Vorteil Ruhrstadion

Vier gewinnt? Der VfL und sein Spielplan-Glück

Wie sehr haben die Diskussionen und Ansprachen der letzten Wochen wirklich etwas gebracht? Auf die Pflicht, nämlich ordentliche Vorstellungen gegen die Bayern, St. Pauli und Nürnberg, folgt jetzt gewissermaßen die Kür. Nur wenn der VfL in den fünf verbliebenen Partien bis zur Winterpause reichlich Punkte einfährt, wird das Weihnachtsfest in Bochum halbwegs besinnlich ausfallen. Nach wie vor ist die Lage angespannt, was Spieler wie Verantwortliche auch regelmäßig betonen.

Vier Heimspiele geplant

Vielleicht haben die Spielplangestalter dem Revierklub ja einen Gefallen damit getan, dass ausgerechnet in dieser wichtigen Phase fast wöchentlich ein Heimspiel auf dem Programm steht. Kurz gefasst: Vier Spiele absolviert der VfL in diesem Jahr noch zu Hause, nur ein weiteres in der Fremde. Das ist insofern ein Vorteil, als dass der VfL im eigenen Stadion seit elf Zweitligapartien ungeschlagen ist. Das Problem: Neben vier Siegen gab es gleich sieben Unentschieden. Punkteteilungen aber helfen kaum dabei, den Tabellenkeller und Platz 16 zu verlassen. Die Mission „Vier gewinnt“ – so die Bochumer Wunschvorstellung für kommenden Heimspiele – startet an diesem Freitag gegen den VfL Osnabrück.

Dabei wird Trainer Thomas Reis ganz besonders auf die Besetzung seiner nach wie vor anfälligen Defensive achten müssen. Verbesserungen waren zuletzt unübersehbar, trotzdem gab es in dieser Saison noch kein einziges Pflichtspiel ohne Gegentreffer. Als Musterbeispiel dafür, wie eine kompakte Abwehrarbeit aussehen könnte, dient ausgerechnet das Pokalspiel gegen die Bayern, in dem der VfL 83 Minuten lang die Null auf der richtigen Seite hielt. „Da hat die Mannschaft gemerkt, dass es nur gemeinsam funktioniert“, sagt Bochums Chefcoach, der seither eine „positive Entwicklung“ erkennt – in der Verteidigung, „aber auch spielerisch.“

Vier Verteidiger gesucht

Die erhoffte Stabilität muss sich der 46-Jährige allerdings mit wechselndem Personal erarbeiten. Denn bei der Besetzung der Abwehrreihe wird er an diesem Wochenende erneut improvisieren müssen. Zumindest auf einer Position: Danilo Soares, etatmäßiger Linksverteidiger, ist gesperrt – und einen Ersatzmann gibt es auf den ersten Blick nicht. Denn den Nachwuchskräften Moritz Römling und Stelios Kokovas, die in der Vorsaison schon Profiluft schnuppern durften, wird ein Einsatz momentan nicht zugetraut; Maxim Leitsch trainiert zwar wieder mit, ist nach einer knapp einjährigen Wettkampfpause aber noch längst nicht bei 100 Prozent.

Die naheliegendste Lösung: Stefano Celozzi, der eigentlich rechts hinten beheimatet ist, kommt auf der gegenüberliegenden Seite zum Einsatz. Dass Thomas Reis seine Startelf im Vergleich zum 1:1 am Millerntor auch noch aus freien Stücken umbauen wird, ist ebenso möglich. Auch dann wäre die Viererkette betroffen. Denn mit Saulo Decarli, Cristian Gamboa und Patrick Fabian haben sich in der Länderspielpause gleich drei erfahrene Abwehrspieler gesund zurückgemeldet. Denkbar ist, dass Decarli für Simon Lorenz oder Armel Bella Kotchap spielen wird. Gamboa und Fabian dürften wohl eher auf der Bank Platz nehmen.

(Foto: Imago / Team 2)

Mehrfach eingegriffen

Wie der VfL Bochum vom Videobeweis profitiert

Ein beliebtes Argument gegen den Videoschiedsrichter ist keines mehr. Die Diskussionen über Entscheidungen der Unparteiischen sind definitiv nicht verschwunden – sie haben sich nur verlagert. Seit dieser Saison greifen die Assistenten aus dem „Kölner Keller“ auch im Unterhaus ein. Eine offizielle Statistik darüber, wann und wie oft, gibt es noch nicht. Zahlen aus der Bundesliga belegen aber: In jedem dritten Spiel beeinflusst der Videoschiedsrichter das Geschehen.

Fünfmal korrigiert

Diese Erfahrung hat in den vergangenen Monaten auch der VfL Bochum gemacht. Und das erste Fazit fällt positiv aus. Insgesamt fünfmal hat der Videoassistent Fehlentscheidungen gemeinsam mit dem Hauptschiedsrichter korrigiert – fünfmal zum Vorteil des Revierklubs: Gleich doppelt zum Auftakt in Regensburg, zuletzt auch gegen Darmstadt, Karlsruhe und Kiel. Viermal bekam der VfL nach der Sichtung am Monitor einen Elfmeter zugesprochen. Ein weiteres Mal wurde dem Gegner ein irregulärer Treffer aberkannt. Weitere Überprüfungen bestätigten die Entscheidung des Schiedsrichtergespanns vor Ort.

Die Verantwortlichen beim VfL haben dies natürlich wohlwollend zur Kenntnis genommen. „Grundsätzlich finde ich den Videobeweis in den Fällen, wo er tatsächlich etwas beweist, gut und sinnvoll“, sagt Cheftrainer Thomas Reis, „etwa bei Abseitsentscheidungen oder Elfmetern.“ Komplett zufrieden ist der Fußballlehrer aber noch nicht: „Es gibt immer wieder Bereiche, wo die Regel und die Handhabung noch nicht ausgereift ist.“ Reis geht es dabei um Verbesserungen, von denen nicht nur der VfL profitieren würde. „Wenn ein Foul im Mittelfeld passiert und gefühlt zwei Minuten später ein Tor erzielt wird, das dann zurückgenommen wird, finde ich das nicht glücklich“, sagt der 46-Jährige.

Zweimal irritiert

Sein Vorgänger formulierte es im Sommer noch radikaler. „Mir gefällt es nicht, was ich da sehe. Natürlich ist es gerechter, wenn Fehlentscheidungen korrigiert werden“, erklärte Robin Dutt, der sich eher als Gegner der neuen technischen Hilfsmittel positioniert hat. „Aber das ständige Anhalten und Nicht-Jubeln stört und verändert das Spiel. Am besten wäre nie jemand auf die Idee gekommen, den Videoschiedsrichter einzuführen.“ Das dachten sich zuletzt vermutlich auch die Konkurrenten aus Wiesbaden und Kiel. Beide Klubs erlebten eher kuriose Entscheidungen des Videoschiedsrichters.

So wurde den Wiesbadenern im Duell gegen Dynamo Dresden ein Treffer aberkannt, weil der Ball beim Angriff zuvor auf der gegenüberliegenden Seite knapp im Toraus war. Die Verantwortlichen des Tabellenletzten tobten daraufhin und legten Protest gegen die Spielwertung ein. „Den Unmut kann ich nachvollziehen“, sagt auch Bochums Trainer Thomas Reis, der Ende Oktober eine mindestens ebenso kuriose Szene erlebt hat – allerdings zum eigenen Vorteil. Beim Auswärtsspiel in Kiel griff der Videoschiedsrichter ein, weil ein Ersatzspieler der Gastgeber den Ball im Strafraum stoppte, bevor das Spielgerät das Toraus mit vollem Umfang überquert hatte. Der Unparteiische zeigte nach einem Hinweis aus Köln regelkonform auf den Punkt.

Einmal entschieden

Vor wenigen Tagen haben der DFB und die internationalen Regelhüter allerdings entschieden, dass sich der Videoassistent in einer solchen Situation künftig nicht mehr einschalten soll. Der Eingriff sei nur dann vorgesehen, wenn Ersatzspieler oder Offizielle ein Tor direkt verhindern oder entscheidend Einfluss nehmen würden. Damit wird sicher auch der VfL Bochum leben können – und die Hilfe bei wirklich wichtigen Entscheidungen gerne wieder in Anspruch nehmen.

(Foto: Imago / Jan Huebner)

Klartext vom VfL-Keeper

Riemann im Wandel: „Es gab Lack von meiner Frau“

Manuel Riemann redet nicht gern um den heißen Brei herum. „Entweder man liebt mich oder man hasst mich“, sagt der Torhüter des VfL Bochum, wenn er über seinen Status bei den eigenen Fans spricht. Der 31-Jährige weiß auch, warum das so ist: „Ich bin nicht perfekt und kein einfacher Typ. Das gefällt nicht jedem.“ Und doch glaubt er, dass „der harte Kern“ hinter ihm stehe.

Hinweis von seiner Frau

Ob dieser Satz vor knapp zwei Monaten ebenfalls gefallen wäre, ist wohl eher unwahrscheinlich. Da gab es noch Zoff zwischen dem Keeper und einigen Anhängern. Nach dem Spiel gegen Darmstadt gab es „Riemann raus“-Rufe. Sein bislang schwächstes Saisonspiel und sein Verhalten auf dem Platz waren der Anlass dafür. Riemann machte vor dem Ausgleichstreffer einen Fehler – doch anschließend schimpfte er mit einem Mitspieler.

Auf den Tribünen kam das gar nicht gut an. „Ich weiß selber, dass ich in diesem Spiel nicht so gut war. Mein Gemecker kam falsch rüber, es galt einer ganz anderen Aktion“, erklärt Riemann mit etwas Abstand und weiß: „Im Fernsehen und bei den Fans kommt das nicht gut rüber – und ich kann das auch verstehen.“ Riemann gesteht: „Für solche Szenen gab es wieder Lack von meiner Frau. Und das völlig zu Recht.“

Diskussionen mit den Fans

Einsicht scheint der erste Schritt zur Besserung zu sein. In sportlich schwierigen Wochen war Riemann ein wichtiger Rückhalt. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Anfang des Jahres patzte er mehrfach. Doch zuletzt konzentrierte sich der Keeper auf seine eigene Leistung. Trotzdem übernahm er Verantwortung, sprach vor allem mit jüngeren Teamkollegen und trat nicht nur als Kritiker, sondern als Motivator in Erscheinung.

Jetzt, nach drei ordentlichen Auftritten in Folge, sieht er einen leichten Aufwärtstrend: „Ich glaube, die Situation hat uns zusammengeschweißt. Wir haben oft auf die Fresse bekommen, auch intern haben wir uns deutlich die Meinung gesagt.“ Riemann war einer der ersten, der den Ernst der Lage erkannte und immer noch zur Vorsicht mahnt: „Nur wenn wir nicht nachlassen, werden wir die Abstiegszone verlassen.“

Gespräche über seinen Vertrag

Mit den Fans hat der Familienvater ebenfalls einen Weg gefunden. Nach den Anfeindungen Ende September kam es zur Aussprache. Dass dieser Dialog erfolgreich war, zeigte sich jüngst beim Heimspiel gegen Nürnberg. Als Gästekeeper Benedikt Willert verhöhnt wurde, lief Riemann zur Ostkurve und bat um Ruhe. Die Anhänger reagierten sofort und stellten ihre Gesänge ein.

Auch mit solchen Kleinigkeiten sammelt Riemann Argumente für eine Vertragsverlängerung. Seit vier Jahren hütet er das Tor des VfL. Stand jetzt wäre er im nächsten Sommer ohne Klub. Doch Gespräche über eine weitere Zusammenarbeit sind bereits geplant. Und so, wie sich Riemann in den letzten Wochen positioniert hat, scheint er nicht abgeneigt zu sein, in Bochum bleiben zu wollen.

(Foto: Imago / Zink)

1:1 beim FC St. Pauli

Zufrieden? Der VfL steckt im Remis-Dilemma

Zufrieden mit der Punkteteilung – das waren beim VfL Bochum nach dem 1:1 beim FC St. Pauli sowohl die meisten Spieler als auch der Trainer. „Das Unentschieden ist am Ende gerecht“, sagte Kapitän Anthony Losilla wenige Minuten nach Abpfiff und einer eher zähen Schlussphase. Dabei begann das Duell am Freitagabend mit viel Tempo, einigen Chancen und zwei Toren: Simon Zoller traf nach fünf Minuten zur Führung für die Gäste. Waldemar Sobota erzielte in der 10. Spielminute prompt den Ausgleich. Danach wurde es fahrig und ungenau – auf beiden Seiten.

Losilla fand für diesen Spielverlauf hinterher die passenden Worte. „Wir haben richtig gut angefangen, dann aber leider etwas nachgelassen“, sprach der Mittelfeldspieler über ein Problem, das den VfL schon länger verfolgt. Unter Trainer Thomas Reis fielen nur vier der insgesamt 15 Treffer im zweiten Durchgang. Auch am Millerntor zog sich die Mannschaft zeitweise zurück und blieb sehr passiv. Zumindest personell steuerte Reis nicht dagegen: Der erste und einzige Spielwechsel ging zwei Minuten vor dem Schlusspfiff über die Bühne.

Kein Befreiungsschlag

Allerdings lieferte seine Startelf auch Argumente dafür, keine Veränderungen vorzunehmen. Denn defensiv präsentierte sich der VfL stabiler als noch vor einigen Wochen – obwohl mit Jordi Osei-Tutu, Simon Lorenz und Armel Bella Kotchap gleich drei Jungspunde zur Viererkette gehörten. Doch das Trio zeigte eine konzentrierte Leistung und trug dazu bei, dass die Hausherren kaum noch gefährlich in den Strafraum kamen. „Weniger Tore zu kassieren ist wichtig für uns“, weiß auch Losilla, dessen Team immer noch bei einem Schnitt von zwei Gegentreffern pro Partie steht.

Das wiederum hat Auswirkungen auf die Punkteausbeute. Unter Thomas Reis gab es zwar nur eine Niederlage, aber gleich fünf Unentschieden in acht Zweitligaspielen. Das sind fünf erkämpfte, aber auch zehn verschenkte Punkte – der VfL steckt im Remis-Dilemma. Diese Bilanz ist auch der Hauptgrund dafür, weshalb in der Tabelle kein Befreiungsschlag gelingt und der Revierklub in der Länderspielpause auf Platz 16 verharrt. Womit sich automatisch die Frage stellt, ob Zufriedenheit bei einem Unentschieden tatsächlich noch das richtige Gefühl ist.

„Natürlich hätten wir gerne drei Punkte mitgenommen, die Möglichkeiten waren da“, bewertet Trainer Reis das Spiel gegen St. Pauli. „Aber das war auf beiden Seiten der Fall. Mit der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind, können wir wirklich zufrieden sein.“ Mit weiteren Punkteteilungen wird sich VfL im Jahresendspurt jedoch weniger einverstanden zeigen. Denn vier der übrigen fünf Partien finden im heimischen Ruhrstadion statt. Kapitän Losilla gibt die Marschroute vor: „Gerade da können wir viele Punkte holen…“

Mit der Bitte um Nachsicht: Der Autor dieser Zeilen ist mit einer Handverletzung zurzeit leider angeschlagen. Daher kann es unter Umständen zu Einschränkungen oder Verzögerungen in der Berichterstattung kommen.

(Foto: Imago / Nordphoto)

Neuer Vertrag

„Musterprofi und Idol“: Losilla verlängert beim VfL

Der VfL Bochum hat den Vertrag mit Anthony Losilla verlängert. Das neue Arbeitspapier hat eine Laufzeit bis zum 30.06.2021. Der 33-jährige Franzose spielt seit 2014 für die Blau-Weißen und hat in dieser Zeit 180 Pflichtspiele bestritten, wobei ihm sieben Tore und 16 Vorlagen gelangen. Seit dieser Saison ist „Toto“ zudem Kapitän der Lizenzspielermannschaft.

Sebastian Schindzielorz, VfL-Geschäftsführer Sport, zur Vertrags-verlängerung: „Anthony Losilla ist ein Musterprofi, ein Spieler, der sich immer in den Dienst der Mannschaft und des Vereins stellt. Er ist ein Vorbild für unsere jungen Spieler und ein Idol für unsere Fans. Als Führungsspieler weiß er, was hundertprozentige Einsatzbereitschaft bedeutet und lebt diese auch vor. Toto geht voran, auch in schwierigen Zeiten wie diesen. Wir sind froh, dass er sich dazu entschieden hat, ein weiteres Jahr beim VfL zu bleiben.“

Auch Anthony Losilla ist froh darüber, „dass die Einigung über eine Vertragsverlängerung schon zu einem so frühen Zeitpunkt erfolgt ist. Der VfL und Bochum sind mir und meiner Familie ans Herz gewachsen, das Vonovia Ruhrstadion ist eine Art zweites Zuhause für mich. Ich bin davon überzeugt, dass wir es schaffen werden, die Fans so wie am vergangenen Montag mit erfolgreichem Fußball glücklich zu machen. Nicht nur jetzt, sondern auch in der kommenden Saison. Dabei will ich aktiv mithelfen.“

Mit der Bitte um Nachsicht: Der Autor dieser Zeilen ist mit einer Handverletzung zurzeit leider angeschlagen. Daher kann es unter Umständen zu Einschränkungen oder Verzögerungen in der Berichterstattung kommen.

(Text und Foto: Pressemitteilung VfL Bochum 1848)

3:1 gegen Nürnberg

Erster Heimsieg: Bochum feiert – und Riemann mahnt

Exakt ein halbes Jahr mussten die Fans des VfL Bochum auf dieses Glücksgefühl warten: Der 3:1-Heimerfolg gegen den 1. FC Nürnberg am Montagabend war der erste Sieg im eigenen Stadion seit Anfang Mai. Wie groß die Sehnsucht nach diesen drei Punkten war, ließ sich vor allem in den Minuten nach dem Abpfiff beobachten: Nicht nur die Fans, sondern auch die Spieler lagen sich in den Armen.

Die Grundlage für den Heimsieg hatte die Mannschaft bereits in den ersten 45 Minuten gelegt. Danilo Soares, der sich ebenso wie Danny Blum und Chung Yong Lee die Bestnoten verdiente, erzielte schon nach neun Minuten das 1:0. Der VfL trat ähnlich couragiert und engagiert auf wie zuletzt im Pokal, jedoch begünstigst durch überaus passive Nürnberger. Diese Überlegenheit nutzten die Bochumer vor der Pause gnadenlos aus. Simon Lorenz traf zum 2:0, Manuel Wintzheimer legte mit dem Halbzeitpfiff das dritte Tor nach.

Einen wirklich beruhigenden Vorsprung gibt es für den VfL Bochum jedoch offensichtlich nicht. Nach etwas mehr als einer Stunde verkürzten die Gäste durch Asgar Sörensen den Rückstand. Dank der Unterstützung des Videoassistenten blieb den Hausherren ein weiterer Gegentreffer aber erspart. Hätte Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck dem erfolgreichen Abschluss von Felix Lohkemper nicht die Anerkennung verweigert, so wäre es knapp 20 Minuten vor Schluss noch einmal spannend geworden.

Riemann bittet um Respekt

Nicht souverän, aber trotzdem verdient brachte der VfL den Sieg schließlich über die Zeit. „Jeder hat nach dem Spiel gemerkt, wie viel Druck bei uns abgefallen ist. Es war unheimlich wichtig, dass wir die nächste gute Reaktion gezeigt haben“, sagte Trainer Thomas Reis, der natürlich weiß, dass „wir noch nicht hundert Prozent sattelfest waren.“ Mit Cristian Gamboa, Saulo Decarli und Silvere Ganvoula hatte der Fußballlehrer aber auch drei Stammspieler ersetzen müssen.

Noch schlimmer erwischte es Damir Canadi, Trainer des 1. FC Nürnberg. Bei den Franken fehlten alle vier etatmäßigen Torhüter. Also feierte U19-Schlussmann Benedikt Willert sein Profidebüt. Der 18-Jährige patzte jedoch beim zweiten Gegentreffer und sah auch beim 3:0 nicht gut aus. Teile der VfL-Anhängerschaft verhöhnten den Youngster daraufhin – was Manuel Riemann, Bochums Keeper, überhaupt nicht gefiel. Also lief er in der Halbzeit zu den eigenen Fans und bat um mehr Respekt.

„Ich finde, man kann seine eigene Mannschaft anfeuern oder auch ein bisschen gegen das andere Team sticheln. Aber man muss keinen 18-Jährigen heruntermachen“, erklärte Riemann später auf Nachfrage und ergänzte: „Ich glaube, dass ich mir in unserer Kurve ein gutes Standing erarbeitet habe, weil ich mit vielen im Austausch stehe. Deswegen war mir das ein Anliegen – und die Rufe haben dann auch aufgehört.“

Mit der Bitte um Nachsicht: Der Autor dieser Zeilen ist mit einem Kahnbeinbruch in der Hand zurzeit ein wenig angeschlagen. Daher kann es voraussichtlich bis zum Jahresende zu Einschränkungen in der Berichterstattung kommen.

(Foto: Imago / Nordphoto)

VfL-Youngster

Genie und Wahnsinn: Bella Kotchap ein „spezieller Fall“

Fußballfans vergessen schnell. Noch vor knapp zehn Tagen prasselte auf Armel Bella Kotchap viel Kritik ein. Der erst 17-Jährige Innenverteidiger des VfL Bochum hatte auf Instagram einen Torjubel von Borussia Dortmund gepostet – ausgerechnet vom Reviernachbarn, und ausgerechnet am Vorabend eines eigenen Pflichtspiels. Gedanken über die Wirkung des Videos hat sich der Youngster vorher offensichtlich nicht gemacht.

In dieser Woche stand der deutsche Juniorennationalspieler dann selbst auf der großen Fußballbühne – und wurde von den eigenen Fans nicht nur freundlich begrüßt, sondern geradezu herzlich verabschiedet. Nach einer beeindruckenden Leistung gegen den FC Bayern München und deren Top-Stars sah er wenige Minuten vor Schluss die Rote Karte. Bella Kotchap schlug ein Luftloch und konnte sich nur noch mit einem Handspiel retten. Doch die Fans nahmen ihm dieses Vergehen nicht krumm – und verabschiedeten den Verteidiger bei dessen Abgang mit Applaus.

Sportlich stark…

Dass Bella Kotchap überhaupt zur Anfangsformation gehörte, war nicht unbedingt erwarten. Doch Trainer Thomas Reis wollte nach zuletzt vielen Gegentreffern in der Liga Veränderungen herbeiführen, nahm Simon Lorenz aus der Startelf und setzte – auch mangels Alternativen – auf den 17-Jährigen aus dem eigenen Nachwuchs. Enttäuscht wurde der Fußballlehrer nicht: Der VfL hielt 83 Minuten die Null. Bella Kotchap glänzte mit Robustheit, klugem Stellungsspiel und einem resoluten Zweikampfverhalten.

„Armel hat es sehr gut gemacht – alle anderen aber auch“, sagt Reis, der nun darauf achten muss, dass sein Spieler nicht zum Höhenflug ansetzt. Denn vereinsintern wissen sie alle, dass Bella Kotchap zwar hochveranlagt ist, aber auch zu Unkonzentriertheiten und zur Überheblichkeit neigt. „Der Junge ist ein spezieller Fall“, schmunzelt Torhüter Manuel Riemann. „Er ist richtig gut, schnell, groß und beidfüßig – aber er ist im Training und in den Spielen häufig noch zu leichtsinnig.“ Genau das gilt es abzustellen und Demut zu vermitteln.  

…aber bloß nicht abheben

Genie und Wahnsinn liegen bei Bella Kotchap wirklich nah beieinander. Sportlich zählt der in Paris geborene Verteidiger zu den größten Talenten des Klubs. Ausgestattet ist er mit einem Vertrag bis zum Sommer 2022. Schon im Alter von nur 16 Jahren kam er zu den Profis, es folgten acht Pflichtspiele unter der Leitung von Robin Dutt. Reis setzte am Dienstag zum ersten Mal auf den Youngster. „Wenn Armel auf dem Boden der Tatsachen bleibt, dann haben wir einen tollen Nachwuchsspieler“, weiß der Übungsleiter um die Qualitäten seines Schützlings.  

Doch im Kopf ist Bella Kotchap nicht so reif wie seine Vorgänger, die schon vor Erreichen der Volljährigkeit ihr Zweitligadebüt feierten – etwa Leon Goretzka oder Lukas Klostermann. Die Verantwortlichen haben den Betreuungsbedarf erkannt. Nachlässigkeiten wollen sie in Zukunft nicht mehr dulden, sie fordern Respekt und weniger Extravaganz. Auch für die Nutzung sozialer Netzwerke gab es Ratschläge. Seine Akzeptanz in der Kabine muss Bella Kotchap auch noch steigern – am besten durch gute Leistung. Da ticken die Mitspieler ähnlich wie viele Fans.

(Foto: Imago / Sven Simon)