Personalien

Keine Experimente: Kaenzig sucht Trainer und Sportchef

Viel Schlaf wird Ilja Kaenzig in diesen Tagen und Wochen nicht bekommen. Der alleinige Geschäftsführer des VfL Bochum wurde vom Präsidium mit der Suche nach einem neuen Trainer und einem neuen Sportdirektor beauftragt. Mit einer schnellen Antwort in den nächsten Tagen ist eher nicht zu rechnen. Womöglich wird es auch noch wenige Wochen dauern, bis beide Personalien geklärt sind, zumal nicht bekannt ist, ob im Hintergrund für den Fall der Fälle entsprechende Vorarbeit geleistet wurde. Wobei die interne Vorgabe lautet: Tempo, Tempo, Tempo!

Im Idealfall wird Kaenzig zunächst einen Sportchef vorstellen und erst im Anschluss, gemeinsam mit dem neuen Mann, einen Trainer. Doch die Suche laufe derzeit parallel, erklärte Kaenzig in einer Medienrunde am Donnerstag. Es kann also sein, dass erst der Trainer vorgestellt wird und dann der neue Sportchef. Ohnehin ist noch vieles unklar, nicht nur die Reihenfolge. Kaenzig und das Präsidium haben die Stellen- und Anforderungsprofile bislang nur grob umrissen, zumindest gegenüber der Öffentlichkeit. Intern habe man sich in beiden Fällen auf fünf Kernpunkte verständigt.

Bundesliga-Erfahrung könnte ein Kriterium sein, nachdem Thomas Letsch und Peter Zeidler im Grunde Quereinsteiger waren. Urs Fischer und Andre Breitenreiter werden von den Fans und Medien am häufigsten genannt und wurden in der Vergangenheit bereits kontaktiert. Angesichts der sportliche Lage und der wirtschaftlichen Situation muss der VfL aber mit Absagen rechnen. Namen wie Markus Gisdol oder Torsten Lieberknecht wären ebenfalls naheliegend und auch logisch, konkrete Anzeichen für Gespräche gibt aber noch keine. Auch ein Blick ins angrenzende Ausland wäre denkbar.

Gründe für den Doppel-Rauswurf

Klar ist: Speziell auf dem Trainerstuhl soll es „kein Experiment“ mehr geben, bekräftigte Kaenzig. Gesucht werde ein Trainer, der „taktisch flexibel“ ist und, etwas salopp formuliert, „aus den Zutaten etwas Leckeres kocht“. Thomas Letsch und Peter Zeidler hätten zu sehr ihre eigenen Vorstellungen durchdrücken wollen. „Das einfachste Gericht hat zuletzt Thomas Reis gekocht“, vervollständigte Kaenzig seinen Gedanken. „Von diesem Weg sind wir zuletzt abgekommen.“ Kaenzig nahm sich dabei selbst in die Mitverantwortung. Als Geschäftsführer liegt das letzte Wort bei ihm.

In der Causa Zeidler habe auch er sich „irgendwann eingestehen müssen, dass es nicht mehr funktioniert.“ Kaenzig kannte Zeidler bereits aus einer gemeinsamen Zeit in Sochaux. Der Vorschlag ging aber noch von Ex-Geschäftsführer Patrick Fabian aus. Sportdirektor Marc Lettau unterstützte diese Idee, wie auch eine Mehrheit innerhalb des Präsidiums. Das Zögern bei der Beurlaubung erklärte Kaenzig damit, dass es um „viel Vereinsvermögen“ gegangen sei. Zeidler wird bis zum Vertragsende Mitte 2026 noch schätzungsweise 1,5 Millionen Euro ohne Gegenleistung erhalten.

Marc Lettau wiederum wird in der Zeit seiner Beurlaubung weitaus weniger Geld kassieren. Nach Informationen von Tief im Westen – Das VfL-Magazin soll es sich um eine niedrige sechsstellige Summe handeln. Lettaus Freistellung erfolgte zusammen mit der von Peter Zeidler. „Es wäre inkonsequent, nur dem Trainer die Schuld zu geben“, erklärte Kaenzig den Doppel-Rauswurf. Der Kader sei gemeinschaftlich geplant worden. „Ein guter Spieler ist nicht unbedingt ein guter Transfer“, sagte Kaenzig. Soll heißen: Neuzugänge und der bestehende Kader müssten auch gut zusammen passen.

Bescheidenheit als Auswahlkriterium

Neben der Kaderplanung, auf die der neue Sportchef mangels Geld in der laufenden Saison fast oder gar keinen Einfluss mehr nehmen kann, spielen bei der Personalsuche auch noch andere Kriterien eine Rolle. Vor allem das Präsidium wünscht sich eine bessere Personalführung und auch eine andere Kommunikation, sowohl intern als auch in der Außendarstellung. Von Vorteil wäre zudem eine Vergangenheit als Fußballprofi; Lettau hatte diese nicht. Kaenzig nannte zudem ein weiteres Kriterium: Bescheidenheit. Der neue Mann müsse die begrenzten Möglichkeiten akzeptieren.

Einen eigenen Mitarbeiterstab wird folglich niemand mitbringen dürfen. Die finanziellen Möglichkeiten sind eingeschränkt und lassen sich sogar auf die Gehälter der VfL-Manager übertragen. Marc Lettau, für den der Job beim VfL ein Karrieresprung war, soll im Bundesliga-Vergleich mit einem äußerst geringen Salär abgespeist worden sein. Auch Patrick Fabian und Sebastian Schindzielorz haben als Berufseinsteiger eher wenig verdient, obwohl sie sogar Geschäftsführer waren. Selbst viele Reservespieler haben zuletzt ein höheres Gehalt bezogen als der Sportdirektor.

Das lässt durchaus an der richtigen Prioritätensetzung zweifeln; schließlich ist der Mann für die Kaderplanung einer der wichtigsten Akteure im Klub. Eine erfahrene Führungspersönlichkeit mit einem guten Netzwerk, mit einem souveränen Auftreten und einem guten Draht zur Mannschaft, womöglich noch mit einer Bochumer Vergangenheit, wäre zu den Konditionen der Vergangenheit jedenfalls nicht zu bekommen. Bekannte Namen wie der Ex-HSV-Manager Jonas Boldt oder Alexander Rosen, der langjährige Sportchef der TSG Hoffenheim, liegen also weit außerhalb der Reichweite.

Viele Kandidaten, keine heiße Spur

Gleiches gilt vermutlich auch für Sportdirektoren von aufstrebenden Zweitligisten wie dem SC Paderborn, der in der vergangenen Jahren gleich mehrere Senkrenkstarter der Szene hervorgebracht hat. Der VfL wird folglich eher in die zweite Reihe anderer Klubs schauen müssen. Der Name Claus Costa, ein Ex-Bochumer im Management des HSV, fiel bereits, heiß ist die Spur aktuell aber nicht; ebenso wie die zu Marcel Klos vom Genua CFC, der medial häufiger genant wurde. Potenzielle Kandidaten dieser Kategorie gibt es jedoch zuhauf, ebenso wie vereinslose Sportdirektoren.

Die bekanntesten dürften Benjamin Schmedes aus Arnheim und Osnabrück und der erst vor wenigen Tagen in Fürth beurlaubte Rachid Azzouzi sein. Zudem sind beim VfL dutzende Initiativbewerbungen von spannenden und weniger interessanten Kandidaten eingegangen. Berücksichtigt man die Tatsache, dass die Verantwortlichen am Donnerstag angedeutet haben, dass aus dem Sportdirektor auch wieder ein Geschäftsführer Sport werden könnte, sind sogar erfahrene Manager der Kategorie Dieter Hecking oder Peter Knäbel keineswegs ausgeschlossen.

Ziel ist es in jedem Fall, einen Sportchef zu finden, der deutlich länger an Bord bleibt, nachdem Sebastian Schindzielorz im Sommer 2022 mangels Vertrauen selbst das Handtuch warf und kurze Zeit zum VfL Wolfsburg wechselte, Patrick Fabian im Mai 2024 zugleich gehen wollte und musste, und nun auch Marc Lettau geschasst wurde. Nicht nur aus finanziellen, auch aus sportlichen Gründen darf sich der Tabellenletzte aus Bochum bei der Personalauswahl keinen Fehler mehr erlauben. Dafür wird Ilja Kaenzig sicher gerne ein paar schlaflose Nächte in Kauf nehmen.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)

Im Gespräch

VfL-Magazin x Einsachtvieracht: Podcast zur Lage beim VfL

Ereignisreiche Tage liegen hinter dem VfL Bochum: Trainer Peter Zeidler musste gehen, Sportdirektor Marc Lettau ebenfalls. Über die Gründe dafür, die Nachfolge und fehlende personelle Kontinuität sprechen in einer Podcast-Sonderfolge Claudio Gentile vom Bochumer Fan-Blog Einsachtvieracht und Philipp Rentsch von Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Viel Spaß beim Hören!

Hinweis: Das Gespräch fand bereits am Mittwoch und damit vor den Veränderungen im Präsidium statt.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)

Debatte

VfL-Kolumne: Die Führungsriege hätte früher eingreifen müssen

Die VfL-Kolumne ist ein Format auf Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Einmal pro Woche gibt es einen kurzen Kommentar zu einem ausgewählten Thema – zum sportlichen Geschehen an der Castroper Straße oder zum Drumherum. Die Regel: Maximal 1.848 Buchstaben. Das Ziel: Diskussionen anzustoßen. Das Thema heute: Der erneute Trainerwechsel.

„In ganz Europa kannst du an der Tabelle ablesen, wo Ruhe ist und Kontinuität herrscht.“ Dieser Satz fällt Geschäftsführer Ilja Kaenzig gerade vielleicht auf die Füße, aber er ist zutreffend, denn: Bundesliga-Schlusslicht ist derzeit der VfL Bochum. An der Castroper Straße geht es fast schon ähnlich turbulent zu wie nebenan in Gelsenkirchen.

Nun: Die Trennung von Peter Zeidler war unausweichlich, weil er das Vertrauen vieler Spieler und Mitarbeiter schnell verloren oder nie gewonnen hat. Die Frage aber ist: Was sagt der erneute Trainerwechsel über die Qualität der Personalsuche aus? Hier kommt unter anderem Ex-Sportdirektor Marc Lettau ins Spiel, der immerhin schnell erkannt hat, dass er falsch lag. Zeidlers dogmatische Herangehensweise hätte bekannt sein müssen, ebenso, dass seine Spielidee nicht zur Bochumer Mannschaft passt.

Aber auch andere sitzen bei dieser Fehlentscheidung mit im Boot. Wie kann es sein, dass das Präsidium von all den internen Problemen so wenig mitbekommen hat? Nicht anders ist der späte Trainer-Rauswurf zu erklären. Die operative Gesamtverantwortung liegt zudem bei Ilja Kaenzig. Mindestens zwei Wochen haben sie, hat der ganze Klub verloren. Ernstzunehmende Hinweise zur Trainingsgestaltung, zur Taktik, zu Zeidlers Führungsstil und zu seltsamen Verhaltensweisen gab es schon länger. Einige davon fanden an dieser Stelle bereits Erwähnung. Vielleicht hätten sie noch mehr in die Tiefe gehen müssen, um die Problematik zu verdeutlichen. Nur weil die Mannschaft am Sonntag bei der Krisensitzung quasi blankzog, änderten auch die Befürworter von Zeidler ihre Meinung. Logisch: Die Spieler müssen sich auch selbst hinterfragen und stehen nun in der Pflicht, endlich zu liefern. Aber dass sich die Beziehung zwischen Peter Zeidler und dem VfL zum großen Missverständnis entwickelt, lag nicht an ihnen und war sehr schnell abzusehen.

Aus den Ereignissen müssen die Verantwortlichen lernen. Vor allem für das Präsidium gilt: Es muss seiner Kontrollfunktion nachkommen. Denn wer Kontinuität will, muss zunächst die richtigen Leute auswählen. Ansonsten duelliert sich der VfL bald nicht nur bei den Negativ-Schlagzeilen mit Schalke 04.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)

Feldhoff übernimmt

Interimslösung steht: VfL sucht nicht nur Trainer und Manager

Vielleicht wäre es mal spannend, in Bochum zufällig ausgewählte Passanten anzusprechen und ihnen die Frage zu stellen, wer gerade Trainer des heimischen VfL ist. Menschen, die sich kaum oder nur beiläufig für Fußball interessieren, dürften angesichst der regelmäßigen Personalrochaden allmählich ins Schwimmen geraten. Allein in diesem Kalenderjahr, das ja noch nicht vorbei ist, gab es schon vier verschiedene Übungsleiter. Auf Thomas Letsch, der bis Anfang April das Training und die Taktik verantwortet hat, folgte bis zur gewonnenen Relegation Interimscoach Heiko Butscher, und anschließend für etwas mehr als 100 Arbeitstage Peter Zeidler. Nach dessen Beurlaubung übernimmt nun übergangsweise das Duo Markus Feldhoff und Murat Ural, wobei die Hauptverantwortung bei Ex-Profi Feldhoff liegen wird. Die beiden haben zuletzt als Co-Trainer der Bundesliga-Mannschaft gearbeitet, kennen also das Team und sollen den VfL zunächst einmal in das Heimspiel gegen Rekordmeister Bayern München am kommenden Sonntag führen. Weitere Einsätze sind wahrscheinlich, zumindest bis zur nächsten Länderspielpause im November.

Ein kompletter Neuanfang ist es also nicht, wobei Feldhoff und Ural zuletzt schon auf deutliche Distanz zu ihrem Chef gegangen sein sollen. Sie waren also nicht unbedingt der Meinung von Zeidler. Feldhoff wurde bereits unter Thomas Letsch ins Trainerteam aufgenommen und soll noch längerfristig Co-Trainer des Klubs bleiben. Ural kam auf Empfehlung von Zeidler zum VfL, allerdings haben die beiden vorher nie enger zusammengearbeitet; Ural hatte lediglich kurz in St. Gallen hospitiert. Beide besitzen die höchste Trainerlizenz und haben zumindest für einige Wochen schon Cheftrainer-Erfahrung sammeln dürfen. Feldhoff war 2021 für den VfL Osnabrück verantwortlich, Ural Anfang 2024 für den FC Zürich – in beiden Fällen aber ohne großen Erfolg. Auch U19-Trainer David Siebers, der intern hochgeschätzt wird, war ein Kandidat, soll angesichts des schwierigen Programms und der Gemengelage aber nicht verheizt werden.

Komplette Neubesetzung

Sollten Feldhoff und Ural nicht für Sensationserfolge sorgen, werden sie die erste Reihe demnächst auch wieder räumen müssen. Der VfL sucht außerhalb des Klubs nach einer Dauerlösung für den Trainerposten. Medial wird bereits der lange Zeit bei Union Berlin erfolgreiche Urs Fischer gehandelt. Auch Andre Breitenreiter, dem der VfL im Sommer abgesagt und sich dann für Zeidler entschieden hat, wird erneut genannt. Beide Personalien sind naheliegend, aktuell aber reine Spekulation, weil der VfL zunächst einen neuen Sportdirektor verpflichten möchte, der anschließend an der Trainersuche beteiligt sein soll. Nach der Beurlaubung von Marc Lettau an diesem Sonntag und der ersatzlosen Trennung von Sport-Geschäftsführer Patrick Fabian im Mai gibt es derzeit keinen Sportchef mehr. Deshalb will das Präsidium gemeinsam mit Geschäftsführer Ilja Kaenzig möglichst schnell einen Nachfolger für Lettau installieren.

Wie sich die Verantwortlichen hierfür organisieren, nachdem sie eine solche Position jahrelang immer nur durch internes Aufrücken neu besetzt haben, ist nicht bekannt. Das Präsidium verfügt über kein großes Netzwerk und benötigt Unterstützung, entweder von Kaenzig oder von externen Branchenkennern. Die finanziellen Mittel sind in jedem Fall begrenzt. Mit Thomas Letsch und Peter Zeidler stehen bereits zwei Cheftrainer auf der Gehaltsliste; beide bis 2026 und mit einem Jahresgehalt von rund einer Million Euro. Überdies müssen auch noch Patrick Fabian und Marc Lettau bezahlt werden, jedoch kürzer und zu deutlich geringeren Konditionen. Nach Informationen von Tief im Westen – Das VfL-Magazin muss allerdings noch eine weitere Stelle neu besetzt werden. Teammanager Hannes Hahn, ein Vertrauter von Lettau, muss den Klub ebenfalls mit sofortiger Wirkung verlassen. Chefscout Carsten Schüpmann-Haase darf indes bleiben, nachdem sich auch bei dieser Personalie zunächst eine Trennung abgezeichnet hatte. Der neue Sportdirektor soll sich einen eigenen Eindruck über die Arbeit der Scouting-Abteilung verschaffen.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)

Krise in Bochum

Großer Knall: Warum Zeidler und Lettau gehen müssen

Wie sehr Peter Zeidler von sich und seiner Arbeit überzeugt ist, hat er nach der Niederlage in Hoffenheim ganz unverblümt gezeigt. Auf die Frage, ob er noch daran glauben würde, mit dem VfL Bochum das Ruder herumreißen zu dürfen, reagierte er mit einer längeren Antwort, die in einem bemerkenswerten Eigenlob mündete: „Dass ich fleißig und sehr kompetent bin, das weiß man. Und weil dem so ist, bin ich Trainer des VfL Bochum – hoffentlich noch sehr lange.“ Dieser Wunsch geht für ihn allerdings nicht in Erfüllung. Zeidler muss den Bundesligisten nach etwas mehr als 100 Arbeitstagen schon wieder verlassen. Nach einem stundenlangen Sitzungsmarathon mit kontroversen Diskussionen war Zeidlers Aus am Sonntagabend besiegelt. Und nicht nur das: Auch Sportdirektor Marc Lettau muss den Klub verlassen. Ein Knall, der in dieser Form nicht zu erwarten war.

Acht Spiele ohne Sieg

Denn einige Mitglieder der Vereinsspitze hatten noch vor gut zwei Wochen trotz der angespannten Lage einen erneuten Trainerwechsel blockiert, mutmaßlich aus drei Gründen. Erstens: Die finanzielle Belastung. Neben Thomas Letsch steht mit Peter Zeidler nun schon ein zweiter beurlaubter Cheftrainer auf der Gehaltsliste. Zweitens: Der Wunsch nach personeller Kontinuität. Und drittens: Das Eingeständnis, im Sommer erneut falsch gelegen zu haben. Doch überzeugende Argumente für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit gab es längst nicht mehr. Zeidlers Bilanz mit nur einem Punkt aus sieben Bundesliga-Partien, dem Aus im Pokal und keiner erkennbaren Entwicklung ist desaströs. Das Vertrauen von Mannschaft und Mitarbeitern hatte Zeidler längst verloren, oder besser: nie wirklich gewonnen.

Keine Fortschritte unter Zeidler

Schon in der Länderspielpause hatte Tief im Westen – Das VfL-Magazin über interne Kritik an seinen Trainingseinheiten, seinem taktischen Konzept und seinem Führungsstil berichtet. Zeidler handelte wenig pragmatisch, wollte seine Ideen durchsetzen und stieß damit auf massive Widerstände. Zeidler ist es nicht gelungen, aus vielen neuen Spielern und einem kleinen Kern der letztjährigen Mannschaft ein funktionierendes Team zu formen und seine Prinzipien zu vermitteln. Die Defizite in insgesamt nur acht gemeinsamen Pflichtspielen waren zu groß, defensiv wie offensiv. Dass Zeidler vor allem in den letzten Wochen immer wieder die Formation und das Personal wechselte, war ein kleines Zeichen von Anpassungsbereitschaft, in der Umsetzung aber nur mit neuen Problemen und keinen messbaren Fortschritten verbunden. Es fehlte ein stabiles Grundgerüst.

Lettau trägt Mitverantwortung

Aus der Sicht von Geschäftsführer Ilja Kaenzig und dem Präsidium trägt dafür auch Marc Lettau die Mitverantwortung, der den Klub ebenfalls verlassen muss, obwohl er Zeidler keineswegs stützte, sondern ihn seit Wochen kritisch sah. Spannend: Lettaus Aus war sogar schneller besiegelt als die Beurlaubung von Zeidler. Der Sportdirektor war im Sommer nach der Trennung von Mit-Geschäftsführer Patrick Fabian zwar indirekt aufgestiegen, weil noch mehr Verantwortung auf ihn übertragen wurde, bei der Klubspitze stand er trotzdem unter Beobachtung. Lettau verantwortete sowohl in diesem als auch im vergangenen Jahr die Kaderplanung. Schon in der zurückliegenden Saison überzeugten nur wenige seiner Neueinkäufe, in dieser ist das bislang nicht anders. Teile des Präsidiums sahen ihn zudem kritisch, weil er aus ihrer Sicht wichtige Eigenschaften für eine Führungskraft vermissen ließ, vor allem im kommunikativen Bereich. Seine Nachfolge ist noch nicht geklärt, ebenso die von Zeidler. Zumindest hierfür zeichnet sich aber eine schnelle Lösung ab.

Interne Zwischenlösung

Aufgrund der Kürze der Zeit und auch aus wirtschaftlichen Gründen ist eine interne Lösung naheliegend, entweder interimsweise oder bei entsprechender Entwicklung auch dauerhaft. Der im April beurlaubte Thomas Letsch zählt allerdings nicht zum Kandidatenkreis, auch wenn einige Fans seine Rückkehr fordern. Über die notwendige Fußballlehrerlizenz verfügen ansonsten sechs weitere Angestellte des VfL, darunter die beiden Co-Trainer Markus Feldhoff und Murat Ural sowie U19-Trainer David Siebers. Auf den Auserwählten wartet in jedem Fall eine Herkulesaufgabe, allein mit Blick auf den Spielplan. Am kommenden Sonntag gastiert der FC Bayern im Bochumer Ruhrstadion, die Gegner danach heißen Eintracht Frankfurt, Bayer Leverkusen und VfB Stuttgart. Das Gute: Die Erwartungshaltung ist eher gering, und ein Neustart setzt bei Fans und Spielern oftmals neue Kräfte frei.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)

1:3-Pleite bei Hoffenheim

Schwacher VfL verliert erneut: Zeidler gehen die Argumente aus

Immer wieder hat Peter Zeidler in den vergangenen Wochen von Fortschritten gesprochen. Der erste Sieg würde näherrücken, sagte er gleich mehrfach. Bei dieser Annahme hat sich der 62-Jährige bis dato geirrt. Die verdiente 1:3-Niederlage in Hoffenheim war schon die siebte Pleite im achten Pflichtspiel. Zeidler gehen allmählich die Argumente aus. Ob er auch im kommenden Heimspiel gegen Bayern München noch auf der Bochumer Trainerbank sitzen wird, ist fraglich. Weder die Ergebnisse stimmen noch die Entwicklung. In Hoffenheim hat Zeidler neben einem vierfachen Personalwechsel, unter anderem wegen der Ausfälle von Matus Bero und Myron Boadu, auch eine Systemumstellung auf ein 4-3-3 vorgenommen. Geholfen hat es nicht. Im Gegenteil: In der ersten Halbzeit agierte seine Mannschaft völlig konfus und ohne einen erkennbaren Plan.

Früher Rückstand

Die Lücken in der Defensive waren riesengroß, das verhaltene Pressing verpuffte, die Bochumer kamen kaum in Zweikämpfe. Allein in der Anfangsviertelstunde verzeichnete die TSG mehrere Großchancen. Der frühe Rückstand aus VfL-Sicht war die logische Folge. Die neu formierte Hintermannschaft, in der Erhan Masovic den Platz von Jakov Medic einnahm, schwamm gewaltig. Erneut fehlte vor allem den Außenverteidigern Unterstützung, und auch im Mittelfeld fehlte die Kompaktheit. Startelfdebütant Mats Pannewig wirkte überfordert, Dani de Wit enttäuschte erneut. Wobei sich eine Einzelkritik angesichts der Kollektivschwäche fast verbietet. Das einzig Positive: Die Hoffenheimer verpassten das zweite oder dritte Tor. Und offensiv? Längere Ballbesitzphasen gelangen dem VfL praktisch nie, erst kurz vor der Halbzeitpause kamen die Bochumer das erste Mal gefährlich vor das gegnerische Tor.

Elfmeter verschossen

Immerhin: Nach drei Einwechslungen zur Pause und einer Rückkehr zur umstrittenen Raute wurde es im zweiten Durchgang etwas besser. Auf das 0:2 folgte der Anschlusstreffer durch Antreiber Cristian Gamboa, und Lukas Daschner hatte vom Elfmeterpunkt sogar die große Ausgleichschance – vergab diese aber kläglich und musste kurz vor Schluss das 1:3 hinnehmen. Die moderate Leistungssteigerung nach der Pause kann die großen Defizite ohnehin nicht übertünchen. In Summe bot der VfL erneut viel zu wenig, um überhaupt in die Nähe des ersten Saisonsieges zu kommen. Zeidler ist es nicht gelungen, die Länderspielpause für sichtbare Verbesserungen zu nutzen. Noch immer sucht er nach einer optimalen Formation, Stammspieler gibt es nur wenige; eine klare Linie ist nicht zu erkennen. All das hat zur Folge, dass wesentliche Teile der Mannschaft und des Staffs Zeidlers Trainingskonzept, seine taktischen Ideen und auch seinen Führungsstil kritisch sehen.

Weiter Tabellenletzter

Zeidler will es nicht wahrhaben, aber großes Vertrauen genießt er in der Kabine nicht. Das müsste auch Sportdirektor Marc Lettau wissen, der intern bereits auf einige der genannten Probleme hingewiesen hat, aber bislang immer bestrebt war, gemeinsam mit Zeidler an Lösungen zu arbeiten. Auch von Geschäftsführer Ilja Kaenzig und dem Präsidium gab es weitere Chancen für Zeidler. Ob die Verantwortlichen ihre Position nun ändern werden, ist noch nicht bekannt. Nach Informationen von Tief im Westen – Das VfL-Magazin gibt es an der Klubspitze unterschiedliche Meinungen. Klar ist aber: Nicht nur Zeidler, auch seinen Unterstützern gehen die Argumente aus. Vor den Partien gegen die Bayern, Frankfurt und Leverkusen bleibt der VfL Tabellenletzter. Der Rückstand aufs rettende Ufer beträgt bereits sechs Punkte.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



Verletzung und Vertrag

Bernardo fehlt noch länger: VfL droht ablösefreier Abgang

Im September war der Trainer noch optimistisch. Da sagte Peter Zeidler, dass sein Schützling Bernardo auf den Fußballplatz zurückkehren werde, „bevor die Blätter von den Bäumen fallen.“ Es genügt ein Blick aus dem Fenster, um zu sehen, dass dieser Zeitpunkt klar verpasst wurde. Eine nicht näher bekannte Knieverletzung macht nicht nur dem 29-Jährigen selbst zu schaffen, sondern auch seinem Klub; schließlich gehörte Bernardo in der vergangenen Saison zu den wenigen unumstrittenen Leistungsträgern. Im Sommer 2023 preisgünstig aus Salzburg losgeeist, entwickelte sich der Defensivallrounder schnell zum Königstransfer. Auf ihn war immer Verlass, meistens als Linksverteidiger, zu Beginn aber auch zentral in der Abwehrreihe. Bernardo zählte zu den zweikampfstärksten Spieler der Bundesliga.

Fehlt seit August

Doch auf seine Qualitäten muss der aktuelle Tabellenletzte noch länger verzichten. Denn Bernardo habe einen Rückschlag erlitten, teilte der VfL an diesem Mittwoch mit. In Absprache mit dem Klub darf der Spieler die notwendige Reha in seinem Heimatland Brasilien absolvieren. Bernardo soll in wenigen Wochen nach Bochum zurückkehren, einsatzfähig wird er aber wohl frühestens im Dezember sein. Mehr als zwei Monate ist es bereits her, dass der Linksfuß gemeinsam mit seinen Teamkollegen auf dem Platz stand. Mitte August verletzte sich Bernardo in einer Trainingseinheit. Kurz darauf hatte der Berater des Verteidigers noch Meldungen dementiert, dass sein Klientel wochenlang ausfallen würde. Und im Grunde hatte er Recht: Aus ein paar Wochen sind mehrere Monate geworden.

Angebote abgelehnt

Für die Bochumer ist das nicht nur sportlich ein Problem, sondern auch wirtschaftlich. Bernardo galt im zurückliegenden Sommer als Verkaufskandidat. Mit ihm wollte der Klub die zweithöchste Transfersumme der Klubgeschichte erreichen. Sieben bis acht Millionen Euro sollte der Verkauf von Bernardo in die Bochumer Vereinskasse spülen. Viele Fans erwarteten sogar mehr. Doch zu diesen Konditionen fand sich kein Verein, der bereit war, Bernardo zu verpflichten. Borussia Mönchengladbach sowie Union Berlin bekundeten zwar ihr Interesse, sollen aber Angebote abgegeben haben, die nur die Hälfte der gewünschten Summe abgedeckt haben. Von dieser hätte der VfL aber auch noch 10 Prozent an RB Salzburg abgeben müssen. Die Verantwortlichen lehnten einen Transfer deshalb ab.

Vertrag nur bis 2025

Aus damaliger Sicht war das nachvollziehbar. Die Erwartungshaltung im Umfeld war hoch, die Verletzung nicht absehbar und die Transferperiode lief nach Eingang der Angebote noch einige Wochen. Nun aber droht ein finanzielles Fiasko: ein ablösefreier Abgang im kommenden Sommer. Denn wie Tief im Westen – Das VfL-Magazin erfuhr, endet Bernardos Vertrag bereits 2025. Bislang kursierten in den Medien unterschiedliche Angaben. Bernardos Arbeitsvertrag mit dem VfL verlängert sich nur dann bis 2026, wenn der Verteidiger in dieser Saison eine bestimmte Anzahl an Bundesliga-Partien absolviert. Das wird jedoch mit jeder Woche, in der er fehlt, immer unwahrscheinlicher. Statt der erhofften sieben bis zehn Millionen Euro oder der möglichen drei bis vier, sieht der VfL womöglich keinen einzigen Cent.

Keine hohe Ablöse

Die wahrscheinlich letzte Option, den Brasilianer im bevorstehenden Winter zu verkaufen, wird mangels Spielpraxis wohl gar keine sein. Einziger Vorteil für den VfL: Die Position für neue Vertragsverhandlungen hat sich zumindest nicht verschlechtert; wobei unklar ist, ob sich der noch vor wenigen Monaten wechselwillige Spieler einen Verbleib überhaupt vorstellen kann. Von der Wunschvorstellung, dass Bernardo dem Klub eines Tages eine hohe Ablösesumme bescheren wird, sollten sich Fans wie Verantwortliche so oder so lösen. Schon im vergangenen Sommer, nach einer Saison ohne nennenswerte Ausfallzeiten und mit konstant guten Leistungen, standen die Interessenten nicht gerade Schlange. Das wird nach einer längeren Verletzung und dem bald anstehenden 30. Geburtstag des Spielers sicher nicht besser.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)