Kapitän

Losilla-Nachfolge: Hecking wagt mehr Demokratie

Eine Kapitänswahl war beim VfL Bochum vor den vergangenen Spielzeiten nie nötig. Ganz selbstverständlich bekam Anthony Losilla die Binde, ganz gleich, wer gerade Trainer war. Sechs Jahre war das Bochumer Urgestein unumstrittener Spielführer. Seine Teamkameraden schätzten ihn ebenso wie die Anhänger. Auf und neben dem Platz ging der Franzose als Vorbild voran, war stets ein wichtiger Ansprechpartner und das Bindeglied zwischen Mannschaft, Trainerteam und Fans. Kein Wunder also, dass der 39-Jährige direkt nach seinem Karriereende als Assistenzcoach ins Trainerteam von Dieter Hecking gewechselt ist, um sich vorrangig um die vielen Talente zu kümmern. Am 6. September, bei seinem Abschiedsspiel im Ruhrstadion, wird Losilla ein letztes Mal die Kapitänsbinde tragen. Der VfL trommelt hierfür zahlreiche Weggefährten zusammen und hofft auf eine stattliche Kulisse.

Spieler dürfen wählen

Womöglich wird auch Losillas Nachfolger mitkicken. Für Trainer Dieter Hecking ist klar: Der neue Leader soll von der Mannschaft bestimmt werden. „Da haben wir Demokratie beim VfL Bochum. Vor dem Darmstadt-Spiel werde ich den Mannschaftsrat und einen Kapitän wählen lassen. Damit fühle ich mich wohler“, erklärt Hecking. Er fände es „blöd“, den Kapitän selbst zu bestimmen – eine Vorgehensweise, die in vielen Vereine durchaus üblich ist. „Es handelt sich um den Vertreter der Mannschaft“, betont der 60-Jährige, „die Gruppe soll hinter ihm stehen.“ Gerade für Situationen, wenn die Mannschaft ein Anliegen gegenüber dem Trainer oder der Geschäftsführung formulieren möchte, sei das wichtig. Lediglich ein Mitglied im Mannschaftsrat möchte Hecking selbst bestimmen. „Ich hätte gerne einen von den jüngeren Spielern dabei“, sagt Hecking.

Rolle für Youngster

Naheliegend wäre es, wenn Mats Pannewig diese Rolle übernehmen würde. Er ist der älteste von den vielen Eigengewächsen und zugleich der einzige mit etwas Profi-Erfahrung. Für die übrigen vier Plätze kommen indes viele Spieler infrage. Die logischen Kandidaten für das Kapitänsamt sind Angreifer Philipp Hofmann und Linksverteidiger Maximilian Wittek. Die beiden haben Losilla bereits in der vergangenen Saison vertreten, als dieser nur noch unregelmäßig zum Einsatz kam. Weil Hofmann den ersten Teil der Saisonvorbereitung verpasst hat, trug in den Testspielen vor allem Wittek die Binde, ansonsten Matus Bero. Der Mittelfeldspieler dürfte bei der Kapitänswahl indes nur Außenseiterchancen haben. Zum einen liebäugelt Bero noch mit einem Vereinswechsel, zum anderen beherrscht er die deutsche Sprache kaum.

Viele Kandidaten

Gemessen an ihrer Erfahrung, kämen auch Timo Horn und Kevin Vogt als Anführer in Betracht. Ob mit oder ohne offizielles Amt: Sie sollen in jedem Fall Verantwortung übernehmen. Torhüter Horn kommt auf mehr als 300 Profispiele, Verteidiger und Rückkehrer Vogt sogar auf mehr als 400. Damit zählen sie zu den erfahrensten und auch ältesten Akteuren im verjüngten VfL-Kader. „Seine Erfahrung ist ein echtes Faustpfand für unsere Mannschaft“, sagt VfL-Manager Dirk Dufner über Horn und nimmt Vogt ebenso in die Pflicht: „Wir erwarten, dass er als Führungsspieler vorangeht.“ Trainer Hecking erweitert die Liste der Kandidaten sogar noch: „Vielleicht kommen auch Ibrahima Sissoko oder Felix Passlack in Betracht.“ Dienstältester VfL-Profi ist derweil Gerrit Holtmann. Er pflegt einen besonders engen Draht zu den Fans. Die Kapitänsbinde wird er deshalb aber nicht bekommen.

Update: Die Wahl ist mittlerweile erfolgt. Matus Bero ist neuer VfL-Kapitän, Timo Horn sein Stellvertreter. Den Mannschaftsrat komplettieren Maximilian Wittek, Philipp Hofmann, Kevin Vogt und Mats Pannewig.


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(Foto: Marc Niemeyer)

Fazit aus Scheffau

Zecken und Zusammenhalt: Tendenzen nach Trainingslager

Die Warnung musste präzisiert werden. Noch am ersten Tag des Bochumer Trainingslagers machten die Fanbetreuer darauf aufmerksam, dass in Scheffau offensichtlich viele Zecken unterwegs sind und sich vorzugsweise für die zahlreich mitgereisten VfL-Anhängern interessieren. Damit waren tatsächlich kleine, fiese Krabbeltiere und nicht etwa Sympathisanten des größeren Reviernachbarn gemeint, auch wenn just an einem Morgen ein BVB-Aufkleber auf dem Bochumer Teambus platziert war. Es war zum Glück das einzig große Ärgernis in der vergangenen Woche, die der VfL erstmals im Schatten des Wilden Kaisers verbracht hat. Viele der rund 250 anwesenden VfL-Fans dachten zwar wehmütig an die Zeit in Gais zurück, doch die Mannschaft und der immer größer werdende Mitarbeiterstab waren rundum zufrieden – und darauf kommt es schließlich an.

Auch Trainer Dieter Hecking fiel im Mediengespräch zum Abschluss des Trainingslagers nichts Negatives ein. Er lobte die Neuzugänge, die Etablierten und die Jungspunde gleichermaßen. „Normalerweise fallen im Trainingslager immer mal einige ab oder man hört Gemurre. Das war in diesem Jahr aber nicht der Fall“, berichtet der erfahrene Fußballlehrer. „Verlierer sind vielleicht Erhan Masovic und Moritz Kwarteng, die verletzt sind und den Teamspirit leider nur durch Hörensagen mitbekommen.“ Das Duo wird dem VfL bis in den Herbst hinein fehlen, Kwarteng wahrscheinlich sogar länger als Masovic, der nach seinem Lungenkollaps auf dem Weg der Besserung ist und die Klinik in Rosenheim in Kürze verlassen soll. Einige Teamkollegen haben ihn während des Trainingslagers besucht.

Intensives Training

Diese Geschichte unterstreicht den Zusammenhalt innerhalb der neu formierten Mannschaft, die aus vielen deutschsprachigen Spielern besteht, was ein expliziter Wunsch der Verantwortlichen war. Neuzugänge aus dem Ausland sollen sich so besser und schneller integrieren. Die gute Stimmung innerhalb des Teams fiel jedenfalls allen Beobachtern gleichermaßen auf. Auch die Trainingsintensität war im Vergleich zum Vorjahr deutlich höher. Seinerzeit beklagten zahlreiche Spieler die lasche Herangehensweise von Trainer Peter Zeidler. Die Folge: Der VfL gehörte in seiner Abstiegssaison zu den laufschwächsten Mannschaften. Dieter Hecking und seine Assistenten haben die Zügel deshalb deutlich angezogen. Mehrere Spieler berichteten, dass sie in der Saisonvorbereitung noch nie so intensiv trainiert hätten.

Kein Wunder also, dass die Beine schwer waren, als zum Abschluss des Trainingslagers ein XXL-Test über 120 Minuten gegen Metalist Charkiw aus der Ukraine torlos und ohne erwähnenswerte Szenen endete. Immerhin kamen die Bochumer Fans schon in den Tagen davor auf ihre Kosten. Das Trainingslager begann mit einem 1:1 gegen Viktoria Pilsen aus Tschechien, ging weiter mit einem 3:2 gegen Drittligist Waldhof Mannheim und fand seinen zwischenzeitlichen Höhepunkt in einem 5:4 gegen die Young Boys Bern aus der Schweiz. Bemerkenswert war, dass der VfL gegen Mannheim und Bern zunächst klar in Rückstand lag, dann aber aufdrehte und die Spiele noch gewann. Hecking lobte im Anschluss die Mentalität, sah zugleich aber noch Verbesserungsbedarf in der Defensive. „Das gilt für beide Formationen“, betont er.

Dreierkette im Fokus

Hecking lässt in diesen Wochen zwei Spielsysteme einüben. Das in der vergangenen Saison bevorzugte 3-5-2 steht nach wie vor im Fokus. Darauf war zuletzt auch die Kaderplanung ausgerichtet, etwa mit dem Transfer von Kevin Vogt. Dennoch bleibt ein 4-3-3 als Alternative, je nach Gegner und Spielsituation. Beim Saisonauftakt in gut zwei Wochen beim SV Darmstadt 98 wird Hecking zum Beispiel schauen müssen, welche Spieler überhaupt zur Verfügung stehen. Angreifer Philipp Hofmann etwa, der eigentlich fest für die Startformation eingeplant ist, hat noch sicht- und messbaren Trainingsrückstand. Praktisch sicher haben ihren Startelfplatz bislang nur Torhüter Timo Horn, Kevin Vogt und Philipp Strompf in der Abwehr, Maximilian Wittek auf der linken Seite sowie Ibrahima Sissoko und Matus Bero im Mittelfeld, sofern sie denn bleiben.

Auf den übrigen Positionen gibt es zumindest Tendenzen. Von den Neuzugängen drängt Leandro Morgalla ebenso in die Startelf wie Francis Onyeka. Im Angriff zeichnet sich ab, dass der oft verschmähte Moritz Broschinski mindestens für den Moment die erste Wahl sein wird, womöglich zusammen mit Ibrahim Sissoko. Hecking bevorzuge die Kombination aus einem robusten und einem mobilen Angreifer, erklärte er im Laufe der Trainingslager-Woche, in der sich der Eindruck verfestigte, dass die Verantwortlichen mangels Geld, aber auch aus Überzeugung keine größeren Transfers mehr anstreben. „Wenn der Kader so zusammenbleibt, bin ich sehr zufrieden“, sagte Trainer Hecking. Neugierige Anhänger, die etwa beim Fanabend nach weiteren Neuzugängen fragten, erhielten von der Klubführung die gleiche Antwort. Wer noch Skepsis äußerte, blickte in irritierte Gesichter.


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(Foto: Imago / Marco Steinbrenner DeFodi)

Hofmann, Sissoko und Co.

Knipser benötigt: VfL sucht optimalen Doppelsturm

Wenn der VfL Bochum in die Bundesliga aufgestiegen ist, dann hatte er stets einen oder gar zwei echte Knipser in seiner Mannschaft. Schon ganz früher, 1971, war es Hans Walitza, der den Revierklub mit 28 Saisontoren ins Fußball-Oberhaus schoss. 2021 war das Sturmduo Simon Zoller und Robert Zulj, das den VfL dahin zurückbrachte, wo er auch am Ende der bald beginnenden Saison wieder landen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, dürfen die Bochumer mit Toren aber nicht so geizen wie in der vergangenen Spielzeit, als der VfL in 14 Partien keinen einzigen Treffer bejubeln konnte. Wirklich zielsicher war einzig Myron Boadu, der für ein Bundesliga-Tor im Schnitt weniger Minuten benötigte als beispielsweise Dortmunds Serhou Guirassy. Dennoch setzte ihn VfL-Trainer Dieter Hecking zumeist nur als Joker ein.

Den Vorzug erhielt meistens Philipp Hofmann, der in drei Bundesliga-Jahren allerdings nie so Richtung in Fahrt kam. Nach 95 Einsätzen stehen 15 Tore in seiner Bilanz. Immerhin: Eine Liga tiefer war er in der Vergangenheit deutlich erfolgreicher. Für den Karlsruher SC hat er vor seinem Wechsel zum VfL in jedem zweiten Spiel getroffen. Insgesamt kommt er auf 72 Treffer in Bochums neuer Spielklasse. Auch deshalb ist Hofmann als Fixpunkt in der neuen Mannschaft eingeplant. Sein Anfang Mai erlittener Lungenkollaps hat bislang allerdings Testspieleinsätze verhindert. Erst jetzt im Trainingslager im österreichischen Scheffau am Wilden Kaiser soll Hofmann wieder voll ins Team integriert werden. Die Verantwortlichen haben ihm sogar eine Vertragsverlängerung in Aussicht gestellt.

Zwei Neuzugänge aus Frankreich

Zu erwarten ist, dass der körperlich robuste und kopfballstarke Angreifer künftig als Teil einer Doppelspitze fungieren soll. Die Kaderplanung und die bisherigen Testspiele deuten darauf hin, dass Trainer Dieter Hecking in erster Linie auf ein 3-5-2-System setzen wird. Folglich benötigt Hofmann noch einen passenden Nebenmann. Kraft seiner Vita wäre Neuzugang Ibrahim Sissoko der erste Anwärter, der in der zweiten französischen Liga immerhin schon zweistellig getroffen hat. Allerdings ist er ein ähnlicher Spielertyp wie Hofmann; ein kräftig gebauter Zielspieler mit Lufthoheit, der immerhin auch Tiefenläufe anbietet, wenngleich er nicht allzu dynamisch ist. Für ein facettenreiches Offensivspiel wäre diese Kombination womöglich nicht optimal. Dafür kämen eher Moritz Broschinski oder Neuzugang Mathis Clairicia in Betracht.

Bei beiden stellt sich allerdings die Qualitätsfrage. Broschinski hat in den ersten drei Vorbereitungsspielen zwar die meisten Tore erzielt, in den Pflichtspielen der jüngeren Vergangenheit agierte er aber oftmals unglücklich. Vor allem seine technischen Defizite dürften sich nicht innerhalb weniger Wochen beheben lassen. Gleichwohl: Broschinskis Arbeitsrate ist hoch, seine Spielweise von mehr Beweglichkeit geprägt als von seinen Sturmkollegen. Als zweite Sturmspitze wäre er durchaus geeignet. Unklar ist jedoch, ob er überhaupt in Bochum bleibt. Sowohl der Spieler als auch der Klub konnten sich in der Sommerpause eine Trennung vorstellen. Broschinskis Ruf beim VfL hat gelitten, von nicht wenigen Fans wird er regelmäßig verschmäht.

Etat ist vorerst ausgeschöpft

Eine Schonfrist genießt unterdessen Neuzugang Clairicia, den vor seiner Verpflichtung allenfalls Insider und Kenner der dritten französischen Liga kannten. Der 22-Jährige muss sich logischerweise erst an das Spielniveau in Deutschland gewöhnen und ist deshalb eine Wundertüte. In den ersten Testspielen zeigte er sich überaus engagiert, machte aber auch noch einfache Fehler. Sollte Clairicia nicht unerwartet schnell durchstarten, könnte dem VfL womöglich ein laufstarker, dynamischer und technisch versierter Angreifer fehlen – entweder als zweite Spitze oder erst recht bei einer Umstellung auf das von Hecking ebenfalls angedachte 4-3-3-System. Denn hierfür gibt es aktuell noch keine Ideallösung. Sicher: Auf der linken Seite könnte Gerrit Holtmann stürmen und rechts Broschinski, sofern er denn bleibt und seine Formkurve nach oben zeigt.

Alternativen sind jedoch rar gesät. Samuel Bamba muss erst noch beweisen, dass er dem VfL tatsächlich weiterhelfen kann. Vor allem die fehlende Fitness war bei ihm in der Vergangenheit immer wieder ein Problem. Theoretisch könnten auch Koji Miyoshi, Francis Onyeka oder Romario Rösch in einem Dreiersturm agieren, Optimallösungen wären sie allerdings nicht, weil sie entweder eher im Zentrum oder eine Reihe weiter hinten beheimatet sind. Dass Moritz Kwarteng verletzungsbedingt erneut eher Monate als Wochen ausfallen wird, erschwert die Suche nach dem passenden Offensivpersonal zusätzlich. Nach jetzigem Stand ist aber keine weitere Neuverpflichtung für die Offensivreihe geplant. Der Etat ist vorerst ausgereizt.


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(Foto: Marc Niemeyer)

Debatte

VfL-Kolumne: Kader schon fertig? Skepsis bei der Offensive

Die VfL-Kolumne ist ein Format auf Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Zwei- bis dreimal im Monat gibt es einen kurzen Kommentar zu einem ausgewählten Thema – zum sportlichen Geschehen an der Castroper Straße oder zum Drumherum. Die Regel: Maximal 1.848 Buchstaben. Das Ziel: Diskussionen anzustoßen. Das Thema heute: Die Kaderplanung.

Wer nicht nur die Kaderplanung des eigenen Vereins verfolgt, sondern zur Konkurrenz hinüberschaut, der wird Beruhigendes feststellen. Im Gegensatz zu einigen Mitbewerbern – etwa dem ebenfalls zweitklassigen Reviernachbarn – sind die Transferaktivitäten des VfL Bochum sehr weit fortgeschritten. Das ist durchaus bemerkenswert, schließlich hat Sportchef Dirk Dufner erst im April anfangen dürfen und keine optimalen Arbeitsbedingungen vorgefunden. So ist die vereinseigene Scouting-Abteilung derzeit praktisch gar nicht in die Kadergestaltung eingebunden. Dufner setzt auf sein eigenes Netzwerk, unterstützt von Johannes Waigand und Trainer Dieter Hecking.

Mit neun externen Neuverpflichtungen, zahlreichen Jungspunden und insgesamt 25 etablierten Profis hat der VfL sein Budget vorerst ausgereizt. Weitere Zugänge seien zunächst nicht geplant, erklärte Dufner in dieser Woche. Erst bei weiteren Abgängen wären zusätzliche Neuverpflichtungen denkbar. Die Frage ist: Wo herrscht noch Handlungsbedarf? In der Abwehr sind die Bochumer sowohl qualitativ als auch quantitativ gut aufgestellt. Einziges Manko: Erneut könnte den Innenverteidigern das nötige Tempo fehlen. Auch das zentrale Mittelfeld genügt gehobenen Zweitliga-Ansprüchen. Wobei bis Ende August die Möglichkeit besteht, dass mit Ibrahima Sissoko ein wichtiger Stammspieler wegbricht. Logisch: In diesem Fall müsste der VfL einen passenden Ersatz verpflichten.

Unabhängig davon sollten die Bochumer darüber nachdenken, die Offensive zu stärken. Klar, Ibrahim Sissoko ist eine ernstzunehmende Alternative zu Philipp Hofmann, Mathis Clairicia indes ein Überraschungspaket. Ansonsten bleiben viele Fragezeichen: Startet Moritz Kwarteng endlich durch? Was wird aus Moritz Broschinski? Kann Gerrit Holtmann an seine starken VfL-Jahre anknüpfen? Und welche Rolle soll eigentlich Koji Miyoshi übernehmen? Es fehlt vor allem ein richtig schneller, wendiger Angreifer, der sowohl als zweite Spitze als auch auf der offensiven Außenbahn spielen kann. Generell ist der Kreis derer, die nachgewiesenermaßen für Torgefahr stehen, nicht allzu groß.


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(Foto: Marc Niemeyer)

Neuzugang und Rückkehrer

Heckings Wunschspieler: Mit Vogt zur neuen Dreierkette

Sein bislang letztes Spiel für den VfL liegt mehr als 13 Jahre zurück, sein Debüt im Bochumer Trikot sogar schon drei Jahre länger. Im April 2009 wurde Kevin Vogt gegen Borussia Dortmund zum ersten Mal bei den Profis eingewechselt. Bis heute ist es sein einziges Bundesliga-Spiel für den VfL. 37 Zweitliga-Spiele folgten nach dem Abstieg 2010. In den kommenden Monaten dürften es noch mehr werden. Denn Vogt kehrt zu einem Heimat- und Ausbildungsverein zurück, bei dem er zwischen 2004 und 2012 gekickt hat. Der 33-Jährige, der in Witten geboren und im Bochumer Osten aufgewachsen ist, hat einen Zweijahresvertrag an der Castroper Straße unterschrieben. Zuletzt hat Vogt für Union Berlin gespielt. Insgesamt 352 Bundesliga-Spiele für die Köpenicker, für die TSG Hoffenheim, für Werder Bremen, den 1. FC Köln und den FC Augsburg stehen in seiner Vita. Diesen Erfahrungsschatz möchte Trainer Dieter Hecking unbedingt nutzen, weshalb er Vogt schon früh in dieser Transferperiode ganz weit oben auf seine Wunschliste gesetzt hat.

Rückkehr an alte Wirkungsstätte

Aus finanziellen Gründen ließ sich ein Transfer zunächst aber nicht realisieren. Als gestandener Bundesliga-Spieler hat Vogt in Berlin ein Gehalt bezogen, das der VfL selbst als Bundesligist nicht hätte zählen können. Nur durch ein Entgegenkommen aller Parteien kam der Deal zustande. „Es ist schon etwas Besonderes, nach Bochum und zum VfL zurückzukehren“, freut sich Vogt. „Für den Medizincheck bin ich durch mein altes Viertel gefahren, kenne dort jede Straße. Hier beim VfL habe ich einige langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wiedergesehen, zudem meinen ehemaligen Mitspieler Andi Luthe auf der Geschäftsstelle getroffen. Es fühlt sich richtig gut an.“ Vogt stand bei Union zuletzt auf dem Abstellgleis, hätte in der neuen Saison nur eine Reservistenrolle eingenommen. In Bochum an alter Wirkungsstätte ist er dagegen als Stammkraft und Führungspersönlichkeit fest eingeplant, vorrangig als zentraler Innenverteidiger in einer Dreierkette, im Bedarfsfall aber auch als Alternative für das defensive Mittelfeld.

„Kevin Vogt verpflichten zu können, bedeutet einen enormen Qualitätsgewinn für unser Team. Über 400 Spiele, national und international auf höchstem Niveau erprobt, zudem variabel in der Abwehr oder im Mittelfeld einsetzbar – das sind alles Parameter, die ihn zu einem Top-Transfer machen“, sagt Sport-Geschäftsführer Dirk Dufner und betont: „Kevin wird uns mit seiner Erfahrung und seinen technischen Fähigkeiten helfen. Wir erwarten, dass er als Führungsspieler vorangeht. Zumal es für ihn, der Bochum und den VfL bestens kennt, sicher eine Rückkehr der besonderen Art sein wird.“ Vogt ist das letzte Puzzleteil für die neue Bochumer Abwehr. Aus dem Abstiegskader sind lediglich Felix Passlack und Maximilian Wittek sowie Erhan Masovic in Bochum geblieben. Nach Leandro Morgalla, Colin Kleine-Bekel, Philipp Strompf und Romario Rösch ist Vogt der fünfte externe Neuzugang für die Hintermannschaft. Noah Loosli als Leihrückkehrer sowie die Eigengewächse Kasper Koscierski und Darnell Keumo kommen noch hinzu.

Konkurrenzkampf in der Abwehr

Damit sind die Transferaktivitäten für diesen Mannschaftsteil abgeschlossen. Lediglich auf der Abgangsseite könnte sich noch etwas tun, vor allem bei Noah Loosli. Aktuell wäre er nur Innenverteidiger Nummer fünf oder sechs. Speziell in der Abwehrzentrale herrscht ein dichtes Gedränge. Wer aber hat die besten Einsatzchancen? Rückkehrer Vogt dürfte mit seiner Robustheit, seiner Cleverness und seinen Fähigkeiten in der Spieleröffnung praktisch gesetzt sein. Daneben kämpfen vor allem Masovic, Kleine-Bekel und Strompf um einen Platz in der Startelf. Masovic bringt Bundesliga-Erfahrung mit und dürfte allein deshalb einen Vorteil haben. Kleine-Bekel, der 2024 mit Kiel in die Bundesliga aufgestiegen ist und in dieser Zeit auch für die deutsche U21 gespielt hat, bringt ebenfalls gute Voraussetzungen mit. Einzig die Spielpraxis fehlt ihm nach einer langen Verletzungspause. Strompf wiederum ist der einzige Linksfuß unter den Innenverteidigern. Hecking schätzt ihn für seine Zweikampfstärke, wenngleich seine Spielweise eher hölzern wirkt.

Zudem hat Bochums Trainer angekündigt, das Tempo in der Abwehr erhöhen zu wollen. Das Problem: Keiner der Genannten hat in dieser Hinsicht herausragende Werte vorzuweisen; am ehesten noch Morgalla, der ebenfalls zentral spielen kann, aber bevorzugt hinten rechts spielen soll. Alternativ stünden für die rechte Außenbahn Passlack und Youngster Koscierski zur Verfügung. Auf ihn hält Hecking große Stücke. Gleiches gilt für Keumo auf der linken Seite. Die beiden deutschen Juniorennationalspieler mit Offensivdrang sollen allerdings behutsam aufgebaut und nicht verheizt werden, zumal sie weiterhin für die U19 spielberechtigt sind. Auf der linken Seite dürfte deshalb Wittek zunächst gesetzt sein. Mit Rösch haben die Verantwortlichen zwar einen weiteren Herausforderer verpflichtet, aber allein die Tatsache, dass dieser nur einen Vertrag bis zum Saisonende erhalten hat, unterstreicht, dass er nicht als Stammkraft eingeplant ist. Rösch hat in der Vergangenheit vorzugsweise als linker Schienenspieler gespielt, die Viererkette ist ihm eher fremd.

Tendenz geht klar zur Dreierkette

Generell deutet die Kaderplanung für die Abwehr klar darauf hin, dass das in der Vorsaison bevorzugte 3-5-2-System weiterhin Heckings erste Wahl bleiben wird. Praktisch alle Außenverteidiger fühlen sich in einer Dreierkette wohler und können dort ihre Stärken besser entfallen. Gleiches gilt für die Innenverteidiger. Auch Vogt hat zuletzt vorzugsweise in einer dreiköpfigen Abwehrreihe verteidigt, Strompf und Kleine-Bekel ebenfalls. Zudem ist fraglich, ob die offensiven Außenpositionen für eine 4-3-3-Formation adäquat besetzt wären, wenngleich dieses System weiterhin eine Alternative bleiben soll. Hecking hat beim 5:0-Testspielerfolg am Sonntag gegen den Wuppertaler SV beide Grundordnungen ausprobiert. Im bald anstehenden Trainingslager mit den Testspielen gegen Viktoria Pilsen, die Young Boys Bern und Metalist Charkiw will er sich allmählich festlegen, personell wie taktisch. In diesen Spielen soll sich schließlich eine mögliche Startelf für den Saisonauftakt am 2. August gegen den SV Darmstadt 98 herauskristallisieren.


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(Foto: VfL Bochum 1848)

Personalien

Zoller nur Randfigur: So plant Dufner mit drei Vertrauten

Der Weg in die Katakomben ist der gleiche, nur der Raum ein anderer. Zum Trainingsstart in der kommenden Woche wird VfL-Legende Anthony Losilla seinen Platz nicht mehr in der Spieler-, sondern in die Trainerkabine finden. Der 39-Jährige ist fest als dritter Co-Trainer neben Murat Ural und Marc-Andre Kruska eingeplant. Losilla soll sich vor allem um die vielen Eigengewächse kümmern. In den vergangenen Wochen haben mit Kasper Koscierski, Cajetan Lenz, Lasse Isbruch, Lirim Jashari und Luis Pick gleich fünf Talente aus der Bochumer U19 Profiverträge unterschrieben. Hinzu kommt Hugo Rölleke aus der U21. Bei Alessandro Crimaldi aus der U19 ist schon länger klar, dass sich die bisherige Vereinbarung mit dem 18. Geburtstag in einen Profivertrag umwandelt.

Losilla ist jedoch nicht der einzige Ex-Profi, für den in der kommenden Saison ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Auch Cristian Gamboa soll nach seinem Karriereende in die Vereinsarbeit eingebunden werden – wahrscheinlich als Talentespäher, wobei seine Rolle noch nicht näher kommuniziert ist. Zudem kehrt Simon Zoller nach Bochum zurück. Gemeinsam mit Losilla und Gamboa ist auch er 2021 mit dem VfL in die Bundesliga aufgestiegen und hat seine Karriere als Fußballer in diesem Sommer beendet. Doch welchen Job soll Zoller an der Castroper Straße genau übernehmen? Im Mai hat Trainer Dieter Hecking mehrfach öffentlich betont, das Aufgabengebiet von Zoller noch gar nicht zu kennen – und damit für reichlich Irritationen im Umfeld gesorgt.

Zoller soll lernen und begleiten

Mittlerweile ist die Rolle von Zoller aber klarer definiert. Sportchef Dirk Dufner plant den Ex-Profi als sogenannten Trainee ein, als Nachwuchskraft für den sportlich-admistrativen Bereich. Damit soll er auf ein eigenes Aufgabengebiet vorbereitet werden, indem er in den kommenden Monaten alle Mitarbeiter unterstützt und begleitet. Zoller hatte bei seinem Wechsel vom VfL zum FC St. Pauli im Sommer 2023 die Zusage erhalten, nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn nach Bochum zurückkehren zu dürfen. An diese Vereinbarung haben sich die Verantwortlichen gehalten – wenngleich der Mitarbeiterstab damit trotz des Abstiegs weiter wächst. Das ist vor allem deshalb erwähnenswert, weil weitere Neuanstellungen noch hinzukommen.

Mit Johannes Waigand hat Dufner bereits einen Direktor für das Kadermanagement verpflichtet. Waigand ist ein Vertrauter von Dufner aus Berliner Zeiten. Die beiden kennen sich bereits seit einer gemeinsamen Zeit in einer Spielerberatungsagentur. „Wenn man in derart sensiblen Bereichen agiert, ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit das A und O“, erklärt Dufner. „Johannes Waigand überzeugt durch Kompetenz und Fleiß und wird mich zukünftig in allen Bereichen unterstützen, sowohl im Lizenzbereich als auch im Talentwerk, dem Frauen- und Mädchenfußball oder im Scouting.“ Der VfL-Geschäftsführer Sport betont, dass Waigand kein reiner Kaderplaner sei: „Der Begriff wäre irreführend und falsch, da das Themenspektrum viel weiter gefächert ist.“ 

Thiam neuer Nachwuchsleiter

Waigand wird indes nicht der einzige neue Zuarbeiter von Dufner sein. Ein neuer Nachwuchsleiter ist bereits gefunden, ein neuer Chefscout steht ganz oben auf der Wunschliste. Was auffällt: Auch für diese Positionen bevorzugt Dufner offenbar bekannte Gesichter, mit denen er schon bei Hertha BSC zusammengearbeitet hat. Neuer Nachwuchsleiter wird Ex-Bundesliga-Profi Pablo Thiam, der in dieser Position bereits für den VfL Wolfsburg und Hertha erfolgreich gearbeitet hat. Thiam ist der bislang dreiköpfigen Abteilungsleitung vorgeschaltet und bereits seit dieser Woche an der Castroper Straße tätig. Zuletzt haben Heiko Butscher (Sport), Dominik Horsch (Strategie & Entwicklung) und Timo Saviano (Administration) des vereinseigene Talentwerk geleitet.  

Parallel soll die Scouting-Abteilung umgebaut werden. Nicht nur Trainer Dieter Hecking hatte Veränderungen angemahnt, auch das alte und neue Präsidium. Dufner hat die Notwendigkeit ebenfalls erkannt. Ziemlich klar ist mittlerweile, dass Chefscout Carsten Schüpmann-Haase keine Zukunft in Bochum haben wird. Für ihn soll Babacar Wane kommen, der aktuell in gleicher Funktion beim FC Augsburg tätig ist und zuvor schon für Hertha, Eintracht Frankfurt und mit Dufner beim SC Freiburg als Chefscout gearbeitet hat. Noch ist allerdings unklar, ob Wane wirklich zum VfL wechseln wird. Der 60-Jährige ist erst seit 2024 in Augsburg tätig. Dort wird gerade eine neue sportliche Leitung installiert, der womöglich auch Ex-VfL-Sportdirektor Marc Lettau angehören wird.

Geschäftsstelle zieht um

Offen ist, ob die neuen Verantwortlichen in Augsburg mit Wane planen oder nicht. Ungewiss ist auch, ob das neue VfL-Präsidium Dufners Pläne uneingeschränkt durchwinkt. Dass er drei Vertraute installieren möchte, ist einerseits nachvollziehbar, zumal es sich um erfahrene und branchenweit anerkannte Kräfte handelt, die bislang vor allem für Erstligisten gearbeitet haben. Andererseits besteht die Gefahr, dass mindestens drei Abteilungsleiter entscheidend mit der Personalie Dufner verknüpft sind. Zudem kosten sie – wenn auch als potenzielle Wachstumstreiber – womöglich zusätzliches Geld. Immerhin: Ex-Trainer Peter Zeidler, der noch bis 2026 auf der Bochumer Gehaltliste steht, hat beim FC Lausanne-Sport in der Schweiz eine neue Anstellung gefunden.

Zudem laufen die Verträge von Ex-Sportchef Patrick Fabian, der künftig die Nachwuchsabteilung von Fortuna Düsseldorf leitet, und von Markus Feldhoff aus. Für Feldhoff sollte nach seiner Zeit als Interimstrainer Ende 2024 eigentlich eine neue Aufgabe gefunden werden. Weil der neue Sportchef erst im April seine Arbeit aufnahm, blieb Feldhoff ohne neue Beschäftigung. Sein Angebot, im Scouting mitzuhelfen, wurde dankend abgelehnt. An fehlenden Büros kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Schon seit geraumer Zeit hat der VfL Räumlichkeiten unweit des Stadions angemietet. Künftig wird fast die gesamte Geschäftsstelle an der Karl-Lange-Straße beheimatet sein. Im Stadioncenter verbleiben nur wenige Abteilungen – unter anderem die sportliche Führungsriege.


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(Foto: Imago / Revierfoto)

In eigener Sache

Kurze Auszeit: VfL-Magazin in der Sommerpause

Liebe Leserinnen und Leser,

ereignisreiche Wochen mit einer spannenden Präsidiumswahl und vielen Meldungen vom Transfermarkt liegen hinter uns. An diesem Montag hat beim VfL Bochum die Vorbereitung auf die neue Zweitliga-Saison begonnen. Wie bereits berichtet, befindet sich Tief im Westen – Das VfL-Magazin seit Wochenbeginn in einer zweiwöchigen Sommerpause. Der nächste Text an dieser Stelle wird voraussichtlich am 7. oder 8. Juli erscheinen.

Bis dahin eine gute Zeit und ein herzliches Glück auf!

Philipp Rentsch


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(Foto: Marc Niemeyer)