Legende

Losilla vor Abschied? „Möchte den Moment nicht verpassen“

Mit einem Krückstock und einer Lesebrille machte sich Anthony Losilla auf den Weg in den Bochumer Stadtpark. Die Medienabteilung des VfL wollte die Vertragsverlängerung des Publikumslieblings auf eine besondere Art zelebrieren. Anfang des Jahres schnappte sie sich den Mittelfeldspieler, stattete ihn mit vermeintlich seniorentypischen Accessoires aus und drehte mit ihm ein Video, an dessen Ende verkündet wurde, dass Losilla ein weiteres Jahr beim VfL bleibt. Denn die Bundesliga hat einen neuen Alterspräsidenten.

Nachdem Frankfurts Makoto Hasebe seine Karriere beendet hat, stellt nun der VfL den ältesten Spieler der Bundesliga. Anthony Losilla, der im März seinen 38. Geburtstag feierte, toppt die Kollegen aller Klubs – pünktlich zum zehnjährigen Dienstjubiläum in Bochum. „Ich hätte damals nie gedacht, dass ich so lange hier bleiben würde“, erzählt Losilla. Im Fußball könne man schließlich selten eine ganze Dekade planen und überblicken. „Aber wir, meine Familie und ich, haben uns sehr schnell wohl gefühlt und wollten auch nicht ständig umziehen. Beim VfL hat alles gepasst und daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Klub passt zu mir und den Werten, die mir wichtig sind.“

Dabei wäre Losilla beinahe gar nicht in Bochum gelandet. „Der Wechsel hierher war damals tatsächlich nicht meine erste Option. Ich hatte meinen Vertrag in Dresden bereits verlängert, aber dann sind wir abgestiegen. Einige Vereine haben sich schneller gemeldet.“ Der 1. FC Kaiserslautern zeigte Interesse an einer Verpflichtung des damals 28-Jährigen, Greuther Fürth ebenfalls. „Aber dann kam Peter Neururer und hat mich mit seinen Plänen überzeugt, eine neue Mannschaft aufzubauen. Deshalb bin ich nach Bochum gekommen.“

Im Sommer 2014 unterschrieb Losilla seinen ersten Vertrag in Bochum, Anfang 2024 seinen bislang letzten. Vielleicht sogar den letzten? Diese Frage kommt praktisch jedes Jahr auf, und jeden Winter wurde sie aufs Neue mit einem klaren ‚Nein‘ beantwortet. Doch mittlerweile denkt Losilla offen über ein Ende seiner aktiven Fußballerkarriere nach. „Es macht mir immer noch Spaß, auf dem Platz zu stehen und ich freue mich sehr, mit dem VfL weiter in der Bundesliga zu spielen. Aber ich möchte den richtigen Moment nicht verpassen, um aufzuhören. Aktuell glaube ich, dass diese Saison meine letzte sein wird“, gewährt Losilla einen Einblick in seine Pläne. „Aber im Fußball weiß man das natürlich nie genau. Es ist vieles neu bei uns und noch sehr früh für eine Entscheidung. Ich möchte die Saison in jedem Fall genießen. Zu wissen, dass es vielleicht meine letzte ist, pusht mich gerade besonders.“

Mit einer Stammplatzgarantie geht Losilla zwar nicht mehr ins Rennen, doch wenn nichts Unerwartetes dazwischenkommt, dann kann er sich in den kommenden Monaten weitere Spitzenplätze in den vereinseigenen Statistiken sichern. Derzeit fehlen nur noch vier weitere Partien, um in der Rangliste der am häufigsten eingesetzten Spieler an Jupp Tenhagen (345) vorbeizuziehen und Platz fünf einzunehmen – direkt hinter Michael ‚Ata‘ Lameck (595), Lothar Woelk (438), Walter Oswald (401) und Dariusz Wosz (383). Zudem winkt Rang zwei in der Statistik der ältesten VfL-Spieler. Klubikone Dariusz Wosz spielte noch mit 37 in der Bundesliga, Ata Lameck sogar mit 38, Losilla aber wird am Saisonende 39 Jahre und zwei Monate alt sein. Den Rekord hält Wolfgang Kleff mit 39 Jahren und fünf Monaten, doch der war Torhüter und kein Feldspieler.


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Besonders bemerkenswert ist, dass Losilla in der zurückliegenden Dekade fast nie verletzt war und auch im fortgeschrittenen Alter noch auffällig gute Fitnesswerte hat. Maximal drei Spiele hat er am Stück verpasst, 342 von 365 möglichen Partien hat er absolviert, 338 davon in der Startelf. Wenn der Franzose gefehlt hat, dann meist, weil er gesperrt war. Aus sportlichen Gründen musste er fast nie pausieren, mit wenigen Ausnahmen. Im Relegationshinspiel gegen Düsseldorf durfte Losilla zunächst nur zuschauen – ein Gefühl, dass er zuvor das letzte Mal im Jahr 2017 unter Jens Rasiejewski erlebte. „Das war aus persönlicher Sicht die schwierigste Phase in den zehn Jahren beim VfL. Da habe ich sogar kurz überlegt, zu einem anderen Verein zu wechseln, nicht nur, weil ich mehrere Spiele außen vor war. Aber das war zum Glück nur eine kurze Phase.“

Kein anderer Trainer verzichtete bislang freiwillig auf die Dienste von Losilla, alle schätzten ihn sehr, sportlich wie menschlich. Das weiß auch Patrick Fabian, der mit Losilla seit dessen Verpflichtung im Sommer 2014 noch mehrere Jahre zusammengespielt und ihn anschließend aus der Management-Ebene verfolgt hat. „Toto im Team zu haben bedeutet: Sportliche Qualität, Fleiß, Erfahrung, ein Höchstmaß an Identifikation mit dem Verein, hundertprozentige Fokussierung auf den Job. Anthony Losilla ist ein Vorbild, nicht nur für junge Spieler“, betont Fabian.

Auch Sebastian Schindzielorz, der die sportlichen Geschicke des VfL von 2018 bis 2022 geleitet hat, findet nur lobende Worte: „Anthony Losilla ist ein Musterprofi, ein Spieler, der sich immer in den Dienst der Mannschaft und des Vereins stellt. Er ist ein Idol für unsere Fans und ein Vorbild in jeder Hinsicht, der im Training wie im Spiel vorangeht und zudem Ansprechpartner für die sportliche Leitung und Mitspieler ist.“ Weggefährten, die ein schlechtes Wort über Losilla verlieren würden, sucht man vergebens, alle lobende sie seine bodenständige, fröhliche und integrative Art. Es ist keine gewagte These, Losilla als Legende der Neuzeit und einen der Letzten seiner Art zu bezeichnen. Viele Spieler, die mindestens zehn Jahre das Trikot des VfL Bochum tragen werden, wird es nach ihm in der heutigen Fußballwelt wahrscheinlich nicht mehr geben, womöglich sogar niemanden mehr.

Doch wie soll es für den dreifachen Familienvater nach einem möglichen Karriereende weitergehen? Für den Mittelfeldspieler ist jedenfalls klar, dass er dem Fußball verbunden bleiben möchte. „Ich bin vorbereitet. Seit Jahren schaue ich, was ich nach meiner Karriere machen kann“, erzählt Losilla, der bereits erste Trainerscheine gemacht sowie Fortbildungen zum Sportmanager absolviert hat. Zudem hospitierte er in der vergangenen Saison regelmäßig beim Training der Bochumer U19. „Ich habe beim VfL einen Anschlussvertrag und würde mich sehr freuen, hier zu bleiben. Was ich dann genau mache, müssen wir noch sehen. Das würde ich aber gerne so früh wie möglich klären.“ Die bisherigen Vereinbarungen hat Losilla mit Patrick Fabian getroffen, der nun aber nicht mehr im Amt ist. „Am liebsten würde ich als Trainer oder Co-Trainer weitermachen. Vor einigen Jahren hätte ich noch gesagt, eher im Jugendbereich. Heute bin ich für alles offen, auch für einen Seitenwechsel bei den Profis. Vielleicht muss ich aber auch beides mal probieren, um zu sehen, was mir besser gefällt.“

Der Text ist zuerst im VfL-Heft des Bochumer 3Satz-Verlags erschienen. Auf mehr als 130 Seiten bietet das Magazin viele Interviews, ausführliche Portraits und interessante Hintergrundgeschichten. Gedruckte Exemplare der aktuellen Ausgabe zum Saisonstart sind kostenlos an vielen Stellen im Bochumer Stadtgebiet oder direkt beim 3Satz-Verlag (Alte Hattinger Str. 29) zu bekommen. Nachfolgend gibt es auch eine Download-Option.

100-Tage-Bilanz

Keine Trainerdebatte, oder doch? So ist die Lage beim VfL Bochum

Sein Statement ließ wenig Interpretationsspielraum. Als Sportdirektor Marc Lettau am vergangenen Samstag nach der 1:3-Niederlage gegen Wolfsburg mit den versammelten Bochumer Sportjournalisten sprach und erklärte, dass er weder heute, noch morgen oder übermorgen eine Trainerdiskussion führen werde, war klar: Peter Zeidler wird auch in zwei Wochen beim Auswärtsspiel gegen die TSG Hoffenheim für die Aufstellung und Taktik des VfL Bochum verantwortlich sein. Daran hat sich nichts geändert. Zeidler führt die Mannschaft durch die pflichtspielfreie Woche, reist mit ihr am Donnerstag gemeinsam zum Testduell nach Köln und hat auch für Freitag und Samstag je eine Trainingseinheit angesetzt. Das freie Wochenende, das viele Spieler gerne für einen Kurzurlaub genutzt haben, ist gestrichen.

Aktuell Schlusslicht der Liga

Die Lage ist ernst beim Tabellenletzten der Bundesliga. Und wenn man in diesen Tagen nicht nur wiedergibt, was die Verantwortlichen und Spieler vor laufenden Kameras sagen, sondern auch hinter die Kulissen schaut, dann ist klar: Intern wird die Gesamtsituation nach sieben Pflichtspielen ohne Sieg inklusive Pokal-Aus und nur einem Punkt in der Liga deutlich kritischer bewertet als es nach außen kommuniziert wird. Teile der Klubspitze, die aus dem siebenköpfigen Präsidium, Geschäftsführer Ilja Kaenzig sowie Sportdirektor Marc Lettau besteht, beäugen Zeidlers Arbeit zunehmend kritisch. Sie alle sind allerdings bestrebt, gemeinsam mit ihm Lösungen zu finden. Zusammen soll möglichst schnell die Trendwende gelingen. Ein messbarer Fortschritt in Form von Ergebnissen ist dabei unabdingbar.

Zeidler seit 100 Tagen im Amt

Anderenfalls dürften auch in Bochum die üblichen Mechanismen des Geschäfts greifen. Vorher haben aber auch die Verantwortlichen ein Interesse daran, dass Zeidler, der nun 100 Tage im Amt ist, in Bochum möglichst erfolgreich ist. Zum einen, weil sie ihn selbst verpflichtet haben, zum anderen, weil ein erneuter Trainerwechsel eine teure, aktuell kaum zu stemmende Angelegenheit wäre. Neben Zeidler muss ja auch noch Thomas Letsch bezahlt werden. Dessen Beurlaubung wurde vor gut einem halben Jahr unter anderem damit begründet, dass sich Teile der Mannschaft gegen ihn positioniert haben sollen. Das war auch das Hauptargument bei der Trennung von Thomas Reis. Bei Zeidler gibt es ebenfalls schon kritische Stimmen aus der Kabine, nicht nur von unzufriedenen Reservisten.

Neue Spielidee ist anspruchsvoll

Am Dienstag soll erstmals auch der Mannschaftsrat das Gespräch mit Zeidler gesucht haben, um Kritikpunkte vorzutragen. Einzelne Spieler oder Mitglieder des Trainer- und Betreuerstabs, mit denen Tief im Westen – Das VfL-Magazin Kontakt hatte, bemängeln unter anderem die taktische Marschroute, die teilweise nur schwer umzusetzen sei. Zeidlers von Intensität und Risiko geprägte Spielidee samt Raute überfordert offenbar einige Profis. Sie sehen deshalb auch sein Trainingskonzept kritisch und wünschen sich intensivere Einheiten. Der 62-jährige Fußballlehrer ist zwar sehr von seiner Vorgehensweise überzeugt, hat bei Taktik und Training aber bereits kleinere Anpassungen vorgenommen. Im großen Stil abrücken will er von seiner Idee jedoch nicht, sondern weiter an der besseren Umsetzung feilen.

Trainer hinterfragt Gewohnheiten

Generell handhabt Zeidler einiges anders als seine Vorgänger. Auch abseits des Platzes hat der erfahrene Coach in den ersten drei Monaten Regeln und Gewohnheiten hinterfragt und teilweise verändert – und stößt damit auch auf Widerstände. So wird in der Kabine unter anderem über ein von Zeidler ausgesprochenes Bierverbot diskutiert. Der Fußballlehrer argumentiert, dass Alkohol die Regeneration hemmen würde, was wissenschaftlich erwiesen ist. Einige Spieler fühlen sich bevormundet, vielleicht auch in ihrer Komfortzone gestört. Zeidler hat den Unmut registriert und am vergangenen Wochenende pragmatisch reagiert. Sein Versprechen: Wenn die Mannschaft gewinnt, gibt er ihnen persönlich ein Sieger-Bier aus. Noch musste sich Zeidler aber nicht in Unkosten stürzen.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Berichts war davon die Rede, dass es noch kein Gespräch zwischen Zeidler und dem Mannschaftsrat gegeben haben soll. Diese Info ist nicht mehr aktuell und wurde entsprechend angepasst.


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(Foto: Marc Niemeyer)

Debatte

VfL-Kolumne: Erschwerniszulage für die Außenverteidiger

Die VfL-Kolumne ist ein Format auf Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Einmal pro Woche gibt es einen kurzen Kommentar zu einem ausgewählten Thema – zum sportlichen Geschehen an der Castroper Straße oder zum Drumherum. Die Regel: Maximal 1.848 Buchstaben. Das Ziel: Diskussionen anzustoßen. Das Thema heute: Die Außenbahnspieler im Rauten-System.

Ein Blick ins eigene Archiv offenbart, dass sich die Themen manchmal wiederholen. Als vor einem Jahr an dieser Stelle die erste VfL-Kolumne erschienen ist, lautete die Schlagzeile: „Flügelspieler haben einen schweren Stand“. Nun: Der Trainer ist ein anderer, die Mannschaft hat sich deutlich verändert, das Problem aber ist geblieben: Offensive Außenbahnspieler sind beim VfL Bochum aus der Mode gekommen.

Thomas Letsch hat vergeblich versucht, ein 3-5-2-System an der Castroper Straße zu etablieren. Peter Zeidler setzt auf ein 4-4-2 samt Mittelfeldraute – bislang ebenfalls ohne Erfolg. In beiden Systemen sind die offensiven Außenbahnspieler die größten Verlierer: sie gibt es nämlich nicht mehr. Worunter auch die Außenverteidiger leiden, weil sie die gesamte Außenbahn beackern müssen. Für Felix Passlack und Maximilian Wittek war das schon im vergangenen Jahr nicht zu schaffen. Auch in dieser Saison müssten sie eigentlich eine Erschwerniszulage erhalten.

Das Ergebnis ist wenig überraschend: Bei gleich mehreren Gegentreffern fehlten sie hinten, weil sie auch vorne gebraucht wurden – oder es an Unterstützung aus dem Mittelfeld fehlte. Die Gegner haben diese Schwachstelle zum Teil gezielt genutzt. Das Offensivspiel leidet ebenfalls. Das belegen auch Zahlen des Anbieters Create Football, die jüngst von der WAZ veröffentlicht wurden. Der VfL schlägt ligaweit die wenigsten Flanken, spielt die zweitmeisten Angriffe durch die Mitte und kommt auf den Außenbahnen kaum in Eins-gegen-Eins-Duelle.

Immerhin: Peter Zeidler hat in der Vorbereitung auch ein 4-3-3-System einstudieren lassen. Damit würde er das Flügelspiel stärken. Passende Spieler hat er hierfür. Wobei die Personalplanung noch eine Grundsatzfrage aufwirft: Wenn doch schon in der Sommervorbereitung absehbar war, dass Zeidler bevorzugt auf eine Mittelfeldraute setzt, wieso wurden die Außenverteidigerpositionen dann nicht gestärkt? Denn halbwegs gleichwertige Alternativen zu Passlack und Wittek, also offensiv denkende Außenverteidiger, gibt der Kader nicht her. Das wiederum verstärkt die Erkenntnis, dass die Mittelfeldraute nicht zu dieser Mannschaft passt.


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(Foto: Marc Niemeyer)

1:3-Niederlage gegen Wolfsburg

Weiter mit Zeidler: Ominöse Fortschritte und trotzdem Letzter

Keine zwei Minuten lagen zwischen den womöglich entscheidenden Spielszenen an diesem sonnigen Samstagnachmittag, in dessen Verlauf zunehmend dunkle Wolken aufzogen – zumindest im übertragenen Sinne. Erst nahm Schiedsrichter Max Burda nach Intervention des Video-Assistenten einen Handelfmeter für den VfL Bochum zurück, kurz darauf erzielte Tiago Tomas die Führung für die Gäste. Die am Ende verdiente 1:3-Niederlage lässt den Revierklub in eine tiefe Krise schlittern. Sechs Niederlagen in sieben Pflichtspielen und ein mühsam erkämpftes Unentschieden gegen Liga-Neuling Holstein Kiel sind nach jetzigem Stand die Bilanz eines Absteigers. Die Stimmung im Umfeld schlägt um oder ist schon gekippt. Die Frage ist: Welche Konsequenzen folgen aus dem Fehlstart?

Kein Trainerwechsel

Nach der insgesamt enttäuschenden Leistung gegen keineswegs überragende Wolfsburger muss Trainer Peter Zeidler wohl erst einmal nicht um seinen Job fürchten – anders als es von zahlreichen Fans in den sozialen Netzwerken vermutet oder gefordert wird. Sportdirektor Marc Lettau sprach dem 62-Jährigen am Samstagabend zwar keine Jobgarantie aus, sagte aber deutlich: „Wir werden heute sicherlich keine Trainerdiskussion führen, auch nicht morgen oder übermorgen.“ Möchte Lettau seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren, dann wird Peter Zeidler auch in zwei Wochen auswärts in Hoffenheim auf der Bank sitzen. Lettaus Aussage speist sich offenkundig aus der Überzeugung, dass sich die Mannschaft positiv entwickelt. Auch Peter Zeidler sah abseits des Resultats „etliche Fortschritte“. Nur welche?

Drei Gegentreffer

Wirklich konkret wurde er auf Nachfrage nicht, nannte einzig „die ersten 20 Minuten, wie wir da aufgetreten sind.“ Die Bochumer ließen hinten noch nichts zu, wurden nach vorne aber kaum gefährlich. Auch Lettau sah lange Zeit „eine mannschaftliche Kompaktheit“, die erst gegen Ende verloren gegangen sei. Drei Gegentore und drei Wolfsburger Aluminiumtreffer lassen eine nennenswerte Weiterentwicklung faktisch allerdings noch nicht erkennen. Immer wieder ließ sich die Zeidler-Elf auf einfachste Art und Weise auskontern, bot den Gästen viel zu große Räume. Und offensiv? „Wir haben uns deutlich mehr Chancen erspielt“, stellte Lettau im Vergleich zu den vergangenen Partien fest, sah „das Momentum aber nicht auf unserer Seite.“ Damit meinte er womöglich auch die Schiedsrichter-Entscheidungen.

Schiri im Fokus

Den Bochumer Handelfmeter zurückzunehmen, war nachvollziehbar, ebenso wie nach dem Foul von Sissoko im eigenen Strafraum auf den Punkt zu zeigen. Dass Ivan Ordets kurz vor dem 0:2 gefoult worden war, hatte Bundesliga-Debütant Max Burda allerdings übersehen. Erst mit dem Anschlusstreffer durch Myron Boadu kam die Hoffnung zeitweise zurück, wobei eine echte Schlussoffensive ausblieb. Zeidler wechselte zwei frische Offensivkräfte nach gut einer Stunde ein, drei weitere erst nach dem 1:3 – zu spät. Individuell verdiente sich beim VfL fast keiner eine gute Note. Rückkehrer Ivan Ordets konnte mit dem Tempo der Wolfsburger kaum mithalten; Ibrahima Sissoko und Dani de Wit, die beiden vermeintlichen Königstransfers, enttäuschten nicht zum ersten Mal. Generell fehlt im Mittelfeld die Kreativität.

Wieder mit Raute

Im Grunde gibt es da nur zwei Optionen: Entweder reicht die Qualität nicht aus, oder der Trainer schafft es nicht, sie zur Geltung zu bringen. Zeidler ließ seine Mannschaft auch gegen Wolfsburg in einer Mittelfeldraute agieren; ein System, auf das derzeit kein anderer Bundesligist setzt. Es sorgt einerseits für ein kompaktes Zentrum, andererseits für Probleme auf den Flügelpositionen. Die Außenverteidiger müssen Defensiv- und Offensivaufgaben oft zeitgleich erfüllen, was Felix Passlack und Maximilian Wittek bisweilen sichtbar überfordert. Das war gegen Wolfsburg nicht anders – und muss in der nun anstehenden Bundesliga-Pause und anschließend gegen die TSG Hoffenheim dringend behoben werden. Eine Aufgabe, die der Klub offensichtlich weiter in die Hände von Peter Zeidler legt.


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(Foto: Imago / Nordphoto)

Debatte

VfL-Kolumne: Große Diskrepanz in der Wahrnehmung

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Im Fußball gehen die Meinungen bekanntlich oft auseinander. Doch die Fakten sind eindeutig: Der VfL Bochum ist Tabellenletzter und wettbewerbsübergreifend sieglos in dieser Saison. In rund 100 Tagen ist es Trainer Peter Zeidler nach meinem Dafürhalten noch nicht gelungen, die neue Bochumer Mannschaft zu einer funktionierenden Einheit zu formen. Offensiv mangelt es an Kreativität, die Flügel sind allzu oft verwaist, die Raute im Mittelfeld ist eher ein Problem als die große Lösung. Defensiv ist die Konteranfälligkeit seit der Vorbereitung ein Problem, individuelle Fehler und Tempodefizite kommen noch hinzu. Da verwundert es schon, wenn Zeidler und Sportdirektor Marc Lettau nach fast jedem Spiel – ganz besonders nach der Partie gegen Wolfsburg – über angebliche Fortschritte philosophieren. Zumindest der Trainer erkannte „etliche“ davon, konkret benennen konnte oder wollte er sie aber nicht.

Vielleicht haben meine Gesprächspartner und ich am Samstag ein anderes Spiel gesehen. Vielleicht hatte ich mit meinen Journalistenkollegen, mit zwei Ex-Profis und vielen leidgeprüften Fans auch einfach die falschen Gesprächspartner. Aber zu einer derart positiven Bewertung der Bochumer Leistung ist – ohne Vereinsbrille – praktisch keiner von uns gekommen. Die Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen den Verantwortlichen und Außenstehenden ist jedenfalls ziemlich groß.

Wie auch immer: Nehmen wir mal an, Zeidler und Lettau liegen richtig. Das bedeutet ja im Umkehrschluss, dass diese Fortschritte immer noch nicht ausreichen, um ein Bundesliga-Spiel zu gewinnen. Oder zumindest einen Punkt zu holen. Das wäre ziemlich erschreckend und deutet darauf hin, dass es in Summe immer noch viel zu viele Mängel gibt. Für den weiteren Saisonverlauf verheißt das nichts Gutes. Die Erfahrung lehrt: Nur wenn die Verantwortlichen in ihrer Analyse schonungslos ehrlich und auch selbstkritisch sind, kann die Wende gelingen. Beides ist beim VfL zumindest von außen nicht zu erkennen. Die einzige Hoffnung besteht darin, dass hinter verschlossenen Türen ganz anders gesprochen wird. Was angesichts der öffentlichen Schönfärberei allerdings genauso irritierend wäre.


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(Foto: Marc Niemeyer)

Debatte

VfL-Kolumne: Der Herbst könnte ungemütlich werden

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Die Temperaturen sinken, die ersten Blätter fallen und abends wird es früher dunkel: der Herbst ist da. In Bochum merkt man das besonders an der Castroper Straße. Nach sechs sieglosen Pflichtspielen mit nur einem Punkt in der Bundesliga und dem Aus im DFB-Pokal weht ein rauer Wind rund um das Ruhrstadion. Ja, der Auftritt in Dortmund war zeitweise sehr ordentlich, in Summe gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass der BVB der klare Favorit mit völlig anderen Möglichkeiten ist. Aber klar ist auch: Allmählich müssen Punkte her. Zum dritten Mal in Folge hat der VfL einen Fehlstart hingelegt. Zweimal hat er den Klassenerhalt mit Ach und Krach dennoch geschafft. Das wird nicht immer gelingen.

Auch deshalb ist das anstehende Duell gegen den VfL Wolfsburg ein sogenanntes Schicksalsspiel. Es entscheidet darüber, wie ungemütlich der Bochumer Herbst werden dürfte. Auch ein Unentschieden wäre im Grunde zu wenig. Denn das Folgeprogramm mit fünf Partien gegen Europapokal-Teilnehmer in Serie deutet darauf hin, dass zwischen Mitte Oktober und Ende November, also bis zum elften Spieltag, nur wenige Zähler dazukommen werden.

Wir alle kennen die Mechanismen des Fußball-Geschäfts: Bleibt der Erfolg über eine längere Zeit aus, und ist darüber hinaus keine nennenswerte Weiterentwicklung zu erkennen, ist ein Personalwechsel auf der Trainerposition ein beliebtes Mittel, um den Negativtrend stoppen zu wollen. Verliert Peter Zeidler auch gegen Wolfsburg, wird es eng für ihn. Verdammt eng. Weil er es bislang nicht geschafft hat, ein über 90 Minuten funktionierendes Team zu formen. Wobei es unfair wäre, die Probleme auf eine Person zu reduzieren. Allein die Tatsache, dass der Trainer nur drei Monate nach seinem ersten Arbeitstag schon wieder so sehr im Fokus steht, bei vielen Fans und teilweise auch klubintern, ist besorgniserregend. Wieso schafft es der VfL Bochum nicht, einen Übungsleiter zu finden, mit dem Diskussionen dieser Art gar nicht oder erst sehr viel später aufkommen? Zumal Zeidler in diesem Kalenderjahr schon der dritte Trainer ist. Diese Frage richtet sich an das Präsidium, die Geschäftsführung und den Sportdirektor gleichermaßen.


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(Foto: Marc Niemeyer)

Erstes Tor erzielt

Zehner statt Achter: Neuzugang de Wit will offensiver spielen

Am vergangenen Wochenende wurde Dani de Wit zu einer Art Groundhopper. Freitags gastierte er mit dem VfL Bochum im Dortmunder Westfalenstadion. Der 26-Jährige erzielte sein erstes Pflichtspieltor, traf zur zwischenzeitlichen 2:0-Führung. Der Ausgang des Spiels ist bekannt. Allzu sehr konnte sich de Wit über den Treffer deshalb nicht freuen. Auch zwei Tage später war das Ergebnis aus seiner Sicht enttäuschend. Er sah eine 1:2-Niederlage von AZ Alkmaar gegen den FC Utrecht. Für de Wit war es dennoch ein besonderer Tag. In der Halbzeitpause wurde er offiziell von seinem Ex-Klub verabschiedet und ließ sich von den Fans feiern, die ihren ehemaligen Leistungsträger offensichtlich vermissen. Fünf Jahre hat de Wit das Trikot von AZ Alkmaar getragen, bevor er in diesem Sommer zum VfL Bochum gewechselt ist.

Wunschkandidat seit dem Winter

Monatelang hatte sich Sportdirektor Marc Lettau um die Dienste des Mittelfeldspielers bemüht, schon im Winter gab es Gespräche für den Fall, dass Kevin Stöger den Verein früher als geplant verlassen hätte. Kurz vor dem Trainingsauftakt Anfang Juli erhielt Lettau die Zusage. „Es ist ein Spieler, um den wir hart kämpfen mussten, weil er auch andere Optionen hatte. Schnelligkeit und Hartnäckigkeit werden dann am Ende belohnt – nicht immer, aber in dem Fall schon“, erklärt Lettau. Dani de Wit kam ablösefrei nach Bochum, unterschrieb einen Vierjahresvertrag. „Für Dani de Wit ist der Wechsel zu uns mit dem Sprung in eine der Top-4-Ligen verbunden“, betont Lettau. Sein Wunschkandidat für die Mittelfeld-Zentrale hätte zum Beispiel auch in die italienische Serie A wechseln können.

Andere Stärken als Stöger

Auch deshalb sind die Erwartungen an de Wit in Bochum alles andere als gering. Schließlich gilt er als Nachfolger von Top-Scorer und Spielgestalter Kevin Stöger, obwohl die beiden gänzlich andere Spielertypen sind. Zu des Stärken des Niederländers zählen – basierend auf Daten und Berichten holländischer Kollegen – der eigene Torabschluss, seine Ausdauer, seine Kopfbälle, seine Spielintelligenz und seine körperbetonte Zweikampfführung. Das Einleiten von Chancen und Schlagen von Standards zählt im Gegensatz zu Stöger nicht zu seinen Kernkompetenzen. All das war bereits im Sommer bekannt, die bisherigen Spieleindrücke bestätigen dies nur. Wobei über allem noch die Positionsfrage schwebt. In Alkmaar war de Wit auf der Zehner-Position gesetzt. Und in Bochum?

Unterschiedliche Rollen

Zweimal, gegen Gladbach und Dortmund, positionierte ihn Trainer Peter Zeidler hinter der Doppelspitze. Gegen Freiburg und Kiel kam de Wit etwas defensiver zum Einsatz, als sogenannter Achter. In diesen beiden Partien blieb de Wit weitgehend unsichtbar, vor allem im Vorwärtsgang. In Regensburg und Leipzig hatte der Neuzugang wegen einer länderübergreifenden Rotsperre zunächst gefehlt. Im Derby gegen den BVB, als er auf seiner Lieblingsposition spielen durfte, deutete de Wit nun aber an, dass Potenzial in ihm schlummert. „Ich kann besser spielen, wenn ich offensiver und näher am gegnerischen Strafraum bin. Dann kann ich mit Toren und Assists gefährlich sein“, sagte de Wit der WAZ und hielt damit bereits vor dem Spiel ein Plädoyer für einen Einsatz auf der Zehn, wo er auch in Alkmaar überzeugt hat.

Neue Liga und Umgebung

Zehn Tore hat er dort in der vergangenen Saison erzielt, insgesamt 46 in 188 Pflichtspielen. „Er ist torgefährlich“, weiß auch Peter Zeidler und versucht, „ihn in diese Bereiche und Situationen zu bringen, um Tore zu erzielen.“ Der Fußballlehrer betont aber auch, dass de Wit defensive Aufgaben zu erfüllen hat. „Wir brauchen ihn auch als Balleroberer. Er ist ein kompletter Mittelfeldspieler.“ Quasi gesetzt bleibt de Wit in jedem Fall, unabhängig von der Position. „Er ist selbstkritisch und lernwillig“, berichtet Zeidler. Aus seiner Sicht seien Anlaufschwierigkeiten bei einem Wechsel aus der Eredivisie in die Bundesliga ohnehin normal. „Eine neue Umgebung, neue Mitspieler und eine andere Spielweise“ – Zeidler möchte seinem Schützling noch etwas Zeit geben. Auch wenn der Erfolgsdruck naturgemäß steigt.


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