schon weiter als geplant. Wenn man aus der Regionalliga kommt und solch eine Verletzungshistorie hat, ist das nicht einfach“, sagt Thomas Reis. Ohne die Vorgeschichte, da ist sich Manager Schindzielorz sicher, wäre Osterhage gar nicht beim VfL gelandet. Auch die Profitrainer beim BVB hatten ihn schon auf der Liste. Im vergangenen Sommer hat Schindzielorz dann aber die Chance genutzt, mit Osterhage das Bochumer Mittelfeld zu verjüngen.

Möglicher Umbruch im Mittelfeld

Die Gründe dafür sind bekannt: Kapitän Anthony Losilla feiert im März seinen 36. Geburtstag, wird trotz guter Leistungen nicht ewig spielen. Robert Tesche ist 34, seine sportliche Zukunft ist ungewiss. Zudem enden im Sommer die Leihverträge mit Eduard Löwen und Elvis Rexhbecaj, auch Milos Pantovic ist nicht länger an den VfL gebunden. Also dürfte Osterhage in Zukunft immer wichtiger werden. Was sicher auch in seiner Geburtsstadt Göttingen aufmerksam verfolgt wird. Dort kam, wie es der Zufall so will, übrigens auch Herbert Grönemeyer zur Welt. Zur Berühmtheit wurde er aber in Bochum. Vielleicht läuft es bei Patrick Osterhage ja ähnlich. Jeder gelungene Doppelpass hilft ihm dabei.

(Foto: Imago / kolbert-press)

Wer bekommt Karten?

Mit 8.500 Fans gegen Bayern München

+++ Update: +++

Das Heimspiel des VfL Bochum gegen den FC Bayern München am kommenden Samstag (12.2.) wird vor 8.500 Zuschauern stattfinden. Es gilt die 2G+Regelung und eine Maskenpflicht am Platz. Die Stadt Bochum hat insgesamt rund 7.000 Sitzplätze und 1.500 Stehplätze zur Nutzung freigegeben. Grundsätzlich erlaubt das Land Nordrhein-Westfalen wieder Großveranstaltungen mit bis zu 10.000 Zuschauern. Aufgrund von Abstandsregeln kann der VfL diese Möglichkeit aber nicht in Gänze ausschöpfen.

Die 8.500 Tickets werden wie folgt vergeben: 1.500 an Fans mit einer Stehplatzdauerkarte, 2.400 an Fans mit einer Sitzplatzdauerkarte, 1.600 an Mitglieder ohne Dauerkarte, 300 an Familien, 400 an Gästefans, 1.700 an VIP-Kunden/Sponsoren sowie 600 zur besonderen Verwendung (Medien, Mitarbeiter, Spieler, Legenden…). Pro Person können bis zu zwei Tickets erworben werden. Details zur Ticketvergabe hat der VfL auf seiner Homepage veröffentlicht.

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Ursprünglicher Text vom 3. Februar:

Nun also doch: Nordrhein-Westfalen macht sich trotz steigender Corona-Infektionszahlen locker. Bis zu 10.000 Fans dürfen ab sofort wieder in die Fußballstadien – natürlich auch zum VfL Bochum. Die neue Regelung tritt damit rechtzeitig vor dem kommenden Heimspiel gegen Bayern München am 12. Februar in Kraft. Vor allem die rund 15.500 Dauerkarteninhaber können jetzt hoffen, bei dem Prestige-Duell dabei zu sein.

Ständig neue Regeln

Klar ist: Die Kartenverteilung in Corona-Zeiten führt zwangsläufig und immer wieder zu Diskussionen. Sollten Dauerkarteninhaber den Mitgliedern bevorzugt werden? Gibt es einen Treue-Bonus? Wird gelost oder nach Schnelligkeit verkauft? Mit all diesen Fragen mussten sich die Verantwortlichen schon mehrfach beschäftigen, weil die Nachfrage oft größer ist als das Angebot. Hinzu kommt, dass die Regeln ständig verändert werden. Das verdeutlicht ein Blick in den Rückspiegel: Zum Saisonstart durften 13.500 Zuschauer ins Stadion, danach 14.000, dann 15.500, zwischendurch 20.000, zum Jahresende 13.000. Anfang Januar gab es sogar ein Geisterspiel. Zuletzt gegen Mainz und Köln durften 750 Fans vor Ort sein.

Je weniger Tickets es gibt, desto mehr Zweifel kommen auf, ob die Verteilung auch wirklich fair ist. Mehrere Leser und Unterstützer von Tief im Westen – Das VfL-Magazin haben in den vergangenen Wochen Beobachtungen und Kritik geäußert, verbunden mit der Bitte, nachzurecherchieren. Sehr ausführlich hat der VfL Bochum jetzt geantwortet – und transparent dargelegt, an wen zum Beispiel die 750 Karten für das Spiel gegen Köln gegangen sind.

Neben 350 VIP-Tickets gab es 40 Karten für Familien, 220 für alle weiteren Dauerkarteninhaber, wobei die knapp 80 lebenslangen Mitglieder mit Dauerkarte ein exklusives Vorkaufsrecht hatten. Die übrigen 140 Tickets „zur besonderen Verwendung“ wurden zum Beispiel an Vereinsmitarbeiter, Medienschaffende, VfL-Legenden, die DFL, an Spieler oder an Scouts verteilt. Auch Mitglieder der Ratsfraktionen wurden gesichtet. Die VIP-Tickets gingen vor allem an Sponsoren mit fest zugesagten, schon vor der Saison bezahlten Kontingenten. Der VfL will Rückforderungen vermeiden und bevorzugt deshalb aus wirtschaftlichen Gründen seine (größeren) Partner.

Chancen fürs Bayern-Spiel

Dass künftig wieder mehr Fans ins Stadion dürfen, löst jedoch nicht automatisch alle Probleme. Das hat die Ticketvergabe für das Revierderby gegen Borussia Dortmund gezeigt. Auch da gab es enttäuschte Gesichter. Zu diesem Zeitpunkt durfte der VfL bis zu 50 Prozent der Stadionkapazität nutzen. Kommuniziert hatte der Verein seinerzeit die Zahl von 13.799 Plätzen. Nun räumt der VfL ein: „Hier müssen wir Asche auf unser Haupt streuen. Denn im Überschwang der Verordnung […] haben wir einfach die offizielle Kapazität von 27.599 Plätzen halbiert. Dabei leider außer Acht gelassen, dass es auch in einem halbvollen Stadion Sicherheitszonen geben muss und es auch immer noch Plätze mit Sichtbehinderung gibt. Von daher lag die Kapazität gegen Dortmund lediglich bei rund 13.000 Plätzen.“

800 Gästefans waren da, dazu die 7.400 Inhaber einer Sitzplatzdauerkarte und knapp 1.100 VIP-Stammkunden. Es hätten also noch 3.700 Tickets für die mehr als 7.000 Fans mit einer Stehplatzdauerkarte übrigbleiben müssen. Verkauft wurden aber nur 2.730. Wer hatte also Zugriff auf die anderen knapp 1.000 Tickets? Ähnlich wie gegen Köln gab es auch hier Karten zur besonderen Verwendung, nur die verfügbare Menge war eine andere. Auch Sponsoren, Vertragspartner und sonstige Gäste hatten Zugriff auf dieses Kontingent.  

(Foto: Imago / Nordphoto)

4:2 gegen die Bayern

Sieg fürs Geschichtsbuch: Bochum verneigt sich

Wunder gibt es immer wieder. Doch die 8.500 Fans im Bochumer Ruhrstadion trauten ihren Augen kaum. Viele von ihnen schüttelten in der Halbzeitpause ungläubig den Kopf. Tatsächlich: Ihr VfL führt gegen den großen FC Bayern. Nicht knapp, nein, mit 4:1! Schon zu diesem Zeitpunkt war klar: Hier wird Bochumer Fußballgeschichte geschrieben. Entweder mit dem ersten Sieg gegen den Rekordmeister seit 18 Jahren, als Peter Madsen dem VfL einen 1:0-Erfolg bescherte. Oder aber mit einer Kopie des Jahrhundertspiels von 1976, als der VfL gegen die Bayern mit 4:0 führte, aber noch mit 5:6 verlor. Zeitzeugen von damals freuten sich in der Pause mit einer gewissen Zurückhaltung.

Vier Tore in der ersten Hälfte

Doch die Mannschaft von heute weiß, wie Führungen verteidigt werden: Sich in jeden Schuss zu werfen, jeden Sprint mitzugehen, und den Bayern die Freude am Fußballspielen zu nehmen. Am Ende verdienten sich alle Bochumer Bestnoten, niemand fiel ab oder sollte hervorgehoben werden. Nur einmal waren die Münchner im zweiten Durchgang erfolgreich, doch der Anschlusstreffer durch Robert Lewandowski vor der Schlussviertelstunde blieb Ergebniskosmetik. Mit großer Leidenschaft auf dem Rasen und getragen von der Euphorie auf den Rängen, brachte der VfL den verdienten 4:2-Sieg ins Ziel – und hat die Vereinschronik um ein neues, besonderes Kapitel erweitert.

Die Grundlage für diesen außergewöhnlichen Erfolg wurde schon in der ersten Halbzeit gelegt. Nach dem frühen 0:1-Rückstand stellte sich keineswegs die erwartbare Bayern-Dominanz ein. Stattdessen spielte sich der mutige Aufsteiger in einen Rausch: Christopher Antwi-Adjei erzielte mit seinem ersten Tor im VfL-Trikot den Ausgleich, Jürgen Locadia mit seinem Premierentreffer die Führung. Souverän verwandelte der Angreifer einen Handelfmeter. Anschließend reichte die Mannschaft eine doppelte Bewerbung für das Tor des Monats ein: Erst traf Cristian Gamboa spektakulär in den linken Winkel, dann Gerrit Holtmann in den rechten – zwei Sonntagsschüsse am Samstagnachmittag.

Revanche für die Hinspiel-Pleite

Schon in ihrer Entstehung waren beide Tore sehenswert. Gamboa hatte Kingsley Coman zuvor einen Beinschuss verpasst und mit Patrick Osterhage einen zweifachen Doppelpass gespielt, ehe der Rechtsverteidiger das Ruhrstadion zum Beben brachte. „Es war einfach ein Traum. Die erste Halbzeit war unglaublich“, sagte Gamboa später, der beim 4:1 durch Gerrit Holtmann wieder die Zuschauerrolle einnahm. Bochums Flügelflitzer, der die Bayern-Defensive immer wieder schwindelig spielte, zog in Arjen-Robben-Manier von der linken Seite nach innen und erzielte mit seinem rechten Fuß das 4:1. „Den hat er eigentlich nur zum Stehen“, scherzte Trainer Thomas Reis nach der Partie.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatten die Bochumer sogar noch Chancen auf das fünfte Tor. Darüber sprach am Ende aber kaum jemand, denn zur gefürchteten Aufholjagd der Bayern kam es nicht mehr. „Wir wollten aktiv verteidigen und wussten, dass die Bayern, wenn auch selten, zu schlagen sind. So ein Tag war heute“, freute sich Thomas Reis über den gelungenen Auftritt. „Die Mannschaft hat sich von dem frühen Gegentor nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das zeigt die sehr gute Entwicklung, die wir genommen haben.“ Das Hinspiel hatte der VfL noch mit 0:7 verloren. Auch dieses Ergebnis ging in die Geschichtsbücher ein, es war die höchste Niederlage der Klubhistorie.

Stromausfall kurz vor Spielbeginn

Nun also die Revanche, die nur von äußeren Kräften hätte verhindert werden können. Kurz vor dem Spiel gab es einen Stromausfall im Stadion und im direkten Umfeld. Die Bochum-Hymne konnte nicht abgespielt werden, auch das Flutlicht funktionierte nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt war es aber noch hell – und der Strom pünktlich zum 1:1 wieder da. Die Mitarbeiter der Stadtwerke leisteten gute Arbeit, wobei das Gerücht kursiert, dass Christopher Antwi-Adjei das Licht mit seinem Tor höchstpersönlich wieder angeknipst hat. Wie auch immer: Fußball-Bochum staunte, was anschließend geschah, und verneigt sich stolz vor den Bayern-Bezwingern. Ein Tag für die Ewigkeit.

1:1 in Berlin

„Ich war sauer“: Reis und der laute Pausenwecker

Wenn Thomas Reis schon in der Halbzeitpause zwei Wechsel vornimmt, muss es dafür ernsthafte Gründe geben. In der Regel schenkt der Fußballlehrer seiner Startelf länger das Vertrauen. Doch in Berlin sah er sich schon nach 45 Minuten zum Handeln gezwungen. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff wusste Reis, dass er alles richtig gemacht hat: Ein langer Ball von Torhüter Manuel Riemann landete bei Jürgen Locadia, der im ersten Versuch an Alexander Schwolow scheiterte. Aber Herthas Keeper wehrte den Ball zur Seite ab, wo Sebastian Polter zur Stelle war und das 1:1 erzielte. Bochums Trainer hatte ein glückliches Händchen: Polter wurde nach der Pause eingewechselt.

Ohne Zugriff in der ersten Hälfte

Ziemlich schnell korrigierte der VfL damit das, was in der ersten Halbzeit noch schiefgelaufen war. Die Hertha war in vielen Aktionen präsenter, die Gäste aus Bochum „ohne Zugriff und Leidenschaft“, kritisierte Thomas Reis im Interview nach der Partie – und zur Pause auch schon in der Kabine: „Ich war sauer und bin auch ein bisschen lauter geworden.“ Nicht zum ersten Mal hatte sein Team auswärts den Spielbeginn verschlafen.

Ishak Belfodil brachte die Gastgeber nach einem Freistoß in Führung. Keine Zweifel, das war verdient. Vor allem im Mittelfeld lief beim VfL wenig zusammen. Robert Tesche hatte Probleme, den sonst so agilen und stabilen Anthony Losilla zu ersetzen. Doch nicht nur Bochums Kapitän fehlte im Olympiastadion, auch Eduard Löwen war nicht dabei. Die Hertha-Leihgabe ist erneut an Covid-19 erkrankt. Schon vor knapp zwei Monaten hatte Löwen aus diesem Grund gefehlt. 

Verdienter Ausgleich nach der Pause

Reis entschied sich für eine ungewöhnliche Anordnung, stellte Takuma Asano ins zentrale Mittelfeld, ließ Gerrit Holtmann über die rechte und Milos Pantovic über die linke Seite stürmen. In Summe waren das wohl zu viele Veränderungen. „Wir sind nur hintergelaufen“, monierte Reis. „Das fing schon beim Warm-Up an, dass wir nicht richtig da waren“, bemerkte Holtmann. Die Maßnahmen in der Halbzeitpause zeigten dann aber Wirkung. Patrick Osterhage kam für Robert Tesche und machte deutlich, dass er dem Routinier allmählich den Rang abläuft. Sebastian Polter ersetzte Takuma Asano; der VfL lief fortan mit zwei Stürmern an und zeigte im vorderen Drittel deutlich mehr Präsenz. Gerrit Holtmann und Milos Pantovic tauschten außerdem die Seiten.

Im Verbund mit der stabilen Abwehrreihe ließen sie kaum noch Torchancen zu – und kamen dem Sieg am Ende sogar etwas näher. „Der Punkt war aufgrund der zweiten Halbzeit verdient“, stellte nicht nur Gerrit Holtmann fest. Wie schon gegen Köln in der Liga oder gegen Mainz im Pokal steckte der VfL nach einem Rückstand nicht auf und zeigte sich widerstandsfähig – ein Merkmal, das diese Mannschaft schon seit vielen Monaten auszeichnet.

Losilla könnte zurückkehren

Womit sie auch personelle Ausfälle wegstecken kann. Die coronabedingten Fehlzeiten häufen sich derzeit, seit Mitte Dezember waren schon sieben Profis in Isolation oder Quarantäne. Bislang – und das ist das Wichtigste – kamen alle Spieler schnell und gesund zurück. Nicht ausgeschlossen also, dass Anthony Losilla oder auch Erhan Masovic beim Prestige-Duell gegen die Bayern am kommenden Samstag schon wieder dabei sind. Dann sollte der VfL allerdings nicht erst nach 45 Minuten wach werden.

(Foto: Firo Sportphoto)

Spiel in Stuttgart

Bochumer Klassenerhalt: „Meilenstein“ möglich

Die Bochumer Spieler rechnen offensichtlich gern. In der Aufstiegssaison gab es in der Kabine eine Art Abreißkalender mit einem Punkteziel. Das hat die Mannschaft am Ende auch erreicht. Und diesem Jahr? Da fangen einige Profis wieder damit an, eine Gleichung aufzustellen. 20 plus 20 gleich 40 – so lautet die Formel für den Klassenerhalt. Nach den 20 Punkten in der Hinrunde sollen in der Rückrunde 20 weitere dazukommen. „Wir stehen jetzt bei plus fünf“, sagte Mittelfeldspieler Gerrit Holtmann nach dem furiosen 4:2-Sieg gegen Bayern München. Bedeutet: In der Hinrunde waren es nach vier Spielen nur drei Punkte, jetzt sind es schon acht.

Beste Abwehr der Bundesliga

​Dass der VfL zum Start ins neue Jahr nur eines von fünf Ligaspielen verloren hat und im Pokal-Viertelfinale steht, ist gewiss kein Zufall. Die Mannschaft hat sich entwickelt, steht vor allem defensiv deutlich stabiler. Betrachtet man nur die Spieltage seit der 0:7-Klatsche in München in der Hinrunde, so stellt der Aufsteiger die beste Abwehr der Liga. Lediglich 19 Gegentreffer haben die Bochumer in den 17 Partien danach kassiert. Auch deshalb steht der VfL nach 22 Spieltagen in der Tabelle gut da. Mit 28 Punkten rangiert Bochum auf Platz 11, der Vorsprung auf den Relegationsrang beträgt sechs Punkte, bis zu einem direkten Abstiegsplatz sind es sogar zehn.

An diesem Samstag könnten es sogar noch mehr werden. Dann ist der VfL nämlich beim Tabellenvorletzten in Stuttgart zu Gast. „Uns könnte dort ein riesiger Schritt, ein Meilenstein gelingen“, glaubt Trainer Thomas Reis. „Wir können uns vorerst von den direkten Abstiegsrängen verabschieden.“ Im Erfolgsfall wären es 13 Punkte, die der VfB in elf Spielen aufholen müsste. Doch zum einen muss das Spiel bei den Schwaben erst gespielt werden – und zum anderen gibt es ein mahnendes Beispiel, das auch Thomas Reis sofort in den Sinn kommt: „Denken wir an Bremen in der Vorsaison.“ Werder hatte zu einem ähnlichen Zeitpunkt zwölf Punkte Vorsprung – das Ende ist bekannt.

Bochumer Auswärtsschwäche

Eigentlich genügt auch ein Blick in die Bochumer Vergangenheit. Beim bislang letzten Abstieg in der Saison 2009/10 gelang nach dem 22. Spieltag kein einziger Sieg mehr. Doch der Vergleich hinkt ein wenig: Seinerzeit gab es intern große Verwerfungen, das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer Heiko Herrlich und der Mannschaft war zerrüttet und irgendwann völlig zerstört. Das ist aktuell nicht der Fall – im Gegenteil. Gemeinsame Erfolge wie der Sensationssieg gegen Bayern München schweißen zusätzlich zusammen. Dass die Mannschaft dieses Spiel gedanklich abgehakt hat, da ist sich Thomas Reis sicher. Nur eine Tatsache bereitet ihm Sorgen: Die Bochumer Auswärtsschwäche.

Lediglich ein Viertel seiner Punkte – nämlich sieben – hat der Revierklub bislang in der Fremde eingefahren. „Wir waren häufiger nicht hellwach, gerade von Beginn an“, sagt Reis, der warnt: „Stuttgart steht brutal unter Druck und wird alles versuchen.“ 25.000 Zuschauer dürfen live dabei sein. Das kann anspornen, aber auch hemmen. Insgesamt meint es der Spielplan in der Rückrunde aber gut mit den Bochumern. Die meisten Duelle gegen direkte Konkurrenten finden zu Hause statt, etwa gegen Fürth, Augsburg und Bielefeld. Nach den neuesten Beschlüssen der Politik dürfen dann auch wieder mehr Fans ins Stadion als zuletzt. Eine Auslastung von mindestens 75 Prozent wird angestrebt.

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