VfL empfängt VfB

Im Zweifel defensiv: Wie Reis seine Startelf formt

Schon am Samstag gegen 11 Uhr haben die Profis des VfL den Rasen im Ruhrstadion betreten. Das Spiel gegen den VfB Stuttgart steigt aber erst zwei Tag später. Trainer Thomas Reis wählte eine in Bochum ungewöhnliche Maßnahme. Der zweite Teil einer Trainingseinheit fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. System, Taktik und Personal sollen bis zum Anpfiff am Montagabend ein Geheimnis bleiben. Wobei fraglich ist, wie sehr Bochums Fußballlehrer den Tabellendritten wirklich überraschen kann.

Tesche soll seine Stärken einbringen

Denn großartige Änderungen im Vergleich zum 1:0-Erfolg in Wiesbaden sind nicht zu erwarten. So dürfte die Abwehrreihe, bestehend aus Cristian Gamboa, Saulo Decarli, Maxim Leitsch und Danilo Soares, ins dritte gemeinsame Spiel gehen. Auch an Torhüter Manuel Riemann, Simon Zoller und Silvere Ganvoula rüttelt derzeit niemand. Offen ist lediglich, wie Thomas Reis im Mittelfeld aufstellt. Seine Aussagen in der Pressekonferenz am Freitag lassen vermuten: Im Zweifel eher defensiv. Dass Robert Tesche wohl zur Startelf gehören wird, ist nicht der einzige Beleg dafür.

In der Vorwoche saß der Routinier zunächst auf der Ersatzbank, wurde aber schon nach einer halben Stunde für Vitaly Janelt eingewechselt. „Ab der 30. Minute wurden wir stabiler“, analysiert Reis. Ein kausaler Zusammenhang lässt sich nicht leugnen. Janelt, der immer etwas mutiger agiert, aber auch früh mit Gelb vorbelastet war, machte im Aufbau zu viele Fehler, ebenso wie Teamkollege Anthony Losilla. „Grundsätzlich“, erklärt Reis auf Nachfrage, „haben auf dieser Position alle vier Spieler ein ähnliches Niveau.“ Als Beispiel nannte er die Geschwindigkeit. Böse Zungen würden behaupten: Keiner von ihnen ist schnell.

Losilla darf auch weniger laufen

Auch nicht Thomas Eisfeld, der in Wiesbaden gar nicht erst im Kader war. Ein möglicher Grund: Der 27-Jährige spielt noch offensiver als Janelt. Außerdem fehlt ihm die Wucht in vielen Zweikämpfen. Die bringt Anthony Losilla zweifellos mit, weshalb der Franzose neben Robert Tesche auch gesetzt ist. „Er hat sich als Kapitän einen gewissen Status erarbeitet“, bestätigt Reis und lobt ausdrücklich dessen Laufstärke: „Wobei wir noch schauen müssen, welche Wege wirklich nötig sind.“ Dass Losilla oft meint, vorne wie hinten, links wie rechts aushelfen zu müssen, versucht Reis schon seit Monaten zu korrigieren. Bislang nur mit mäßigem Erfolg.

Damit der Publikumsliebling nicht glaubt, für alles zuständig zu sein, ist eine Systemumstellung für das Stuttgart-Spiel nicht auszuschließen. Das würde bedeuten, dass Vitaly Janelt doch in der Startformation bleiben darf, nämlich als dritter defensiver Mittelfeldspieler – so wie schon gegen Bielefeld und Hamburg Anfang des Jahres. In diesem Fall müsste Winterneuzugang Robert Zulj weichen. Ihn lobte Bochums Chefcoach nach dem Spiel in Wiesbaden für seine Ballsicherheit, seine Übersicht und Präsenz, erwartet aber auch, „dass er sich defensiv noch steigert.“

Blum muss an Schwächen arbeiten

Dieses Qualitätsmerkmal ist Thomas Reis im Abstiegskampf besonders wichtig, weshalb auch Danny Blum derzeit nur die Rolle als Joker bleibt und Tom Weilandt erste Wahl ist. „Er ist mit seinen Offensivqualitäten unheimlich wichtig für uns, das steht außer Frage“, sagt Reis über Blum, der immerhin schon sechs Tore und neun Vorlagen beigesteuert hat. Doch die Bereitschaft, auch nach hinten fleißig mitzuarbeiten, lässt der Ex-Frankfurter mitunter vermissen. Das weiß auch Thomas Reis, der kein Problem damit hat, das offen anzusprechen: „Danny ist defensiv nicht der stärkste. Aber er weiß, woran er arbeiten muss. Und das macht er auch.“

(Foto: Pressefoto Eibner)

Torschütze & Teamplayer

Mann der Stunde: Warum Zoller so wertvoll ist

Sein Torjubel am vergangenen Wochenende galt einem ganz besonderen Mitspieler. Als Simon Zoller in der 39. Minute das 1:0 gegen Wiesbaden erzielt hatte, rannte er zur Trainer- und Ersatzbank. Er wusste genau, wen er herzen wollte: VfL-Urgestein Patrick Fabian. Für wenige Augenblicke lagen sich die beiden in den Armen. Was fast schon romantisch klingt, war von Zoller natürlich so gewollt. „Ich weiß, wie sehr Patti in dieser Situation mitfühlt“, sagte Bochums Angreifer später. „Er ist schon fast 20 Jahre im Verein. Allein für ihn muss man sich auf dem Platz zerreißen.“ Zoller lebt den Zusammenhalt vor, den sich viele innerhalb des Klubs wünschen.

Einziger Torschütze

Die Beziehung zwischen Zoller und dem VfL ist recht schnell gewachsen. Vor knapp einem Jahr ist der 28-Jährige vom 1. FC Köln nach Bochum gewechselt. Schon im Sommer davor hatte es Gespräche und Verhandlungen gegeben, doch ein Wechsel kam erst im Winter zustande. Die Rückrunde unter Trainer Robin Dutt verlief nicht ganz nach den Vorstellungen des Offensivspielers – denn Zoller verletzte sich und fiel wochenlang aus. Unter Thomas Reis verpasste er bislang noch kein einziges Pflichtspiel. Insgesamt stehen in dieser Saison sechs Tore und drei Vorlagen auf der Habenseite – nur Silvere Ganvoula und Danny Blum sind, was diese Werte betrifft, wertvoller für das Team.

Doch während die beiden Kollegen nach der Winterpause noch gar nicht getroffen haben, ist Zoller besonders gut ins neue Jahr gestartet. Beim Auftakt in Bielefeld war er zunächst außen vor. Doch gegen Hamburg kehrte der Angreifer in die Startformation zurück, überzeugte mit großem Engagement und erzielte prompt das Führungstor. Zum Sieg reichte es nicht. Eine Woche später traf er in Wiesbaden erneut – und bescherte dem VfL drei ganz wichtige Punkte im Abstiegskampf. „Es ist eine meiner Stärken, auf den zweiten Ball zu lauern und dahin zu gehen, wo es gefährlich wird“, sagt Zoller selbstbewusst. Im Abstiegskampf möchte er vorangehen, mahnt und motiviert zugleich: „Das ist kein Kindergeburtstag hier. Nur wenn wir fighten, haben wir eine Chance.“

Wichtiger Teamplayer

Seinen Stammplatz dürfte der Mann der Stunde vorerst sicher haben. Doch auch dann, wenn er nicht auf dem Rasen steht, ist Zoller wichtig für das Team. Mittlerweile zählt der Ex-Kölner zu den wenigen Führungsspielern. Innerhalb des Klubs genießt er ein hohes Ansehen. Seit einiger Zeit ist er das Gesicht einer Kampagne für Kinderschutz. Und als er 2019 neu zum VfL kam, stellte sich Zoller persönlich bei allen Mitarbeitern vor. „Ich will den Verein als Ganzes kennenlernen“, sagte er damals. „Zum Verein gehören nicht nur wir Spieler, sondern auch diejenigen, die in den Büros arbeiten oder unsere Trikots beflocken.“ Seines ist übrigens besonders begehrt. Das war schon zu Saisonbeginn so, und dürfte sich durch seine beiden Treffer auch nicht geändert haben.

(Foto: Imago / Nordphoto)

Kommentar

VfL im Abstiegskampf: Jetzt geht es erst richtig los

Eigentlich war für diesen Montag ein geheimes Testspiel angesetzt. Die zahlreichen Bochumer Reservisten sollten im Duell gegen den Bundesligisten Bayer Leverkusen Spielpraxis sammeln. Doch Sturmtief „Sabine“ machte ein Aufeinandertreffen unmöglich, selbst das Training fiel aus. Also genießen die Profis des VfL zwei freie Tage. Danach startet die Vorbereitung auf das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart am kommenden Montag.

Noch nichts erreicht

Entspannt hat sich die Lage an der Castroper Straße mit dem knappen 1:0-Erfolg in Wiesbaden keineswegs. Lediglich der sportliche Supergau, nämlich eine weitere Niederlage, wurde verhindert. So wichtig der Sieg am Sonntag auch war: Die heiße Phase im Abstiegskampf hat jetzt erst richtig begonnen. Mindestens 13 (End-)Spiele stehen noch an. Erreicht hat die Mannschaft des VfL Bochum bislang noch nichts. Ein abschließendes Urteil ist erst nach 34 Spieltagen erlaubt.

Deshalb ist es auch ziemlich gewagt, dass Trainer Thomas Reis in Wiesbaden erneut davon sprach, dass seine Spieler endlich verstanden hätten, worum es gehen würde. Vielleicht liegt er richtig. Trotzdem kommt eine solche Aussage viel zu früh. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben die Verantwortlichen ähnliche Worte schon einmal gewählt – und wurden bitter enttäuscht. Es zählt nicht das, was gesagt, sondern das, was auch wirklich gezeigt wird.

Nicht zu früh loben

Denn Nachlässigkeiten gab es in dieser Saison schon oft. Die schnelle Selbstzufriedenheit ist ein Charaktermerkmal dieser Mannschaft. Vergessen werden darf auch nicht, dass die taktische Leistung am Sonntag nicht gerade überzeugend war. Der VfL kämpfte vorbildlich, aber bettelte um ein Gegentor. Standardsituationen oder Ballverluste im Mittelfeld bedeuteten Gefahr. Stabil ist diese Mannschaft – vor allem in der Defensive – immer noch nicht.

Sollte Thomas Reis tatsächlich erfolgreich an der Mentalitätsschraube gedreht haben, ist er in den kommenden Wochen vor allem als Fußballlehrer gefragt. Gegen Wiesbaden traf er eine fast folgenschwere Fehlentscheidung, als er Robert Tesche zunächst auf die Bank setzte und die Viererkette nicht absicherte. Aus diesem Fehler (und anderen) muss er lernen. Denn mindestens vier, besser sechs Punkte müssen es aus den nächsten drei Spielen gegen Stuttgart, Dresden und Sandhausen schon sein.

(Foto: Pressefoto Eibner)

Wichtiger 1:0-Sieg

Bochumer Erleichterung: Schwere Geburt in Wehen

Der Bochumer Fußball-Cartoonist Oli Hilbring brachte es auf den Punkt. Wer gegen den SV Wehen spielt, könne keine leichte Geburt erwarten. Gepostet hat er das auf Facebook unmittelbar nach dem Abpfiff. Nur einen Moment früher wäre das noch ziemlich riskant gewesen. Denn bis zur letzten Sekunde musste der VfL am Sonntag um den Auswärtssieg in Wiesbaden zittern, ehe Mannschaft, Trainer und Fans den 1:0-Erfolg bejubeln durften. Simon Zoller krönte schon nach 39 Minuten seine gute Leistung mit dem Treffer des Tages. Das richtungsweisende Spiel beim Tabellennachbarn ging somit an die Gäste.

Drei ganz wichtige Punkte

Von einem Befreiungsschlag zu sprechen, wäre bei nur zwei Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz jedoch definitiv zu viel des Guten. Das sah der Torschütze später genauso: „Ich bin weit davon entfernt zu sagen, dass es schon ein großer Schritt war.“ Doch drei ganz wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt hat der VfL zweifellos errungen. Der vielleicht entscheidende Faktor: Vor mehr als 1.500 mitgereisten VfL-Fans war der Siegeswille deutlich spürbar, die Mannschaft fightete und warf sich in jeden Zweikampf. Das war in dieser Saison nicht immer der Fall. Eine gute Teamleistung täuschte somit auch über taktische Mängel und fußballerische Defizite hinweg.

Trainer Thomas Reis hatte sich für eine offensivere Aufstellung entschieden, indem er Robert Zulj für Robert Tesche brachte. Bochums Winterneuzugang überzeugte zwar als Ballverteiler, doch Anthony Losilla und Vitaly Janelt schafften es im Zentrum nicht, für die nötige Absicherung zu sorgen. Schlampige Zuspiele im Mittelfeld brachten die Abwehrreihe immer wieder in Gefahr, die Gastgeber schalteten blitzschnell um. Torhüter Manuel Riemann, neben Saulo Decarli und Danilo Soares der beste Bochumer auf dem Feld, verhinderte Schlimmeres und entschärfte in der ersten halben Stunde gleich mehrere Großchancen.

„Wir hatten einen gut aufgelegten Torwart, sonst hätten wir auch in Rückstand geraten können. Das Spielglück war auf unserer Seite“, stellte nicht nur Thomas Reis nach der Partie fest. Der Übungsleiter, der sonst eher spät wechselt, reagierte überraschend früh und korrigierte einen eigenen Fehler noch vor der Pause: Tesche ersetzte den mit Gelb verwarnten Janelt. Den Bochumern gab das mehr Sicherheit, das Spiel beruhigte sich, was auch den Führungstreffer begünstigte. Silvere Ganvoula, der viele Chancen überhastet vergab, scheiterte zunächst an Keeper Heinz Lindner, doch Simon Zoller war zur Stelle und traf per Abstauber zum 1:0. Angesichts der Wiesbadener Großchancen war die Führung eher glücklich. Doch der VfL investierte deutlich mehr in das Spiel.

Mit vereinten Kräften

Nach einer munteren ersten Hälfte zogen sich die Gäste im zweiten Durchgang allerdings in eine gefährliche Abwehrhaltung zurück. Zumindest bei Standardsituationen brannte es im Bochumer Strafraum lichterloh – ein Wunder, dass nichts passierte. Der VfL sorgte kaum noch für Entlastung, auch nicht nach zwei Einwechslungen, die das Risiko eher noch erhöhten. Denn Reis nahm Robert Zulj und Simon Zoller aus der Partie. Dafür brachte er mit Sebastian Maier und Danny Blum zwei Spieler, die Defensivzweikämpfe eher scheuen. Doch der Erfolg gibt dem Fußballlehrer am Ende Recht, seine Mannschaft rettete den Sieg mit vereinten Kräften über die Zeit. Hilbring würde sagen: Eine schwere, aber erfolgreiche Geburt.

(Foto: Pressefoto Eibner)

Mehrere Baustellen bleiben

Transferpolitik des VfL Bochum wirft Fragen auf

Nervös saßen viele Fans des VfL Bochum am Freitagabend vor dem Computer oder am Smartphone. Erst gegen 18.30 Uhr kam die erhoffte Nachricht: Tatsächlich hat Manager Sebastian Schindzielorz noch einen neuen Innenverteidiger verpflichtet. Vasilios Lampropoulos heißt er, ist 29 Jahre alt, stammt aus Griechenland und bringt sogar Erfahrung aus der Champions League mit. Zuletzt hat er für Deportivo La Coruna in der zweiten spanischen Liga gespielt. Doch nach einem Trainerwechsel ist er dort nicht mehr zum Zuge gekommen. Der VfL hat ihn nun für die kommenden fünf Monate ausgeliehen. Eine Kaufoption soll es nicht geben.

Lampropoulos ein Noteinkauf?

Klar ist: Die Wunschlösung und das Stellenprofil sahen eigentlich anders aus. Das zeigt allein die Tatsache, dass mit Anthony Jung ursprünglich ein Verteidiger kommen sollte, der außen wie innen spielen kann. Lampropoulos fühlt sich nur im Zentrum wirklich wohl. Verhandelt und gesprochen wurde auch noch mit anderen Kandidaten, doch aus unterschiedlichen Gründen ist kein Transfer zustandegekommen. Teilweise lag es am Geld, weil Ablöseforderungen oder Gehaltswünsche nicht erfüllt werden konnten. Aber auch sportlich hatte Manager Schindzielorz kaum Argumente auf seiner Seite. Denn ganz offensichtlich ist der VfL Bochum keine attraktive Adresse mehr.

Die Fakten sind bekannt und schmerzen trotzdem: Der Revierklub befindet sich im Abstiegskampf, die sportliche Entwicklung der letzten Jahre ist alarmierend, das Klima in der Mannschaft eher frostig. Das erklärt auch die Tatsache, warum die Bochumer bis zum letzten Transfer-Tag zittern mussten, ob überhaupt jemand zusagt. Und die Rahmenbedingungen der Lampropoulos-Verpflichtung sind alles andere als optimal. Gesucht wurde schließlich eine Soforthilfe für die instabile Abwehr. Doch die Rückrundenvorbereitung, die zur Integration geholfen hätte, ist längst vorbei, der Spielbetrieb läuft schon wieder. Lampropoulos hat zum spätmöglichsten Zeitpunkt unterschrieben, außerdem spricht er kein Wort Deutsch.

Ob er der Hintermannschaft also schnell Halt geben kann, ist fraglich. Ebenso ist offen, wie groß die Motivation bei einer so kurzen Vertragslaufzeit wirklich ist. Immerhin: Insider des griechischen Fußballs beschreiben ihn als zuverlässigen, robusten und kompromisslosen Verteidiger. Und bei der Integration könnte womöglich Christos Orkas ein wichtiger Ansprechpartner sein. Der VfL-Scout hat nicht nur griechische Wurzeln, sondern soll intern auch eine Bewertung des Spielers abgegeben haben. Ein blinder Panikeinkauf ist Lampropoulos also nicht. Trotzdem ist die Transferbilanz der Verantwortlichen nicht automatisch überzeugend und wirft Fragen auf.

Zwei Transfers zu wenig?

Denn einige Schwachstellen wurden immer noch nicht geschlossen. So fehlt nach wie vor eine Alternative für die Linksverteidigerposition, auf der Danilo Soares zuletzt geschwächelt hat. Auch im defensiven Mittelfeld, einer Schlüsselposition, hat sich im Winter nichts getan. Umso mehr verwundert es, dass nach Aussage von Sebastian Schindzielorz bis zuletzt mit einem weiteren Offensivspieler verhandelt wurde. Schließlich wurde mit Robert Zulj in diesem Winter bereits einer für die vordere Reihe verpflichtet. Außerdem haben die Verantwortlichen stets betont, vor allem die Defensive stärken zu wollen, was nach den Toren und Gegentreffern in der Hinrunde naheliegend erschien.  

Interessant ist in diesem Zusammenhang erneut, welche Optionen Schindzielorz im Winter abgelehnt hat. Möglich war zum Beispiel eine Rückkehr von Felix Bastians, der motiviert war, dem VfL in seiner misslichen Lage zu helfen. Er hätte direkt zu Jahresbeginn zur Verfügung gestanden. Auch hätte er die Flexibilität in der Abwehr erhöht, weil er mehrere Positionen bekleiden kann. Gegen ihn gibt es seit seinem unrühmlichen Abgang vor zwei Jahren aber so viele Vorbehalte, dass eine Verpflichtung nie ernsthaft zur Debatte stand. Auch Mittelfeldspieler Marco Terrazzino hatte sich angeboten, ist mangels Interesse aus Bochum aber zur direkten Konkurrenz nach Dresden gewechselt.

(Foto: Imago / Dünhölter)

Schlüsselspiel in Wiesbaden

VfL-Hoffnung: Geschichte soll sich wiederholen

Teile der aktiven Fanszene haben unter der Woche ein Zeichen gesetzt. Am Trainingsgelände hingen drei Banner mit klaren Botschaften. Fair und trotzdem unmissverständlich wurde den Spielern vermittelt, dass sie in den kommenden Wochen mit der vollen Unterstützung rechnen können. Voraussetzung: Sie sind ebenfalls bereit, alles für das gemeinsame Ziel, den Klassenerhalt, zu geben. „Wir stecken bestimmt nicht den Kopf in den Sand, das haben wir in Bochum nie gemacht“, stand auf einem Plakat, an dem die Profis vorbeilaufen mussten. Stellvertretend für die Mannschaft erklärte Simon Zoller, dass die Aktion der Fans zur Kenntnis genommen wurde.

Viele Unvergraulbare

Über die Vereinsmedien übermittelte er sogar einen Dank. „Es klingt wie eine abgedroschene Floskel, aber es ist wirklich so: Wir sind dankbar über jeden Fan, der uns begleitet“, sagte der Angreifer, der am Montag beim 1:3 gegen den HSV mit seinem Auftreten und seinem Tor überzeugte. Fast 20.000 Bochumer unterstützten den VfL in dieser Partie, nach Wiesbaden reisen mehr als 1.000 Unvergraulbare. Was sie erwarten, bedarf keiner besonderen Erwähnung: Eine ähnlich engagierte Leistung wie zu Wochenbeginn, und spielerisch eine Steigerung. Die wird auch notwendig sein, um gegen den Tabellennachbarn aus der hessischen Landeshauptstadt zu bestehen.

Denn allein mit defensiver Stabilität und langen Bällen in die Spitze ist es nicht getan. Mit welchem Personal und mit welchen taktischen Mitteln Cheftrainer Thomas Reis die ersten drei Punkte des neuen Jahres einfahren möchte, ist aber noch offen. Klar ist bislang nur, dass Torwart Manuel Riemann nach seiner Sperre in die Startelf zurückkehren wird. Vor ihm könnte die Viererkette verteidigen, die gegen Hamburg immerhin 65 Minuten lang überzeugte. Saulo Decarli und Maxim Leitsch würden somit den Vorzug vor Patrick Fabian, dem Routinier, und vor Vasilios Lampropoulos, dem Winterneuzugang, erhalten.

Im Mittelfeld wird sich Reis überlegen müssen, ob er einen von drei defensiv ausgerichteten Spielern zugunsten einer Offensivkraft opfert. In diesem Fall könnte Robert Zulj sein Startelfdebüt geben, auch Danny Blum ist eine Option. Wie auch immer sich Bochums Übungsleiter entscheidet, dem VfL steht eine eminent wichtige Partie bevor: Zum einen für die Stimmung, die im Falle einer Niederlage trotz harmloser Fanbanner kippen dürfte. Zum anderen und in erster Linie geht es aber um Punkte. Wiesbaden könnte sich im Falle eines Heimsieges ein wenig absetzen, der VfL droht vom Relegations- auf einen Abstiegsplatz zu rutschen.

Gute Erinnerungen

Um das zu verhindern, hilft vielleicht ein kleiner Blick in die Vergangenheit, quasi als Motivationshilfe. Denn ein vergleichbares Schlüsselspiel hat es an einem 9. Februar schon einmal gegeben. Vor genau zwei Jahren war der VfL in einer ähnlich dramatischen Situation, auch wenn die Umstände andere waren. Trainer Jens Rasiejewski und Manager Christian Hochstätter mussten gehen, Interimstrainer Heiko Butscher übernahm für ein Spiel und sah ein 2:1 gegen Darmstadt 98. Mit diesem Sieg wurde der Grundstein für den späteren Klassenerhalt gelegt. Beim VfL Bochum hätte sicher niemand etwas dagegen, wenn sich Geschichte wiederholen würde….

(Foto: Fabian Budde)

VfL verliert 1:3 gegen HSV

„Bin mir sicher…“: Reis trotz Niederlage zuversichtlich

Manche Fans diskutierten nur noch über die Höhe der Niederlage – und wurden am Montagabend positiv überrascht. Mit einer engagierten Leistung begegnete der VfL Bochum dem Hamburger SV lange Zeit auf Augenhöhe und war zu Beginn der zweiten Halbzeit sogar die bessere Mannschaft. Bis zur eigenen Führung nach 65 Minuten durch Simon Zoller überzeugten die Hausherren mit kompakter Defensivarbeit, doch dann brachen alle Dämme. Ein Sonntagsschuss der Hamburger brachte die Gäste nur drei Minuten später zurück ins Spiel, und der VfL verlor plötzlich die Ordnung. Der HSV hatte nun leichtes Spiel, die Partie vollends zu drehen und mit 1:3 für sich zu entscheiden.

Ein ordentliches Spiel…

Die Enttäuschung beim VfL war anschließend auch deshalb so groß, weil die Leistung eigentlich recht ordentlich war. Ein bisschen erinnerte dieses Spiel an einen Abend vor knapp drei Monaten, als nicht der HSV, sondern der große FC Bayern in Bochum gastierte. Auch dieser Begegnung war ein blutleerer Auftritt vorausgegangen, die Stimmung am vermeintlichen Tiefpunkt. Doch im eigenen, vollen Stadion zeigte die Mannschaft plötzlich ein anderes Gesicht, Leidenschaft und Siegeswillen. „Wenn wir jedes Mal eine solche Leistung abrufen würden, dann stünden wir nicht da unten“, hat nicht nur Simon Zoller den eigenwilligen Charakter der Mannschaft erkannt.

Auch mit der Hereinnahme des späteren Torschützen hat Trainer Thomas Reis ein glückliches Händchen bewiesen, ebenso mit Tom Weilandt. Sie ersetzten Chung Yong Lee und Danny Blum, die in Bielefeld durchweg enttäuschten. Offensiv lief es dieses Mal besser, auch wenn echte Spielkultur noch nicht zu erkennen war. Reis hatte auf einen sogenannten Tannenbaum, also auf ein 4-3-2-1-System, umgestellt. In der Abwehrkette erhielt überraschend Maxim Leitsch den Vorzug vor Patrick Fabian. Der Youngster war lange verletzt, spielte zuletzt vor 17 Monaten und machte am Montagabend einen guten Job – bis er vor dem 1:2 unglücklich ausrutschte.

Nicht nur Leitsch stemmte sich bis dahin aber mit aller Macht gegen die nächste Niederlage. „Vielleicht können wir trotzdem Mut aus diesem Spiel schöpfen“, gab sich Teamkollege Zoller hinterher zuversichtlich, wohlwissend, dass nur Punkte zählen. „Wir stehen auf dem Relegationsplatz. Ich glaube, dass vielen hier klar ist, wie ernst die Lage ist.“ Dass Zoller nur von „vielen“, aber nicht von „allen“ sprach, kann, muss aber kein Zufall sein. Sein Übungsleiter ist dahingehend schon optimistischer. „Ich bin mir sicher, dass die Jungs jetzt verstanden haben, worum es geht“, sagte Reis in der Pressekonferenz.

…muss bestätigt werden

Was ihn zu dieser Erkenntnis kommen lässt, konnte er aber auch auf Nachfrage nicht schlüssig erklären. Schließlich hat es gute Ansätze in dieser Saison immer wieder gegeben – doch spätestens nach ein paar Wochen folgte der Rückfall in alte Muster. Wie passend also, dass am kommenden Sonntag ein echter Charaktertest bevorsteht. Dann nämlich tritt der VfL nicht vor großer Kulisse gegen einen Aufstiegsfavoriten an. Stattdessen gastiert der Revierklub beim SV Wehen Wiesbaden, einem direkten Tabellennachbarn mit dem geringsten Zuschauerschnitt der Liga. „Das wird kein Endspiel“, sagt Thomas Reis, „aber sicher ein Schlüsselspiel.“

(Foto: Imago / Revierfoto)