Jetzt Riemann, bald Losilla und Gamboa: VfL-Generation tritt ab

Mit emotionalen Worten verabschiedete Anthony Losilla seinen langjährigen Teamkameraden. Als Manuel Riemann den VfL Bochum am Mittwoch verließ und einen Vertrag beim SC Paderborn unterschrieb, formulierte der Bochumer Kapitän eine Abschiedsbotschaft, die er mit tausenden VfL-Fans via Instagram teilte. Losilla verfasste die Nachricht offensichtlich selbst, und weil Deutsch nicht seine Muttersprache ist, ist jeder kleine Fehler ein Ausdruck besonderer Authentizität. „Ich werde dich vermissen“, schrieb Losilla unter anderem. „Du bist nicht nur ein fantastischer Torwart, sondern auch ein toller Mensch mit einem großen Herzen.“ Losilla bezeichnet Riemann sogar als „Legende“. 290 Pflichtspiele hat der Schlussmann zwischen 2015 und 2024 für Bochum absolviert, 273-mal stand Losilla gemeinsam mit ihm auf dem Feld. Riemann rangiert auf Platz elf der VfL-Profis mit den meisten Pflichtspielen, Losilla auf Platz fünf. Das schweißt zusammen. Gemeinsam haben sie vieles erlebt: Abstiegs- und Aufstiegskampf in der 2. Liga, die Rückkehr ins Fußball-Oberhaus und zuletzt dreimal in Folge den Klassenerhalt.

Angemessener Abschied

Die gemeinsame Reise durch Fußball-Deutschland endete im Mai 2024 abrupt, als Riemann für die Relegationsspiele aus dem Kader gestrichen wurde und erst Ende des vergangenen Jahres ins Mannschaftstraining zurückkehrte. Riemanns Verhaltensweisen und seine deutliche Abkehr von einigen Teamkollegen hat seinem Renommee im Verein und auch bei Teilen der Anhängerschaft zwar geschadet, Weggefährten wie Losilla blieben jedoch treu an seiner Seite. „Wir haben viele überragende Momente zusammen erlebt, die für die Ewigkeit bleiben werden“, schrieb Losilla am Mittwoch und fügte unter anderem Fotos von der Aufstiegsfeier 2021 und dem Derbysieg in Dortmund ein Jahr später bei. Auch der VfL würdigte Riemann zum Abschied: „Und selbst wenn der Abschied von der Castroper Straße sicher anders verläuft als es sich beide Seiten ursprünglich vorgestellt haben, wissen alle beim VfL zu würdigen, welchen Stellenwert sich Manuel Riemann hier im vergangenen Jahrzehnt erarbeitet hat.“ Riemann hütet jetzt das Tor des SC Paderborn, ein Wiedersehen in der Relegation oder in der kommenden Saison ist durchaus möglich.

Losilla wird bald folgen

Wobei Losilla wohl allenfalls noch in der Relegation auf seinen guten Freund treffen wird. Denn Riemanns Abschieds wird in diesem Jahr nicht der einzige in Bochum bleiben. Die letzten verbliebenen Mitglieder einer VfL-Generation treten allmählich ab. Losilla wird seine Fußballschuhe nach dieser Saison sehr wahrscheinlich an den Nagel hängen, und auch für Cristian Gamboa wird die Zeit als Fußballer an der Castroper Straße höchstwahrscheinlich enden. „Es macht mir immer noch Spaß, auf dem Platz zu stehen und ich freue mich sehr, mit dem VfL weiter in der Bundesliga zu spielen. Aber ich möchte den richtigen Moment nicht verpassen, um aufzuhören. Aktuell glaube ich, dass diese Saison meine letzte sein wird“, sagte Losilla vor einigen Monaten im Gespräch mit Tief im Westen – Das VfL-Magazin. In einem kicker-Interview Ende 2024 wurde er sogar noch konkreter und sprach vom bevorstehenden Karriereende in diesem Sommer. Im Gegensatz zu Riemann soll Losilla dem Verein allerdings erhalten bleiben. Der dann 39-Jährige möchte am liebsten als Trainer arbeiten, entweder in der Jugend oder als Assistent bei den Profis.

Gamboas Vertrag endet auch

Während Losilla in dieser Saison zumeist noch als Startspieler oder Joker auf dem Rasen steht, nimmt mit Cristian Gamboa ein dritter Aufstiegsheld und erfahrener Musterprofi eher leise Abschied. Der Rechtsverteidiger wurde im Saisonverlauf bislang nur fünfmal eingewechselt, sein Vertrag läuft in wenigen Monaten aus und dürfte nicht noch einmal verlängert werden. Doch auch bei ihm ist ein Verbleib in Bochum möglich, sofern er seine aktive Karriere nicht noch anderenorts fortsetzen möchte. Gamboa hat sich bereits weitergebildet und kann sich unter anderem eine Tätigkeit im Scouting oder Management vorstellen. Final geklärt werden kann seine Zukunft wie die von Losilla allerdings erst, wenn feststeht, wen der VfL als neuen Sportchef verpflichtet. Dieser muss dann auch die Hierarchie innerhalb der Mannschaft im Blick haben, wenn die erfahrensten und dienstältesten Spieler abdanken und den Staffelstab übergeben wollen. Spieler zu finden, die sich derart mit dem Klub identifizieren und eine ganze Dekade das Trikot des VfL Bochum tragen, wird in der heutigen Zeit allerdings kaum noch möglich sein.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)

Riemann-Abschied vom VfL – Hecking hofft auf Verstärkung

Seit fast zehn Jahren trägt Manuel Riemann das Trikot des VfL Bochum. Im Fokus von Fans und Medien stand er schon länger, vor allem im vergangenen Jahr dominierte der Schlussmann teils die Schlagzeilen. Im Mai, kurz vor der Relegation, wurde er von den Klub-Verantwortlichen quasi suspendiert, anschließend war er monatelang vom Trainingsbetrieb ausgeschlossen. Riemann und der VfL trafen sich sogar vor Gericht, ehe kurz vor dem Kammertermin doch noch eine gütliche Einigung erfolgte. Seitdem trainiert der 36-Jährige wieder regulär mit, ist in der Rangfolge der Torhüter aber nur die Nummer drei. Riemanns Vertrag in Bochum endet in wenigen Monaten, eine Fortsetzung der Zusammenarbeit ist ausgeschlossen. Das hat Riemann mittlerweile verstanden und akzeptiert und deshalb in den vergangenen Wochen einen Vereinswechsel vorangetrieben. Nach Informationen von Tief im Westen – Das VfL-Magazin ist Riemann nun fündig geworden. Der Torwart steht vor einem Wechsel in die 2. Liga zum SC Paderborn. Dort soll er direkt Stammkeeper werden.

Schon drei Abgänge

Riemann wäre bereits der vierte Abgang in diesem Winter, nachdem sich der VfL schon von Moritz Kwarteng (Leihe zu Fortuna Düsseldorf), Agon Elezi (Leihe zu HNK Gorina) und Aliou Balde (jetzt bei FC Lausanne-Sport) getrennt hat. Weitere Abgänge sind denkbar, zeichnen aktuell allerdings nicht konkret ab. Lukas Daschner hat beispielsweise das Interesse von Zweitligist Hannover 96 geweckt, würde den VfL aber vermutlich nur dann verlassen dürfen, wenn die Bochumer alternativ einen anderen offensiven Mittelfeldspieler unter Vertrag nehmen. Außerdem berichten niederländische Medien über ein ausgeprägtes Interesse von NEC Nijmegen an einer Leihe von Dani de Wit. Doch weder der Spieler noch der VfL haben vor, die erst im Sommer vereinbarte Zusammenarbeit frühzeitig zu beenden oder zu unterbrechen. Der Offensivakteur stand beim 3:3 gegen RB Leipzig erstmals unter Dieter Hecking in der Startelf, zeigte seine bislang beste Leistung im VfL-Trikot und bekam ein Sonderlob von seinem Trainer.

Suche geht weiter

Gleiches gilt für Myron Boadu, der das Bochumer Publikum mit einem Hattrick verzückte und gezeigt hat, dass die Lösung für das Bochumer Sturmproblem womöglich schon gefunden ist. Wobei sich Geschäftsführer Ilja Kaenzig und Trainer Dieter Hecking nicht von einem Spiel blenden lassen und weiterhin auch auf dem Tranfermarkt nach Verstärkung suchen. Dafür hat Kaenzig sogar einen externen Scout engagiert. Ingo Winter, mit dem er bereits in Hannover und Bern zusammengearbeitet hat, ist derzeit im Auftrag des VfL tätig. Von zahlreichen Kandidaten, Stürmern wie Spielgestaltern, gab es allerdings Absagen; dazu zählt auch Kevin Behrens vom VfL Wolfsburg, dessen Name erst kürzlich in der Gerüchteküche aufgetaucht ist. Bevorzugt werden aus finanziellen Gründen nach wie vor Leihgeschäfte. An langfristigen Verträgen ist angesichts der Bochumer Tabellenplatzierung ohnehin kaum ein Spieler interessiert. Mittlerweile sucht der VfL nicht nur in der Bundesliga, sondern auch im Ausland.

Wätjen auf der Liste

„Ich würde nach wie vor gerne Neuzugänge begrüßen“, sagte Hecking vor dem Leipzig-Spiel. „Es gibt ein paar Optionen, aber bislang ist die Tür noch nicht aufgegangen. Es bleibt dabei: Wir wollen nur etwas machen, wovon wir überzeugt sind. Ich verstehe die Unruhe und bekomme mit, dass uns Untätigkeit unterstellt wird, aber davon lassen wir uns nicht leiten. Und wenn ich unsere Mannschaft sehe, dann bleibe ich entspannt.“ Nach Informationen der Ruhr Nachrichten gehört gut zwei Wochen vor Transferschluss (3. Februar) unter anderem noch Kjell Wätjen vom BVB zum Bochumer Kandidatenkreis. Der 18-Jährige kann im zentralen Mittelfeld praktisch alle Positionen bekleiden. Relevante Bundesliga-Erfahrung würde er allerdings nicht mitbringen. Wätjen steht beim BVB bis 2028 beim BVB unter Vertrag, folglich käme auch ein Leihgeschäft über anderthalb Spielzeiten in Betracht. Ein solcher Transfer würde allerdings nicht zur Bochumer Transferstrategie passen, weil Wätjen das Team nicht auf Anhieb stärker machen würde und der VfL eigenen Talente nicht den Weg verbauen möchte.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Marc Niemeyer)

Boadus Antwort an Hecking: Erster VfL-Hattrick seit 1987

Während sich Myron Boadu noch eine passende Aussage zurechtlegte, schmunzelte er schon. Natürlich habe er mitbekommen, dass ihn Dieter Hecking kürzlich heftig kritisiert hat. Er müsse „endlich mal aus den Puschen kommen“, sagte der Bochumer Trainer sogar öffentlich. Und natürlich sei sein Dreierpack auch als Reaktion darauf zu verstehen, entgegnete der Angreifer des VfL Bochum, der am Dienstag seinen 24. Geburtstag feierte und nun, vier Tage später im Heimspiel gegen RB Leipzig, einen lupenreinen Hattrick erzielte. Damit führte er seine Mannschaft nach einem 0:3-Pausenrückstand doch noch zu einem Erfolgserlebnis. Das 3:3 fühlte sich für den Abstiegskandidaten an wie ein Sieg, zumal die Gäste am Ende einer Entscheidung doch wieder näher kamen als die tapfer kämpfenden Hausherren. 

Wie einst Frank Schulz

„Dieser Punkt ist wertvoller als sonst“, sagte VfL-Verteidiger Bernardo in den Katakomben und bezeichnete den schnellen Anschlusstreffer zu Beginn der zweiten Halbzeit als Schlüsselmoment. „So ist das im Fußball“, meinte der Brasilianer, „ein Tor kann vieles ändern.“ Dass der VfL nach einem 0:3-Rückstand noch gepunktet hat, gelang in der Bundesliga zuletzt 2009 am ersten Spieltag gegen Mönchengladbach, Bochums kommenden Gegner. Wenige Monate zuvor schnürte Stanislav Sestak gegen Hoffenheim den bislang letzten Dreierpack. Wenn es um einen lupenreinen Hattrick geht, müssen sogar Historiker befragt werden. Sie liefern die Antwort: Frank Schulz traf im Mai 1987 gegen Mannheim dreimal in 18 Minuten. Boadu brauchte indes nur 13 Minuten für seine Bundesliga-Treffer drei, vier und fünf. 

Erstmals überhaupt gelangen dem VfL in dieser Saison mehr als zwei Tore. Zudem war es erst der zweite Punkt gegen ein Team aus der oberen Tabellenhälfte. „Dieses Spiel ist eine Botschaft: Wenn wir so weitermachen und kämpfen, können wir es schaffen – in einem einzelnen Spiel, aber auch insgesamt mit Blick auf den Klassenerhalt“, betonte Bernardo. Allzu oft war ein Rückstand in dieser Saison gleichbedeutend mit einer Niederlage. Doch gegen Leipzig erinnerte der Auftritt an die Darbietungen und die viel gelobte Mentalität der vergangenen Jahre. Wie genau Trainer Dieter Hecking seiner Mannschaft neuen Mut zugesprochen hat, bleibt indes das Bochumer „Betriebsgeheimnis“, sagte Gerrit Holtmann, der seinen Platz in der Startelf im Vergleich zum Heimsieg gegen St. Pauli hergeben nusste.

Aufholjagd nach der Pause

Hecking tauschte das Personal auf vier Positionen, darunter drei Offensivkräfte. Doch zunächst traten nur die Leipziger Angreifer in Erscheinung. Viermal zappelte der Ball in den ersten 21 Minuten im Netz, wobei das Schiedsrichtergespann einmal auf Abseits entschied – und beim 0:2 die Rückmeldung vom VAR erhielt, dass die Kameraaufnahmen keine kalibrierte Linie zuließen und eine mögliche Abseitsposition nicht identifiziert werden könne. Wie auch immer: Leipzig spielte den VfL inklusive Torwart Patrick Drewes schwindelig. Hecking reagierte mit einer Systemumstellung und brachte zur Halbzeit Holtmann ins Spiel, der prompt den ersten Treffer von Myron Boadu vorbereitete. Der Niederländer legte nach, das Stadion tobte – erst recht, als der Angreifer per Elfmeter den umjubelten Ausgleich erzielte. 

Obwohl Boadu zwischen Mitte Oktober und Ende Dezember verletzungsbedingt kein einziges Mal zum Einsatz kam, ist er an diesem Wochenende auf Platz eins der internen Torschützenliste gesprungen. Im Schnitt traf der Leihspieler vom AS Monaco bislang alle 92 Minuten – diesen Wert übertreffen in der Bundesliga aktuell nur Harry Kane und Patrik Schick von allen, die mindestens fünfmal trafen. Damit dürfte Boadu beim VfL nun erst einmal gesetzt sein, oder? Festlegen wollte sich Hecking nach der Gala gegen Leipzig nicht, sondern spornte seinen Angreifer erneut dazu an, auch im Training Bestleistungen zu zeigen. Mit der Einsatzbereitschaft seines Spielers war der Fußballlehrer zu Jahresbeginn überhaupt nicht einverstanden. „Wir hatten daraufhin ein gutes, längeres Gespräch“, berichtete Hecking. 

Sprechchöre für Boadu

Schon unmittelbar nach dem Sieg gegen St. Pauli am Mittwochabend, als sich Boadu über den Teamerfolg allenfalls innerlich freute, hat ihm sein Trainer den Startelfeinsatz am Ende der Englischen Woche zugesichert. Boadu nutzte die Chance und wurde von den Bochumer Zuschauern mit Sprechchören bedacht. „Es ist lange her, dass Fans für mich gesungen haben. Heute war es wie im Traum“, erzählte er nach dem Abpfiff freudestrahlend. Die verdiente Anerkennung gab es schließlich auch von seinem Coach: „Myron verfügt über eine Abschlussqualität, die wir sonst nicht hatten, er hat das Näschen, richtig zu stehen. Damit kann er eine Waffe für uns sein.“ Auch das hatte Hecking übrigens schon vor einer Woche gesagt. Da allerdings noch mit einer Einschränkung, die mit dem Hattrick vorerst vergessen sein dürfte.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Imago / pepphoto)

1:0-Sieg gegen St. Pauli

Mit Schwung in die Rückrunde: VfL meistert Schlüsselspiele

Die Witterungsbedingungen am frühen Mittwochabend sorgten im Bochumer Ruhrstadion zeitweise für einen leicht eingeschränkten Blick auf das Geschehen. Das war zunächst aber nicht weiter schlimm. Sowohl der VfL als auch der FC St. Pauli stocherten im Nebel. Wie genau die beiden Kontrahenten im Abstiegskampf zum Torerfolg kommen wollten, blieb lange schleierhaft. Einzig Gerrit Holtmann vergab im ersten Durchgang eine aussichtsreiche Torgelegenheit. Und doch erkämpfte sich der Revierklub mit Leidenschaft, einem Traumtor und etwas Glück in der Schlussphase drei emiment wichtige Punkte. Damit befindet sich das Team von Trainer Dieter Hecking pünktlich zum Abschluss der Hinrunde wieder in Sichtweite zu den Nicht-Abstiegsplätzen. Das erste Etappenziel ist erreicht.

Klassenerhalt bleibt erreichbar

„Die Lage war vermeintlich hoffnungslos, nun wird der Klassenerhalt wieder realistischer“, sagte Hecking nach dem 1:0-Erfolg gegen die Kicker vom Kiez. Eine ganze Halbserie hat der VfL nun Zeit, die Abstiegsränge zu verlassen, „unabhängig vom finalen Urteil zum Union-Spiel“, betonte Hecking. Bestätigt das DFB-Bundesgericht die erstinstanzliche Entscheidung, dann bleibt Bochum zwar Letzter in der Hinrundentabelle, aber nur mit drei Punkten Rückstand und dem schlechteren Torverhältnis gegenüber St. Pauli, Heidenheim und Hoffenheim. Selbst Union Berlin wäre dann nur noch fünf Zähler entfernt. „Wir haben uns herangekämpft. Es ist ein positiver Trend zu erkennen, trotz der Niederlage in Mainz“, betonte Matchwinner Philipp Hofmann nach dem zweiten Heimsieg in Folge. 

Erneut schwache Standards

Überaus sehenswert netzte der viel gescholtene Mittelstürmer in der 67. Minute ein. Die Vorlage kam vom gerade eingewechselten Moritz Broschinski. „Es freut mich, dass die beiden, die in der Kritik stehen, das Tor erzielt haben“, betonte Hecking, der seine Startformation im Vergleich zum desolaten Auftritt in Mainz auf drei Positionen verändert hat, in zwei Fällen allerdings gezwungermaßen. Der VfL trat deutlich kompakter auf als zuletzt und führte die entscheidenden Zweikämpfe in der notwendigen Intensität. Spielerisch war jedoch allenfalls eine moderate Steigerung zu erkennen. Vieles blieb Stückwerk, auch die Standardsituationen waren durchweg ungefährlich. Dabei mangelt es nicht an passenden Zielspielern, sondern schon seit Wochen vor allem an präzisen Hereingaben.  

Bochumer Leistungsträger

„Dass wir keinen Champagner-Fußball sehen würden, war doch klar“, erklärte Hecking nach dem bedeutsamen Keller-Duell. Der 60-Jährige, der seit dieser Woche zu den zehn Trainern mit den meisten Bundesliga-Einsätzen gehört, hatte die vollständige Genesung von Gerrit Holtmann und die Rückkehr von Koji Miyoshi genutzt, um wieder zwei offensive Außenspieler aufzubieten. Vor allem Holtmann war mit seinem allseits bekannten Tempo ein belebendes Element, doch in Tornähe fehlte ihm die Genauigkeit. In der Defensive überzeugten insbesondere Bernardo und Ivan Ordets, die beide entscheidend zur Eindämmung der Gegentorflut beigetragen haben. Und: Als Bindeglied im Mittelfeld entwickelt sich Ibrahima Sissoko im Zusammenspiel mit Matus Bero mehr und mehr zu einem echten Leistungsträger. 

Am Samstag gegen Leipzig

Schon am Samstag sind sie wieder gefordert, wenn RB Leipzig ohne seine gesperrten Top-Stürmer nach Bochum reist. Wobei Hecking zum Rückrundenstart und am Ende der Englischen Woche über eine punktuelle Personalrotation nachdenkt. So oder so: Der VfL profitiert davon, erneut im eigenen Stadion anzutreten. „Es gibt einen Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspielen. Wir sind zu Hause stärker“, weiß VfL-Verteidiger Bernardo und ordnet den Sieg gegen St. Pauli treffend ein: „Das war kein Fußballspiel, sondern ein Kampf. Wir haben ihn gewonnen.“ Womit der VfL bewiesen hat, mit Schlüsselspielen gut zurecht zu kommen. Schon die Partie gegen Heidenheim kurz vor Weihnachten war wegweisend – und die Bochumer lieferten das erforderliche Ergebnis. Gegen St. Pauli war es genauso.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Imago / Sven Simon)

Debatte

VfL-Kolumne: Der Fußball wird nicht sympathischer

Die VfL-Kolumne ist ein Format auf Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Dreimal im Monat (neuer Rhythmus!) gibt es einen kurzen Kommentar zu einem ausgewählten Thema – zum sportlichen Geschehen an der Castroper Straße oder zum Drumherum. Die Regel: Maximal 1.848 Buchstaben. Das Ziel: Diskussionen anzustoßen. Das Thema heute: Der Rechtsstreit zwischen Union Berlin und dem VfL Bochum.

Tiefe Einblicke ins Fußballgeschäft zu erhalten, ist einerseits hochinteressant. Andererseits führen sie dazu, dass mir die Szenerie manchmal nicht unbedingt sympathischer wird. Das ist die Quintessenz nach den Ereignissen und Äußerungen rund um den Feuerzeug-Wurf in Berlin Mitte Dezember und der Gerichtsverhandlung vor wenigen Tagen in Frankfurt. Diese Feststellung gilt für einige Vereinsvertreter und Fans gleichermaßen. Zum Beispiel haben Berliner Anhänger im Netz gezielt nach Seiten aus Bochum gesucht und die Kommentarspalten mit Geschmacklosigkeiten vollgespammt. Auch Tief im Westen – Das VfL-Magazin war davon auf Facebook betroffen.

Das lag womöglich auch daran, dass Union-Präsident Dirk Zingler das Urteil als „Skandal“ und das Verhalten von Patrick Drewes als „Schmierentheater“ betitelte und eine typische Täter-Opfer-Umkehr betrieb. Seine überdramatisierte Wortwahl passt aber ins Bild, das die Berliner seit dem Feuerzeug-Wurf abgeben. Bis heute gab es von Vereinsseite keine Entschuldigung an Patrick Drewes, weil den Verein angeblich keine Schuld treffe. Die Unioner sind geübt darin, die besondere Beziehung zu ihren Fans zu betonen – aber offensichtlich nur dann, wenn es ihnen in den Kram passt.

Der VfL Bochum bewies nach dem Becherwurf anno 2022 wesentlich mehr Anstand und bat den Linienrichter um Entschuldigung, weil sich die Verantwortlichen in schwierigen Momenten nicht einfach wegducken – und bis heute demütig betonen, dass Derartiges immer wieder passieren kann. Leider, wohlgemerkt. Weil viel zu viele Fußballfans im Stadion noch immer ihren Kopf ausschalten. Mir graut es jetzt schon vor dem Rückspiel.

Recht gebe ich den Berlinern zumindest in einem Punkt: Einige Aussagen von Patrick Drewes vor dem DFB-Sportgericht waren merkwürdig. Ausdrücklich maße ich mir nicht an, beurteilen zu können, wie es ihm unmittelbar nach dem Vorfall ergangen ist. Aber dass er zum Beispiel in der Kabine erst noch unter die Dusche gestiegen ist, bevor er mit einem Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht wurde, passt nicht zusammen und lässt vermutlich jeden Arzt, Sanitäter und auch mich irritiert zurück. Zur Vertrauensbildung trägt dieser Vorgang jedenfalls nicht bei.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Imago / Contrast)

0:2 in Mainz

Keine Torgefahr: VfL-Niederlage verstärkt Transferwünsche

Vielleicht waren die Ankündigungen von Ilja Kaenzig zu großspurig, vielleicht sind die Bochumer Fans aber auch zu ungeduldig. Knapp zwei Wochen nach dem offiziellen Beginn der Winter-Transferperiode stellt sich der Kader des VfL noch unverändert dar. Die Forderungen vieler Anhänger nach Verstärkungen dürften nach der verdienten 0:2-Niederlage beim FSV Mainz 05 jedoch nicht leiser werden. Erneut blieben die Bochumer ohne eigenen Treffer – zum bereits achten Mal im 17. Pflichtspiel. In der ersten Halbzeit gelang dem Team von Trainer Dieter Hecking keine einzige Torchance, in der zweiten wurde es nicht wesentlich besser. Den ersten nennenswerten Schuss gab der wenige Sekunden zuvor eingewechselte Myron Boadu erst nach fast 70 Minuten ab. Eine Spielidee war im Vorwärtsgang nicht erkennbar. 

Die Mainzer wiederum hielten körperlich gut dagegen, gingen mit dem Ball am Fuß deutlich souveräner um und hatten einen Spieler in ihren Reihen, der beim VfL schmerzlich vermisst wird: einen Torjäger. Jonathan Burkardt schnürte einen Doppelpack und profitierte dabei von Stellungsfehlern und Abstimmungsproblemen in der Bochumer Hintermannschaft. Dass sowohl Tim Oermann in der ersten als auch Ivan Ordets in der zweiten Hälfte mit Kopfverletzungen ausgewechselt werden mussten und der VfL beim 0:2 kurz in Unterzahl spielte, trug zur fehlenden Stabilität bei. Die unveränderte Erfolgself aus dem Heimspiel gegen Heidenheim hat ihre ansteigende Form nicht konservieren können. Im Gegenteil: Das erste Spiel des neuen Kalenderjahres war das bislang schwächste unter der Leitung von Trainer Dieter Hecking.

Hecking rügt Myron Boadu

„Wir haben unseren Rhythmus von Beginn an nicht gefunden“, sagte Felix Passlack vor den TV-Kameras. „Die Abstände waren zu groß, haben ihnen zu viel freien Raum gewährt“, kritisierte Gerrit Holtmann, der sich zumindest darüber freute, dass der VfL bereits am Mittwoch das nächste Spiel absolviert. Dann gastiert der FC St. Pauli, ein direkter Konkurrent im Tabellenkeller, an der Castroper Straße. Ohne Torgefahr wird der VfL dieses Duell allerdings auch nicht gewinnen. Immerhin: Koji Miyoshi kehrt nach seiner Rotsperre in den Kader zurück. Theoretisch wäre auch Myron Boadu eine Option für die Startelf, allerdings ist Hecking unzufrieden mit dessen Trainingsleistungen: „Ich bin nicht restlos von ihm überzeugt. Er ist ein spezieller Typ, bei dem ich vielleicht ein Auge zudrücken muss. Aber das kann ich nicht immer tun.“

Boadu habe eine „riesige Qualität im Strafraum“, aber nur, „wenn er endlich aus den Puschen kommt“, betonte Hecking bereits am Freitag. Sich in der zweiten Saisonhälfte einzig auf den Niederländer zu verlassen, könnte also ein Wagnis sein. Weiterhin auf Moritz Broschinski und Philipp Hofmann zu setzen, die auch in Mainz äußerst unglücklich agierten, allerdings auch. Der Handlungsbedarf ist somit offenkundig. Doch Hecking und Geschäftsführer Ilja Kaenzig tun sich schwer, eine echte Verstärkung an Land zu ziehen. Wobei das Ausgangsniveau im Angriff aktuell derart niedrig ist, dass sich doch irgendwo eine passende Option auftun müsste. Oder? „Wir sprechen mit Spielern, aber die Tür geht gerade noch nicht so schnell auf“, erklärt Hecking, auf dessen Wunschliste neben einem Stürmer auch ein Spielgestalter steht.

Transferschluss am 3. Februar

Das Bochumer Suchprofil ist eng umrissen. Bundesliga-Erfahrung und die richtige Einstellung für den Abstiegskampf sollen neue Spieler mitbringen, zudem sollen sie besser sein als die vorhandenen Akteure. Bezahlbar und sofort einsatzfähig müssen sie selbstverständlich auch sein. Untätig sind Kaenzig und Hecking natürlich nicht. Angeklopft hat der VfL bereits bei zahlreichen Kandidaten, darunter beim Ex-Mainzer Karim Onisiwo, der allerdings lieber nach Österreich zu RB Salzburg mit Trainer Thomas Letsch gewechselt ist. Eine Leihe von Florian Neuhaus haben die Bochumer Verantwortlichen ebenfalls geprüft, sie war aber aus finanziellen Gründen nicht ansatzweise zu realisieren. Neuhaus bekommt in Mönchengladbach ungefähr das Dreifache von dem, was ein Topverdiener in Bochum erhält. 

Die Verantwortlichen hoffen darauf, dass sich bis zum Transferschluss am 3. Februar neue Möglichkeiten auftun, wenn Spieler sehen, dass sie bei ihrem jetzigen Verein in der Rückrunde keine Rolle spielen. Das könnte zum Beispiel auf Mittelfeldspieler Laszlo Benes von Union Berlin zutreffen, der auch unter Trainer Steffen Baumgart zunächst außen vor blieb und den Hecking noch aus Mönchengladbach kennt. Ob die Köpenicker allerdings bereit sind, einen Spieler ausgerechnet zum VfL zu verleihen, ist angesichts des anhaltenden Rechtsstreits rund um den Feuerzeug-Wurf fraglich. Für den Angriff könnte indes Georgios Masouras wieder in den Fokus rücken. Der griechische Nationalspieler hatte dem VfL im Sommer abgesagt und bei Olympiakos Piräus verlängert, kommt dort aber kaum noch zum Einsatz.

Zwei bevorstehende Abgänge

Bundesliga-Erfahrung hat Masouras allerdings keine vorzuweisen. Doch womöglich ist es notwendig, die Suchkriterien ein wenig aufzuweichen. Die unmittelbare Konkurrenz war auf dem Transfermarkt nämlich schon aktiv. Heidenheim hat zwei neue Spieler an Land gezogen, St. Pauli sogar drei. Wobei natürlich abzuwarten bleibt, wer sich davon wirklich zu einer Verstärkung entwickelt. „Ich nehme Ungeduld wahr und verstehe sie auch ein wenig. Aber ein Transfer muss aus Trainersicht Sinn ergeben, nicht aus Fan- oder Journalistensicht“, erklärte Hecking schon vor der Reise nach Mainz. Zumindest gibt es Bewegung auf der Abgangsseite. Moritz Kwarteng steht vor einer Leihe zu Zweitligist Fortuna Düsseldorf, und Agon Elezi wird sich bis zum Saisonende dem kroatischen Erstliga-Letzten HNK Gorica anschließen. 


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.



(Foto: Imago / Sven Simon)

Einspruch erfolgreich

Bochumer Sieg am Grünen Tisch: So lief die Verhandlung

Spätestens beim Verlassen der neuen DFB-Zentrale war den Vertretern des VfL Bochum ihre Erleichterung anzusehen. Eine gute Viertelstunde zuvor hatte DFB-Richter Stephan Oberholz das Urteil im Einspruchsverfahren gegen die Spielwertung der Partie bei Union Berlin Mitte Dezember verkündet – und den Bochumern einen Sieg am Grünen Tisch zugesprochen. Das Spiel wird nun mit 2:0 statt 1:1 für den VfL gewertet, der sich über zwei weitere Punkte im Kampf um den Klassenerhalt freuen darf. „Wir sind glücklich, dass unsere Argumente vollumfänglich gehört wurden. Wir haben diesen Konflikt nicht gesucht und wissen, dass das Urteil noch nicht endgültig ist. Für den Moment sind wir aber erleichtert“, sagte VfL-Geschäftsführer Ilja Kaenzig nur wenige Minuten nach der Urteilsverkündung in Frankfurt.

Klare Urteilsbegründung

Mehr als drei Stunden nach Beginn der mündlichen Verhandlung sprach Oberholz das mit Spannung erwartete Urteil, gegen das Union Berlin jedoch in Berufung gehen wird. „Der eigentliche unsportliche Skandal hat nach dem Ereignis auf dem Rasen und heute vor Gericht stattgefunden“, meinte Unions Präsident Dirk Zingler am Abend. Ähnlich gelagerte Fälle, in denen ein Spieler von einem geworfenen Gegenstand betroffen wurde, liegen bereits Jahrzehnte zurück. Damals gab es jeweils ein Wiederholungsspiel. Doch die Einspruch erhebenen Vereine plädierten nie für eine Spielwertung in ihrem Sinne – im Gegensatz zum VfL, dem der oberste DFB-Richter in seiner Argumentation folgte. Vor rund 40 Anwesenden, darunter Vertreter beider Klubs und Medienschaffende, legte er die Gründe für das Urteil dar.

„Im Ergebnis der Verhandlung müssen wir davon ausgehen, dass Patrick Drewes durch den Wurf eines Feuerzeuges an seinen Kopf verletzt und dadurch in seiner Einsatzfähigkeit eingeschränkt worden ist. Daraus hat sich eine Schwächung der Bochumer Mannschaft ergeben, die durch einen Berliner Zuschauer ausgelöst wurde und damit Union Berlin zuzurechnen ist“, erklärte Oberholz. „Wenn ein Spieler durch einen Feuerzeugwurf aus dem Publikum verletzt wird und das Spiel danach nicht mehr fortsetzen kann, stellt dies eine strafbare Handlung und einen schweren Verstoß gegen die Fußball-Rechtsordnung dar, der stets einen Spielabbruch rechtfertigen würde. Solche Verstöße müssen eine eindeutige spieltechnische Rechtsfolge nach sich ziehen. Dies kann nur eine Wertung zu Gunsten des geschädigten Vereins sein.“

Viele Fragen an Drewes

Damit stützte der DFB die Bochumer Rechtsauffassung. Ihr Einspruch beruhte im Wesentlichen auf der Begründung, dass die eigene Mannschaft geschwächt worden sei, weil Torwart Patrick Drewes nicht weiterspielen konnte und das Wechselkontingent bereits ausgeschöpft war. Union Berlin hat Zweifel daran, dass überhaupt eine spielrelevante Verletzung vorlag. Unstrittig war aus der Sicht aller Beteiligten nur, dass Drewes von einem Feuerzeug am Kopf getroffen wurde. Die Details sollte der Betroffene am Donnerstag selbst schildern. Der Torhüter erschien persönlich in der DFB-Zentrale und musste sich den mehr als 20 Detailfragen von DFB-Richter Stephan Oberholz stellen. Drewes bestätigte eingangs, dass es ihm wieder gut gehe, wirkte während der Befragung und Beweisaufnahme aber nervös. 

Drewes stellte den längst bekannten Vorfall zunächst aus seiner Sicht dar, wobei er Erinnerungslücken offenbarte. Richter Oberholz wollte dennoch wissen, wie der Schlussmann den Treffer des Feuerzeugs wahrgenommen und welchen Schmerz er verspürt, wem er was gesagt und wie er sich in dieser Zeit gefühlt habe. Drewes, der sich erstmals öffentlich zu den Vorkommnissen äußern musste, berichtete von einsetzenden Schwindelgefühlen. Nach der ärztlichen Behandlung auf dem Platz sei er in die Mannschaftskabine und anschließend mit einem Krankenwagen in eine Unfallklinik gefahren worden. Dass er dazwischen trotz seines Schwindels nach eigener Aussage noch unter die Dusche gestiegen sei, irritierte die Delegation aus Berlin, die erneut Zweifel an der Schwere der Verletzung äußerte.

Kritik an Schiri Petersen

Hierzu gab es von Drewes und Teamarzt Mark Sandfort, der ebenfalls als Zeuge geladen und erschienen war, teils unterschiedliche Auskünfte. Sandfort meinte, Drewes habe in der Notfallaufnahme einer Berliner Unfallklinik keine Symptome mehr gezeigt, einzig einen Druckschmerz verspürt; Drewes dagegen sprach von anhaltendem Schwindel, der sich erst während der nächtlichen Fahrt zurück nach Bochum gelegt habe. Doch das war Stunden nach dem Feuerzeug-Wurf. Unmittelbar nach dem Vorfall im Stadion habe Sandfort eine Gangunsicherheit und „Bewusstseinsverzögerung“ diagnostiziert. Gemäß den DFL-Kriterien obliegt es bei Kopfverletzungen dem Arzt, darüber zu entschieden, ob der Spieler noch einsatzfähig fähig ist oder nicht. Sandfort sah mehrere Kriterien für eine Auswechslung erfüllt.

Weil der VfL sein Wechselkontingent schon ausgeschöpft hatte, musste er zu neunt weiterspielen, stellte Angreifer Philipp Hofmann ins Tor und einigte sich mit den Gastgebern auf einen Nicht-Angriffspakt. Verwunderlich: Schiedsrichter Martin Petersen berichtete, Drewes nicht persönlich nach dessen Zustand gefragt zu haben. Auch Petersen wurde als Zeuge gehört. Der beteiligte DFB-Kontrollausschuss wollte von ihm wissen, warum er das Spiel nicht abgebrochen habe – im Gegensatz zu einem ähnlichen Vorfall vor einigen Jahren, als er selbst von einem Gegenstand getroffen wurde. Petersen argumentierte, dass die Sicherheit der Beteiligten in Berlin gegeben war und deshalb kein Anlass bestanden habe, die Partie abzubrechen. Diese Entscheidung zweifelte das Gericht im Urteil ausdrücklich an.

Keine Berliner Entschuldigung

Bei der Zeugenbefragung kam neben Drewes, Sandfort und Petersen auch der aus Bochum zugeschaltete Felix Passlack als Zeuge zu Wort. Von ihm wollte Richter Oberholz unter anderem wissen, was er Drewes zugerufen habe, als er kurz nach dem Feuerzeug-Wurf auf ihn zugerannt war, dabei aber die Hand vor den Mund hielt. „Ich habe ihm gesagt, dass er sich hinsitzen, beruhigen und auf medizinische Hilfe warten soll“, berichtete Passlack. Auf die Frage, warum er seinen Mund verdeckte, erklärte er: „Das mache ich immer so.“ Die anwesenden Vertreter aus Berlin hielten sich lange zurück, argumentierten abschließend aber natürlich gegen eine veränderte Spielwertung. Unions Geschäftsführer Oskar Krosche kritisierte die Bochumer für den Einspruch deutlich: „Das sagt viel über ihren Sportsgeist aus.“

Die Berliner, die sich bis heute nicht bei Drewes entschuldigt haben, sahen keine Schwächung der Bochumer Mannschaft infolge des Feuerzeug-Wurfs. Der VfL wiederum, der mit Geschäftsführer Kaenzig, Jonas Schlevogt aus der vereinseigenen Rechtsabteilung sowie Anwalt Joachim Rain angereist war, plädierte logischerweise für eine Spielwertung in seinem Sinne. Nachdem die Unioner in ihren Schriftstücken sogar grammgenau angegeben hatten, wie viel das geworfene Feuerzeug wog, hatte Rain ein Vergleichsstück mitgebracht und setzte mit diesem in der Hand zu einem Schlussstatement an. Darin wiederholte er die bereits bekannten Bochumer Argumente noch einmal und betonte zusätzlich, dass der Zeitpunkt des Vorfalls in der Nachspielzeit für die Bewertung nicht zu berücksichtigen sei.

Noch nicht rechtskräftig

Dem schloss sich der DFB-Kontrollausschuss an, der mehrfach von einem „Quasi-Spielabbruch“ sprach. Dieser Bewertung folgten schließlich auch Richter Stephan Oberholz und seine Beisitzer, die den Nichtangriffspakt rügten und gemeinsam erklärten: „Wir wissen, dass eine Spielwertung am Grünen Tisch nur das letzte Mittel sein kann. Aber die Umstände haben uns keine andere Möglichkeit gelassen.“ Wie leicht oder schwer Drewes verletzt war, sei unerheblich. Teamarzt Sandfort habe sich an die Regularien gehalten, sogar ein unabhängiges Attest vorgelegt und die Berliner keine Gegenargumente vorgebracht. Deshalb scheinen die Chancen in einem Berufungsverfahren vor dem DFB-Bundesgericht auch eher schlecht zu stehen. Mit einem endgültigen Urteil ist wohl im Februar zu rechnen.


Ihr wollt das VfL-Magazin einmalig oder dauerhaft unterstützen? Nutzt dafür gerne die unkomplizierte Zahlungsoption via PayPal. Danke, dass ihr Berichterstattung dieser Art auch in Zukunft möglich macht.