Neuer Trainer

Hardliner mit Herz: Röslers Ideen für den VfL

Namensschilder wie in der Schule kann Uwe Rösler auf dem Trainingsplatz nicht aufstellen. Stattdessen kam der neue Coach des VfL Bochum am Montagnachmittag mit einem Zettel zur ersten gemeinsamen Übungseinheit. Darauf waren die Namen und Gesichter der Spieler abgebildet, die der 56-Jährige noch nicht so gut kannte, zum Beispiel einige Talente. Rösler hat zwar den Vorteil, dass das nächste Pflichtspiel erst in gut zwei Wochen stattfindet, muss bis dahin aber auf sechs Nationalspieler verzichten, darunter fast alle Leistungsträger der vergangenen Wochen. Viele von ihnen gab es vor der Verpflichtung von Rösler ja nicht. Das soll sich in den kommenden Wochen ändern. Es muss sich sogar ändern, anderenfalls könnte der Doppel-Abstieg von der Bundesliga in die Drittklassigkeit zur Realität werden. „Die Angst ist da, das spürt man“, stellte der bereits dritte Trainer in dieser noch jungen Saison bei seiner Vorstellung fest. Doch ans Scheitern denkt der Globetrotter dieser Tage nicht. Trotz der prekären Tabellensituation und trotz vieler Probleme auf und neben dem Rasen nimmt er die komplizierte Herausforderung an.

Röslers elfte Trainerstation

„Ich weiß um meine Verantwortung“, betonte Rösler bei seiner Vorstellung, als er allen Beteiligten prompt das „Du“ angeboten hat. Das sei in England und Skandinavien so üblich. Für den früheren DDR-Nationalspieler ist der VfL bereits die elfte Trainerstation. Zumeist hat Rösler im Ausland gearbeitet: Viele Jahre in England, dann in Norwegen, zwischendurch in Schweden und zuletzt drei Spielzeiten in Dänemark. Sein kurzer Abstecher nach Deutschland zu Fortuna Düsseldorf endete nach nur anderthalb Jahren. Doch für Rösler war schon kurz danach klar: Er möchte es noch einmal in seiner Heimat versuchen. Nun also in Bochum beim krisengeschüttelten VfL. Abgeschreckt haben ihn die fast jährlichen Trainerwechsel und der seit Jahren anhaltende Abwärtstrend nicht. „Ich habe in der Vergangenheit bereits unter ähnlichen Bedingungen gearbeitet“, berichtete Rösler. „Deshalb vertraue ich meiner Erfahrung und meinem Bauchgefühl.“ Das habe ihm schon vor seiner Unterschrift unter einen Zweijahresvertrag gesagt, dass es möglich sei, „mit dieser Mannschaft Uwe-Rösler-Fußball zu spielen, also: aggressiv, dynamisch und vorwärts denkend.“

Der „Spirit“ sei da, „in gewissen Situationen hat aber die Qualität gefehlt“, erzählte der Fußballlehrer, als er nach seinem Eindruck der zurückliegenden Spiele gefragt wurde. Spannend: Die Verantwortlichen um Geschäftsführer Ilja Kaenzig und Vorstandschef Andreas Luthe haben im Vorfeld unter anderem Daten ausgewertet, die zeigen sollten, wie viele Punkte potenzielle Trainerkandidaten zu Beginn einer Station gesammelt haben. „Uwe Rösler bringt die perfekte Mischung mit. Die Fähigkeiten eines Feuerwehrmanns, aber auch eine Perspektive“, erklärte Luthe in einer gemeinsamen Pressekonferenz. Rösler habe die Klubführung mit „Expertise und Autorität“ überzeugt, ergänzte Kaenzig. Der Auserwählte gilt als Hardliner mit Herz: mal laut, mal leise, aber stets kommunikativ, fordernd und voller Leidenschaft für den Fußball. Die hat sich sogar auf einen Sohn übertragen, der als Innenverteidiger für Malmö FF in der Europa League spielt. Der größte Unterschied: Vater Rösler war früher Stürmer, wurde zur Vereinslegende bei Manchester City, als der neureiche Klub noch ein Arbeiterverein war. Wegen einer Krebserkrankung, die Rösler besiegte, endete seine Profilaufbahn früher als geplant.

Mehr Tore, weniger Gegentore

Doch zurück zur Gegenwart beim VfL, die kaum Abschweifungen duldet. „Jeder erwartet Lösungen von mir, vor allem die Spieler“, weiß Rösler, der deshalb viele Gespräche führen möchte. „Ich möchte herausfinden, was jeder einzelne Spieler braucht.“ Die Defizite, die zu sieben Niederlagen nach acht Spieltagen geführt haben, sind ihm bereits bekannt – und er benannte sie an seinem ersten Arbeitstag in einer ruhrgebietstypischen Klarheit. Zunächst: „Fast zwei Gegentore pro Spiel – das müssen wir abstellen. Die Abwehr ist das Fundament.“ Später erklärte Rösler dann: „Nur acht Tore in acht Partien – das müssen wir erhöhen. Wir müssen die Flügel und die Box besetzen, müssen unsere Stürmer füttern.“ Rösler deutete an, auf eine „große Neun“, also auf Philipp Hofmann oder auf Ibrahim Sissoko setzen zu wollen. Allerdings: In Stein gemeißelt ist das nicht. „Ich bin ein flexibler Trainer, ohne jede Woche alles zu ändern. Es gibt einen Plan und einen Ausweichplan. Alles andere würde die Spieler überfordern.“ Rösler gab bei seiner Vorstellung vieles preis, nur die in Bochum allgegenwärtige Systemfrage wollte er noch nicht beantworten.

In Dänemark hat er zuletzt vorzugsweise auf die in Bochum verschmähte Dreier-Abwehrkette gesetzt. „Da hatte ich aber auch die Spieler dafür“, erklärte Rösler. Und in Bochum? Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Kader für keine Spielweise und keine Grundordnung optimal zusammengestellt ist. Insbesondere schnelle Innenverteidiger und offensive Flügelspieler sind Mangelware. Rösler ist deshalb als Pragmatiker gefragt: „Ich möchte möglichst viele gute Spieler auf den Platz bekommen. Leistung diktiert, wer am Wochenende spielt.“ Auch arrivierte Kräfte wie Maximilian Wittek oder Hofmann, die sich seit Wochen im Formtief befinden, müssen demnach um ihren Stammplatz bangen. Perspektivisch sieht Rösler vor allem das zentrale Mittelfeld als „Herzstück der Mannschaft“. Namentlich nannte er Cajetan Lenz und Ibrahima Sissoko, die bei seinem Einstand gegen Hertha BSC allerdings nicht zur Verfügung stehen werden. Lenz ist gelbgesperrt, Sissoko noch verletzt und allersfrühestens im November wieder einsatzbereit. Rösler muss für sie Alternativen suchen. Gewiss: Die Namen standen beim Trainingsstart bereits auf seinem Zettel.


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Niederlage in Kaiserslautern

Im Westen nichts Neues: VfL verdrängt die Realität

Im Sinne einer effizienten Arbeitsweise wäre es vermutlich sinnvoll gewesen, diesen Text einfach von einer KI schreiben zu lassen – basierend auf dem, was zuletzt schon Thema war. „Am besten nehmt ihr die Worte aus der vergangenen oder vorletzten Woche, drückt auf kopieren und einfügen“, riet Maximilian Wittek den Journalisten nach der 2:3-Niederlage beim 1. FC Kaiserslautern. Seine Ideen auf dem Spielfeld mögen nicht immer die besten sein, neben dem Platz ist das anders. Denn wirklich Neues gibt es nicht zu berichten. In der Pfalz kassierte der VfL Bochum die sechste Niederlage in Folge, bleibt damit auf einem Abstiegsplatz und muss aufpassen, dass der Abstand aufs rettende Ufer nicht noch größer wird. Alarmierend, dass beim VfL fast niemand offen vom Abstiegskampf spricht.

Stattdessen klammern sich Spieler und Verantwortliche an Kleinigkeiten und reden paradoxerweise immer wieder von „guten“ Leistungen. Nur zur Erinnerung: So war es auch in der vergangenen Saison – das Ergebnis ist bekannt. Nach dem Spiel auf dem Betzenberg war es beispielsweise die Offensivleistung, die lobend Erwähnung fand, ebenso wie die erste Halbzeit. „Es wurde immer von uns gefordert, dass wir Tore schießen. Jetzt haben wir es geschafft, und es hat trotzdem nicht gereicht“, sagte Interimstrainer David Siebers nach seinem dritten und zugleich letzten Spiel als Linienchef. Positiv hob er hervor, dass sein Team zu keinem Zeitpunkt auseinandergebrochen ist. Immerhin. Aber das überhaupt zu erwähnen, zeigt einmal mehr, wie tief die Ansprüche des VfL Bochum bereits gesunken sind.

Auch wenn Siebers‘ Analyse natürlich nicht falsch war: „Es fehlt nicht viel, wir haben nur mit einem Tor Unterschied verloren.“ Das war bei allen sechs Niederlagen in Serie der Fall. Verdient waren sie – mit Ausnahme gegen Düsseldorf – allerdings immer. Dass Siebers die Mannschaft nun ohne weiteren Punktgewinn an Nachfolger Uwe Rösler übergibt, kann somit zweierlei bedeuten: Entweder war Siebers ebenso wie Dieter Hecking nicht in der Lage, das Bestmögliche aus diesem Kader herauszuholen. Oder der VfL verfügt einfach nicht über mehr Qualität, was das Unterfangen für den dritten Übungsleiter nicht leichter macht und die Frage aufwirft, was Rösler eigentlich bewirken soll. Für beide Thesen gibt es Argumente. Klar ist nur: Die Namen der Leistungsträger lassen sich an einer Hand abzählen.

Gerrit Holtmann gehörte auf dem Betzenberg abermals zu den wenigen Lichtblicken im VfL-Trikot, nicht nur wegen seines Treffers zum 1:1. Auch Leandro Morgalla, Cajetan Lenz, Kacper Koscierski sowie Timo Horn sind momentan unumstrittene Stammspieler. Der Schlussmann, dem der Verein nach Spielende ein Interview untersagte, obwohl die Aufnahmegeräte schon liefen, verhinderte mit seinen Paraden eine noch höhere Niederlage. Was gleichzeitig viel über die VfL-Defensive aussagt. Die musste ohne den viel gescholtenen Abwehrchef Kevin Vogt auskommen, wurde dadurch aber eher schlechter als besser. Denn weder Noah Loosli noch Erhan Masovic gaben ein Bewerbungsschreiben für eine weitere Startelfelfnominierung ab. Das gilt ebenso für Führungsspieler wie Wittek oder Philipp Hofmann.

Allerdings waren die Möglichkeiten für Siebers erneut begrenzt. Alternativen, die nachweislich besser sind, fehlten vor allem im Angriff und in der Abwehr. Einzig im Mittelfeld hätte der Kader theoretisch weitere Optionen hergegeben, die der Trainer aber nicht so recht nutzen wollte. Vor allem Francis Onyeka fand unter Siebers generell kaum Beachtung, während Mathis Clairicia zum wiederholten Mal zeigen durfte, dass seine Fähigkeiten äußerst limitiert sind. Auch die Einwechslungen verpufften abermals. Auf dem Betzenberg nahm Siebers ausgerechnet die besten Spieler vom Feld und verpasste taktische Korrekturen, um die Konter der Gastgeber zu unterbinden. Siebers ließ seine Mannschaft ins offene Messer rennen; für eine derart offensive Ausrichtung sind vor allem die Innenverteidiger viel zu langsam.

Kein Wunder also, dass der VfL nach acht Spielen bereits bei 36 Verwarnungen steht. Lenz wird das Spiel gegen Hertha BSC nach der nun anstehenden Länderspielpause sogar gelbgesperrt verpassen. Der Ligahöchstwert bei den Karten unterstreicht die Tempodefizite und die Mängel beim Zweikampfverhalten einmal mehr, ebenso wie beim Stellungs- und Passspiel. Bleibt die Liste an Defiziten so lang und ändert sich beim VfL nichts Entscheidendes, dann spricht vieles dafür, dass sich der freie Fall der Bochumer ungebremst fortsetzt und im kommenden Jahr mit einem Abstieg in die Drittklassigkeit endet. Übrigens: Die KI hat – basierend auf den Werten der vergangenen 25 Jahren – eine Abstiegswahrscheinlichkeit von fast 95 Prozent errechnet. Als Info für alle, die die Realität noch verdrängen.


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Debatte

VfL-Kolumne: Rösler wird nicht zaubern können

Die VfL-Kolumne ist ein Format auf Tief im Westen – Das VfL-Magazin. Zweimal im Monat gibt es einen kurzen Kommentar zu einem ausgewählten Thema – zum sportlichen Geschehen an der Castroper Straße oder zum Drumherum. Die Regel: Maximal 1.848 Buchstaben. Das Ziel: Diskussionen anzustoßen. Das Thema heute: Der neue Trainer.

Bei unserer Podcast-Aufnahme am Dienstagvormittag (Link siehe unten) hatten wir offensichtlich ein gutes Gespür. Als Claudio und ich über verschiedene Trainernamen diskutierten, waren wir uns einig, dass Uwe Rösler ein interessanter Kandidat wäre. Keine 24 Stunden folgten die ersten Meldungen, dass der 56-Jährige tatsächlich die Wunschlösung der Verantwortlichen ist. Am frühen Donnerstagabend vermeldete der VfL schließlich die Einigung. Rösler wird die Mannschaft nach dem Auswärtsspiel in Kaiserslautern übernehmen.

Mit dem international erfahrenen Fußballlehrer ist der Führungsriege eine nachvollziehbare, in Anbetracht der Möglichkeiten vielleicht sogar die bestmögliche Entscheidung gelungen. Dennoch: Zaubern kann auch Rösler nicht. Das korrigierte Saisonziel muss nun lauten, halbwegs souverän den Klassenerhalt zu schaffen. Denn die Fehler bei der Kaderplanung in diesem Sommer sowie in den beiden Jahren waren gravierend. Allen, im Verein wie im Umfeld, muss klar sein, dass der VfL nicht plötzlich Sieg um Sieg einfährt.

Rösler kann allerdings wichtige Impulse setzen. Er setzt auf eine von Intensität und Leidenschaft geprägte Spielweise, ist taktisch flexibel und schreckt nicht vor harten Entscheidungen zurück. Jeder Spieler hat unter seiner Leitung eine neue Chance verdient. Wer dann aber immer noch keine Leistung abliefert, dem fehlt schlicht die Qualität. Rösler darf auf Namen oder persönliche Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen.

Klar ist auch: Der 56-Jährige schließt nur eine von mehrere Baustellen an der Castroper Straße. Eine zweite wegweisende Postenbesetzung steht noch bevor. Wer wird Nachfolger von Ex-Sportchef Dirk Dufner? Die von der Klubführung präferierte Teamlösung ist per se kein schlechter Gedanke, wenn erstens die Zuständigkeiten eindeutig geregelt sind und zweitens trotzdem alle Positionen streng nach dem Qualitätsprinzip vergeben werden. Die Besetzung der Sportlichen Leitung ist perspektivisch die allesentscheidende. Wenn die Kaderplanung weiterhin so katastrophal verläuft wie zuletzt, kann auch der beste Trainer nichts mehr ausrichten.


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Podcast

Podcast: Welcher Trainer rettet den VfL?

Auf vielfachen Wunsch gab es vor zwei Wochen die Premiere: Den neuen gemeinsamen Podcast von Tief im Westen – Das VfL-Magazin & dem Bochumer Fanblog Einsachtvieracht. Zweimal im Monat wollen wir ab sofort über ein aktuelles VfL-Thema diskutieren.

In unserer zweiten Folge sprechen wir über die Arbeit von Interimstrainer David Siebers, die laufende Trainersuche und Veränderungen im Management. Ihr findet die Aufnahme auf YouTube (mit Video) oder Spotify (reines Audio). Viel Spaß dabei!

(Hinweis: Entschuldigt bitte die gelegentlichen Tonaussetzer. Wir arbeiten an einer Lösung!)


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Trainer und Sportchef

Siebers, Anfang, Zoller: Klare Tendenzen beim VfL

David Siebers kann seinen neuen Arbeitsplatz bald endlich einrichten. Als er vor gut zwei Wochen als Interimstrainer des VfL Bochum vorgestellt wurde, berichtete der 38-Jährige, dass er eigentlich sein neues Büro an der Karl-Lange-Straße beziehen wollte, bevor ihn ein Anruf der Klubführung erreichte. Siebers, eigentlich U19-Trainer des VfL Bochum, sollte die Profis übernehmen. Zunächst übergangsweise, aber mit der Perspektive einer längerfristigen Beförderung. Daraus wird nach zwei knappen Niederlagen allerdings nichts. Der Fußballlehrer, der bereits seit mehr als elf Jahren für den VfL arbeitet, wird die Zweitliga-Mannschaft spätestens nach dem Auswärtsspiel beim 1. FC Kaiserslautern an einen Nachfolger übergeben. Siebers wird wieder die U19 trainieren, und sein neues Büro unweit des Bochumer Ruhrstadion beziehen. Weil das Stadioncenter zu klein und die Belegschaft zu groß geworden ist, hat der VfL Räumlichkeiten unweit des Klubgeländes angemietet, die nun von den allermeisten Abteilungen abseits der Mannschaft genutzt werden.

Der neue Cheftrainer wird sein Büro also nach wie vor in den Katakomben des Ruhrstadions finden. Die Suche nach einem neuen Übungsleiter läuft auf Hochtouren und liegt in den Händen von Geschäftsführer Ilja Kaenzig sowie dem Präsidium um den Vorsitzenden Andreas Luthe. Gemeinsam ist die Überzeugung gereift, Siebers in der schwierigen Gemengelage nicht verheizen zu wollen. Auch wenn der Fußballlehrer die Trendwende noch nicht einleiten konnte, war gegen Düsseldorf eine klare Spielidee und eine moderate Leistungssteigerung zu erkennen. Daran soll der neue Trainer anknüpfen und die anstehende Länderspielpause nutzen, um seine Vorstellungen zu vermitteln. Viel Zeit bleibt nicht, das ist klar. Als Tabellenvorletzter mit drei Punkten nach sieben Spielen benötigt der VfL dringend Erfolgserlebnisse, damit der am Boden liegende Klub wieder neue Hoffnung schöpft. Im Grunde ist die Situation vergleichbar mit der Vorsaison, als mit Dieter Hecking ein erfahrener Fußballkenner verpflichtet wurde, nur eine Liga höher.

Trainersuche: Weder Klauß noch Anfang

In diese Richtung wird es in diesem Jahr wohl eher nicht gehen, wenngleich der neue Mann kein Newcomer sein soll. Die Auswahl ist während einer laufenden Saison bekanntlich begrenzt. Für den VfL kommen ohnehin nur vereinslose Trainer infrage, die gleichzeitig keine Unsummen kosten, weshalb zum Beispiel Urs Fischer – unter dem Luthe einst bei Union Berlin trainiert hat – sicher kein Thema sein dürfte. Aus vereinspolitischen Gründen scheidet wohl auch Andre Breitenreiter aus, den der langjährige Vorsitzende Hans-Peter Villis gern im Sommer 2024 verpflichtet hätte, als sich der VfL schlussendlich für Peter Zeidler entschieden hat. Breitenreiter würde zwar ins Anforderungsprofil passen, vor allem weil er die 2. Liga bestens kennt, ihm würde aber von Beginn an der Makel anhaften, die seit geraumer Zeit präferierte Lösung von Villis zu sein. Auch Robert Klauß, zuletzt für Rapid Wien und den 1. FC Nürnberg, ist derzeit kein Kandidat, auch wenn ihn einige Medien am Sonntagnachmittag schon voreilig ins Traineramt gehoben haben.

Doch wer bleibt dann noch übrig? Markus Anfang zum Beispiel, mit dem sich die Verantwortlichen zwar beschäftigt haben, der aber nicht (mehr) die A-Lösung ist. Anfang hat zuletzt den 1. FC Kaiserslautern trainiert. Nach anfänglichen Erfolgen mit einer mutigen Spielweise ist er aber bei keiner seiner sechs Profistationen länger als zwei Jahre geblieben. Zudem: Anfang wurde vom DFB Anfang 2022 für ein Jahr als Trainer gesperrt, weil er während der Corona-Pandemie seinen Impfpass gefälscht hatte. Ob er damit zum VfL passen würde? Eher nicht. Diskutiert wurde intern auch über Dimitrios Grammozis. Der Deutsch-Grieche war bereits zwischen 2012 und 2019 als Jugendtrainer für den Klub tätig, bevor er seinen ersten von drei Jobs als Profitrainer antrat. Grammozis wartet bereits seit Anfang 2024 auf ein neues Engagement und wäre bereit, den VfL zu übernehmen. Die zurückliegenden Trainerentscheidungen beim VfL haben allerdings gezeigt, dass eine Überraschung wahrscheinlicher ist als eine offensichtliche Lösung.

Sportliche Leitung: Teamlösung mit Zoller

Die wiederum wird es sehr wahrscheinlich bei der Besetzung der Sportlichen Leitung geben. Was Tief im Westen – Das VfL-Magazin vergangene Woche erstmals skizziert hatte, konkretisiert sich allmählich. Angedacht ist, dass Ilja Kaenzig wieder alleiniger Geschäftsführer wird und unter seiner Direktive ein Team für den Sport-Bereich zuständig ist. In diesem soll unter anderem Ex-Profi Simon Zoller eine wichtige Rolle einnehmen. Der Bochumer Aufstiegsheld von 2021 ist in diesem Sommer nach seinem Karriereende an die Castroper Straße zurückgekehrt. Eigentlich sollte Zoller direkt eine Aufgabe im direkten Umfeld der Mannschaft übernehmen. Das war aber nicht von allen gewünscht, unter anderem von Ex-Trainer Hecking. Deshalb absolvierte Zoller ein Trainee-Programm in unterschiedlichen Abteilungen abseits des Sports. Nun soll er stärker eingebunden werden, was bereits unmittelbar nach der Trennung von Sportchef Dirk Dufner geschehen ist. Zoller ist seither ein enger Begleiter und Ansprechpartner der Mannschaft.

Was dem früheren Bundesliga-Stürmer natürlich fehlt, ist die Management-Erfahrung. Zoller ist ein Neueinsteiger, noch mehr als Sebastian Schindzielorz und Patrick Fabian, die einst jahrelang an der Seite ihres Vorgängers gearbeitet haben. Immerhin: Zoller gilt als äußerst wissbegierig und fleißig und würde aus unterschiedlichen Fachbereichen Unterstützung erhalten. Angedacht ist unter anderem, einen Kaderplaner mit einer besonderen Expertise im Bereich (Daten-)Scouting zu verpflichten. Angelehnt sein soll das Bochumer Modell an den FC Augsburg, der aktuell ähnlich strukturiert ist: mit einem mächtigen Geschäftsführer, einem Sportchef und einem Kaderplaner. Die Nachwuchsarbeit würde weiterhin und verstärkt in den Händen von Pablo Thiam liegen, die Entwicklung der Frauenabteilung bei Annike Krahn. Eine wichtige Rolle soll auch Jonas Schlevogt einnehmen, der als Klubjurist für alle Vertragsangelegenheiten zuständig wäre. Dufners enger Vertrauter, Kadermanager Johannes Waigand, spielt in den Überlegungen indes keine zentrale Rolle mehr.


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(Foto: Marc Niemeyer)

Niederlage gegen Düsseldorf

Bochumer Existenzkampf: Die ersten Lichter gehen aus

Das Heimspiel des VfL Bochum gegen Fortuna Düsseldorf lief erst 18 Minuten, da gingen an der Castroper Straße bereits die ersten Lichter aus. Der Flutlichtmast zwischen der West- und der Südtribüne stellte vorübergehend seinen Betrieb ein. Passend dazu lag der VfL zu diesem Zeitpunkt bereits mit 0:1 in Rückstand. Die Fortuna nutzte den Kollektivschlaf der Bochumer Abwehr bei einem Freistoß zur frühen Führung. Völlig freistehend erzielte Tim Oberdorf bereits in der vierten Spielminute das einzige Tor des Tages. Die Köpfe der Bochumer gingen abermals nach unten. Hoffnung auf Besserung? Weiterhin nicht in Sicht, auch wenn die anschließende Leistung weniger schlecht war als zuletzt. Doch auf das Wichtigste verzichtete der VfL erneut: auf Tore.

Viel Ballbesitz, kaum Chancen

Abwechselnd haben die Beteiligten in den zurückliegenden Wochen fehlendes Glück, Verletzungssorgen oder eine mentale Blockade für den Abwärtstrend verantwortlich gemacht. Doch VfL-Urgestein Hermann Gerland, der die Niederlage gegen Düsseldorf live im Ruhrstadion miterlebte, sagte schon vor vielen Jahren: „Immer Pech ist Unvermögen.“ Die Qualitätsmängel in der Offensive, die schon in der Saisonvorbereitung zu erkennen waren, aber von den Verantwortlichen teils mit Überheblichkeit weggelächelt wurden, sind frappierend. Selbst mit einem Ballbesitzanteil von über 60 Prozent wusste der Revierklub gegen biedere und eigentlich ungefährliche Düsseldorfer nur wenig anzufangen. Das Alarmierende: Es lag nicht am fehlenden Engagement.

Die Bochumer Mannschaft versuchte alles, doch es reichte einfach nicht. Eher unpassend waren deshalb auch die verzweifelten Zwischenrufe einiger Fans, die forderten: „Wir wollen euch kämpfen sehen.“ Treffender wäre es gewesen, wenn sie gesungen hätten: „Wir wollen euch spielen (oder schießen) sehen.“ Interimstrainer David Siebers ist es zwar gelungen, das Flügelspiel zu verbessern und durch intensives Pressing hohe Ballgewinne zu provozieren, doch gefährliche Strafraumaktionen kreierte der VfL damit kaum. In vielen Situation mangelte es an Tempo, Genauigkeit und an der richtigen Positionierung – Themen, die den Bundesliga-Absteiger bereits seit geraumer Zeit begleiten und nicht besser werden, völlig egal, wer gerade auf dem Platz steht.

Kein Offensivspieler überzeugt

Im Angriff durften sich zu Spielbeginn diesmal Philipp Hofmann, Gerrit Holtmann und Kjell Wätjen versuchen; allenfalls Holtmann ließ sein Können zwischendurch aufblitzen, während Hofmann und Wätjen fast gar nichts gelang. Im Spielverlauf setzte Siebers deshalb auf Francis Onyeka, Mathis Clairicia und Farid Alfa-Ruprecht. Drei junge Erwachsene also, die vor dieser Saison zusammen eine Handvoll Profispiele absolviert haben, sollten den VfL aus dem Schlamassel ziehen; fast schon logisch, dass dies nicht gelang, auch wenn Onyeka und Alfa-Ruprecht zweifelsfrei kicken können. Dass Ibrahim Sissoko fast bis zum Ende auf der Bank schmorrte, während Last-Minute-Leihe Michael Obafemi gar nicht zum Kader gehörte, verdeutlicht die Defizite bei der Kaderplanung.

Kurzum: Es ist fast niemand da, der in der Lage wäre, halbwegs zuverlässig das Tor zu treffen. Siebers‘ eher defensive Aufstellung mit nur zwei gelernten Offensivspielern trug vermutlich sein Übriges zur Chancenarmut bei, ebenso wie seine fast ausschließlich positionsgetreuen Wechsel trotz des Rückstandes. Dem 38-Jährigen ist es bislang nicht gelungen, die Trendwende einzuleiten, auch wenn gegen Düsseldorf Ansätze seiner Spielidee und somit kleinere Fortschritte zu erkennen waren. Offen ist ohnehin, ob Siebers überhaupt weitermachen darf und zugleich auch möchte. Klar ist nur: Dass der Ex-Nürnberger Robert Klauß das Traineramt übernimmt, wie es Sky am Sonntag erstaunlich offensiv berichtet hat, ist nach jetzigem Stand äußerst unwahrscheinlich.

Sieben Spiele, sechs Niederlagen

In den kommenden Tagen soll zunächst die Frage geklärt werden, ob die Vereinsführung Siebers kurzfristig messbare Fortschritte und auf Strecke den Klassenerhalt zutraut. Um nichts anderes, das ist unstrittig, geht es in dieser Saison, in die der VfL eigentlich als Aufstiegsaspirant gestartet war. „Das ist Abstiegskampf, nur eine Etage tiefer als in den letzten vier Jahren“, sagte Holtmann nach der sechsten Niederlage im siebten Saisonspiel ohne Umschweife und betonte: „Der Unterschied ist, dass wir jetzt noch mehr zu verlieren haben.“ Der Abstiegskampf ist zugleich ein Existenzkampf. Auf einen ungebremsten Absturz in die Drittklassigkeit ist der Klub nicht vorbereitet. In diesem Fall drohen die Lichter in Bochum deutlich länger auszugehen als am Samstagabend.


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(Foto: Imago / RHR-Foto)

Personalsuche

Neuer Trainer und Sportchef: VfL diskutiert viele Varianten

Die Situation ist nicht neu. Schon im Herbst des vergangenen Jahres hat der VfL Bochum einen neuen Trainer und einen neuen Manager gesucht. Während der Trainerstuhl mit Dieter Hecking zügig neu besetzt wurde, trat der neue Sportchef erst rund fünf Monate später seinen Dienst an. Die kurze Amtszeit von Dirk Dufner dauerte in etwa so lang wie die Suche. Für Andreas Luthe, den neuen Vorstandsvorsitzenden des VfL Bochum seit Juni, ist klar: „Wir wollen in diesem Bereich kein langes Vakuum haben, so wie es in der Vergangenheit bereits der Fall war.“ Die Suche nach einem neuen Trainer und einem neuen Manager laufe „simultan“ und soll baldmöglichst abgeschlossen sein. Logisch wäre es, zunächst den Sportchef zu präsentieren, damit dieser an der Trainerwahl beteiligt ist. Garantiert ist das aber nicht, zumal die Möglichkeit besteht, dass gar kein neuer Trainer installiert werden soll. Denn Interimstrainer David Siebers hat trotz der 1:2-Niederlage in Nürnberg nach wie vor gute Chancen, das Amt längerfristig zu bekleiden.

Luthe hält große Stücke auf den jungen Fußballlehrer, der seit 2014 für verschiedene Nachwuchsmannschaften des VfL verantwortlich war. „David Siebers kommt aus der Region, er kennt den Klub. Wir sind davon überzeugt, dass er der Mannschaft ein Gesicht geben kann“, sagte Luthe vor dem Zweitliga-Debüt des 38-Jährigen. Die Meinung des ehemaligen Bundesliga-Torwarts hat sich trotz der enttäuschenden Darbietung in Nürnberg nicht grundlegend geändert. Siebers soll in jedem Fall die Verantwortung für das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf tragen, wahrscheinlich auch noch gegen den 1. FC Kaiserslautern. In der dann anstehenden Spielpause soll eine endgültige Entscheidung darüber fallen, mit wem der VfL als Trainer weitermacht. Für Siebers spricht, dass er den eigenen Nachwuchs bestens kennt und eine vergleichsweise preiswerte Lösung wäre. Von den Kosten will das Präsidium die Trainerfrage aber nicht maßgeblich abhängig machen – auch weil das Gremium weiß, dass es eine Entscheidung mit großer Tragweite ist.

Mögliche Kandidaten

Laut Organigramm ist das Präsidium allerdings gar nicht in erster Instanz für die Trainerwahl zuständig, sondern die Geschäftsführung, die nur noch aus Ilja Kaenzig besteht, sowie die Sportliche Leitung, die nach der Trennung von Dufner aktuell nicht wirklich existent ist. Also wird das Präsidium, das ohnehin umtriebiger ist als das im Juni abgewählte Team um Vorgänger Uwe Tigges, mindestens ein gewichtiges Wort mitreden bei der Trainerwahl. Gleiches gilt, und das zweifellos die satzugsgemäße Aufgabe des Präsidiums, für die Dufner-Nachfolge. Wobei noch nicht klar ist, ob überhaupt ein zweiter Geschäftsführer eingestellt werden soll. „Es sind mehrere Wege möglich. Es ist auch durchaus denkbar, dass ein Sportdirektor kommt, der mit Ilja Kaenzig als Geschäftsführer zusammenarbeitet“, skizziert Luthe die Überlegungen. Dies ist auch abhängig davon, wen der VfL für ein Engagement begeistern kann. Einige Fans träumen von Kandidaten wie Nils-Ole Book, der die SV Elversberg seit Jahren immer wieder in die Erfolgsspur führt.

Nur: Ihn oder einen vergleichbaren Manager zu bekommen, ist illusorisch. Book hätte im Falle eines Wechselwunschs ganz andere, bessere Optionen. Auch Thomas Hengen vom 1. FC Kaiserslautern, den die SportBild an diesem Mittwoch ins Gespräch gebracht hat, wird nur schwer loszueisen sein. In den Fokus dürften deshalb andere Kandidaten rücken: Zum Beispiel ambitionierte Sportdirektoren aus der 3. Liga wie Christian Flüthmann von Rot-Weiss Essen oder engagierte Kaderplaner aus der zweiten Reihe wie die Ex-Bochumer Claus Costa vom Hamburger SV und Carsten Rothenbach vom FC St. Pauli, mit denen Luthe einst selbst zusammengespielt hat. Eine vergleichsweise große Lösung wäre Oliver Ruhnert, der ehemalige Manager von Union Berlin. Ruhnert wohnt in Iserlohn, war viele Jahre Leiter der erfolgreichen Schalker Nachwuchsleitung und hat Luthe einst an die Alte Försterei gelotst. Nach seiner gescheiterten Kandidatur für das BSW bei der Bundestagswahl im Februar arbeitet Ruhnert aktuell als Chefscout für Union Berlin.

Teamlösung denkbar

Der Beschluss des Präsidiums kann allerdings auch ganz anders aussehen. Das Kontrollgremium denkt derzeit in alle Richtungen und auch darüber nach, gar keinen neuen Sportchef zu verpflichten, sondern eine interne Teamlösung zu finden. Diese könnte dann aus bereits vorhandenen Mitarbeitern mit Kaenzig an der Spitze bestehen. Hierfür kommen unter anderem Johannes Waigand (Direktor Kadermanagement), Babacar Wane (Chefscout), Pablo Thiam (Direktor Talentwerk) und Ex-Profi Simon Zoller infrage, der seit diesem Sommer ein internes Trainee-Programm durchläuft. Aus diesen Mitarbeitern könnte ein Team mit unterschiedlichen Zuständigkeiten gebildet werden, das aber gemeinsam entscheiden soll. Das hätte den Vorteil, dass keine zusätzlichen Personalkosten entstünden, keine Alleingänge möglich wären und ein Abgang einer einzelnen Person in Zukunft keine große Lücke reißen würde. Das Problem: Zwei der Genannten waren schon maßgeblich an der vermaledeiten Zusammenstellung des jetzigen Kaders beteiligt.


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