VfL und Corona

Bochum contra Dortmund: Demut vor Geisterspielen

Sie jammern nicht. Die Verantwortlichen des VfL Bochum positionieren sich nicht gegen die bundesweiten Corona-Regeln, die ab dem 2. November bis zum Ende des Monats gelten sollen. Das wäre nicht hilfreich, sagt Geschäftsführer Ilja Kaenzig. In den kommenden Wochen ist Profisport grundsätzlich nur noch ohne Zuschauer erlaubt. Auch danach gelten etwa in Nordrhein-Westfalen strenge Regeln. So legte die Landesregierung schon jetzt fest, dass bundesweite Teamwettbewerbe ab einem Inzidenzwert von 35 am Austragungsort als Geisterspiele stattfinden müssen. Der VfL muss sich wohl noch länger auf Partien ohne Zuschauer einstellen, sollte es keine überraschende Trendwende geben. Selbst Spiele vor 300 oder 3.000 Fans, wie zuletzt gesehen, wird es vorerst nicht geben. 

VfL akzeptiert die neuen Regeln

Doch wieso nimmt Ilja Kaenzig die neuen Regeln lediglich zur Kenntnis? „Weil wir uns an dem Fortgang der Pandemie orientieren müssen. Natürlich bedauern wir, dass wir keine Zuschauer zulassen dürfen. Aber wir sehen den Spielraum nicht. Das Virus bestimmt die Entwicklung, es gibt Verordnungen und Maßnahmen. Wir sehen das nicht als Diskussionsgrundlage, sondern akzeptieren die politische Entscheidung.“ So wie die Bochumer bewerten das aber nicht alle Vereine. Borussia Dortmund veröffentlichte in dieser Woche einen offenen Brief, in dem die Politik für ihre neuen Maßnahmen kritisiert wird. „Es hat sich an der frischen Luft niemand angesteckt“, schreiben sie. „Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen.“

Bochums Reviernachbar bezieht sich dabei auf offizielle Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Das RKI hat bislang keine Corona-Infektionen im Zusammenhang mit einem Bundesligaspiel verzeichnet. Es ist die einzig verfügbare Datengrundlage. Und die hat eine Schwäche: Denn 75 Prozent der Neuinfektionen sind nicht nachvollziehbar. Wo es zu einer Ansteckung gekommen ist, ob vielleicht auch beim Fußball, weiß niemand. Angesichts aufwendiger Hygienekonzepte, die von den allermeisten Fans vorbildlich eingehalten wurden, dürfte die Bundesliga aber zumindest kein großer Pandemietreiber gewesen sein. Mit dieser Meinung stehen die Dortmunder auch nicht alleine da. Klub-Verantwortliche aus Frankfurt, Köln oder Berlin gaben zuletzt ähnliche Statements ab.  

Der VfL weiß aber auch, dass der Profifußball trotzdem immer noch Privilegien genießt. Denn eigentlich ist Teamsport ab Montag verboten. Kaenzigs Äußerung passt deshalb zur allgemeinen Haltung des Vereins seit Beginn der Pandemie. Demut pägt die Kommunikation und auch das konkrete Handeln – wohlwissend um die gesellschaftliche Akzeptanz des Profifußballs, die schon während der ersten Corona-Welle gelitten hat. Auf forsche Töne aus der Hauptstadt, wo Union Berlin mit kontroversen Ideen in die Offensive geht, reagiert auch Kaenzigs Geschäftsführer-Kollege Sebastian Schindzielorz mit Vorsicht. „Die Gesundheit muss immer im Vordergrund stehen“, betonte der Sportchef zuletzt. Von Schnelltests am Stadioneinlass oder gut gefüllten Stehplätzen spricht in Bochum derzeit niemand.

Amateursport ruht komplett

Allgemein schaltet der Klub in der Pandemie eher einen Gang zurück. Im Frühjahr wurden zwar Sondertrikots und Geisterspieltickets an die Frau und den Mann gebracht, viel weiter wollten Kaenzig und seine Mitstreiter aber nicht gehen. So verkaufte der VfL zu Beginn dieser Saison bewusst keine neuen Dauerkarten, ganz im Gegensatz zu anderen Klubs. „Unsere Fans sind keine Bank, von der wir uns Geld leihen wollen. Wir wollen ihre Liebe zum Verein nicht ausnutzen“, sagt Kaenzig, dem vermutlich bewusst ist, dass sich der Profifußball noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation befindet. Während die Berufsfußballer weiterspielen dürfen, ruht ab Montag der Ball im gesamten Amateursport. Wer also jammert, der tut das auf einem ziemlich hohen Niveau.

Verordnete Geisterspiele bis mindestens Ende November - die richtige Entscheidung?

Zeige Ergebnisse

Wird geladen ... Wird geladen ...

(Foto: Firo Sportphoto)

Geld aus der Türkei

Sestak-Transfer: VfL wartet weiter auf Millionensumme

Diese Geschichte wird immer kurioser. Zehn Jahre ist es bald her, dass Stanislav Sestak vom VfL Bochum zum türkischen Erstligisten MKE Ankaragücü gewechselt ist. Die komplette Ablöse hat der Revierklub aber immer noch nicht erhalten. Das verriet Ilja Kaenzig, Geschäftsführer des VfL, zuletzt bei der Vorstellung der Finanzkennzahlen.

Ratenzahlung funktioniert nicht

Kurz zur Erinnerung: Der slowakische Angreifer war im Sommer 2010 nach dem Bundesliga-Abstieg des VfL Bochum auf Leihbasis in die Türkei gewechselt. Im darauffolgenden Jahr wurde er endgültig nach Ankara transferiert. Doch die vereinbarte Ablösesumme von mehr als zwei Millionen Euro wurde damals nicht überwiesen. Schon bei der Zahlung der Leihgebühr im mittleren sechsstelligen Bereich hatte sich MKE Ankaragücü als unzuverlässig erwiesen. Der VfL Bochum benötigte anschließend viel Geduld und die Hilfe der FIFA, um zu einer Lösung zu kommen.

So vereinbarten die beiden Klubs schon vor einigen Jahren eine monatliche Ratenzahlung in Höhe von 20.000 Euro. Diese soll sicherstellen, dass der VfL das Geld überhaupt noch erhält. Das Problem: Zuletzt ist die monatliche Rate nur noch unregelmäßig geflossen. Der offene Gesamtbetrag liegt knapp unter einer Million Euro, zuzüglich Zinsen. Insgesamt wartet der VfL also weiter auf eine Millionensumme. Kurios ist: Nach einem Absturz in die dritte Liga spielt MKE Ankaragücü mittlerweile wieder erstklassig; hat also offenbar Geld, um den laufenden Betrieb finanzieren – nicht aber, um die Schuld gegenüber dem VfL Bochum zu begleichen.

Sestak ist jetzt Sportdirektor

Übrigens: Stanislav Sestak, der zwischen 2007 und 2010 sowie von 2014 bis 2015 das VfL-Trikot trug, arbeitet heute wieder in der Slowakei. In seiner Heimat arbeitet er als Sportdirektor beim Zweitligisten FK Poprad. Parallel kickt der 37-Jährige in der vierten slowakischen Liga für den FK Demjata.

(Foto: Firo Sportphoto)

2:0 gegen Aue

VfL-Sieg: Was gut war, was besser werden muss

Was die Stadionregie knapp verpasste, holten die Spieler später nach. Die berühmte Grönemeyer-Hymne als Intro musste schon vor der entscheidenden Strophe gestoppt werden. Das Timing stimmte nicht, das Spiel hatte schon begonnen. Doch auf den Doppelpass, der jeden Gegner nass macht, mussten die 300 VfL-Fans im Stadion an diesem Sonntagnachmittag nicht verzichten. In der 82. Spielminute war es eine Traumkombination von Danilo Soares, Robert Zulj, Vorlagengeber Danny Blum und Vollstrecker Silvere Ganvoula, die zum 2:0 und damit zum ersten Heimsieg der Saison führte. Ausgerechnet die Joker trafen am Ende einer eher zähen Zweitligapartie.

Die Neuen sehr fleißig

Doch wieso ausgerechnet? Trainer Thomas Reis hatte im Vorfeld der Partie fast seine gesamte Offensive verändert. Ganvoula, Blum und Zulj, eigentlich Stammspieler beim Revierklub, saßen nur auf der Bank, auch Robert Tesche rotierte aus der Mannschaft. Für sie spielten die Neuzugänge Soma Novothny und Raman Chibsah, dazu Thomas Eisfeld und Milos Pantovic. Reis hatte auf ein 4-1-4-1-System umgestellt, außerdem ein besseres Positionsspiel und ein früheres Anlaufen erwartet. Das lief zunächst auch gut, weil nicht nur Novothny und Chibsah bei ihrem Startelfdebüt sehr fleißig waren. Vor allem Chibsah brachte deutlich mehr Bewegung in das Bochumer Spiel.

Thomas Reis belohnte ihn nach guten Trainingsleistungen und verpasste den etablierten Kräften einen Denkzettel für zuletzt schwächere Vorstellungen. Doch die hatten offensichtlich eine Portion Wut im Bauch und zeigten dem Trainer, was sie an einem guten Tag mit Lust und Laune leisten können. Denn als sich Reis im Laufe der Partie gezwungen sah, seine engagierte, aber glücklose Startelf zu verändern, brachte er zunächst Zulj und Blum, kurze Zeit später auch Ganvoula in die Partie. Es war der entscheidende Impuls von außen: Robert Zulj erzielte das 1:0, Silvere Ganvoula kurz danach das 2:0, sehenswert vorbereitet von Danny Blum.

Die Joker treffen sofort

Reis, der bei Ein- und Auswechslungen äußerst konservativ vorgeht und auch dieses Mal lange nur zugeschaut hat, war zufrieden: „Die drei Jungs sind reingekommen und waren direkt voll da. Wenn die Bereitschaft stimmt, haben sie eine hohe Qualität.“ Die Gäste waren schon seit der 28. Minute dezimiert. Aues Calogero Rizzuto trat in einer Szene gegen den halb am Boden liegenden Soma Novothny nach. Der Schiedsrichter zeigte völlig zu Recht die Rote Karte. Für den VfL war dies aber zunächst kein Vorteil. Das Team aus dem Erzgebirge konzentrierte sich ausschließlich auf die Defensivarbeit, die Hausherren fanden nur selten Lösungen.

Über dieses grundsätzliche Problem darf auch der Sieg nicht hinwegtäuschen: Gute Kombinationen oder gar Torchancen blieben nicht zum ersten Mal in dieser Saison Mangelware. Erneut fiel auf, dass der VfL vor allem in der Offensive deutlich zulegen muss. Zu oft fehlt es an Tempo, an der Präzision oder überhaupt an Ideen. Überraschungsmomente oder Eins-gegen-Eins-Duelle sind selten geworden. Das ist auch an der Tabelle abzulesen: Nach fünf Partien stehen erst sechs Tore auf der Haben-Seite. Dafür bildet die Defensive ein Bollwerk. Schon dreimal blieb der VfL ohne Gegentreffer. Auch gegen harmlose Gäste aus Aue stand die Null auf der richtigen Seite.

(Foto: Firo Sportphoto)

Wegen Corona-Lage

VfL Bochum will über Gehaltsverzicht sprechen

Erste Unruhe im Umfeld möchte der VfL Bochum im Keim ersticken. Das gelingt wohl nur mit einem Heimsieg am Sonntag gegen Erzgebirge Aue. Unabhängig vom Ausgang der Partie dürfte es im Bochumer Ruhrstadion allerdings ziemlich still bleiben. Wegen steigender Corona-Zahlen sind nur 300 Zuschauer zugelassen.

Chance für Novothny und Chibsah?

Trainer Thomas Reis fordert auch unter diesen Bedingungen eine Antwort auf den enttäuschenden Auftritt in der vergangenen Woche. „Ich erwarte, dass meine Spieler eine Reaktion zeigen. Sie müssen zeigen, dass die Leistung in Braunschweig ein Ausrutscher war. Das hat mir im Training noch gefehlt. Da musste ich auch mal laut werden“, sagte er in der Pressekonferenz vor der Partie.

Reis nahm dabei Bezug auf eine Übungseinheit am Mittwoch, die ihm überhaupt nicht gefiel, was er auch öffentlich kundgetan hat. „Wir haben das jetzt geklärt. Die Trainingseinheiten danach waren schon viel besser. Wichtig ist aber, dass wir am Sonntag gegen Aue voll da sind.“ Reis will den ersten Heimsieg der Saison wohl mit einer veränderten Startelf einfahren. Mit Gerrit Holtmann, Soma Novothny und Raman Chibsah drängen gleich drei Neuzugänge ins Team, die zuletzt noch wenig oder gar nicht gespielt haben.

Werden die Spieler auf Geld verzichten?

Nicht wegen ihrer Leistung, wohl aber wegen der wirtschaftlich angespannten Situation kommt auf die Profis in den nächsten Wochen noch ein ganz anderes Thema zu. Die Verantwortlichen wollen die Möglichkeiten eines Gehaltsverzichts ausloten, um die Corona-Krise besser zu bewältigen. Schon im Frühjahr hatten die Profis für drei Monate auf rund 10 Prozent ihrer Bezüge verzichtet.

Das würde dem Klub auch in dieser Saison helfen. Der Verein plant für das Geschäftsjahr 2020/21 einen Umsatzrückgang von 6,7 Millionen Euro bedingt durch die Pandemie. „Wir werden uns mit den Thema Gehaltsverzicht beschäftigen und den Dialog mit unseren Spielern suchen“, kündigte Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz nun an, will im Hinblick auf den Zeitraum und die Größenordnung aber noch nichts vorwegnehmen: „Wir müssen dann gucken, ob wir einen gemeinsamen Nenner finden.“

(Foto: Firo Sportphoto)

Mitgliederversammlung

10 Millionen Euro weniger: So managt der VfL die Krise

Die laufende Saison ist durchfinanziert. Das war eine der Kernbotschaften von Geschäftsführer Ilja Kaenzig bei der rund vierstündigen Mitgliederversammlung des VfL Bochum am Dienstagabend, die wegen der Corona-Pandemie nur in virtueller Form stattfand. Eine Einschränkung musste der 47-Jährige allerdings machen. „Entscheidend ist, dass wir spielen dürfen“, betonte Kaenzig. Nur dann fließen die überlebenswichtigen TV-Gelder. Doch von einer Einstellung des Spielbetriebs gehen die Verantwortlichen trotz steigender Corona-Zahlen nicht aus.

Nur Zuschauer dürfen wohl vorerst nicht mehr in die Stadien. Der VfL Bochum hat entsprechend konservativ bis zum kommenden Sommer geplant. „Wir rechnen bis dahin mit keinem Cent Ertrag aus dem Ticketing“, erklärte Kaenzig den rund 1.100 teilnehmenden Mitgliedern. Die pandemiebedingten Umsatzverluste in der vergangenen Saison beziffern sich auf rund 2,5 Millionen Euro. „Mehr als das Doppelte“, nämlich 6,7 Millionen Euro, werden es wohl in diesem Geschäftsjahr sein. Neben Zuschauereinnahmen fehlen vor allem Sponsorengelder.

Kaenzig bedankte sich deshalb ausdrücklich bei denen, die in der vergangenen Saison auf eine Rückerstattung ihrer teils nicht mehr nutzbaren Dauerkarte verzichtet haben. Nur 13 Prozent der Fans wollten ihr Geld wiederhaben. Wintertransfers und Steuernachzahlungen haben zu weiteren ungeplanten Belastungen geführt. Unterm Strich steht für das Geschäftsjahr 2019/20 ein Minus von 3,1 Millionen Euro. Für die laufende Saison plant der VfL mit Aufwendungen von fast 7,6 Millionen Euro, die nicht durch Erträge gedeckt sind. Das ergibt einen Fehlbetrag von 10,6 Millionen Euro.

Kredit zur Überbrückung

Trotz vieler roter Zahlen beruhigte Kaenzig die Mitglieder, dass die Existenz des Klubs nicht gefährdet sei. Dem VfL drohe keine Zahlungsunfähigkeit. Die Liquidität sei durch Fremdkapital vorerst gesichert. Die Hauptrolle spielt dabei ein KfW-Darlehen in Höhe von 6 Millionen Euro, der binnen sechs Jahren verbindlich zurückgezahlt werden muss, bis 2022 aber tilgungsfrei ist. De facto haftet dabei sogar der Staat, sollte der VfL dieser Verpflichtung nicht nachkommen können. Dazu soll es aber gar nicht erst kommen. Die Verantwortlichen sind trotz der unsicheren Lage optimistisch.

Bemerkenswert ist, dass sich die Einsparungen trotz der stark gesunkenen Einnahmen in Grenzen halten. Der Lizenzspieleretat wurde nur minimal gesenkt. Insgesamt setzt der Klub „auf eine kontrollierte Offensive.“ Kaenzig begründet dies damit, dass es kontraproduktiv sei, ausgerechnet im sportlichen Bereich die Ausgaben zu senken. Dieser sei vor allem im Erfolgsfall der Motor, der auch weitere Einnahmen generiere. Außerdem möchte der VfL organisatorisch wie personell bei einer Rückkehr in den Regelbetrieb wieder voll handlungsfähig sein.

Letzten Endes befinde sich der VfL ja auch in prominenter Gesellschaft. „Es gibt keinen Klub, der die Folgen der Pandemie nicht spürt“, sagte Kaenzig und lobte dabei vor allem die DFL und die Politik. „Der deutsche Fußball ist bislang am besten durch die Krise gekommen.“ Sebastian Schindzielorz ließ bei seiner Rede zuvor ebenfalls Zuversicht durchblicken. Im Hinblick auf die schwierige wirtschaftliche Lage sei es ein Vorteil, über Spieler zu verfügen, die dem VfL eines Tages größere Ablösesummen bescheren könnten. Voreilige Transfers unter Wert seien nicht geplant.

(Foto: VfL Bochum 1848)

Hygienekonzept wird ignoriert

Disziplinlos: VfL-Profis gefährden den Spielbetrieb

Hinweise aus der obersten Etage verhallen bei Teilen der Mannschaft offensichtlich wirkungslos. Erst am vergangenen Donnerstag hatte VfL-Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz noch einmal öffentlich auf das Hygienekonzept der DFL hingewiesen. Angesichts rasant steigender Corona–Zahlen sind auch die Profis zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen. In Bochum steigt die sogenannte Inzidenzzahl praktisch täglich. Aktuell sind deutlich mehr als 300 Menschen in der Stadt mit dem Virus infiziert.

An mehreren Zweitliga-Standorten gab es in jüngster Zeit auch in der Kabine wieder Corona-Fälle. Zwei Spiele mussten deshalb verlegt werden. Genau das will der VfL Bochum möglichst verhindern. Auf die Mithilfe seiner Fußballprofis können die Bosse aber nur bedingt zählen. Immer wieder stellen Spieler ihre Achtlosigkeit und Verstöße gegen das Hygienekonzept sogar öffentlich zur Schau. So postete Silvere Ganvoula zuletzt Fotos von einem Türkei-Trip, bei dem er ungeschützt mit Freunden unterwegs war. Danny Blum zeigte zu Wochenbeginn Aufnahmen aus einem Schönheitssalon – ebenfalls ohne Maske. Es waren nicht die einzigen Postings dieser Art.

Schindzielorz spricht von Vorbildfunktion

In der Führungsetage beim VfL sieht man das ganz und gar nicht gern. „Wir können das nicht gutheißen“, sagte Schindzielorz zuletzt. „Die Spieler haben eine Vorbildfunktion, der sie gerade jetzt gerecht werden müssen. Wenn wir das sehen, werden wir mit aller Schärfe darauf hinweisen.“ So sieht das DFL-Konzept vor, nicht notwendige Kontakte unbedingt zu vermeiden. Dass nicht jedes Detail zu jeder Zeit beachtet werden kann, mag nachvollziehbar sein. Auch sind Ansteckungen trotz maximaler Vorsicht nicht komplett ausschließen. Doch allzu großer Leichtsinn kann fatale Folgen für den ganzen Verein haben. Denn jeder Corona-Fall kann den Spielbetrieb vorübergehend gefährden, was sowohl sportlich als auch wirtschaftlich Konsequenzen hätte.

Gerade Blum sollte trotz seiner möglichen Immunität dazugelernt haben. In der Sommerpause war er der erste VfL-Profi, der sich mit dem Corona-Virus angesteckt hat. Zuvor hatte er mehrfach Fotos aus seinem Urlaub in Risikogebieten gepostet, ohne dabei auf Abstände zu Freunden zu achten. Ob Blum sich genau dabei infiziert hat, ist zwar nicht bekannt, doch er verpasste anschließend einen wichtigen Teil der Saisonvorbereitung. Im Laufe derer gab es beim VfL einen weiteren positiven Fall mit anschließender Quarantäne für mehrere Kontaktpersonen. Neben einem Testspiel musste sogar das Trainingslager abgesagt werden.

Klub handelt eigentlich vorbildlich

Bei aller Kritik an dem Verhalten einzelner Spieler verdient ein Großteil des Klubs aber auch ein Lob. Denn grundsätzlich können sich die Verantwortlichen in der Pandemie bislang keine Vorwürfe machen, denn sie handeln vorbildlich. Seit März werden die Vorgaben und Empfehlungen konsequent umgesetzt. Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle stecken viel Zeit in die Umsetzung von Hygienevorschriften. Teilweise gehen die Bochumer Regeln sogar über das hinaus, was die DFL, die Stadt oder das Land vorschreiben. Jetzt müssen nur noch alle Spieler mitziehen…

(Foto: Firo Sportphoto)

Fairplay-Wirrwarr in Braunschweig

Bochumer Bewerbung für den Friedensnobelpreis

Für Fairplay gibt es keine Punkte. Das muss die Mannschaft des VfL Bochum offensichtlich noch lernen. Mit einer ehrenwerten, aber nicht zwingend notwendigen Aktion hat sich die Mannschaft am Samstag bei der 1:2-Niederlage in Braunschweig selbst geschadet. Nach einem Platzverweis gegen den Ex-Bochumer Felix Dornebusch, der den Ball als Torwart außerhalb seines Strafraums mit dem Arm berührte, verzichtete der VfL auf den fälligen Freistoß. 80 Sekunden später fiel nach einer Braunschweiger Ecke das 1:2. Und die gab es nur, weil Torhüter Manuel Riemann in der Szene zuvor völlig falsch postiert war. Angreifer Simon Zoller erklärte später, warum seine Kollegen den Freistoß nach der Roten Karten nicht richtig ausgeführt haben.

„Wir wollten den Ball nach einer anderen Fairplay-Aktion zurückgeben. Ich mache also den Einwurf, sie spielen den Ball vom Verteidiger zurück zum Torwart, aber Silvere Ganvoula attackiert direkt. Das wollten wir nicht und haben deshalb versucht, dass der Schiedsrichter die Karte zurücknimmt, aber das ging nicht. Das war maximal unglücklich“, sagte Zoller. Allerdings kann Ganvoulas Aktion unterschiedlich bewertet werden. Denn der Ball ging nach dem Einwurf bereits zum Gegner, der dann ungestört einen verunglückten Rückpass spielte und seinen Torwart in Gefahr brachte. Ganvoula sah darin eine neue Spielsituation. Sein Einsatz war grenzwertig, aber nicht komplett unfair. Es folgte eine längere Rudelbildung, bei der es dem schlichtenden Dornebusch und Robert Zulj zu verdanken war, dass nicht auch noch ein Bochumer vom Platz flog.

Zu passiv und ohne Elan

Diese wilden fünf Minuten inklusive Bewerbung für den Friedensnobelpreis waren allerdings nicht der einzige Grund für die erste Bochumer Saisonniederlage. Spielbestimmend war das Team von Trainer Thomas Reis lediglich in der ersten Viertelstunde, als Simon Zoller nach einem feinen Zuspiel von Robert Zulj das 1:0 erzielte. Als sich die Hausherren davon erholt hatten, waren sie deutlich engagierter. Dem VfL dagegen fehlte völlig der Elan. Von mehr Torgefahr, die Reis zuletzt gefordert hatte, war wenig zu sehen; auch nicht von Danny Blum, der neu ins Team gekommen war. Die Bochumer Passivität führte schon in der ersten Halbzeit zum Ausgleich. Ein ausgeprägter Siegeswille war irgendwie nicht erkennbar. So ist der VfL noch weit von der guten Form des Frühlings entfernt.

Die von den Verantwortlichen oft erwähnte personelle Kontinuität scheint jedenfalls kein Vorteil in dieser frühen Saisonphase zu sein. Beim VfL stand kein einziger Neuzugang in der Startelf. Automatismen und Aktionen, die auf Eingespieltheit hindeuten, waren nicht zu erkennen. Dass Trainer Reis trotz der schwachen Vorstellung erneut sehr spät wechselte, kann zwei Gründe haben: Entweder, dass der Fußballlehrer damit überfordert ist, während einer Partie die richtigen Impulse zu setzen. Oder aber, dass die sechs Sommerneuzugänge offensichtlich noch keine große Hilfe sind. Einzig Soma Novothny und Gerrit Holtmann kamen am Ende noch in die Partie. Doch trotz der Überzahl wurde der VfL nur noch selten gefährlich.

Vier Spiele, fünf Punkte

War Thomas Reis zuletzt noch einigermaßen zufrieden mit dem Saisonstart, muss er nach vier Spieltagen konstatieren, dass fünf Punkte und nur vier eigene Treffer eindeutig zu wenig sind. Zumal der VfL Bochum zum Auftakt absolut schlagbare Gegner erwischt hat, die nicht deshalb gepunktet haben, weil sie so gut waren, sondern weil der VfL zu harmlos blieb oder Geschenke verteilt hat. Das war nicht nur in Braunschweig so. Gegen St. Pauli gaben die Bochumer leichtfertig eine Zwei-Tore-Führung her, gegen Osnabrück hatten Trainer und Spieler keinen Mut, konsequent auf Sieg zu spielen. In dieser Verfassung hat der VfL nur im Fairplay-Ranking Chancen auf einen Spitzenplatz, nicht aber in der Zweitligatabelle.

(Foto: Firo Sportphoto)